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The Lodge | Ein fesselnder Psychothriller mit Suchtpotenzial (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025
383 Seiten
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH (Verlag)
978-3-69090-337-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

The Lodge | Ein fesselnder Psychothriller mit Suchtpotenzial - Sonya Bateman
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Ich wäre fast nicht zu unserem fünfzehnjährigen Klassentreffen gekommen. Aber jetzt bin ich hier. Und eine Person ist bereits tot.

Es hätte ein besonderes Wiedersehen werden sollen. Kostenloser Champagner. Ein Fünf-Sterne-Resort. Erinnerungen. Die Aussicht, endlich abzuschließen. Alte Freunde – auch wenn sie mich eigentlich nie wirklich kannten.

Wir waren zu acht.

Aber eine ist nach dem Abschlussball verschwunden. Und einer hat sich umgebracht.

Es muss jemand geben, der weiß, was in der Nacht vor 15 Jahren wirklich passiert ist. Wir wurden aus einem bestimmten Grund hierher eingeladen.

Und sie werden uns nicht wieder gehen lassen.

Erste Leser:innenstimmen
„Die Dynamik zwischen den Figuren, die düsteren Geheimnisse der Vergangenheit, das Setting im eingeschneiten Luxusresort – das war wie Gossip Girl trifft Dexter.“
„Ich konnte den Thriller nicht aus der Hand legen: Die Handlung war voll von Twists, sodass man schließlich niemandem mehr glauben kann.“
„Im Plot dieses Psychothrillers jagt eine Wendung die nächste und lässt mich als Leserin atemlos zurück.“
„Ich habe bisher jeden Spannungsroman von Sonya Bateman gelesen und das hier ist ganz klar ihr packendstes und schockierendstes Buch.“



<p>Sonya Bateman ist eine preisgekr&ouml;nte Werbetexterin und Romanautorin, eine Liebhaberin von Fantasy-Filmen aus der Zeit zwischen Mitte der Achtziger und Ende der Neunziger, eine Kaffeehasserin und Sammlerin von coolen Steinen, die einen nicht unerheblichen Teil ihrer Kindheit damit verbracht hat, auf B&auml;ume zu klettern, um in Ruhe B&uuml;cher lesen zu k&ouml;nnen. Sie wuchs in Central New York auf, wo es die Jahreszeiten &bdquo;Winter&ldquo; und &bdquo;Stra&szlig;enbau&ldquo; gibt und &bdquo;nicht die Stadt&ldquo; offiziell Teil ihrer Adresse ist.</p> <p>Sonya schreibt seit mehr als 15 Jahren professionell. Derzeit lebt sie in einem gro&szlig;en Haus in einer kleinen Stadt, immer noch in Central New York (nicht in der Stadt), mit ihrem Mann, ihrem Sohn und ihren Katzen. Sie schreibt rasante urbane Fantasy und verworrene, schockierende psychologische Romane, die einen misstrauisch gegen&uuml;ber Freunden und Nachbarn werden lassen &ndash; und die einen nur mit eingeschaltetem Licht schlafen lassen.</p>

<h2>Kapitel 1</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Desiree Rogers</p> </div> <p>Einen Moment lang denke ich daran zu springen, w&auml;hrend ich am Rande der Klippe stehe, hoch &uuml;ber der zerkl&uuml;fteten Landschaft.</p> <p>Wie lange w&uuml;rde ich fallen? Zehn Sekunden? Zwanzig? W&uuml;rde ich sterben, bevor ich aufschlage? Bevor die zerkl&uuml;fteten Felsen unten am Seeufer meinen K&ouml;rper zerrei&szlig;en, als w&auml;re er aus Seidenpapier statt aus Fleisch und Knochen?</p> <p>W&uuml;rde mich jemand vermissen?</p> <p>Ich kann mich dem Gedanken nicht erwehren, dass es einfacher w&auml;re zu sterben, als mich umzudrehen und dem zu stellen, was mich in dem superluxuri&ouml;sen Resort hinter mir erwartet. Oder meinem Schicksal entgegenzutreten, wenn ich ins echte Leben zur&uuml;ckkehre. In beiden F&auml;llen habe ich Angst. Eigentlich habe ich schon seit ich mich erinnern kann Angst vor der einen oder anderen bevorstehenden Katastrophe.</p> <p>Ich bin es so leid.</p> <p>Also mache ich einen weiteren kleinen Schritt auf den Abgrund zu. Eisiger Wind umweht mich, ich zittere und ziehe meinen Kaschmirmantel enger um mich. Der Oktober ist wie immer k&uuml;hl im Bundesstaat Washington, aber hier oben in den Bergen ist es eisig. Viel k&auml;lter, als ich erwartet hatte. Obwohl ich seit Beginn meiner Highschool-Zeit in Washington lebe, war ich noch nie in den North Cascades.</p> <p>Ich muss zugeben, dass es noch atemberaubender ist, als man mir gesagt hat.</p> <p>Die Fotos von Diablo Lake sind unglaublich, doch sie werden der Realit&auml;t einfach nicht gerecht. Das helle Blaugr&uuml;n der Wasseroberfl&auml;che am Fu&szlig;e der Felsen wirkt surreal. Es ist, als h&auml;tte es jemand mit <i>Photoshop</i> bearbeitet und einen Filter aus einem Reisekatalog dar&uuml;bergelegt. Die zerkl&uuml;fteten Berge, die sich hinter dem See erheben, sind tannenbewachsen und von aufgeplusterten, wei&szlig;en Wolken umh&uuml;llt, die wie Watteb&auml;usche aussehen.</p> <p>Ich habe das Resort, das fast so sch&ouml;n ist wie dessen Umgebung, kaum eines zweiten Blickes gew&uuml;rdigt, obwohl der zentrale Turm samt der Glasfronten und die zwei langen Seitenfl&uuml;gel viel Eindruck schinden. Die Zimmer der G&auml;ste liegen im Turm und alle anderen Annehmlichkeiten befinden sich in den Fl&uuml;geln. Vor meiner Ankunft habe ich mich &uuml;ber alles informiert, was es &uuml;ber diese Anlage zu wissen gibt, was verschiedene Gr&uuml;nde hat. Dennoch bringe ich es noch nicht &uuml;ber mich, hineinzugehen.</p> <p>Also ziehe ich den zerknitterten Umschlag aus einer Manteltasche, nehme die Einladungskarte heraus und lese sie erneut.</p> <p>&nbsp;</p> <div class="style_letters"> <p><i><b>Einladung zum Westgate-Eight-Wiedersehen</b></i></p> <p>An: Ms. Desiree Rogers</p> <p><i>Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu k&ouml;nnen, dass das Crystal Mesa Resort unter neuer Leitung steht und einen neuen Eigent&uuml;mer hat!</i></p> <p><i>Als besonderes Dankesch&ouml;n an die Westgate Eight m&ouml;chten wir Ihnen einen einw&ouml;chigen, rundum verg&uuml;teten, entspannten Aufenthalt in unserem j&uuml;ngst renovierten Luxusresort in der wundersch&ouml;nen North Cascades-Region anbieten. Wir feiern das zehnj&auml;hrige Jubil&auml;um des W8-Retreats sowie das f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Jubil&auml;um Ihres Highschool-Abschlusses.</i></p> <p><i>Bitte beachten Sie, dass diese Einladung personengebunden ist und keine Begleitpersonen zul&auml;sst.</i></p> <p><i>Verbringen Sie eine Woche voller Entspannung, Feierlichkeiten und Erinnerungen mit uns und genie&szlig;en Sie die zahlreichen Annehmlichkeiten unseres neuen und verbesserten Resorts. Enthalten sind drei Mahlzeiten pro Tag sowie der unbegrenzte Zugang zu unserer Bar.</i></p> <p><i>Dies wird ein einmaliges Ereignis, das Sie nie vergessen werden.</i></p> <p><i>Wir hoffen, Sie bald bei uns willkommen hei&szlig;en zu d&uuml;rfen!</i></p> </div> <p>&nbsp;</p> <p>Ich w&auml;re fast nicht gekommen, trotz der Zusicherung, dass alle Kosten &uuml;bernommen werden und die G&auml;ste unbegrenzten Zugang zur Bar haben. Aber angesichts meiner aktuellen famili&auml;ren Situation musste ich mir eingestehen, dass ich eine Auszeit gebrauchen k&ouml;nnte. Ganz zu schweigen davon, dass ich hier hoffentlich sicherer bin.</p> <p>Immerhin ist es ein exklusives Resort weitab der Zivilisation, und niemand ohne eine Reservierung oder Einladung kann einfach so hineinspazieren und mich umbringen.</p> <p>Genau genommen kann man das Resortgel&auml;nde &uuml;berhaupt nicht selbstst&auml;ndig betreten. Er ist wirklich die Definition von <i>&sbquo;abgelegen&lsquo;.</i></p> <p>Soweit das Auge reicht, sieht man Natur, ohne ein Anzeichen von Menschenleben. Keine St&auml;dte, keine Str&auml;nde, keine Boote oder Ferienh&auml;user. Keine Wolkenkratzer oder gelegentlich vorbeifahrende Autos. Das Geb&auml;ude hinter mir ist der einzige Zugangspunkt zur Zivilisation weit und breit.</p> <p>Ich habe nicht einmal Zugriff auf mein Auto. Der Parkplatz des Crystal Mesa Resorts befindet sich am Fu&szlig;e des Berges, am Ende einer acht Kilometer langen Zufahrtsstra&szlig;e. Ich wurde samt meinem Gep&auml;ck in einem gro&szlig;en gr&uuml;nen, gepanzerten Fahrzeug mit dem Logo des Resorts auf der Seite hierher &sbquo;gefahren&lsquo;, das laut dem Fahrer ein Sno-Cat war. Obwohl hier oben derzeit kaum Schnee liegt.</p> <p>Der Shuttle-Fahrer &ndash; ein Mann in meinem Alter, der mir bekannt vorkam, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass ich jemanden kenne, der hier oben arbeitet &ndash;, schien &uuml;berrascht, als ich ihm sagte, dass ich nicht direkt ins Hotel gehen wolle. Aber er lie&szlig; mich gehen und versprach, dass mein Gep&auml;ck in meinem Zimmer auf mich warten w&uuml;rde.</p> <p>Ich kann die Hotels, in denen ich in meinem Leben &uuml;bernachtet habe, an einer Hand abz&auml;hlen. Nicht ein einziges Mal hat ein Mitarbeiter mein Gep&auml;ck auf mein Zimmer getragen.</p> <p>Vielleicht kann ich wenigstens den Service genie&szlig;en, wenn schon nicht die Gesellschaft.</p> <p>Annalise Daugherty, die die Mini-Klassentreffen organisiert, l&auml;dt mich jedes Jahr ohne Unterlass ein. Ich bin nirgendwo auf den sozialen Medien vertreten und habe keine Ahnung, wie sie meine Adresse gefunden hat oder warum sie mich &uuml;berhaupt hier haben will. Warum sollte das irgendjemand aus meinem alten Leben wollen?</p> <p>Ja, ich war eine der Westgate Eight, aber ich war das arme M&auml;dchen, das alle bemitleideten. Diejenige, die den reichen Kids in ihrer Schule erlaubte zu behaupten, sie seien keine Snobs, denn schaut mal, Desiree tr&auml;gt Secondhand-Kleidung und bringt sich ihr Lunchpaket von zu Hause mit, und wir h&auml;ngen <i>trotzdem</i> mit ihr ab<i>.</i> Die einzige Person, die den wahren Grund kannte, warum ich Teil ihrer Clique sein musste, war Modesty.</p> <p>Sie ist jetzt weg. Zumindest muss ich mir keine Sorgen mehr machen, dass meine Geheimnisse ans Licht kommen.</p> <p>Ich gehe davon aus, dass abgesehen von unserer furchtlosen Anf&uuml;hrerin alle anderen kommen werden. Und obwohl ich nicht mehr die graue, unscheinbare Desiree bin, die sie in der Highschool kannten, war ich versucht, den alten Koffer mitzubringen, den ich fr&uuml;her auf unsere Drillteam-Reisen mitgenommen habe, der mit Klamotten und Accessoires von <i>Walmart</i> und <i>Target</i> gef&uuml;llt war &ndash; und ja, auch mit Secondhandsachen &ndash;, die noch bis vor etwa drei Monaten meine Garderobe ausgemacht haben. Entgegen dem Rat meiner neuen Stylistin habe ich die immer noch nicht weggeworfen.</p> <p>Meine Kindheit war zu hart, um etwas, das noch tragbar ist, einfach wegzuwerfen.</p> <p>Aber ich versuche, meine &Auml;ngste zu &uuml;berwinden. Zumindest die, die ich mehr oder weniger kontrollieren kann. Meine Therapeutin, zu der ich neuerdings gehe, sagt, dass es bei diesem Wiedersehen nicht darum geht, meinen neuen Reichtum zur Schau zu stellen. &bdquo;Ein gl&uuml;ckliches Leben ist die beste Rache&ldquo; ist nicht immer das n&uuml;tzlichste Motto. Ich muss das Impostor-Syndrom konfrontieren, mein Unterbewusstsein davon &uuml;berzeugen, dass meine teuren Klamotten und das schicke neue Haus nicht nur Augenwischerei sind.</p> <p>Verdammt, ich bediene gerade alle Klischees.</p> <p>Nat&uuml;rlich wei&szlig; meine Therapeutin nicht, warum ich mich diesmal entschlossen habe, die Einladung anzunehmen, oder <i>wie</i> ich &uuml;ber Nacht reich geworden bin. Niemand wei&szlig; das, und niemand wird es jemals herausfinden. Vor allem nicht meine &sbquo;alten Freunde&lsquo; aus der Highschool.