In himmlischer Begleitung (eBook)
148 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-6273-4 (ISBN)
Raimund Eich lebt im Saarland. Neben Büchern über seine Heimatstadt Neunkirchen, Tatsachenromanen, heiteren und besinnlichen Gedichten und Geschichten hat er einige Werke mit gesellschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Themen veröffentlicht. Gerne lässt er auch naturwissenschaftliche und technische Aspekte in sehr anschaulicher Form mit einfließen. Daraus resultieren einzigartige Bücher, spannend, dramatisch, informativ und unterhaltsam zugleich.
Wie alles begann
Eigentlich hätte es mein letztes Gespräch mit ihm werden sollen, doch es kam anders. Völlig anders sogar. Na ja, ein Gespräch ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn es war eigentlich immer nur ein Monolog meinerseits und ein stummes Zuhören seinerseits. Bisher jedenfalls. Doch dann geschah plötzlich etwas völlig Unerwartetes. Doch der Reihe nach, sonst können Sie diese unglaubliche Geschichte wohl kaum verstehen.
Mein Name ist Stein, Roland Stein, um genau zu sein. Ich bin Ende Dreißig und von Beruf Priester. Als Kaplan war ich bisher in einer kleinen Kirchengemeinde ein paar Kilometer nordwestlich von Koblenz tätig, deren Namen in dieser Geschichte keine Rolle spielt. Dabei hatte ich ursprünglich Elektrotechnik studiert und es tatsächlich sogar bis zum Bachelor geschafft. Danach wollte ich eigentlich noch ein paar Semester für den Master dranhängen. Selbst eine Promotion hatte ich nicht ausgeschlossen, doch je näher ich dem Berufsleben kam, umso mehr kamen Zweifel in mir auf, ob der Ingenieurberuf tatsächlich das Richtige für mich wäre. Zudem plagten mich Ängste, den beruflichen Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Schuld daran ist ein mangelndes Selbstbewusstsein, bei weitem nicht nur in beruflicher Hinsicht, das mir von Kind an das Leben leider viel zu schwer macht. Daher suchte ich nach einer mir weniger beängstigend erscheinenden beruflichen Alternative, zumal mich Karrieregedanken ohnehin nicht quälten. Die Elektrotechnik ließ sich zudem auch nicht mit meinem ausgeprägten Hang zu spirituellen Themen in Einklang bringen, jedenfalls nicht in Gesprächen mit Studienkollegen oder Dozenten, die mich deshalb oft mitleidig belächelten.
Eine Wende in meinem Leben brachte die Begegnung mit einem ehemaligen Mitschüler, der mir bei der Besichtigung des Trierer Doms zufällig über den Weg lief. Florian war mir aus der Zeit auf dem Gymnasium noch als Luftikus in Erinnerung, der jede Gelegenheit nutzte, die Schule zu schwänzen, sich mit dem weiblichen Geschlecht zu amüsieren oder mit Freunden auf Kneipentour zu gehen. Er war alles andere als ein guter Schüler und hatte eigentlich nur vorzeigbare Noten in Sport und Religion.
„Und was machst du so, Florian?“, hatte ich ihn gefragt. Seine Antwort hatte mich fast umgehauen.
„Ich studiere hier in Trier Theologie und besuche das Priesterseminar.“
„Du und Priester? Ausgerechnet du? Ich fasse es nicht. Wer hat dich denn zu Moral und Glauben bekehrt?“
Ein schelmisches Grinsen seinerseits. „Da staunst du wohl?“, erwiderte er.
„In der Tat, Florian. Als katholischer Theologe solltest du in Bezug auf Sitte und Moral eigentlich ein leuchtendes Vorbild sein. Und wenn ich an das Zölibat und damit an eine lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit denke, dann kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ausgerechnet du …“
Ein unterdrücktes Lachen war seine Reaktion darauf. „Mach dir mal diesbezüglich keine Sorgen um mich, Roland. Auch hinter mancher Kloster- und Kirchenmauer finden Wein, Weib und Gesang einen Platz“, erwiderte er augenzwinkernd.
„Oha, was willst du denn damit sagen?“
„Versteh mich bitte nicht falsch damit. Nur so viel, dass man auch als Geistlicher heutzutage längst nicht mehr wie in früheren Zeiten nur in Sack und Asche gehen muss. Natürlich muss man sich klerikal und würdevoll verhalten und geistreiche Reden schwingen können. Aber so etwas ist ja auch kein großes Problem, für mich jedenfalls nicht. Verrate mir lieber mal, was du eigentlich so treibst, Roland?“ Für mein ingenieurwissenschaftliches Studium handelte ich mir nur unverständliches Kopfschütteln von ihm ein. „Warum quälst du dich bloß mit einer derart komplexen Thematik herum, um später für viel Stress und Verantwortung ein Gehalt zu bekommen, das du auch viel leichter verdienen könntest? Dabei wärst du, so wie ich, im Schoße der Kirche beispielsweise wesentlich besser aufgehoben.“ Er gab mir noch seine Handynummer. „Für den Fall, dass du Fragen hast. So, ich muss aber jetzt wieder ins Seminar zurück. Mach´s gut, altes Haus“, verabschiedete er sich von mir und war gleich darauf in der Menge auf dem Domplatz verschwunden.
