Spielkreuz (eBook)
290 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-7511-6 (ISBN)
www.spielkreuz-klees.de
FAMILIE UND FRÜHE KINDHEIT
Alles begann am 26. April im Jahre 1955. Der Junge war bei der Geburt ein kräftiger Kerl.
Meine Eltern gaben mir den Namen Dietmar. Ein Name, der Programm werden sollte.
»Dietmar« kommt aus dem Althochdeutschen und leitet sich von den Begriffen thiot »das Volk« und mari »berühmt«, »angesehen«, »(aus Erzählungen) bekannt« ab.
Kurz: Dietmar ist der im Volk Beliebte und Berühmte.
Widmen wir uns zunächst dem Umfeld des Neugeborenen. Das Licht der Welt erblickt habe ich in einer alten Bergmannssiedlung, die durch den Bergbau im Laufe der Jahre zu einer stattlichen Gemeinde herangewachsen war. Die Schulen waren zu dieser Zeit noch nach Konfessionen getrennt. Es gab zwei Kirchen, eine große katholische und eine etwas kleinere evangelische. Meine Eltern, Helene und Viktor Klees, heirateten 1953 und wohnten von 1953 bis 1965 bei meinen Großeltern väterlicherseits. Ein kleines Haus mit drei Parteien.
Unten lebten meine Großeltern, Katharina und Willi, zusammen mit den beiden Brüdern meines Vaters. Sie waren wesentlich später, etwa zwölf Jahre nach meinem Vater, auf die Welt gekommen. Oma Katharina war eine lebenslustige Frau. Sie hatte in jüngeren Jahren Theater gespielt und war eine begnadete Witzeerzählerin. Wenn sie ihre Witze zum Besten gab, musste man unweigerlich in Lachen ausbrechen. Sie war auch stets zu Späßen aufgelegt.
Gerne erzählten meine Eltern die Geschichte, wie sie beim Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel einmal auf der Verliererseite gewesen war. Da hat sie einfach ihr Gebiss ausgezogen und mitten aufs Spielbrett gelegt. Da sind wohl alle aus dem Raum geflüchtet.
Mein Opa Willi war, wie ich erst sehr viel später aus Erzählungen erfuhr, in der Nazizeit zunächst arbeitslos gewesen, weil er nicht in die Partei eintreten wollte. Erst als die Familie fast am Verhungern war, hat er dann klein beigegeben und ist doch Parteimitglied geworden. Er war Bergmann und bildete die jungen Bergleute aus. Er war aber auch ein gewalttätiger Mensch. Er soll seine Kinder viel geschlagen haben.
Mein Vater sagte immer, dass er als Kind nur ein einziges Glasauto als Spielzeug gehabt habe. Das hütete er wie seinen Augapfel. Der Heiligabend war für ihn immer eine traurige Angelegenheit. Da gibt es eine Geschichte, die er uns oft erzählt hat. Seine Mutter wusch für andere Leute Wäsche. Einmal musste er an Heiligabend mit seiner Mutter in ein fremdes Haus gehen. Seine Mutter widmete sich unten im Keller der Wäsche einer wohlhabenden Familie und er saß dabei, während die Familie oben Bescherung hatte. Sie hätten ihm noch nicht einmal ein paar Plätzchen in den Keller heruntergebracht. Er weinte immer, wenn er diese Geschichte erzählte. So kam es dann auch, dass er sich, während wir am Heiligabend Bescherung machten, im Keller oder sonst irgendwo im Haus verkroch. Er wollte nicht, dass wir ihn weinen sahen. Nach der Bescherung stieß er dann wieder zu uns. Wenn er doch einmal mit dabei war, weinte er in unserer Gegenwart und dann kamen auch mir die Tränen. Ich bin immer schon ein gefühlvoller Mensch gewesen, was in meinem Leben auch später eine wichtige Rolle spielen sollte. Es dauerte viele Jahre, bis mein Vater am Heiligen Abend jedes Mal bei der Bescherung dabei sein konnte.
Die Eltern meiner Mutter, Albrecht und Klara Neumann, wohnten in einem anderen Ortsteil. Dort besaßen auch sie ein eigenes Haus. Oben wohnten meine Großeltern, unten die Schwester meiner Mutter, Ingrid, mit ihrem Ehemann Georg. Die beiden hatten damals einen Sohn. Später kamen noch zwei weitere Kinder hinterher. Die Großeltern Albrecht und Klara hatten während des Krieges auch noch einen Sohn bekommen, doch der war nach wenigen Tagen verstorben. Er hatte einen offenen Rücken gehabt, und das war damals ein Todesurteil, weil die Medikamente fehlten.