</p> <p>Es sei denn, ich springe jetzt von dieser Klippe. Dann w&auml;re alles egal.</p> <p>Ich schaue wieder an der fast senkrecht abfallenden Felswand hinunter, die diese Seite des Berges entlang des Sees s&auml;umt und sich von diesem zentralen Felsvorsprung aus in beide Richtungen so weit erstreckt, wie das Auge reicht. Hier und da sprie&szlig;t ein karger Baum aus dem Stein &ndash; Leben, das sich in dem rauen Gefilde einen Platz erk&auml;mpft. Ich kann das nachempfinden. Immer wieder gegen undurchdringliche Barrieren ank&auml;mpfen zu m&uuml;ssen, denen man niemals h&auml;tte gegen&uuml;berstehen sollen, ist keine Art zu leben.</p> <p>Pl&ouml;tzlich trifft mich ein scharfer Windsto&szlig; in den R&uuml;cken. Ich schrecke zusammen und als ich instinktiv mit den Armen wedle, um mich abzust&uuml;tzen, rutscht mein Fu&szlig; &uuml;ber den Rand der Klippe.</p> <p>Ein stechender Schmerz durchzuckt mich, als mein rechtes Knie auf dem Boden aufschl&auml;gt. Mein linkes Bein baumelt in der Luft, und f&uuml;r einen Moment werde ich von glei&szlig;ender Panik &uuml;berw&auml;ltigt. Ich zwinge mich zu atmen, lasse mich auf meinen Hintern fallen und krieche vorsichtig r&uuml;ckw&auml;rts.</p> <p><i>Anscheinend bin ich noch nicht bereit zu sterben.</i></p> <p>Als alle meine Gliedma&szlig;en auf festen Boden stehen, lehne ich mich keuchend auf meine Handfl&auml;chen zur&uuml;ck. Mein Herz schwingt wie eine Basssaite, mein Knie schmerzt und mein sorgf&auml;ltig zusammengestelltes Outfit ist dahin. So viel zu meiner Eindruck schindenden R&uuml;ckkehr zu den Westgate Eight. Na ja, jetzt sind es nur noch <i>sieben</i>.</p> <p>Ich seufze und versuche vergeblich, den Dreck von meinem Mantel zu wischen, dann stehe ich auf.</p> <p>Da bemerke ich die Gestalt.</p> <p>Ein Angstschrei entf&auml;hrt meiner Kehle und ich halte mir die Hand vor den Mund, w&auml;hrend ich kurz vergesse zu atmen. Da ist eine &hellip; eine <i>Person</i> dort unten, halb ausgestreckt am Ufer des Sees, und das wogende Wasser bewegt sie hin und her.</p> <p>Das sieht einem Menschen wirklich, wirklich &auml;hnlich.</p> <p>Ich bin zu weit weg, um sicher zu sein, aber ich k&ouml;nnte wetten, dass es eine Leiche ist. Dunkle Haut, fast nackt, ein Arm in einem unnat&uuml;rlichen Winkel im Nacken geknickt, der andere in der Brandung gefangen. Und mit jeder rhythmischen Woge des Wassers surft sie eine tr&auml;ge, grausame Welle. Dunkle Haare, wahrscheinlich weiblich.</p> <p>Definitiv tot.</p> <p>Meine Lungen bemerken pl&ouml;tzlich, dass ihnen der Sauerstoff fehlt. Ich hole tief, stockend Luft, drehe mich ungeschickt zum Resort um und renne los &ndash; meine eigenen paranoiden Gedanken treiben mich viel schneller voran, als es der Anblick einer m&ouml;glichen Leiche jemals k&ouml;nnte.</p> <p><i>Das ist sein Werk. Er hat es getan. Er hat mich gefunden.</i></p> <p><i>Er ist hier.</i></p> <div class="divider"> <p>***</p> </div> <p>Ich erinnere mich kaum noch daran, was ich getan oder gesagt habe, als ich mich auf den &sbquo;perfekten Killer-Heels f&uuml;r sensible F&uuml;&szlig;e&lsquo;, wie meine Stylistin sie nannte, durch die Dreht&uuml;ren in die Lobby dr&auml;ngte. Sie waren alles andere als bequem, als ich versuchte, &uuml;ber Stock und Stein zum Resorteingang zu rennen. Mal im Ernst, welche halbwegs vern&uuml;nftige Person tr&auml;gt in den Bergen schon High Heels?</p> <p>Das N&auml;chste, woran ich mich erinnere, ist der weiche Sessel in dem kleinen, aber geschmackvoll eingerichteten B&uuml;ro, in den ich verfrachtet werde, die T&uuml;r ist geschlossen und ich bin allein. Man hat mir meinen Mantel abgenommen und an einen Vintage Kleiderst&auml;nder aus Echtholz neben der T&uuml;r geh&auml;ngt. Meine F&uuml;&szlig;e ruhen auf einem bequemen Schemel und um meine Schultern ist eine Decke drapiert. Auf einem kleinen runden Tisch zu meiner Rechten steht eine Tasse, aus der es dampft &ndash; vielleicht hei&szlig;e Schokolade oder Cappuccino?</p> <p>Wer auch immer in der Lobby war, als ich wie eine Verr&uuml;ckte hineingest&uuml;rmt bin, muss gedacht haben, ich st&uuml;nde am Rande des Wahnsinns &hellip; oder zumindest unter Schock.</p> <p>Als ich wieder zu mir komme, f&auml;ngt mein Herz erneut an zu rasen. Habe ich da drau&szlig;en wirklich eine Leiche gesehen? Seit die Nachricht vor zwei Wochen durchgesickert ist, bin ich total nerv&ouml;s, schrecke bei jedem Ger&auml;usch zusammen und treffe notgedrungen zus&auml;tzliche Vorsichtsma&szlig;nahmen.</p> <p>Aber das kann nicht das sein, was ich denke. Das <i>kann</i> es einfach <i>nicht</i>.</p> <p>Und wenn es durch irgendeinen wahnsinnigen Zufall doch so ist &hellip; wie k&ouml;nnte ich jemals jemandem davon erz&auml;hlen?</p> <p>Wie immer bin ich die Einzige, die mich besch&uuml;tzen kann. Selbst ist die Frau.</p> <p>Ich sch&uuml;ttle den Gedanken ab und nehme meine F&uuml;&szlig;e vom Schemel. Der erste Schritt ist, mein Versteck zu verlassen und einen Eindruck der Lage zu bekommen. Dann muss ich den Beh&ouml;rden berichten, was ich drau&szlig;en gesehen habe, falls ich es noch nicht getan habe. <i>Ohne</i> irgendwelche Verschw&ouml;rungstheorien zu erw&auml;hnen, die meine Geheimnisse preisgeben w&uuml;rden.</p> <p>Gerade als ich aufstehe, &ouml;ffnet sich die T&uuml;r zu dem kleinen B&uuml;ro. Und der Anblick der Person, die langsam eintritt, verschl&auml;gt mir den Atem.</p> <p>Ausnahmsweise einmal im positiven Sinne.</p> <p>&bdquo;Heilige Schei&szlig;e&ldquo;, entf&auml;hrt es mir. &bdquo;Maura-Mac.&ldquo;</p> <p>Die h&uuml;bsche Br&uuml;nette in Business-Casual mit einer goldenen Anstecknadel mit der Aufschrift <i>Direktorin f&uuml;r G&auml;stezufriedenheit</i> am Revers erstarrt und sieht mich an. &bdquo;Desi?&ldquo;, haucht sie.</p> <p>Ich l&auml;chle zur&uuml;ck und pl&ouml;tzlich umarmen wir uns.</p> <p>Ich kann nicht glauben, dass ich sie fast vergessen h&auml;tte. Obwohl es sich anf&uuml;hlte, als h&auml;tte sich in der Highschool alles nur um Westgate Eight gedreht, gab es doch ein paar Dinge, auf die ich mich freuen konnte. Das Drillteam war eines davon. Das Drillteam, in dem Sch&uuml;ler mit Gewehren milit&auml;rische Man&ouml;ver wie auf einem Exerzierplatz auff&uuml;hrten, war die prominenteste au&szlig;erschulische Aktivit&auml;t in Westgate. Und Maura McKenna war ein wichtiger Grund, warum mir das so viel Spa&szlig; machte.</p> <p>Meine Partnerin im Drillteam war ein weiterer Grund. Zumindest bis zum Ende des letzten Schuljahres, als das alles passierte. Aber ich versuche, nicht an <i>sie</i> zu denken oder daran, dass sie hier sein wird.</p> <p>Die anderen werde ich wahrscheinlich ertragen k&ouml;nnen. <i>Ihre</i> Anwesenheit wird meine Nerven strapazieren.</p> <p>&bdquo;Oh mein Gott. Ich kann nicht glauben, dass du hier bist!&ldquo;, ruft Maura aufgeregt. Sie tritt einen Schritt zur&uuml;ck und runzelt gespielt die Stirn. &bdquo;Also, erz&auml;hlst du mir jetzt freiwillig, warum du alle versetzt hast, nachdem du nicht einmal zur Abschlussfeier gekommen bist, oder muss ich warten, bis alle hier sind, um die gro&szlig;e Enth&uuml;llung zu erfahren?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Whoa. Du redest nicht um den hei&szlig;en Brei herum, was?&ldquo;, sage ich so gespielt l&auml;ssig wie nur m&ouml;glich. Mein Herz pocht mir bis zur Kehle und ich hoffe inst&auml;ndig, dass ich nicht so geschockt dreinblicke, wie ich mich f&uuml;hle. Ich kann unm&ouml;glich auf das Desaster eingehen, das unser letztes Schuljahr gekr&ouml;nt hat. Nicht heute, vielleicht nie. &bdquo;Ich bin so &uuml;berrascht, dass du hier arbeitest!&ldquo;, bringe ich mit einem L&auml;cheln zustande.</p> <p><i>Bitte versteh den Wink mit dem Zaunpfahl &hellip;</i></p> <p>Ich atme erst wieder, als Maura lacht und mir eine Hand auf den Arm legt. &bdquo;Nun, ich muss ja irgendwie meinen Lebensunterhalt verdienen&ldquo;, meint sie. &bdquo;Eigentlich wollte ich nach dem Abschluss nur einen Sommer hier arbeiten, um dann aufs College zu gehen und Karriere zu machen, aber ehrlich gesagt habe ich mich in die North Cascades verliebt. Seitdem bin ich hier.&ldquo;</p> <p>Das &uuml;berrascht mich nicht. Seit ich sie kenne, liebt Maura die Natur und alles, was mit Bergen zu tun hat. Und nach allem, was ich online &uuml;ber das Crystal Mesa Resort gesehen und gelesen habe, ist es <i>das</i> beste Reiseziel in den Cascades. Wahrscheinlich kann sie alle Annehmlichkeiten kostenlos nutzen, wann immer sie will. Innen- und Au&szlig;enpools, nat&uuml;rliche Thermalquellen, ein Spa mit umfassendem Service, Kletterausr&uuml;stung, einfach alles.</p> <p>&bdquo;Und du?&ldquo;, strahlt Maura mich an. &bdquo;Komm schon, raus mit der Sprache. Was hast du seither gemacht?&ldquo;</p> <p>&bdquo;&Auml;hm &hellip; Ich habe eine Leiche im See gesehen.&ldquo;</p> <p>Sobald mir die Worte &uuml;ber die Lippen kommen, komme ich mir dumm und wie eine Idiotin vor, vor allem, als Maura rot anl&auml;uft und ihre Schultern sacken l&auml;sst. &bdquo;Oh mein Gott, es tut mir so leid&ldquo;, stammelt sie. &bdquo;Ich h&auml;tte das zuerst erw&auml;hnen sollen. Ich habe mich nur so gefreut, dich wiederzusehen. Als sie sagten, ein Gast wolle eine Meldung machen, hatte ich keine Ahnung, dass &hellip;&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nein, es ist meine Schuld&ldquo;, unterbreche ich sie entschlossen und l&auml;chle diesmal aufrichtig. &bdquo;Das war unh&ouml;flich von mir, es so herauszuposaunen. Ich freue mich wirklich sehr, dich zu sehen, und ich verspreche dir, dass wir bald quatschen k&ouml;nnen, okay?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Auf jeden Fall.&ldquo; Sie l&auml;chelt mich an, dann schl&uuml;pft sie wieder in die Rolle der Direktorin f&uuml;r G&auml;stezufriedenheit. &bdquo;Lass uns den Vorfall melden, damit du auf dein Zimmer gehen und es dir bequem machen kannst&ldquo;, sagt sie und geht um den polierten Kirschholzschreibtisch gegen&uuml;ber dem Stuhl, auf dem ich gesessen habe, herum. &bdquo;M&ouml;chtest du dich setzen?&ldquo;</p> <p>Sofort kommt mir die Idee, den &sbquo;Vorfall zu melden&lsquo;, viel zu offiziell vor. Mich aus der &Ouml;ffentlichkeit herauszuhalten, ist f&uuml;r mich seit Jahren eine Selbstverst&auml;ndlichkeit. &bdquo;&Auml;hm, m&uuml;ssen wir daf&uuml;r offiziellen Papierkram ausf&uuml;llen?&ldquo;, frage ich.</p> <p>Sie bleibt auf halbem Weg um den Schreibtisch herum stehen, die Stirn leicht gerunzelt. &bdquo;Nein, ich meine, nicht unbedingt. Wir haben bereits die Polizei gerufen. Die wird vorbeikommen und sich darum k&uuml;mmern.&ldquo;</p> <p>Ein unangenehmes Kribbeln durchzuckt mich und versucht, sich zu neuer Panik aufzuschaukeln, aber ich schaffe es, sie zu unterdr&uuml;cken. &bdquo;Also, es ist definitiv &hellip; eine Leiche?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nun, von hier oben ist das schwer zu beurteilen. Wie du sicher wei&szlig;t.&ldquo; Maura sieht sich im B&uuml;ro um, als wolle sie sicherstellen, dass niemand mith&ouml;rt. &bdquo;Das klingt jetzt makaber, aber du w&uuml;rdest dich wundern, wie viele Menschen im Diablo Lake ums Leben kommen&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Ich meine, er sieht wundersch&ouml;n aus, aber das Wasser ist das ganze Jahr &uuml;ber eiskalt. Es gibt zu viele Idioten, die sich bis auf die Unterw&auml;sche ausziehen und reinspringen, weil sie denken, sie k&ouml;nnten das verkraften. Dann setzt der K&auml;lteschock ein und sie ertrinken.