Wenn die Nacht brennt (eBook)
310 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-5088-5 (ISBN)
Beste Unterhaltung mit Tiefgang: Ilona Einwohlt wollte eigentlich Ernährungswissenschaftlerin werden, hat sich dann aber nach der Lektüre von Simone de Beauvoir doch lieber für ein Literaturstudium entschieden. Längst ist sie erfolgreiche Autorin zahlreicher (Kinder-und Jugend)-Bücher. Sie interessiert sich für Themen mitten aus dem Leben, insbesondere dem von Mädchen und Frauen, und findet es immer wieder spannend, wie historische Ereignisse mit dem Schicksal von heute verknüpft sind. Mit Mein Pickel und ich hat sie einen Pubertätsratgeber geschaffen, der in keinem Bücherregal fehlen sollte. Wild und Wunderbar erzählt so lustig wie gefühlvoll von einer besonderen Freundinnen-Freundschaft. Ein Thema, das sie mit Herzblut und Liebe auch in ihre Romane für Erwachsene trägt. Wenn die Nacht brennt ist ihr erster Roman im Selfpublishing (zuerst erschienen unter dem Titel Mohnschwestern bei Harper Collins 2020). www.ilonaeinwohlt.de
11. SEPTEMBER 1944
Später konnte sie nicht sagen, warum sie an diesem Tag die festen Stiefel angezogen hatte, die ihr das Leben retten sollten. Es war ein sonniger Herbsttag, die Luft schmeckte noch ein bisschen wie im Sommer, und auch wenn es in den letzten Monaten beinahe täglich Fliegeralarm gegeben hatte, versuchte sich Lotte keine Sorgen zu machen. Die Engländer würden die Stadt wegen ihrer groß-herzoglichen Verwandtschaft bestimmt verschonen. Hätten sie ihre Stadt auslöschen wollen, sie hätten es längst getan, sagte man. So hatte es nur einige schwere Luftangriffe gegeben, und zum Glück waren sie zu Hause im Deppertweg immer mit dem Schrecken davongekommen, wenn ein paar Kilometer weiter Luftminen und Brandbomben auf die Stadt gefallen waren. Lotte hatte sich daran gewöhnt, neben dem gepackten Koffer zu schlafen, stets bereit für die Flucht in den Luftschutzkeller. Oft genug blieb sie inzwischen einfach liegen – wenn sie nicht sowieso schon unten war.
Bei diesem Gedanken musste Lotte lächeln. Wenn die Nachbarn wüssten, wie gerne sie sich in den Räumen unter den Häusern in ihrer Straße aufhielt! Und das lag beileibe nicht an dem weiß getünchten Keller, den sich bei Fliegeralarm fünf Familien und mehr teilen mussten. Sondern an dem heimlichen Liebesnest, das sie sich gemeinsam mit Wilhelm dort unten eingerichtet hatte und in dem sie sich trafen, so oft sie konnten. Die Keller der Häuser waren durch ein ausgeklügeltes System an Türen und Gängen miteinander verbunden, wie in einem Labyrinth. Es gab dort hinter einer unscheinbaren Tür einen kleinen Raum, den nur sie beide kannten, und man musste aufpassen, nicht gesehen zu werden. Aber um Wilhelm zu treffen, tat Lotte alles. Und vor allem tat sie es heimlich. Sein Doppelspiel durfte nicht auffliegen, niemand durfte wissen, dass sie sich trafen, dass sie seine Geliebte war. Ihr war es egal, was die anderen von ihr dachten. Wenn sie sich wieder einmal davonschlich und ihre Mutter ihr einen dieser Blicke schenkte, kümmerte sie das nicht.