Es brauchte zwar noch ein paar Monate bei mir, bis ich mich dazu durchringen konnte, tatsächlich auf ein Theologiestudium umzusteigen. Nach dem parallel dazu verlaufenden Priesterseminar sowie einer zusätzlichen Ausbildung in einer Kirchengemeinde wurde ich ein paar Jahre später zum Priester geweiht. Meine erste Stelle als Kaplan hatte mich in die Nähe von Koblenz geführt. Der Gemeindepfarrer widmete sich in besonderem Maße der Kinder und Jugendbetreuung. So unterrichtete er nicht nur Religion an den Schulen, sondern kümmerte sich auch um die Messdienerausbildung. Besondere Festgottesdienste an Ostern, Pfingsten und Weihnachten sowie Hochzeiten und Taufen fielen ebenfalls in seinen Aufgabenbereich. Während er sich sozusagen als Oberhaupt der Kirchengemeinde eher die Rosinen herauspickte, überließ er mir liebend gerne alle routinemäßigen und eintönigen Aktivitäten. So durfte ich mich um die komplette Verwaltung kümmern, Andachten und Beichten abhalten, Krankenbesuche absolvieren und war für Beerdigungen zuständig. Mir blieb nichts anders übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Du hast es dir schließlich selbst zuzuschreiben und musst jetzt halt auch mit den Konsequenzen leben, versuchte ich mich selbst zu disziplinieren. Doch die monotonen beruflichen Anforderungen füllten mich jeden Tag weniger aus. Während die älteren Gemeindemitglieder auf starren und zum Teil überholten Ritualen bei Gottesdiensten und Andachten beharrten, verloren die Jüngeren zunehmend jedes Interesse an derart verkrusteten Strukturen und wandten sich mehr und mehr von Religion, Kirche und Glauben ab. Meine Arbeit als Priester bot insofern kaum noch ein Erfolgserlebnis und deprimierte mich jeden Tag mehr. Selbst die Aussicht, in den nächsten Jahren eine eigene Pfarrei leiten zu dürfen, änderte daran nicht das Geringste. So wollte und konnte ich jedenfalls nicht den Rest meines noch so langen Berufslebens verbringen. Die Gedanken, beruflich erneut die Flinte ins Korn zu werfen, ergriffen jeden Tag mehr von mir Besitz, bis ich es eines Tages nicht länger aushielt und den Gemeindepfarrer darüber informierte. Er war völlig perplex und versicherte mir, dass er mit meiner Arbeit sehr zufrieden sei und daher ein Ausscheiden meinerseits aus dem Kirchendienst sehr bedauern würde.
„Sie sind noch relativ jung und haben sich vielleicht auch falsche Illusionen über den Beruf des Priesters gemacht“, erwiderte er. „Das geht vielen jungen Menschen so, keineswegs nur in unserem Beruf. Bei mir war das früher ähnlich, doch glauben Sie mir, irgendwann wird fast jeder Beruf mehr und mehr zur Routine. Daran gewöhnt man sich aber im Laufe der Zeit.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich mache es ja schon ein paar Jahre und es ist eigentlich jeden Tag schlimmer für mich geworden. Einfach so weiterzumachen hat jedenfalls keinen Sinn mehr. Allein der Gedanke daran erscheint mir unerträglich, und gerade weil ich noch relativ jung bin, möchte ich die Soutane am liebsten für immer an den Nagel hängen und mich beruflich noch einmal umorientieren.“
„Und was wollen Sie stattdessen machen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich offen gestanden selbst noch nicht, ich weiß nur, dass ich etwas ändern muss.“
„Das klingt aber nicht gerade sehr wohlüberlegt, um ehrlich zu sein, doch ich respektiere natürlich Ihre Entscheidung. Ich möchte Sie allerdings bitten, wenigstens noch ein paar Tage zu warten, bevor Sie selbst in diese Richtung aktiv werden. Ich möchte mich nämlich mit dem Bistum in Verbindung setzen, damit man dort vielleicht eine andere Alternative für Sie findet. Sie wissen selbst, dass die Kirche unter einem Priestermangel leidet und daher jeder Mann eigentlich unentbehrlich ist. Tun Sie mir also bitte den Gefallen und gedulden Sie sich noch ein paar Tage, denn ich schätze Sie wirklich sehr. Ich werde gleich im Anschluss im Bistum anrufen und Ihnen sofort eine Rückmeldung dazu geben.“
„Also gut, aber an meinen grundsätzlichen Problemen würde auch eine Versetzung in eine andere Kirchengemeinde kaum etwas ändern“, erwiderte ich.
„Ich verstehe und werde das auch so weitergeben. Sind Sie gegen Abend in Ihrer Wohnung? Dann kann ich Ihnen vielleicht schon etwas mehr dazu sagen.“
Ich nickte wortlos und entschuldigte mich bei ihm mit einem Blick auf die Uhr. „Oh je, höchste Zeit für die Abendandacht. Ich muss leider gleich in die Kirche. Wir sehen uns dann später.“ Nur mühsam gelang es mir, mich auf die Andacht zu konzentrieren, da mich massive Ängste und Sorgen um meine weitere Zukunft plagten. Gleich nach der Andacht zog es mich in meine kleine Wohnung im Pfarrhaus zurück. Ruhelos wanderte ich im Zimmer auf und ab und machte mir heftige Vorwürfe, den Pfarrer...
| Erscheint lt. Verlag | 2.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | bunte Illustationen • Informationen zum Pilgerweg und Sehenswürdigkeiten • Pilgern auf dem Mosel-Camino • Sinn des Lebens • spannende Geschichte mit spirituellem Hintergrund |
| ISBN-10 | 3-6951-6273-2 / 3695162732 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-6273-4 / 9783695162734 |
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