&ldquo; Sie sch&uuml;ttelt den Kopf und presst die Lippen aufeinander. &bdquo;Die Natur verzeiht nichts &ndash; nicht, wenn man sie missachtet, wenn du verstehst, was ich meine?&ldquo;</p> <p>Maura hatte recht. Es <i>ist</i> makaber. Aber es ist auch eine Erleichterung, denn das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die Person, die ich gesehen habe, ertrunken ist. Das klingt nach einem schrecklichen Tod, aber zumindest wurden sie nicht ermordet, was meine erste Vermutung war.</p> <p>Ich war noch nie so froh, dass ich mich geirrt habe.</p> <p>&bdquo;Sie ist gnadenlos, nicht wahr?&ldquo;, antworte ich erleichtert und f&uuml;ge dann schnell hinzu: &bdquo;Ich hoffe trotzdem, dass es keine echte Leiche ist.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich auch. Es ist so traurig, wenn Menschen sich mit solchen dummen Stunts im Grunde selbst umbringen.&ldquo;</p> <p>Ich erinnere mich an den Moment, als ich auf dem Felsvorsprung stand, die Distanz bis zum Boden beurteilte, den ultimativen Express-Check-out ohne R&uuml;ckkehr, und unterdr&uuml;cke ein Schaudern.</p> <p>&bdquo;Okay!&ldquo; Maura klatscht wie eine Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff in die H&auml;nde. &bdquo;Dann bringen wir dich erst einmal unter. Das ist sicher <i>nicht</i> der erste Eindruck, den du dir von uns erhofft hattest.&ldquo; Sie greift nach dem Telefon auf ihrem Schreibtisch, h&auml;lt inne und l&auml;chelt erneut. &bdquo;Es ist einfach so sch&ouml;n, dich wiederzusehen&ldquo;, sagt sie.</p> <p>&bdquo;Gleichfalls&ldquo;, antworte ich. &bdquo;Ich kann immer noch nicht glauben, dass du hier arbeitest.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Maura-Mac ist am Start, <i>woop woop</i>!&ldquo; Sie streckt mir ihre Faust entgegen, ich grinse und sto&szlig;e mit meiner Faust dagegen. &bdquo;Ich schicke jemanden mit deiner Schl&uuml;sselkarte zum Fahrstuhl, damit du nicht noch einmal zur Rezeption gehen musst.&ldquo; Sie hat bereits den H&ouml;rer in die Hand genommen und tippt schnell ein paar Tasten, bevor sie das Telefon an ihr Ohr h&auml;lt.</p> <p>&bdquo;Vielen Dank.&ldquo; Ich brauche definitiv etwas Zeit, um mich zu entspannen, bevor ich mich dem Rest dessen stellen kann, was bereits &ndash; noch bevor ich &uuml;berhaupt eingecheckt habe &ndash; zum stressigsten Urlaub der Welt geworden ist. &bdquo;Sind die anderen &hellip;?&ldquo;</p> <p>Sie sch&uuml;ttelt den Kopf. &bdquo;Du bist tats&auml;chlich die Erste, die eingetroffen ist. Das Einzige, was heute auf dem Programm steht, ist das Abendessen um zwanzig Uhr im Ballsaal.&ldquo;</p> <p><i>Geplant?</i></p> <p>Mein Magen schl&auml;gt einen Salto. In der Einladung war von einem Programm nicht die Rede. Muss ich wirklich eine Woche lang geplante Gruppenaktivit&auml;ten &uuml;ber mich ergehen lassen? Ich hatte mich gerade erst daran gew&ouml;hnt, mit diesen Leuten minimalen Smalltalk zu betreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sieben Tage lang meine Highschool-Zeit noch einmal durchleben kann.</p> <p>Bevor ich sie danach fragen kann, hebt sie einen Finger und dreht sich leicht ab. &bdquo;Everett, hier ist Maura&ldquo;, sagt sie ins Telefon. &bdquo;Kannst du jemanden vom Housekeeping mit dem Schl&uuml;ssel f&uuml;r Desiree Rogers' Zimmer zum Fahrstuhl schicken?&ldquo; Sie runzelt die Stirn, sieht mich an und blinzelt. &bdquo;Doch&ldquo;, sagt sie langsam ins Telefon, zuckt dann mit den Schultern und wendet den Blick wieder weg. &bdquo;Okay, super. Danke.&ldquo;</p> <p>Was war das denn? Habe ich keine Reservierung oder so? Laut Einladung sollte doch alles geregelt sein.</p> <p>Als Maura auflegt, strahlt sie &uuml;ber das ganze Gesicht. &bdquo;Komm mit, ich begleite dich zum Fahrstuhl&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Du bist in Zimmer 322. Die beste Aussicht im ganzen Hotel!&ldquo;</p> <p>Anscheinend ist mit meiner Reservierung doch alles in Ordnung. Trotzdem frage ich mich, was diese unangenehme Pause in ihrem Gespr&auml;ch mit dem Rezeptionisten zu bedeuten hatte. Ich bin geneigt sie zu fragen, beschlie&szlig;e aber, es vorerst auf sich beruhen zu lassen. Ich habe Wichtigeres zu tun.</p> <p>Zum Beispiel das Abendessen mit sechs Leuten, die ich am liebsten nie wieder sehen w&uuml;rde, zu &uuml;berstehen.</p> <h2>Kapitel 2</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Desiree &ndash; damals</p> </div> <div class="style_time_loc"> <p>Einen Monat vor dem Abschlussball</p> </div> <div class="style_time_loc"> <p>Daytona, Florida</p> </div> <p>&bdquo;<i>&hellip; und die Gewinner der diesj&auml;hrigen National Highschool Drill Team Championship sind &hellip; Westgate High!</i>&ldquo;</p> <p>Die Worte hallen in meinem Kopf wider, w&auml;hrend ich im Vorbereitungsraum des Ocean Centers sitze. Ich bin umgeben von fr&ouml;hlichem Geplapper und der aufgeregten Nachgl&uuml;hphase des Wettbewerbs, und das L&auml;cheln auf meinem Gesicht will nicht verschwinden.</p> <p><i>All die Arbeit.</i> Vier Jahre Drill-Training, jeden Tag, stundenlang, vor und nach der Schule. Endlose k&ouml;rperliche Kraftanstrengungen. Reisen zu Show-Wettk&auml;mpfen. Lernen, korrigieren, sich bei jedem Wettkampf mehr anstrengen. Es ist nicht einmal wichtig, dass ich unter falschen Vorw&auml;nden dem Team beigetreten bin.</p> <p>Wir haben es geschafft. Wir haben <i>gewonnen.</i></p> <p>Wir sind nationale Meister.</p> <p>Ich muss immer daran denken, wie ich zu Beginn meines ersten Schuljahres an der Highschool mit dem JROTC-Programm angefangen habe. Modesty hatte sich eingeschrieben, also musste ich nat&uuml;rlich auch dabei sein, obwohl ich nicht wirklich wusste, was das war. Ich nahm nach der Schule an einer Informationsveranstaltung teil und ging dann nach Hause und musste meiner Mutter alles erkl&auml;ren.</p> <p>Sie ist ein bisschen ausgeflippt &ndash; na ja, vielleicht ein bisschen viel &ndash;, als ich das Wort &bdquo;<i>Marines</i>&ldquo; erw&auml;hnte.</p> <p>Dieses Wort erw&auml;hnen wir in unserem Haus nicht.</p> <p>Ich versicherte ihr, dass ich nicht wirklich zum Milit&auml;r gehen w&uuml;rde. Dass es darum ginge, Kompetenzen wie Charakterst&auml;rke, Teamarbeit, Integrit&auml;t und F&uuml;hrungsqualit&auml;ten zu lernen. Wir w&uuml;rden nicht f&uuml;r den Krieg trainieren. Wir w&uuml;rden synchronisierte milit&auml;rische Bewegungen einstudieren, allein, zu zweit &ndash; beim Drillteam nannte man das &bdquo;Duell&ldquo; &ndash; und in Gruppenformationen, bewaffnet und unbewaffnet, f&uuml;r Vorf&uuml;hrk&auml;mpfe. Wir w&uuml;rden Uniformen tragen und marschieren, salutieren und kehrt machen und mit Waffen hantieren.</p> <p>An diesem Punkt musste ich ihr versichern, dass es keine echten Waffen waren.</p> <p>Ich erz&auml;hlte ihr von der coolen Fachsprache, die ich zum Teil schon gelernt hatte, nachdem ich nur ein paar Stunden mit den &auml;lteren Kids abgehangen hatte, die schon seit Jahren dabei waren. Wir nannten das Programm nicht J-R-O-T-C, sondern sprachen es Jay-Rot-Cee oder einfach Rot-Cee aus. Oder eben, wie die meisten Leute es nannten: Drillteam. Man konnte im ROTC sein, ohne zum Drillteam zu geh&ouml;ren, aber nicht umgekehrt.</p> <p>Schon von Anfang an wollte ich zum Drillteam. Ich wollte mit den Waffen hantieren, wollte das Knallen, Poppen, die dumpfen St&ouml;&szlig;e, und das Klicken der Slide-Mechaniken, die Uniformen, die Abfolge von Man&ouml;vern, die im perfekten Gleichschritt wie ein wundersch&ouml;ner Tanz ausgef&uuml;hrt wurden. Und obwohl ich unbewaffnet besser klarkam, weil die Gewehre so schwer waren, schaffte ich es ins Team. Weil Modesty es auch geschafft hatte.</p> <p>Schlie&szlig;lich erz&auml;hlte ich meiner Mutter, dass Modesty auch mitmachen w&uuml;rde. Wonach sie nat&uuml;rlich einverstanden war.</p> <p><i>Wir haben es geschafft, Mom.</i></p> <p>Meine Partnerin im waffenlosen Zweikampf, Leona, sitzt neben mir auf der Bank. Wir haben uns noch nicht umgezogen. Wir werden in unseren Uniformen mit dem Mannschaftsbus zur&uuml;ck zum Hotel fahren, dann gleich unsere Badeanz&uuml;ge anziehen und ins Schwimmbad gehen. Leona steht ihr tailliertes Tr&auml;gertop &uuml;berraschend gut. Nat&uuml;rlich sieht sie in allem umwerfend aus, aber die Uniform raubt mir den Atem.</p> <p>Das ist wahrscheinlich einer der Gr&uuml;nde, warum wir so oft den unbewaffneten Zweikampf gewinnen. Die Menschen lieben es, h&uuml;bschen M&auml;dchen Sachen zu schenken. Geld, Geschenke, Medaillen und Troph&auml;en. Sie hat das Aussehen, und ich habe die &hellip; nun ja, die F&auml;higkeit, genau das zu spiegeln, was Leona tut. Wir sind perfekte Gegens&auml;tze.</p> <p>Auf jede erdenkliche Weise.</p> <p>Im Moment warten wir darauf, dass der Oberstleutnant mit Modesty zur&uuml;ckkommt, nachdem er sie um ein Gespr&auml;ch unter vier Augen auf den Korridor gebeten hat. Als CO &ndash; das bedeutet kommandierender Offizier &ndash; ist es Modestys Aufgabe, daf&uuml;r zu sorgen, dass wir anderen beim Training und w&auml;hrend der Wettk&auml;mpfe alles geben. Dieses Mal h&auml;tten wir nicht mehr geben oder es besser machen k&ouml;nnen.</p> <p>Die Nummer eins in den gesamten Vereinigten Staaten. Ein h&ouml;heres Lob kann ein Drillteam nicht erreichen.</p> <p>Wir haben einen fulminanten Abschluss hingelegt.</p> <p>Als ich den Oberstleutnant und Modesty langsam auf die offene T&uuml;r zukommen sehe &ndash; er in seiner pixilierten Tarnuniform mit den Armen in Paradehaltung und Modesty in ihrer blauen Uniform, ihre M&uuml;tze unter dem Arm, die Teil der Drilluniform ist &ndash; stupse ich Leona in die Seite und nicke in ihre Richtung. &bdquo;Was glaubst du, sagt er zu ihr?&ldquo;</p> <p>An seinem Gesichtsausdruck ist nicht abzulesen, in welcher Stimmung er ist. Der Oberstleutnant tr&auml;gt stets ein selbstgef&auml;lliges L&auml;cheln, egal ob er einen lobt oder tadelt.</p> <p>Der Sergeant Major, unser anderer Ausbilder, ist da viel ausdrucksst&auml;rker.</p> <p>Als ich meiner Mutter von dem Oberstleutnant und dem Sergeant Major erz&auml;hlte, fragte sie mich, wie sie hei&szlig;en. Ich sagte ihr, dass ich das nicht wisse. Nat&uuml;rlich m&uuml;ssen sie Namen haben. Sie sind Menschen. Aber niemand nennt sie beim Namen, ich kenne sie nur als Oberstleutnant und Sergeant Major. Vollst&auml;ndiger Titel, keine Abk&uuml;rzungen. In all den Jahren hat es nie jemand gewagt, sie beim Namen zu nennen.</p> <p>Das ist wohl etwas seltsam, wenn man nicht beim ROTC ist.</p> <p>Leona kneift die Augen zusammen und tut so, als w&uuml;rde sie langsam die Lippen des Oberstleutnants lesen. &bdquo;Ihr seid das schlechteste Drillteam aller Zeiten. Macht f&uuml;nfzig Liegest&uuml;tze mit den Kn&ouml;cheln auf dem Boden.&ldquo;</p> <p>Wir kichern los.</p> <p>&bdquo;Was ist denn so witzig, M&auml;dels?&ldquo;</p> <p>Oscar Cordova, den alle nur Cord nennen, st&uuml;tzt eine Hand auf die R&uuml;ckenlehne unserer Bank und grinst.</p> <p>&bdquo;Leona liest dem Oberstleutnant von den Lippen ab&ldquo;, sage ich ihm.</p> <p>&bdquo;Hat er gesagt: &sbquo;Strengt euch mehr an, ihr Loser&lsquo;?&ldquo;</p> <p>&bdquo;So etwas in der Art.