Auch für heute waren sie noch verabredet, später am Abend, und Lotte zählte die Minuten, nicht die Stunden. Wilhelm wollte eine neue Swing-Platte mitbringen, sie würden gemeinsam tanzen und dann … Bei dem Gedanken an die Berührungen seiner Hände wurde Lotte rot. Erst neulich hatte sie bei Oltkes im Laden ein Gespräch zwischen zwei Frauen belauscht, die sich über die „leichten Mädchen“ ausgelassen hatten. „Ein anständiges deutsches Mädel tut das nicht“, hatten sie gesagt. Wenn die wüssten, wie viel Spaß „das“ machte, dachte Lotte und wurde noch röter. Nie im Leben hätte sie erwartet, dass sie mal „so eine“ werden würde, aber Wilhelm machte mit ihr Dinge, die sie sich nie hätte erträumen können. Sie lebte für diese Momente mit ihm, ertrug die trostlosen Tage des Krieges, der für Deutschland längst verloren schien, auch wenn sie in der Wochenschau das Gegenteil behaupteten und immer noch etliche am Gerede vom baldigen Sieg der Deutschen festhielten. Noch kämpften sie an den Fronten, in Frankreich, in Russland, stellten selbst Frauen und Kinder an die Flaks. Aber auch wenn man es bloß nicht laut sagen durfte, musste mittlerweile wohl jeder einsehen, dass es längst vorbei war, dass die Alliierten nur noch auf die bedingungslose Kapitulation des Führers warteten. Es bestand Aussicht auf Frieden, und Lotte versuchte, fest daran zu glauben. Wilhelm küsste ihre Tränen weg, wenn sie dann doch weinen musste, weil ihr alles so aussichtslos, so traurig vorkam. Weil Vati fort war und ihre besten Freundinnen auch verloren schienen. Weil die Mutter angesichts der vielen Todesnachrichten nur noch verzweifelt vor sich hinstarrte, die Bibel in der Hand, Jesus ist Sieger. Ein Schatten ihrer selbst, kaum noch da, kurz vorm Verschwinden. Lotte wusste, dass der Else sie beschützte und es ihrer Familie nur deshalb so gut ging, weil ihre Mutter die Dinge mit dem Blockwart machte, die sie mit Wilhelm tat und die ihr so viel Vergnügen bereiteten. Mit dem Unterschied, dass ihre Mutter dabei nicht glücklich war, sie hatte ihre Tränen gesehen. Lotte atmete tief durch, es würde schon alles gut gehen, hatte Wilhelm ihr das nicht versprochen? Wenn der Krieg vorbei war, das Regime endgültig am Ende, würde ihrer Liebe nichts mehr im Wege stehen. Dann würden sie beide in Amerika ein ganz neues Leben beginnen, bei Wilhelms Bruder in San Francisco. Sie bräuchten nur eine Schiffspassage. Wilhelm hatte die nötigen Unterlagen bereits zusammen, gut versteckt im Mauerwerk lagen in einer Geldkassette etliche Scheine, zusammengespart im Laufe der letzten Monate. All diese Dinge gingen ihr jetzt durch den Kopf, während sie mit den Lebensmittelmarken anstand, die ihr die Mutter gegeben hatte. Heute sollte es Kartoffeln geben, die aus dem Garten reichten schon lange nicht mehr. Doch es wurde gemunkelt, dass die Rationen bald abermals gekürzt werden sollten. Noch weniger Brot! Noch weniger Fleisch! Bei dem Gedanken rumorte unwillkürlich Lottes Magen, mit einem Mal fühlte sie sich schwach. Dabei war es nicht nur der permanente Hunger, der ihr zu schaffen machte. Der Krieg mit all seinen Schrecken nagte an ihr, ständig war Fliegeralarm, immer wieder gab es Angriffe und Todesopfer, zerstörte Häuser, Obdachlose und Verletzte, Schutt und Asche überall. Trotzdem hielt Lotte das Alltagsleben aufrecht, spielte weiterhin mit dem jüngeren Bruder und nähte wie die anderen Frauen Mullbinden für die Lazarette. Lotte glaubte an den Frieden, und dennoch hatte sich die Angst wie ein Schatten auf ihre Seele gelegt. Wilhelm vermochte sie nicht wegzuküssen, so zärtlich er auch war.