&ldquo;</p> <p>Cord schnaubt. &bdquo;Schaut euch die beiden Arschl&ouml;cher an&ldquo;, sagt er und deutet auf Heath Sinclair und Keaton Hughes. Die Golden Boys der bewaffneten Duels verbeugen sich abwechselnd voreinander und h&auml;ngen sich gegenseitig Medaillen um den Hals. Heath ist der stellvertretende kommandierende Offizier des Drillteams und damit Modestys Stellvertreter. Au&szlig;erdem ist er seit der neunten Klasse ihr Freund.</p> <p>Keaton, Heaths bester Freund, &uuml;bernimmt keinerlei F&uuml;hrungsaufgaben, obwohl der Sergeant Major ihm st&auml;ndig sagt, er solle &bdquo;sein Potenzial aussch&ouml;pfen&ldquo;.</p> <p>Und der Oberstleutnant w&uuml;nscht sich, Keaton w&uuml;rde sich unter einen Stein verkriechen und die Klappe halten.</p> <p>Die Golden Boys belegen in dieser Kategorie fast immer den ersten Platz, und heute war keine Ausnahme. Aber das gilt nur f&uuml;r den bewaffneten Zweikampf.</p> <p>Im bewaffneten Solo-Kampf ist Modesty allen weit voraus.</p> <p>&bdquo;Wei&szlig;t du, ich k&ouml;nnte Erster werden, wenn ich nicht mit Flynn the Chin zusammenarbeiten m&uuml;sste&ldquo;, sagt Cord. &bdquo;Er ist so verdammt nachl&auml;ssig.&ldquo;</p> <p>&bdquo;&Auml;h, Cord?&ldquo;, sage ich.</p> <p>&bdquo;Was? Du hast ihn doch gesehen. Er hat den Doppelschlag vermasselt. Ich kann Doppelschl&auml;ge im Schlaf machen.&ldquo; Er beugt sich vor und fl&uuml;stert &uuml;bertrieben: &bdquo;Au&szlig;erdem stinkt er irgendwie. Vor allem sein Atem.&ldquo;</p> <p>Leona lacht. &bdquo;Wem sagst du das? Ich musste heute Morgen im Bus gegen&uuml;ber von ihm sitzen.&ldquo;</p> <p>Ich versuche es erneut. &bdquo;Leute &hellip;&ldquo;</p> <p>Pl&ouml;tzlich l&auml;uft Flynn Bartell an uns vorbei, der nicht einmal einen Meter entfernt gestanden und jedes Wort mitgeh&ouml;rt hat. Sein Gesicht ist rot wie eine Tomate, seine Arme zittern und seine H&auml;nde sind zu F&auml;usten geballt.</p> <p>&bdquo;Ups&ldquo;, murmelt Cord mit ernster Miene und schnaubt dann leise. &bdquo;Ich muss was trinken. Bis dann, M&auml;dels.&ldquo;</p> <p>Ich seufze. &bdquo;Das war ziemlich gemein.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was? Das war lustig. Und wahr&ldquo;, sagt Leona.</p> <p>Ich zucke mit den Schultern. Ich geh&ouml;re seit der Highschool zu den Westgate Eight und kenne die Regeln. Jeder, der nicht zu den Westgate Eight geh&ouml;rt, ist Freiwild. Es sei denn, er ist mit einem der Westgate Eight zusammen. Wie Jack Elden, Leonas Freund, der sich gerade Heaths Kappe vom Schreibtisch geschnappt hat und vor Keaton wegl&auml;uft.</p> <p><i>Jungs.</i> Ich verdrehe die Augen.</p> <p>Leona schaut zur&uuml;ck zur T&uuml;r. Modesty ist schon halb durch und versucht sich dem Gespr&auml;ch zu entziehen, aber der Oberstleutnant redet noch. &bdquo;Ich hoffe wirklich, dass er ihr nicht wegen irgendwas im Nacken sitzt&ldquo;, sagt Leona. &bdquo;Wir haben gerade die verdammten National Championships gewonnen. Wenn er nicht endlich den Mund h&auml;lt, wird sie schlechte Laune bekommen.&ldquo;</p> <p>Ich kann zwar nicht einsch&auml;tzen, wie der Oberstleutnant gelaunt ist, aber ich kann Modestys Gesichtsausdruck lesen. Und sie ist weit mehr als schlecht gelaunt, sie n&auml;hert sich einer kalten Wut. Ihr Gesicht verr&auml;t das allerdings nicht. Es zeigt sich nur in ihren Augen.</p> <p>&bdquo;Er l&auml;sst es nicht auf sich beruhen&ldquo;, sage ich zu Leona.</p> <p>In diesem Moment dreht sich der Oberstleutnant um und geht, und Modesty tritt ganz durch die T&uuml;r, l&auml;sst ihren Blick durch den Raum schweifen.</p> <p>&bdquo;Oh oh&ldquo;, murmelt Leona. &bdquo;Gleich knallts.&ldquo;</p> <p>Modesty erblickt die letzten beiden Mitglieder der Westgate Eight, Annalise und Cheri, auf einer Bank in unserer N&auml;he. Sie kneift die Augen zusammen und stakst durch den Raum auf sie zu.</p> <p>Als sie vor ihrer Bank stehen bleibt, schaut Annalise auf und strahlt sie an. &bdquo;Mods! Wir haben es geschafft!&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nicht dank dir&ldquo;, erwidert Modesty. &bdquo;Was hast du da drau&szlig;en gemacht? Du hattest F&auml;den, Annalise. Deinetwegen sind wir w&auml;hrend der Inspektion auf dem zweiten Platz gelandet!&ldquo;</p> <p>Ich zucke mitf&uuml;hlend zusammen. Modesty ist sehr leidenschaftlich, was den Sport angeht. Und das Gewinnen.</p> <p>&bdquo;Ich hatte <i>einen</i> Faden. Der war nicht da, als wir angefangen haben&ldquo;, antwortet Annalise knapp. &bdquo;Und wir haben den ersten Platz insgesamt gewonnen, falls du das nicht bemerkt hast.&ldquo;</p> <p>&bdquo;<i>Ihr</i> habt den <i>zweiten</i> Platz gewonnen.&ldquo;</p> <p>Annalise zuckt zusammen und ihre Lippen zittern leicht. &bdquo;Im Ernst? Ich war Erste im unbewaffneten Solo.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Lass gut sein, Modesty&ldquo;, mischt sich Cheri ein. &bdquo;Wir sind heute alle Gewinner, oder nicht?&ldquo;</p> <p>Modesty schnaubt. &bdquo;Einige mehr als andere.&ldquo; Damit dreht sie sich um und geht weg.</p> <p>Leona sieht ihr etwas entt&auml;uscht nach. &bdquo;Ich gehe besser zu Cheri&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Du wei&szlig;t ja, wie Annalise ist.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Klar.&ldquo;</p> <p>Allein gelassen lehne ich mich zur&uuml;ck und lasse den Glanz des Sieges auf mich wirken. Das war unser letzter Wettbewerb dieses Jahr, unser letzter Teamausflug. Bald ist Abschlussball, dann der Schulabschluss. Danach geht es hinaus in die Welt.</p> <p>Bis vor Kurzem war meine Zukunft nach der Highschool ziemlich ungewiss. Aber jetzt f&uuml;hle ich mich auch in diesem Sinne gut vorbereitet. Licht am anderen Ende des Tunnels.</p> <p>Ich bin in Gedanken versunken, als Modesty sich mit einem strahlenden L&auml;cheln neben mich setzt. &bdquo;Hey, Desi&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Gl&uuml;ckwunsch zu deinem Sieg im Duell.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Dir auch. Toller Soloauftritt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Selbstverst&auml;ndlich.&ldquo; Sie legt den Kopf schief. &bdquo;Gut, dass Leona da war, um dir den Arsch zu retten, oder?&ldquo;</p> <p>Ich runzele kurz die Stirn, so unmerklich, dass es kaum jemand bemerken w&uuml;rde. Habe ich w&auml;hrend der Darbietung einen Fehler gemacht? Ich glaube nicht, aber Modesty scheint das zu denken. &bdquo;Stimmt&ldquo;, lenke ich ein und setze mein L&auml;cheln wieder auf. &bdquo;Leona ist makellos.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich habe geh&ouml;rt, Mr. Windward hat dir gesagt, dass du das <i>Bright-Futures</i>-Stipendium bekommst. Das war doch am Tag, bevor wir gegangen sind, oder?&ldquo; Sie sieht mich erwartungsvoll an. &bdquo;Du hast mir nichts davon gesagt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh! Ja, das hat er. Sie geben es diesen Freitag erst offiziell bekannt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das ist toll. Ich wei&szlig;, dass du dir Sorgen um die Studiengeb&uuml;hren gemacht hast.&ldquo;</p> <p><i>Breites L&auml;cheln, Desi.</i> &bdquo;Das stimmt, aber jetzt muss ich mir keine Sorgen mehr machen!&ldquo;</p> <p>&bdquo;Herzlichen Gl&uuml;ckwunsch, noch mal.&ldquo; Sie lehnt sich zur&uuml;ck und legt einen Arm um mich. &bdquo;Wie geht es deiner Mom?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Gut. Ich muss sie anrufen, wenn wir zur&uuml;ck im Hotel sind, und ihr die gute Nachricht &uuml;berbringen. Sie wird sich so f&uuml;r uns freuen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Es ist sch&ouml;n, wie stolz sie immer ist.&ldquo; Modestys runzelt gespielt besorgt die Stirn &bdquo;Und dein Vater? Ich wette, er wollte unbedingt zum Wettkampf kommen, aber hat es nicht geschafft, oder?&ldquo;</p> <p>Ich zuckte nur leicht zusammen, w&auml;hrend ich tapfer weiter l&auml;chle. &bdquo;Nein, diesmal nicht.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Schade&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Ich verstehe, wie du dich f&uuml;hlst. Meine Eltern sind noch nie zu einem einzigen Wettkampf gekommen, um mich anzufeuern.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oh mein Gott, du hast recht. Ich habe sie nie gesehen.&ldquo;</p> <p>Ein Schatten f&auml;llt &uuml;ber uns und eine tiefe Stimme sagt: &bdquo;Hey, Schatz. Willst du meine Eltern begr&uuml;&szlig;en? Sie haben Blumen f&uuml;r dich mitgebracht.&ldquo;</p> <p>Modesty jubelt und springt auf, bevor sie sich Heath um den Hals wirft. &bdquo;Rosen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Na klar.&ldquo;</p> <p>Sie nimmt seine Hand und wirft mir einen Blick &uuml;ber die Schulter zu. &bdquo;Bis sp&auml;ter, Desi!&ldquo;</p> <p>&bdquo;Viel Spa&szlig;&ldquo;, rufe ich zur&uuml;ck.</p> <p>Ich l&auml;chle noch immer, auch nachdem sie au&szlig;er Sichtweite ist.</p> <p>Es ist sehr wichtig zu l&auml;cheln.</p> <h2>Kapitel 3</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Leona Elden &ndash; heute</p> </div> <p>Der Sno-Cat-Fahrer ist nicht Darren.</p> <p>Ich wei&szlig; nicht, warum mich das so irritiert. Ich bin schlie&szlig;lich nicht regelm&auml;&szlig;ig hier im Resort. Au&szlig;er zu unseren kleinen j&auml;hrlichen Wiedersehen komme ich nie hierher. Es sind ohnehin nur wir f&uuml;nf, die sich die M&uuml;he machen zu kommen. Aber seit wir seit neun Jahren hier feiern, ist der fr&ouml;hliche, muskelbepackte Darren unser Fahrer und Butler. Er ist der erste und letzte Mensch, den ich hier sehe.</p> <p>Was es noch seltsamer macht, ist, dass ich das Gef&uuml;hl habe, diesen neuen Typen zu kennen. Diesen Fremden, der meine Verbindung zur Au&szlig;enwelt ersetzt hat.</p> <p>Okay, das klingt dramatisch. Aber je mehr ich dar&uuml;ber nachdenke, desto zutreffender scheint es.</p> <p>Hinzu kommt, dass der Fahrer mir nicht hilft, mein offensichtlich schweres Gep&auml;ck aus dem Kofferraum zu holen, sondern an der offenen Heckklappe des Sno-Cat steht und mich durch die dicken Schneeflocken anstarrt, die gerade tr&auml;ge zu fallen begonnen haben.</p> <p>Ich hasse es wirklich, unh&ouml;flich zu sein &ndash; ich bin nicht der Typ daf&uuml;r &ndash;, aber wenn er nicht bald etwas anderes tut, als dazustehen und mich anzustarren, als k&ouml;nne er nicht glauben, dass ich wirklich echt bin, muss ich ein oder zwei spitze Bemerkungen machen.</p> <p>Als ich endlich einen meiner sperrigsten Rollkoffer heraushebe, regt sich der Mann und kommt mit einem verlegenen L&auml;cheln und einer Hand im Nacken auf mich zu. &bdquo;Sorry&ldquo;, sagt er. &bdquo;Du erinnerst dich nicht an mich, oder?&ldquo;</p> <p>Ich trete einen Schritt zur&uuml;ck und runzele die Stirn, w&auml;hrend er den Koffer aus dem Kofferraum hievt. Dieses Kribbeln, ihn zu kennen, &uuml;berkommt mich erneut, aber ich kann ihn nicht zuordnen. Er ist einfach nur ein wei&szlig;er Typ um die 30. &bdquo;Ich glaube nicht&ldquo;, weiche ich seiner Frage aus und versuche, es fragend klingen zu lassen, um nicht unh&ouml;flich zu sein. Leider gibt es keine nette Art zu sagen<i>, dass er sich vielleicht an dich erinnert, aber du dich nicht an ihn</i>.</p> <p>Ein verletzter Ausdruck huscht &uuml;ber seine blassblauen Augen, so kurz, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich es richtig gesehen habe. Er setzt ein am&uuml;siertes L&auml;cheln auf, um es zu verbergen. &bdquo;Ich bin Geoff&ldquo;, sagt er. &bdquo;Geoff Caldwell? Von der &hellip;&ldquo;</p> <p>&bdquo;Highschool. Stimmt.&ldquo; Ich mache Anstalten zu l&auml;cheln, kann mich aber nicht der Frage entziehen, welcher Zufall einen Highschool-Mitsch&uuml;ler &ndash; noch dazu aus unserer Abschlussklasse &ndash; ausgerechnet jetzt hierher in dieses Resort verschlagen hat.</p> <p>Diesmal ist seine Entt&auml;uschung deutlicher zu sp&uuml;ren. &bdquo;Wir waren zusammen auf dem Abschlussball&ldquo;, sagt er anklagend.</p> <p><i>Oh mein Gott.</i> Das hatte ich v&ouml;llig vergessen. Um ehrlich zu sein, war ich die meiste Zeit des Abends w&uuml;tend auf Jack gewesen, der mich <i>eigentlich</i> h&auml;tte begleiten sollen. Ich bin ihm ehrlich gesagt immer noch ziemlich b&ouml;se deswegen.</p> <p>Au&szlig;erdem ist in dieser Nacht noch mehr passiert.</p> <p>Eine Leiche zu finden, &uuml;berschattet in der Regel alles, was davor passiert.</p> <p>&bdquo;Das waren wir, nicht wahr?&ldquo;, platze ich so fr&ouml;hlich heraus, dass ich wie ein Chipmunk auf Crack klinge. Ich r&auml;uspere mich und senke meine Stimme. &bdquo;Wow. Geoff Caldwell&ldquo;, wiederhole ich. &bdquo;Ich habe dich seit dem Abschluss nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?&ldquo;</p> <p>Er schnaubt, hievt den Koffer ungeschickt aus dem Kofferraum und zuckt mit den Schultern. &bdquo;Gut, denke ich&ldquo;, antwortet er. &bdquo;Wir sollten die Koffer einladen und uns auf den Weg zum Resort machen. Es wird langsam kalt hier drau&szlig;en.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Klar. Danke.&ldquo;</p> <p><i>Verdammt, das ist peinlich.</i> Ich versuche verzweifelt, ein Gespr&auml;chsthema zu finden, aber was sollte ich zu dem Typen sagen, mit dem ich zum Abschlussball gegangen bin, weil er im Grunde der letzte war, den ich im Drillteam kannte, der kein Date hatte, und ich <i>jemanden</i> brauchte, um Jack eifers&uuml;chtig so machen, so wie er es mit mir gemacht hatte? Au&szlig;erdem hatte ich Geoff vor der Afterparty sitzen lassen.</p> <p>Ich hatte einen verdammt guten Grund daf&uuml;r gehabt, aber das wusste er nicht. Und auch sonst niemand. Niemals. Niemand durfte erfahren, was ich in der Abschlussballnacht getan hatte, sonst w&auml;re mein Leben vorbei.</p> <p>Zum Gl&uuml;ck scheint Geoff seine Ver&auml;rgerung abzusch&uuml;tteln und wieder in den Mitarbeiter-Modus zu schl&uuml;pfen. Die Stille zwischen uns ist weniger angespannt, als wir meine Koffer ins Sno-Cat einladen, und ich schlie&szlig;e den Range Rover ab und werfe den Schl&uuml;ssel in meine Handtasche.</p> <p>&bdquo;Bereit?&ldquo;, fragt Geoff, als ich zu dem gro&szlig;en, gr&uuml;nen Monster samt Panzerketten zur&uuml;ckkehre.</p> <p>Ich nicke. &bdquo;Ja, danke.&ldquo;</p> <p>Er klappt die hintere Trittstufe f&uuml;r mich herunter und pl&ouml;tzlich f&uuml;hle ich mich wie die gr&ouml;&szlig;te Idiotin. Ich h&auml;tte nicht mit ihm zum Abschlussball gehen sollen, da ich nicht die Absicht hatte, etwas mit ihm anzufangen, geschweige denn mit ihm befreundet zu sein.</p> <p>H&auml;tte ich ihn hier nicht getroffen, h&auml;tten wir vielleicht nach dem gemeinsamen Abschlussfoto nie wieder ein Wort gewechselt. Er hatte mich gefragt, ob ich mit ein paar anderen zweitklassigen Drillteam-Paaren zu <i>Denny's</i> gehen wolle. Ich hatte so etwas gesagt wie &bdquo;<i>Danke, aber ich muss los, mein Taxi wartet auf mich</i>&ldquo;.</p> <p>Daf&uuml;r sollte ich mich wahrscheinlich entschuldigen.</p> <p>Aber in diesem Moment knistert das CB-Funkger&auml;t an Geoffs G&uuml;rtel und eine kratzige Stimme sanft: &bdquo;Basis an Cat One, over.&ldquo; Er h&auml;lt einen Finger hoch, geht um das Fahrzeug herum, um zu antworten, und der Moment ist vorbei.</p> <p>Mit einem Seufzer und einem Blick auf den nun noch dichter fallenden Schnee steige ich in den Sno-Cat und setze mich auf einen Platz auf der linken Seite am Fenster. Laut Wettervorhersage sollen f&uuml;nfzehn Zentimeter Neuschnee &uuml;ber Nacht fallen, das bedeutet hier oben wahrscheinlich etwa drei&szlig;ig Zentimeter. Nicht, dass das eine gro&szlig;e Rolle spielt. Crystal Mesa bietet aus gutem Grund nichts als Schneefahrzeuge und ein paar <i>Jeeps</i> f&uuml;r den Nahverkehr an.</p> <p>Tats&auml;chlich erlebten wir im dritten Jahr unserer kleinen Wiedervereinigung einen zweit&auml;gigen Schneesturm. Aber wir kamen gut zurecht, trotz der zwei Meter Schnee, die auf uns niedergingen.</p> <p>Geoff kommt zur&uuml;ck, schaut, ob es mir gut geht und beginnt dann, alles zu schlie&szlig;en, ohne zu erw&auml;hnen, worum es bei dem Funkspruch aus dem Resort ging. Ich nehme an, es hatte nichts mit mir zu tun. Also zucke ich mit den Schultern und mache mich bereit f&uuml;r die zwanzigmin&uuml;tige Fahrt den Berg hinauf.</p> <p>Wie immer bin ich wahrscheinlich die Letzte, die ankommt. Ich habe mir alle bekannten Fahrzeuge auf dem Parkplatz eingepr&auml;gt &ndash; Cords Batmobil-&auml;hnlicher <i>Camaro</i>, Keatons neongr&uuml;ner RAM mit den Monsterr&auml;dern, Annalises <i>Jaguar</i> mit Anh&auml;nger f&uuml;r ihr Gep&auml;ck. Cheri war zweifellos mit Annalise mitgefahren. Von uns allen waren die beiden nach der Highschool am engsten befreundet geblieben.</p> <p>Doch bisher ist nichts an diesem Wiedersehen wie fr&uuml;her, angefangen bei meinem vergessenen Abschlussball-Date, das mich auf dem Parkplatz abholt, bis hin zu den Einladungen, die wir alle aus unerkl&auml;rlichen Gr&uuml;nden erhalten hatten, bevor wir unsere &uuml;blichen Reservierungen vorgenommen hatten.</p> <p>Niemand hatte etwas davon gewusst, dass das Resort den Besitzer gewechselt hatte, oder wer die Einladungen verschickt hatte, in denen alle Kosten, einschlie&szlig;lich Mahlzeiten und Barzugang, f&uuml;r das <i>ganz besondere</i> Wiedersehen, das wir nie vergessen w&uuml;rden, &uuml;bernommen wurden. Cheri hatte sogar ihren Mann, einen Immobilienanwalt, gebeten, nach weiteren Informationen zu suchen, aber es gab keine Aufzeichnungen dar&uuml;ber, dass das Resort verkauft worden war.</p> <p>Nat&uuml;rlich wollte niemand das Angebot eines kostenlosen Urlaubs ausschlagen, auch wenn wir uns das alle leisten konnten.</p> <p>Der Motor des Cat erwacht zum Leben, brummt und vibriert. Als Geoff das Fahrzeug in Gang setzt und den Bergpfad hinauff&auml;hrt, z&uuml;cke ich mein Handy, um zu sehen, ob mir jemand etwas &uuml;ber diesen mysteri&ouml;sen neuen Besitzer geschrieben hat. Ich habe eine Nachricht, aber sie ist nicht von einem meiner Freunde.</p> <p>Sie ist von Jack. Nat&uuml;rlich ist sie das.</p> <p>Ich verdrehe die Augen und beschlie&szlig;e fast, sie nicht zu lesen. Er ist der Grund, warum ich immer zu sp&auml;t komme, zum Retreat und zu praktisch allem anderen. F&uuml;r einen sonst so klugen Kerl ist Jack in bestimmten Situationen ziemlich naiv. In letzter Zeit verbringe ich etwa die H&auml;lfte meiner Zeit damit, mich &uuml;ber ihn zu &auml;rgern.</p> <p>Niemand kann mich so in den Wahnsinn treiben wie mein Mann.</p> <p>Und ich kann ihn nicht verlassen, ohne mein Leben zu ruinieren.</p> <p>W&auml;hrend ich die Z&auml;hne zusammenbei&szlig;e und mit dem Daumen &uuml;ber das Textfeld fahre, vibriert mein Handy und blinkt mit einem eingehenden Anruf. Ich schreie fast auf, als Jacks Name auf dem Display aufleuchtet. Diesmal hat er es nicht einmal vier Stunden geschafft, ohne mich zu nerven.</p> <p>Ich dr&uuml;cke auf den gr&uuml;nen H&ouml;rer, halte das Handy ans Ohr und stecke einen Finger in das andere, damit ich ihn wenigstens verstehen kann, auch wenn ich eigentlich nicht h&ouml;ren will, was er zu sagen hat. &bdquo;Was ist los?&ldquo;, frage ich.</p> <p>Jack schnaubt. &bdquo;Muss etwas nicht in Ordnung sein, damit ich meine Frau anrufe?&ldquo;</p> <p><i>Ja, weil du mich sonst nicht anrufen w&uuml;rdest.</i> Aus irgendeinem Grund nervt es mich gerade besonders, dass er mich seine <i>Frau</i> nennt. &bdquo;Egal&ldquo;, erwidere ich. &bdquo;Hi, Jack. Was gibt's?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Warum ist es bei dir so laut?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Weil ich in einem Panzer sitze.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Moment, im Ernst?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sozusagen. Es ist ein Sno-Cat.&ldquo; Wenigstens wei&szlig; er, was das ist. Seine Eltern haben einen kleineren, den er allerdings noch nie gefahren ist. Er hat ein kirschrotes Schneemobil, das er seit dem Kauf vielleicht dreimal benutzt hat.</p> <p>Er w&uuml;rde die Abl&auml;ufe vom Retreat kennen, wenn er jemals mit mir zu einem gekommen w&auml;re. Ich habe ihn eingeladen, als wir f&uuml;nf angefangen haben, uns zu treffen. Er geh&ouml;rte nicht zu den Westgate Eight, aber er war einer der Stars unseres Drillteams. Die anderen bringen oft ihre Ehepartner oder Lebensgef&auml;hrten mit, wenn sie welche haben, aber Jack hat immer abgelehnt &hellip; und sich dann beschwert, weil ich ihn <i>alleine gelassen</i> habe.</p> <p>Nach einer Weile habe ich aufgeh&ouml;rt, ihn einzuladen. Und laut Einladung h&auml;tte er diesmal ohnehin nicht kommen k&ouml;nnen. <i>Keine Begleitpersonen erlaubt.</i></p> <p>&bdquo;Oh, okay&ldquo;, sagt Jack. &bdquo;Sno-Cat. Das ist cool.&ldquo;</p> <p>Ich seufze genervt. &bdquo;Was willst du, Jack?&ldquo;</p> <p>Er r&auml;uspert sich. &bdquo;Du bist noch nicht angekommen, oder? Im Resort?&ldquo;</p> <p>&bdquo;&Auml;h, nein.&ldquo; Die Frage kommt so unerwartet, dass ich ehrlich antworte. Anf&auml;ngerfehler. Sobald die Antwort aus meinem Mund ist, werde ich misstrauisch. &bdquo;Warum?&ldquo;</p> <p>Er ist so lange ruhig, dass es mich beunruhigt.</p> <p>Schlie&szlig;lich sagt er: &bdquo;Die Sache ist die: Zenaida hat die Grippe oder so.&ldquo;</p> <p>Sofort bekomme ich Kopfschmerzen und mein Augenlid zuckt. Zenaida ist unsere Teilzeit-Nanny. Ich ahne, worauf er hinauswill, aber ich kann nicht glauben, dass er das wirklich tun w&uuml;rde. Ich knurre deutlich: &bdquo;Das ist ja bl&ouml;d. Hoffentlich geht es ihr bald besser.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ja, aber meine Eltern sind noch bis Donnerstag auf Hawaii&ldquo;, schmollt er.</p> <p>Ich bei&szlig;e die Z&auml;hne so fest zusammen, dass sich eine F&uuml;llung verschiebt. &bdquo;Und?&ldquo;, knurre ich.</p> <p>&bdquo;Na ja, ich meine &hellip; kannst du nach Hause kommen?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Willst du mich verarschen?&ldquo; Die Worte explodieren aus meinem Mund, bevor ich dar&uuml;ber nachdenken kann, aber ich w&uuml;rde sie nicht zur&uuml;cknehmen, selbst wenn ich k&ouml;nnte. Das ist l&auml;cherlich. &bdquo;Nein. Ich komme vor Sonntag nicht nach Hause. Das habe ich dir schon hundert Mal gesagt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Aber was soll ich denn machen?&ldquo;</p> <p>Der weinerliche Ton in seiner Stimme bringt mich zum Ausrasten. &bdquo;Verdammt, Jack, ich wei&szlig; nicht! Wie w&auml;r's, wenn du <i>dich um deine eigenen Kinder k&uuml;mmerst</i>?&ldquo;, schreie ich fast.</p> <p>&bdquo;Leona, komm schon. Du wei&szlig;t, dass ich arbeiten muss &hellip;&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du bist der <i>Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Firma deines Vaters</i>! Du kannst freinehmen, wann immer du willst. Also musst du die Kinder zwei Tage lang zur Schule fahren und fr&uuml;her von der Arbeit kommen, um sie abzuholen, vielleicht sogar drei Tage. Oh nein! Wie sollst du das nur schaffen?