Bei dem Gedanken an ihren Geliebten straffte Lotte die Schultern. Ihm zuliebe würde sie durchhalten, das hatte sie ihm versprechen müssen. Ein versonnenes Lächeln legte sich um ihren Mund, sie duldete es sogar, dass sich jemand an ihr vorbeidrängelte. Mit Wilhelm würde alles gut werden, das spürte sie. Und es beruhigte sie, dass es trotz des großen Andrangs vor dem Verpflegungslager am Hauptbahnhof heute anscheinend wirklich Kartoffeln für alle gab. War es nicht ein gutes Zeichen, dass die Menschen in ihrer Stadt trotz des Krieges immer noch so gut versorgt waren? Ganz bestimmt hatten sie alle nichts mehr zu befürchten, die meisten hatten wie sie über den Sommer genügend Gemüsekonserven eingelagert, und vor dem Winter würde garantiert das Kriegsende verkündet, davon war Wilhelm felsenfest überzeugt, und Lotte glaubte ihm.
Rasch drückte sie dem Händler die Marke in die Hand und nahm ihre Tüte mit den Kartoffeln entgegen. Nachdem sie auch noch ein kleines Säckchen Zucker erstanden hatte, war sich Lotte sicher: Heute war ihr Glückstag! Nur der Munitionszug hinten auf dem Abstellgleis wirkte bedrohlich. Die Waggons reihten sich wie dunkle Ungeheuer aneinander, schwarze Höllenperlen, in denen eine zerstörerische Kraft wohnte, an die sie lieber gar nicht denken mochte.
Lotte wandte den Blick ab und dachte wieder an Wilhelm, an das einzige Mal, als sie sonntags zusammen ins Grüne geradelt waren, ein Festtag, weil sie sich sonst ja nur im dunklen Schutz des Kellers treffen konnten. Auf Umwegen waren sie an den See gefahren, unendlich weit, und das bei gleißendem Sonnenschein und glühender Hitze. Stundenlang waren sie im Wasser gewesen, hatten ausgelassen herumgetobt, um zum Schluss auf der Picknickdecke dicht aneinander geschmiegt in den Himmel zu träumen, da war es bald Zeit, den Heimweg anzutreten. An diesem Tag hatte er ihr seine Liebe gestanden und noch so viel mehr. Dinge, die sie verwirrten und doch für immer mit ihm verbanden. Seither wusste Lotte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, so froh war sie, in seiner Nähe zu sein. Sie meinte, ihr Herz würde überquellen vor so viel Glück, nicht auszuhalten.
In der Wohnung roch es nach Kohlsuppe, aber niemand begrüßte sie, als sie mit ihren Schätzen die Küche betrat. Das war ungewöhnlich, denn es war schon spät. Bald würde die Dunkelheit einsetzen und sich niemand mehr gerne draußen auf den Straßen aufhalten. Es herrschte Verdunklungsgebot, jeder hatte Angst vor dem nächtlichen Fliegeralarm, und die wenigen ruhigen Stunden am Abend waren kostbar. Mit der Mutter und Otto saß sie dann zusammen, nähte, schwatzte oder hörte Radio.
Seit Lotte Wilhelm kannte, hörte sie heimlich BBC und manchmal auch die Swing-Platten von Fritz, auch wenn es verboten war. Längst hatte sie aufgehört, schicke Röcke zu tragen und sich zu schminken. Nicht weil sie Sorge hatte, mit ihrem Aufzug die Nazis zu provozieren und im Jugendgefangenenlager zu landen. Nein, es schien ihr einfach nicht mehr angemessen, Lippenstift aufzutragen, wo überall um sie herum Menschen hungerten und nur noch das Nötigste am Leib trugen. Die Menschen waren kriegsmüde, erschöpft und abgemagert, jeder sehnte sich nach Frieden. Deswegen hatte Lotte ihre Kleider in einer Schachtel im Schrank versteckt. Wenn der Krieg erst vorbei war, würde sie sich hübsch machen, zum Sonntagsspaziergang mit Wilhelm. Und tanzen, tanzen, tanzen und danach …
Wilhelm hatte sie fest an sich gedrückt, als sie ihm von ihren Gedanken erzählt...
| Erscheint lt. Verlag | 13.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | 2.Weltkrieg • Feminismus • Historischer Roman • Judenverfolgung • Nationalsozialismus |
| ISBN-10 | 3-6951-5088-2 / 3695150882 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-5088-5 / 9783695150885 |
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