&ldquo;</p> <p>Ich kann nicht glauben, dass er immer noch so unsicher in seiner Vaterrolle ist. Unsere Kinder sind sechs und neun Jahre alt. Es ist ja nicht so, als m&uuml;sste er sie f&uuml;ttern, wickeln oder den ganzen Tag unterhalten &ndash; selbst als sie klein waren, hat er das nie gemacht. Das ist doch kein Kunstst&uuml;ck.</p> <p>Er holt zittrig Luft und als er wieder spricht, ist seine Stimme belegter. Als w&uuml;rde er gleich weinen. Was mich nur noch w&uuml;tender macht. &bdquo;Ich hasse es einfach, wenn du weg bist, Lee&ldquo;, murmelt er.</p> <p>&bdquo;Nun, ich nicht!&ldquo;, fahre ich ihn an. &bdquo;Herrgott, Jack. Ich brauche manchmal eine Auszeit, und das ist die einzige, die ich das ganze Jahr &uuml;ber habe. Vielleicht komme ich dieses Mal gar nicht zur&uuml;ck!&ldquo;</p> <p>Ich lege auf und dr&uuml;cke so fest auf das rote Telefonsymbol, dass mein Finger scharf nach hinten knickt und mein Fingernagel halb abrei&szlig;t.</p> <p>&bdquo;Verdammt!&ldquo;, schreie ich &uuml;ber das dr&ouml;hnende Motorenger&auml;usch hinweg.</p> <p>Fast sofort wird der Cat langsamer und die T&uuml;r zwischen Kabine und Cockpit gleitet auf. &bdquo;Alles in Ordnung da hinten?&ldquo;, ruft Geoff von vorne.</p> <p><i>Nein. Nein, es ist nicht alles in Ordnung.</i></p> <p>&bdquo;Alles okay&ldquo;, sage ich laut. &bdquo;Ich habe mir einen Fingernagel abgebrochen.&ldquo;</p> <p>Er grunzt etwas Unverst&auml;ndliches. Die Trennt&uuml;r wird geschlossen und das Fahrzeug nimmt wieder Fahrt auf.</p> <p>Ich atme zittrig aus, halte mein Handy mit beiden H&auml;nden fest und starre aus dem Fenster, w&auml;hrend der Schnee an der Scheibe vorbeizieht. Ich bin &uuml;berrascht, dass mein Mann mich gerade nicht mit Anrufen bombardiert. Normalerweise schickt er mir nach solchen Auseinandersetzungen erst einmal eine Entschuldigung, dann mehrere Nachrichten, die immer passiv-aggressiver werden, bis pl&ouml;tzlich alles meine Schuld ist.</p> <p><i>Aber diesmal nicht, Jack. Diesmal bleibe ich standhaft. Denn ich bin nicht im Unrecht</i>.</p> <p>Gott, ich w&uuml;nschte, ich k&ouml;nnte ihn verlassen.</p> <p>Tr&auml;nen brennen in meinen Augen, und ich neige meinen Kopf nach hinten, damit sie nicht herunterlaufen.</p> <p>Ich weigere mich, wegen Jack Elden eine weitere Tr&auml;ne zu vergie&szlig;en.</p> <div class="divider"> <p>***</p> </div> <p>Die Lobby des Crystal Mesa hat sich seit meinem letzten Besuch nicht ver&auml;ndert. Geschwungene Fensterfronten bilden das Erdgeschoss des zentralen Turms des Resorts. Im Inneren erstreckt sich schwarzer Marmorboden mit Quarzeinschl&uuml;ssen, so weit das Auge reicht. Ein paar Sofas, Sessel und Beistelltische laden zum Verweilen ein. Links flie&szlig;t ein Wasserfallfeature an der Wand hinunter, die geschmackvoll den Blick auf die Toiletten versperrt. Ganz hinten befindet sich die Rezeption, der Tresen aus Ebenholz. Und nat&uuml;rlich darf der spektakul&auml;re Kronleuchter im Zentrum der Lobby nicht fehlen &ndash; ein gl&auml;nzendes Cluster aus h&auml;ngenden Kristallen, in denen Lichter eingeschlossen sind.</p> <p>Die Person hinter der Rezeption ist jedoch nicht dieselbe.</p> <p>Daphne war in den letzten vier Jahren im Tagdienst gewesen, wenn ich angekommen bin, und eine andere Frau, deren Name mir gerade entfallen ist, hatte die Stelle vor ihr inne. Jetzt begr&uuml;&szlig;t mich ein Mann mit einem professionellen L&auml;cheln. Er ruft meine Reservierung auf, bevor ich den Tresen erreiche, denn er fragt nicht nach meinem Namen, weil er ihn bereits kennt.</p> <p>Und ich kenne seinen. <i>Everett York.</i> Er war auch in unserem Abschlussjahrgang, allerdings nicht im Drillteam.</p> <p>Er war Desiree Rogers' Date zum Abschlussball.</p> <p>Das wird jetzt langsam seltsam. Hat der neue Besitzer des Resorts vielleicht auf der <i>Facebook</i>-Seite unserer Abschlussklasse eine Stellenanzeige geschaltet oder sowas?</p> <p>Everett &ndash; ich bin mir hundertprozentig sicher, dass er es ist, als ich n&auml;herkomme, um die Plakette auf dem Check-in-Schalter neben dem Computer zu lesen &ndash; &uuml;berreicht mir mit einer schwungvollen Geste einen Umschlag mit einer Schl&uuml;sselkarte. &bdquo;Leona. Willkommen zur&uuml;ck&ldquo;, sagt er. &bdquo;Wir haben dich diese Woche in Zimmer 320 einquartiert. Dieses Zimmer hat die beste Aussicht im ganzen Haus.&ldquo;</p> <p>Ich runzele die Stirn, als ich die Karte nehme. Wenigstens versucht er nicht, Smalltalk zu machen, wie Geoff. Andererseits &hellip; der versuchte auch nicht, Smalltalk zu machen. Was eigentlich die normale Reaktion w&auml;re, wenn man eine Bekannte trifft, die man seit der Highschool nicht mehr gesehen hat.</p> <p>Vielleicht ist das gar nicht Everett York. Vielleicht hei&szlig;t er nur Everett und sieht zuf&auml;llig aus wie Desirees Date vom Abschlussball.</p> <p><i>Vielleicht sollte ich ihn einfach fragen.</i></p> <p>&bdquo;Hey &hellip; Everett&ldquo;, sage ich und tue so, als w&uuml;rde ich das Namensschild lesen, was komisch ist, weil er mich bereits geduzt hat. &bdquo;Du warst auf der Westgate Highschool, oder?&ldquo;</p> <p>Er grinst. &bdquo;Klar. Ich war mir nicht sicher, ob du dich noch an mich erinnerst.&ldquo;</p> <p>Immerhin reagiert er besser als Geoff Caldwell. Aber ich bleibe misstrauisch, weil sowohl mein als auch Desirees Abschlussballdates hier arbeiten. Ist das einer dieser seltsamen Zuf&auml;lle? Und wenn nicht, wie und warum sollte das Absicht sein?</p> <p>&bdquo;Ja, ich erinnere mich&ldquo;, erwidere ich und hoffe, dass ich h&ouml;flich klinge und nicht leicht geschockt. &bdquo;Du hast Desiree zum Abschlussball begleitet. Und du warst mit uns auf der Afterparty bei Modesty.&ldquo;</p> <p>Seine Miene ver&auml;ndert sich. Nur f&uuml;r eine Sekunde, aber er sieht fast &hellip; ver&auml;ngstigt aus. Weil ich Desiree erw&auml;hnt habe? Oder wegen Modesty?</p> <p>Obwohl Modesty Phelps der Grund war, warum wir angefangen haben, unsere kleinen Trips zu machen, ist ihre Erinnerung im Laufe der Jahre irgendwie in den Hintergrund getreten, wenn ich ehrlich bin. Letztes Jahr haben wir au&szlig;er unserem traditionellen Toast am ersten Abend kaum &uuml;ber sie gesprochen. Es ist ein bisschen traurig, aber sie ist jetzt schon seit f&uuml;nfzehn Jahren tot. Der Abschlussball war das letzte Mal, dass wir sie gesehen haben. Und nach allem, was passiert ist, nachdem die Polizei gerufen wurde, haben wir stundenlang nicht einmal bemerkt, dass sie verschwunden war.</p> <p>Niemand spricht es aus, aber wir alle wissen, dass sie tot ist. Was wir nicht wissen, ist, wann und wie es passiert ist, denn die Polizei hat keine Spur von ihr gefunden. Aber sie w&auml;re niemals weggelaufen und nicht zur&uuml;ckgekommen. Weil ihre Eltern tot waren und ihre Tante als Vormund mit vor&uuml;bergehender Verf&uuml;gungsgewalt &uuml;ber den Nachlass fungierte, h&auml;tte Modesty nach ihrem College-Abschluss das Verm&ouml;gen ihrer Familie geerbt. Und sie war bereits auf der Whitman angenommen worden.</p> <p>Everett fasst sich wieder und l&auml;chelt erneut. &bdquo;Das stimmt. Das ist schon so lange her&ldquo;, meint er. &bdquo;Nun, es war sch&ouml;n, dich wiederzusehen, Leona. Bitte sag Bescheid, falls du etwas brauchst.&ldquo;</p> <p><i>Oh mein Gott. Will er mich etwa abwimmeln?</i></p> <p>Ich hatte versucht, ihn mit unserem zwanglosen Gespr&auml;ch aus der Reserve zu locken, aber ich werde wohl direkt sein und ihm die wichtigste Frage stellen m&uuml;ssen. &bdquo;Hey, wie lange arbeitest du eigentlich schon hier?&ldquo;</p> <p>Sein Blick schweift ab, als er &uuml;berlegt. &bdquo;Ich glaube, seit etwa drei Monaten&ldquo;, antwortet er.</p> <p>&bdquo;Okay. Cool.&ldquo; Dann war er also schon hier, bevor die Einladungen verschickt wurden. Aber sagt mir das wirklich etwas? Ich meine, wer wei&szlig;, wann der neue Besitzer den Laden &uuml;bernommen hat, aber es kann nicht l&auml;nger als ein Jahr her sein.</p> <p>Die Kopfschmerzen, die Jack mir bereitet hat, werden schlimmer. Ich glaube, ich gehe auf mein Zimmer, nehme eine Tablette und mache ein Nickerchen, bevor ich zum Meet and Greet gehe.</p> <p>Ich bin ein wenig ver&auml;rgert, dass Everett mich abzuwimmeln versucht hat, also verabschiede ich mich wortlos, tippe mit dem Schl&uuml;sselkartenumschlag auf den Tresen und nicke, bevor ich gehe. Ich bin mir sicher, dass ich den neuen Besitzer bald treffen werde, wer auch immer er ist, dann kann ich ihn fragen, was es mit den seltsam spezifischen Einstellungsverfahren auf sich hat.</p> <p>Als ich zum Fahrstuhl gehe, ruft Everett mir jedoch hinterher: &bdquo;Oh, fast h&auml;tte ich vergessen zu sagen, dass Maura mich gebeten hat, dir mitzuteilen, dass das Abendessen um zwanzig Uhr im Ballsaal serviert wird.&ldquo;</p> <p>Moment mal, <i>was</i>? Unser Abendessen am ersten Abend findet immer im Blue Grove statt, dem F&uuml;nf-Sterne-Restaurant des Resorts im Ostfl&uuml;gel. Warum sollten wir im Ballsaal essen? Die servieren nie etwas Besseres als aufgew&auml;rmtes Buffetessen. Neues Konzept? Es hat sich zwar einiges ver&auml;ndert, aber ich sehe bisher wirklich nichts, das sich bahnbrechend verbessert h&auml;tte.</p> <p>Wenigstens ist Maura noch hier. Nachdem ich mich ein wenig ausgeruht habe, werde ich sie kontaktieren und fragen, was das alles soll.</p> <p>Eines wei&szlig; ich jedoch mit Sicherheit: Ich gehe nicht fr&uuml;her nach Hause, egal, wie sehr der neue Besitzer das diesj&auml;hrige Retreat vermasselt hat.</p> <p>Denn wenn ich das t&auml;te, w&uuml;rde ich Jack wahrscheinlich direkt in sein dummes, trauriges Gesicht schie&szlig;en.</p> <h2>Kapitel 4</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Leona &ndash; damals</p> </div> <div class="style_time_loc"> <p>Einen Monat vor dem Abschlussball</p> </div> <div class="style_time_loc"> <p>Daytona, Florida</p> </div> <p>&bdquo;Kannst du glauben, dass die beiden echt gekommen sind?&ldquo;, fl&uuml;stert Modesty mir zu, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, diskret zu sein, w&auml;hrend sie sie anstarrt.</p> <p>Wir sitzen am Rand des Hotel-Innenpools und lassen unsere Beine im flachen Wasser baumeln. Im tiefen Teil des Beckens findet gerade ein Kr&auml;ftemessen statt, alles gespielt, nat&uuml;rlich. Annalise und Cheri, die auf den Schultern von Keaton beziehungsweise Heath sitzen, stemmten sich an den H&auml;nden gegeneinander und versuchen, einander herunterzusto&szlig;en. Cord und Maura McKenna, seine nicht-wirkliche Freundin, warten darauf, es mit dem Gewinnerteam aufzunehmen.</p> <p>Doch Modesty schaut nicht zu ihnen hin. Sie schaut zu Flynn Bartell und seiner besten Freundin Bea Driscoll. Sie stehen gegen&uuml;ber von uns in der N&auml;he der Trennlinie, die Ellbogen auf den Rand des Pools gest&uuml;tzt, und unterhalten sich fl&uuml;sternd.</p> <p>Flynn ist ein nerviges Baby und Bea ist einfach nur seltsam.</p> <p>Schade, dass wir niemanden aus dem Drillteam ausschlie&szlig;en d&uuml;rfen, sonst w&auml;ren die beiden schon im ersten Jahr rausgeflogen.</p> <p>Flynn bemerkt Modestys Blick und seine dumme Visage hellt sich auf. Er beginnt, sich vom Rand abzusto&szlig;en, als wolle er her&uuml;berkommen und etwas sagen.</p> <p>Ein Blick von Modesty und schon macht er kehrt.</p> <p>&bdquo;Unser letztes Drillevent, f&uuml;r immer.&ldquo; Modesty seufzt und legt ihren Kopf auf meine Schulter. &bdquo;Was soll ich mit dem Rest meines Lebens anfangen?&ldquo;</p> <p>Ich grinse. &bdquo;Sex haben?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ha.&ldquo; Sie st&ouml;&szlig;t mich mit dem Ellbogen in die Seite. &bdquo;Glaub mir, ich z&auml;hle die Tage bis zu meinem achtzehnten Geburtstag. Heath schl&auml;ft in der Nacht davor bei mir, und wir legen genau um 0:01 Uhr los.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Viel Spa&szlig; dabei.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was? Magst du Sex nicht?&ldquo; Sie hebt den Kopf und sieht sich um. &bdquo;Apropos Sex, wo ist Jack?&ldquo;</p> <p>Ich verziehe das Gesicht. &bdquo;Er ist sp&auml;t dran.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Der Typ braucht eine Uhr, die man ihm ans Handgelenk anschrauben kann oder so.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich glaube nicht, dass das helfen w&uuml;rde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er einfach Uhrzeitlegastheniker ist.&ldquo;</p> <p>Modesty wirft einen finsteren Blick ans andere Ende des Pools. &bdquo;Wenn dieser Widerling nicht aufh&ouml;rt zu starren, ramme ich ihm versehentlich mit voller Absicht einen Drill-Gewehrlauf ins Auge.&ldquo;</p> <p>Ich beschlie&szlig;e, nicht zu erw&auml;hnen, dass sie diejenige war, die zuerst r&uuml;ber gesehen hat. &bdquo;Wo ist Desi? Sie hat sich so auf das Schwimmen heute Abend gefreut.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Oben in unserem Zimmer&ldquo;, antwortet Modesty. &bdquo;Sie sagte, sie sei ersch&ouml;pft und wolle fr&uuml;h schlafen gehen, weil wir morgen fr&uuml;h aufstehen m&uuml;ssen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Verstehe.&ldquo; Wir m&uuml;ssen morgen fr&uuml;h um sechs Uhr gepackt im Shuttle sitzen, um unseren Flug um neun Uhr zur&uuml;ck nach Washington zu bekommen. Wir h&auml;tten wahrscheinlich alle schon im Bett sein sollen, aber niemand wollte die letzte Nacht unseres allerletzten Drill-Wettkampfes mit Schlafen verbringen.</p> <p>Au&szlig;er Desiree, wie es scheint.</p> <p>Ich versuche, die Eifersucht zu unterdr&uuml;cken, aber das klappt nicht immer. Modesty war <i>meine</i> beste Freundin, bis Desiree Rogers aus dem Nichts auftauchte. Modesty hat sie nahtlos in unsere Gruppe integriert, und seitdem sind die beiden unzertrennlich. Sie tauschen Make-up aus. Sie melden sich gemeinsam f&uuml;r au&szlig;erschulische Aktivit&auml;ten an. Teilen sich ein Zimmer auf Drill-Reisen.</p> <p>In den vier Jahren an der Highschool habe ich nicht ein einziges Mal mit Modesty ein Zimmer geteilt.</p> <p>&bdquo;Apropos Desiree&ldquo;, sagt Modesty. &bdquo;Hast du geh&ouml;rt, dass sie das <i>Bright Futures</i>-Stipendium bekommt?&ldquo;</p> <p>Mein Augenlid zuckt und ich merke, dass sich eine Migr&auml;ne anbahnt. Erst nimmt sie mir meine beste Freundin weg und jetzt auch noch mein Stipendium.</p> <p>Ich verdr&auml;nge den aufkeimenden Unmut. &bdquo;Wirklich? Nein, davon habe ich nichts geh&ouml;rt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Anscheinend. Hey, wolltest du das nicht auch haben?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ja, eigentlich schon.&ldquo; Ich zucke l&auml;ssig mit den Schultern.</p> <p>&bdquo;Hm.&ldquo; Modesty sieht mich an und &uuml;berlegt offenbar etwas. &bdquo;Nun, die offizielle Bekanntgabe erfolgt erst am Freitag&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Du k&ouml;nntest vorher noch mit Mr. Windward sprechen. Vielleicht kannst du ihn umstimmen. Ich meine, Desiree braucht die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Studiengeb&uuml;hren, aber sie w&uuml;rde schon zurechtkommen. Mit Studienbeihilfe und Studienkrediten.&ldquo;</p> <p>Ich nicke langsam. &bdquo;Gute Idee. Ich werde dar&uuml;ber nachdenken.&ldquo;</p> <p>Ich werde auf jeden Fall mit unserem Beratungslehrer sprechen. Das <i>Bright Futures</i>-Stipendium geh&ouml;rt <i>mir</i>. Es ist das renommierteste Stipendium, das unsere Schule vergibt, und meiner Meinung nach hat Desiree es nicht verdient.</p> <p>&bdquo;Oh, hey!&ldquo; Modesty st&ouml;&szlig;t mich an und nickt in Richtung des Eingangs zum Pool. &bdquo;Dein Freund hat es auch endlich geschafft.&ldquo;</p> <p>Ich grinse. &bdquo;Hurra.&ldquo;</p> <p>Obwohl ich langsam die Beine aus dem Pool nehme und tr&auml;ge aufstehe, um ihn zu begr&uuml;&szlig;en, h&uuml;pfe ich innerlich wie eine aufgeregte Cheerleaderin. Wir sind jetzt seit zwei Jahren zusammen und ich kann immer noch nicht glauben, dass Jack Elden mein ist.</p> <p>Er tritt hinter mich, legt seine Arme um meine Taille und k&uuml;sst mich zwischen den Schulterbl&auml;ttern, wodurch Gl&uuml;cksgef&uuml;hle wellenartig durch meinen K&ouml;rper schwappen. &bdquo;Hey, Sexy&ldquo;, fl&uuml;stert er, sein Gesicht in meinem Haar vergraben. &bdquo;Du siehst unglaublich aus.&ldquo;</p> <p>Ich drehe mich um und lege meine Arme um seinen Hals, strahle &uuml;ber das ganze Gesicht und stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu k&uuml;ssen. &bdquo;Du auch.&ldquo;</p> <p>Aus Richtung des Pools ert&ouml;nt ein bewundernder Pfiff, und Keaton ruft: &bdquo;Zeigt uns ein bisschen Zunge!&ldquo;</p> <p>Ich sehe in seine Richtung und strecke ihm die Zunge heraus.</p> <p>&bdquo;Oh, Baby!&ldquo;, ruft er mit einem anz&uuml;glichen Grinsen.</p> <p>Jack nickt ihm zu. &bdquo;Glotz nicht so, du H&ouml;hlenmensch.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Jack, du wei&szlig;t doch, wie sehr ihr es liebe, wenn du mit gro&szlig;en Worten um dich schmei&szlig;t. Da werden mir die Knie ganz schwach.&ldquo; Keaton macht eine obsz&ouml;ne Geste, und Heath und Cord brechen in Gel&auml;chter aus.</p> <p>Jack schnaubt und legt einen Arm um meine Taille, und ich tue dasselbe bei ihm. Ich genie&szlig;e das Gef&uuml;hl seiner nackten Haut unter meinen Fingern. Wir schlendern zum tiefen Ende, und Heath winkt uns mit einem Arm herbei. &bdquo;Komm schon, Elden. Wir setzten uns in den Whirlpool.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Lass mal. Ich habe jemandem, der viel h&uuml;bscher ist als du, eine Runde im Whirlpool versprochen.&ldquo; Er beugt sich zu mir herunter, um mich zu k&uuml;ssen, und diesmal h&auml;lt der Kuss etwas l&auml;nger an.</p> <p>Keaton formt mit den H&auml;nden unter seinem Kinn ein schiefes Herz und klimpert mit den Wimpern. &bdquo;Seht euch die beiden an. So s&uuml;&szlig;. Ich glaube, ihr solltet dieses Jahr Ballk&ouml;nigin und Ballk&ouml;nig werden.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Auf keinen Fall&ldquo;, meint Cord. &bdquo;Die Kronen geh&ouml;ren Heath und Modesty. Unser hauseigenes Vorzeigepaar.&ldquo;</p> <p>Modesty, die sich bis zum tiefen Ende vorgearbeitet hat, jubelt und springt vom Rand in Richtung Heath. Er f&auml;ngt sie mit Leichtigkeit auf und sie tauchen unter die Oberfl&auml;che.</p> <p>&bdquo;Keat!&ldquo;, ruft Annalise begeistert und klettert aus dem Pool. &bdquo;Fang mich!&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was glaubst du, was das hier ist, <i>Dirty Dancing</i>?&ldquo; Aber er kommt ihrer Bitte nach und streckt die Arme aus, damit sie sich in sie hineinwerfen kann.</p> <p>Jack lacht. &bdquo;Komm schon, Lee. Allein vom Zuschauen wird mir schon langweilig.&ldquo;</p> <p>Der Whirlpool liegt gegen&uuml;ber vom Pool, auf einer erh&ouml;hten Plattform mit betonierter Treppe. Die raue Oberfl&auml;che f&uuml;hlt sich kalt unter meinen F&uuml;&szlig;en an, als wir hinaufsteigen. Eine Minute sp&auml;ter sinke ich mit einem gl&uuml;cklichen Seufzer in das 40&deg; Grad warme Wasser.</p> <p>Jack macht es sich auf einem der vorgeformten Plastiksitze in der Ecke bequem. Er greift nach mir und ich quieke, als er mich auf seinen Scho&szlig; zieht.</p> <p>&bdquo;Apropos Abschlussball&ldquo;, sagt er und beugt sich vor, um mich in meiner Halsbeuge zu k&uuml;ssen. &bdquo;Lee, ich w&uuml;nschte wirklich, du w&uuml;rdest mich dich bei dir zu Hause abholen lassen. Das ist Tradition, okay?&ldquo;</p> <p>Instinktiv versteife ich mich, aber k&auml;mpfe dagegen an. &bdquo;Seit wann legen wir Wert auf Traditionen?&ldquo;, frage ich unschuldig.</p> <p>&bdquo;Komm schon, Schatz. Du wei&szlig;t, dass es nicht nur darum geht.&ldquo; Er f&auml;hrt mit seinen Fingern meinen Arm hinunter. &bdquo;Wir sind seit zwei Jahren zusammen. Findest du nicht, es wird Zeit, dass ich deine Eltern kennenlerne?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nein. Nicht wirklich.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Warum nicht? M&ouml;gen sie keine wei&szlig;en Jungs?&ldquo;</p> <p>Ich sehe ihn entsetzt an. &bdquo;Jack! Das hast du nicht gerade zu mir gesagt.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Sorry.&ldquo; Er hebt kapitulierend die H&auml;nde. &bdquo;Du hast recht. Das war schei&szlig;e von mir.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Verdammt richtig.&ldquo;</p> <p>Er verspannt sich merklich, hebt mich von seinem Scho&szlig; und rutscht auf den Platz neben mir.</p> <p>&bdquo;Okay, warum hast du das gesagt?&ldquo;</p> <p>Sein Blick wird ernst. &bdquo;Ich habe das Gef&uuml;hl, du nimmst das nicht ernst&ldquo;, sagt er. &bdquo;Ich meine das hier. Uns.&ldquo; Er deutet zwischen uns, um seine Worte zu unterstreichen.</p> <p>&bdquo;Wovon redest du bitte? Was waren dann die letzten zwei Jahre?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich habe ein Problem damit, dass du mich deinen Eltern nicht vorstellen willst&ldquo;, sagt er. &bdquo;Du hast meine doch schon tausendmal getroffen. Was ist los? Sch&auml;mst du dich f&uuml;r mich?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nat&uuml;rlich nicht!&ldquo;, rufe ich mit einem verspielten L&auml;cheln. &bdquo;Ich will dich einfach ganz f&uuml;r mich allein haben.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Das ist nicht der wahre Grund&ldquo;, sagt er. &bdquo;Sei ehrlich.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Jack, es ist keine gro&szlig;e Sache.&ldquo;</p> <p>Er sieht mir in die Augen. &bdquo;F&uuml;r mich ist es das. Wenn wir weiter zusammen sein wollen, uns wirklich aufeinander einlassen wollen, muss ich deine Eltern kennenlernen&ldquo;, sagt er. &bdquo;Sonst ist es aus.&ldquo;</p> <p><i>Keine Panik. Keine Panik. Keine Panik.</i></p> <p>&bdquo;Na gut. Ich verspreche dir, dass du sie kennenlernen wirst&ldquo;, l&uuml;ge ich. &bdquo;Nur nicht am Abend des Abschlussballs, okay?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Gut. Dann vor dem Abschlussball.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du bist so &uuml;bereifrig.&ldquo; Ich mache Anstalten auf seinen Scho&szlig; zu klettern, um ihn abzulenken. &bdquo;Glaub mir, meine Eltern werden dich entt&auml;uschen.&ldquo;</p> <p>Er legt eine Hand auf meine Brust und schiebt mich zur&uuml;ck. Nicht fest. Nur gerade so, dass ich zur&uuml;ckweiche. &bdquo;Leona. Ich muss sie kennenlernen&ldquo;, wiederholt er. &bdquo;Wenn du mich ihnen nicht vorstellst, ist es aus zwischen uns.&ldquo;</p> <p>Die Angst in mir verwandelt sich in Wut. &bdquo;Das kannst du nicht ernst meinen!&ldquo;</p> <p>&bdquo;Es ist mein voller Ernst.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Und ich werde dich ernsthaft <i>nicht</i> meinen Eltern vorstellen.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Na gut.&ldquo; Er steht auf, und Wasser rinnt an seinem K&ouml;rper hinunter. &bdquo;Dann begleite ich dich nicht zum Abschlussball. Und auch nirgendwo anders hin.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Was zur H&ouml;lle! Du weigerst dich wirklich, mit mir zum Abschlussball zu gehen, nur weil du nicht zu mir nach Hause kommen kannst?&ldquo;</p> <p>Sein Kiefer spannt sich an. &bdquo;Nein, ich gehe zum Abschlussball. Mit jemand anderem. Ich mache Schluss mit dir, weil ich nicht zu dir nach Hause kommen kann.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Jack! Bist du verr&uuml;ckt geworden?&ldquo;</p> <p>Er starrt mich mit einer Mischung aus Wut und Mitleid an, steigt dann aus dem Whirlpool und geht davon.</p> <p>Meine Wut h&auml;lt mich davon ab, ihm hinterherzulaufen, auf die Tr&auml;nendr&uuml;sen zu dr&uuml;cken und ihn anzuflehen, es sich noch einmal zu &uuml;berlegen. Er hat keine Ahnung, was es mich gekostet hat, alles f&uuml;r den Abschlussball zu besorgen. Und er wird es auch nie erfahren, denn er kommt <i>nicht</i> zu mir nach Hause. Er wird meine Eltern nicht kennenlernen.</p> <p>Wenn er mich nicht genug liebt, um meine Entscheidung zu respektieren, wenn er nicht einmal eine einfache Bitte erf&uuml;llen kann, dann soll er zur H&ouml;lle fahren. Ich brauche ihn nicht.</p> <p>Ich starre ihm hinterher, bis er aus der T&uuml;r gegangen ist, dann sinke ich in den Whirlpool zur&uuml;ck, bis mir das Wasser bis zu den Augen reicht.</p> <p>Bis keiner meiner Freunde mich weinen sehen kann.</p> <h2>Kapitel 5</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Desiree &ndash; heute</p> </div> <p>Ich musste an der Rezeption anrufen, um extra Handt&uuml;cher zu erbitten und kam mir dabei wie eine absolute Idiotin vor. Wie eine dieser arroganten Tussis, die frivole Forderungen stellen und all ihren Freunden erz&auml;hlen, dass sie &bdquo;den Angestellten etwas zu tun gegeben haben&ldquo;, damit sie &bdquo;ihr Gehalt verdienen&ldquo;. Ich war die meiste Zeit meines bisherigen Erwachsenenlebens eine dieser niederen, Gehalt verdienenden Angestellten. Meistens im Gastronomiebereich. Jetzt, da ich richtig Geld auf dem Konto habe, bin ich fest entschlossen, mich niemals so zu verhalten wie diese Snobs.</p> <p>Trotzdem kann ich mir diese eine Bitte nicht verkneifen. Nicht, weil ich anderen mehr Arbeit bereiten will, sondern weil ich fest plane, jedes einzelne der superweichen Handt&uuml;cher, die derzeit im Badezimmer h&auml;ngen, zu benutzen, und ich nach dem Abendessen frische brauchen werde.</p> <p>Mein Zimmer hat einen echten Jacuzzi.</p> <p>Na ja, es ist nicht wirklich ein normales Hotelzimmer. Mehr eine Suite auf unterschiedlichen Ebenen. Der Wohnbereich auf tieferem Niveau ist mit einem Fernseher ausgestattet, der mindestens 80 Zoll gro&szlig; sein muss und die Fronten der Minik&uuml;che, die ich wahrscheinlich nie benutzen werde, sind auf Hochglanz poliert. Auf dem Balkon stehen luxuri&ouml;se Gartenm&ouml;bel, die zum Verweilen einladen, sowie eine eingemauerte Feuerstelle und ein ausziehbarer Sichtschutz. Links ab vom Wohnbereich befindet sich mein absolutes Traumschlafzimmer und auf der gegen&uuml;berliegenden Seite ist die Suite mit einem Badezimmer ausgestattet, in dem ich Baseball spielen k&ouml;nnte. Ich f&uuml;hle mich wie ein Rockstar.</p> <p>Ich kann nicht glauben, dass ich eine ganze Woche lang einen eigenen Jacuzzi haben werde.</p> <p>Und dann wird mir etwas klar: Wenn der Jacuzzi so toll ist, wie ich es mir vorstelle, kann ich mir zu Hause einfach einen kaufen. Ohne dar&uuml;ber nachzudenken, wie viel das kostet. Ohne mir Gedanken dar&uuml;ber zu machen, wie ich ihn nach Hause transportieren und installieren soll, denn das &uuml;bernehmen andere ab jetzt f&uuml;r mich.</p> <p>Ich h&auml;tte nie im Leben gedacht, dass ich einmal reich sein w&uuml;rde. Ich komme immer wieder auf Gedanken, die fr&uuml;her schwierig bis unm&ouml;glich umzusetzen gewesen w&auml;ren, aber jetzt kann ich einfach Geld daf&uuml;r ausgeben und schon ist alles erledigt. Das ist unglaublich. Ich kann alles haben, was ich will.</p> <p>Nun ja, fast alles. Ich kann meine &Auml;ngste nicht einfach verwerfen oder sie weghexen. Aber zumindest kann ich mich jetzt besser vor ihnen verstecken.</p> <p>W&auml;hrend ich auf die Handt&uuml;cher warte, schlendere ich durch das Wohnzimmer zu den Glasschiebet&uuml;ren, die auf den Balkon f&uuml;hren. Drau&szlig;en schneit es ziemlich stark. So viel zum besten Ausblick des ganzen Resorts, aber ich habe die Aussicht noch nie als besonders wichtig empfunden.</p> <p><i>Werden wir eingeschneit werden?</i> Das w&auml;re nicht so schlimm, schon allein deshalb, weil es bedeuten w&uuml;rde, dass der Rest der Welt uns nicht behelligen kann.</p> <p>Jemand klopft an die T&uuml;r und eine ged&auml;mpfte Stimme ruft: &bdquo;Zimmerservice.&ldquo;</p> <p>Mein breites L&auml;cheln verblasst, als mein Gehirn anf&auml;ngt, paranoide Gedanken auszukochen, w&auml;hrend ich durch den Wohnbereich gehe. <i>Was, wenn er es ist? Das k&ouml;nnte jeder sein. Er hat sich eingeschleust, hat dich gefunden, er wird &hellip;</i></p> <p>&bdquo;Halt die Klappe&ldquo;, r&uuml;ge ich, genervt von mir selbst. Ich habe alles &uuml;berpr&uuml;ft, bevor ich hierhergekommen bin. Er kann mich unm&ouml;glich gefunden haben. Ich bin nur wegen des Toten aufgew&uuml;hlt, wenn es &uuml;berhaupt eine Leiche war.</p> <p>Als ich die T&uuml;r erreiche, l&auml;chle ich wieder.</p> <p>&bdquo;Ihre Handt&uuml;cher, Ma'am&ldquo;, sagt die Frau im Flur, die hinter dem hohen Stapel Handt&uuml;cher kaum zu erkennen ist. Sie ist gr&ouml;&szlig;er als ich, hat braune Augen und dunkelbraunes Haar, das zu einem straffen Zopf zusammengebunden ist, und tr&auml;gt eine grau-schwarze Uniform, die fast wie Krankenhauskleidung aussieht, aber einen Schmetterlingskragen hat. Ihre Anstecknadel ist silbern statt golden. Wie bei Maura steht darauf einfach <i>Etagenservice</i> statt ihres Namens.</p> <p>Ich muss sagen, dass ich das System des Resorts sehr sch&auml;tze. Es ist besser als Namensschilder. Ich musste so etwas bei einigen meiner Jobs im Gastronomiebereich tragen, und es war schrecklich, wenn mich v&ouml;llig Fremde mit meinem Namen ansprachen, als w&uuml;rden sie mich kennen.</p> <p>&bdquo;Perfekt. Danke&ldquo;, sage ich und trete beiseite, um sie hereinzulassen.</p> <p>&bdquo;Kein Problem, Ma'am.&ldquo; Sie l&auml;chelt und geht zum Badezimmer, und ich eile zu der kleinen K&uuml;chenzeile, wo ich meine Handtasche abgestellt habe.</p> <p>Als ich pl&ouml;tzlich reich war, beschloss ich als Erstes, gro&szlig;z&uuml;gig Trinkgeld zu geben.</p> <p>Die Frau vom Etagenservice kommt mit leeren H&auml;nden zur&uuml;ck und nickt mir zu. &bdquo;Alles erledigt&ldquo;, sagt sie. &bdquo;Kann ich Ihnen weiter behilflich sein, Ma'am?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nein, danke. Und bitte nenn mich Desiree&ldquo;, sage ich zu ihr. In den letzten Monaten haben mich immer mehr Leute mit <i>Ma'am</i> angesprochen, und es f&uuml;hlt sich einfach falsch an. &bdquo;Freut mich, dich kennenzulernen &hellip;?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Elizabeth, Ma'am.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Elizabeth.&ldquo; Ich wiederhole ihren Namen, damit ich ihn mir einpr&auml;ge, und begleite sie zur T&uuml;r. Als ich ihr die T&uuml;r &ouml;ffne, strecke ich ihr den Zwanziger entgegen, den ich aus meiner Handtasche geholt habe. &bdquo;Vielen Dank. Das ist wirklich sehr nett von dir.&ldquo;</p> <p>Sie schaut unsicher von dem Geldschein zu mir auf. &bdquo;&Auml;hm. Es sind nur Handt&uuml;cher.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ich wei&szlig;, aber ich bin dir dankbar.&ldquo;</p> <p>Nach einer schwangeren Pause nimmt sie das Geld und l&auml;chelt. &bdquo;Danke, Ma'am. Ich meine, Desiree.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Nat&uuml;rlich. Ich w&uuml;nsche dir einen sch&ouml;nen Abend.&ldquo;</p> <p>Elizabeth scheint &uuml;berrascht. &bdquo;Gleichfalls!&ldquo;, antwortet sie, winkt mir zum Abschied zu, schnappt sich ihren Servicewagen, den sie vor der T&uuml;r stehen gelassen hat, und schiebt ihn den Flur hinunter.</p> <p>Ich will gerade wieder ins Zimmer treten, als ich ein leises <i>L&auml;uten</i> in der entgegengesetzten Richtung auf dem Flur h&ouml;re, in die Elizabeth gegangen ist. Automatisch schaue ich in die Richtung, aus der das Ger&auml;usch kommt. Die Fahrstuhlt&uuml;ren gleiten auf und eine umwerfend sch&ouml;ne schwarze Frau mit langen, bronzefarbenen Locken, die hochgesteckt frisiert sind, tritt heraus. Sie ist elegant gekleidet und hat souver&auml;ne Ausstrahlung, und selbst von hier aus kann ich erkennen, dass alles, was sie tr&auml;gt, teuer ist.</p> <p>Obwohl ich sie seit f&uuml;nfzehn Jahren nicht mehr gesehen habe, erkenne ich sie sofort.</p> <p><i>Sie</i> ist es.</p> <p>Leona Kent wirft einen kurzen Blick auf den Etagenplan, dreht sich dann um und kommt selbstbewussten Schrittes auf mich zu. Sie schaut auf ihr Handy und hat mich noch nicht bemerkt. Ein Teil von mir m&ouml;chte sie sofort zur Rede stellen und es hinter mich bringen. Andererseits m&ouml;chte ich zur&uuml;ck in meine Suite fl&uuml;chten, die T&uuml;r abschlie&szlig;en und mich bis zum Ende der Woche verkriechen.</p> <p>Ich bin so hin- und hergerissen, dass ich mich nicht von der Stelle r&uuml;hre. Ich stehe einfach da und starre sie an, bis sie langsamer wird und vor einer Zimmert&uuml;r stehen bleibt.</p> <p>Direkt nebenan.</p> <p>Bevor ich mich aus meiner L&auml;hmung l&ouml;sen kann, steckt Leona ihr Handy in ihre <i>Dior</i>-Tasche und schaut fast beil&auml;ufig auf. Ihr Blick ist &uuml;berrascht und sie muss zweimal hinschauen. Unsere Blicke treffen sich und ihre Augen weiten sich.</p> <p>Ich &ouml;ffne unwillk&uuml;rlich den Mund, aber es kommt nichts heraus.</p> <p>Leona schnaubt und rollt mit den Augen. Sie sch&uuml;ttelt die Schl&uuml;sselkarte aus einem kleinen Umschlag, zieht sie durch das elektronische Schloss, st&ouml;&szlig;t die T&uuml;r auf und verschwindet wortlos in ihrer Suite.</p> <p>Na toll. <i>Das</i> ist ja gut gelaufen.</p> <p>Ich ziehe mich zur&uuml;ck und schlie&szlig;e meine eigene T&uuml;r. Das laute Krachen der T&uuml;ren und Stampfen aus der Suite nebenan best&auml;tigen, dass Leona sauer ist. Das war typisch f&uuml;r sie in der Highschool, obwohl sie zu mir normalerweise freundlich war. Zumindest bis zu diesem letzten Monat, als alles auseinanderzufallen begann.</p> <p>Die alte Wut steigt in mir auf, aber ich unterdr&uuml;cke sie. Ich habe kein Recht auf dieses Gef&uuml;hl.</p> <p>Ich seufze und lehne mich gegen die T&uuml;r, um den &uuml;berw&auml;ltigenden Drang zu unterdr&uuml;cken zu schreien. Ich war darauf vorbereitet, wie schwer dieses Wiedersehen mir fallen w&uuml;rde, und doch ist es viel schlimmer. Wie soll ich mich heute Abend dazu zwingen, zum Abendessen zu gehen, geschweige denn zu den anderen Events, die offenbar f&uuml;r diese Woche geplant sind?</p> <p>Um mich auf andere Gedanken zu bringen, steuere ich den Jacuzzi an.</p>

Erscheint lt. Verlag 1.10.2025
Übersetzer Marijke Kirchner
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Amerikanisch • Domestic Thriller • Dunkle Vergangenheit • düstere Geheimnisse • Rache • Spannung • Thriller • USA
ISBN-10 3-69090-337-8 / 3690903378
ISBN-13 978-3-69090-337-0 / 9783690903370
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