Oma Klara war eine klar denkende Frau. Sie hatte das Zepter in der Hand. Das heißt aber nicht, dass sie herrschsüchtig war. Sie hatte halt alles im Griff. Mein Opa Albrecht arbeitete in einer nahe gelegenen Fabrik. Er war im Maschinenraum tätig. Eine seiner liebsten Tätigkeiten war es wohl, den Maschinenraum sauber zu halten. Er putzte auch zu Hause immer die Böden. Er pflegte zu sagen, dass man bei ihm im Maschinenraum vom Boden essen könne. Er hatte nicht in den Krieg ziehen müssen, weil er als »unabkömmlich« zurückgestellt war. Doch war er während des Krieges oft tagelang durchgehend in der Fabrik gewesen, ohne nach Hause zu kommen. Meine Oma Klara brachte ihm das Essen immer in die Firma. Opa Albrecht war auch ein begeisterter Radfahrer. Er hatte in seiner Jugend wohl einige Preise bei Radrennen gewonnen. Er fuhr mit dem Fahrrad in die Fabrik. Er war so auf sein Fahrrad bedacht, dass er es mit in die Wohnung nahm, um es zu trocknen, wenn es der Regen einmal nass gemacht hatte.
Im Haus meiner Großeltern väterlicherseits, Katharina und Willi, wohnten meine Eltern oben unterm Dach. Zwei Zimmer. Vorne die Küche und dahinter das Schlafzimmer. Das Schlafzimmer war der Hauptstraße zugewandt. Ich kann mich noch gut an den Verkehr erinnern, wenngleich der damals noch gemäßigt war. Vor dem Haus war ein Schlagloch. Es war immer sehr lautstark, wenn ein Lastkraftwagen darüber fuhr. In der Küche stand der damals übliche Kohleherd mit großer Kochfläche und integriertem Backofen. Der Herd wurde durch eine als Halterung dienende Metallstange umgrenzt, die rund um die Herdplatten führte. Das Ofenrohr führte vom Ofen senkrecht in die Höhe und mit einem Knick in den Kamin hinein. Beheizt war somit nur die Küche. Bevor ich abends ins Bett ging, wurde die Schlafzimmertür aufgestellt, damit etwas Wärme ins Schlafzimmer drang. Im Winter hatten sich morgens im Schlafzimmer immer Eisblumen an den Fenstern gebildet.
Ich sollte in eine Mischehe geboren werden. Mein Vater katholisch. Die Mutter evangelisch. Eine Mischehe war zu dieser Zeit eine mittlere Katastrophe. Aber meine Eltern setzten sich durch. Die Hochzeit fand statt und alle waren so weit zufrieden. Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit noch unter Tage im Bergbau.
In seiner Freizeit spielte er Schlagzeug in einer Tanzkapelle. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie, wenn mein Vater Schlagzeug spielte, immer nahe bei ihm am Schlagzeug saß. Das war, auch während sie mit mir schwanger war, wohl nicht anders. Nun weiß ich heute, dass Kinder schon im Mutterleib ihre Umgebung mitbekommen, Geräusche und Stimmen wahrnehmen. Vielleicht hat das ja meinen Hang zur Musik geprägt, aber auch meine Schreckhaftigkeit bei lauten Geräuschen, wie zum Beispiel einem plötzlichen Knall.
Wenn wir später, als ich schon etwas größer war, auf einem Kindermaskenball waren, konnte ich die Knallerei der Kinder, die, als Cowboy, Pirat oder Indianer verkleidet, die Platzpatronen ihrer Colts krachen ließen, nicht ertragen. Ich saß dann meistens unterm Tisch, hielt mir die Ohren zu und weinte nicht selten. Ich selbst ging immer als Cowboy. Doch mit dem Colt habe ich nur selten geschossen. Erst als ich größer wurde, lernte ich die Knallerei zu ertragen.
Mein Vater trank in jenen Jahren vor meiner Geburt sehr viel. Das brachte wohl auch sein Spielen in der Band mit sich. Meine Mutter erzählte immer die Geschichte, dass die beiden nach so einem Tanzabend oft mit dem Fahrrad nach Hause gefahren seien. Meine Mutter saß dann auf dem Herrenfahrrad auf der Stange zwischen Sitz und Lenker. Heute undenkbar.
Nach meiner Geburt endete der hohe Alkoholkonsum meines Vaters. In meinem ganzen Leben habe ich meinen Vater höchstens etwa zehn Mal betrunken gesehen. So verrückt es klingt, er hatte mit Alkohol nichts mehr am Hut.
Meine Mutter gab ihren Beruf in einer ortsansässigen Textilfabrik auf und war von diesem Zeitpunkt an »nur noch« Hausfrau und Mutter. Sie war sozusagen der Oberbefehlshaber in der Familie. Sie kümmerte sich nicht nur um den Haushalt, sondern war auch für die Finanzen zuständig. Mein Vater konnte nicht mit Geld umgehen. Hätte er das Geld verwaltet, wäre nie welches da gewesen.
Nebenbei fertigten mein Großvater, mein Vater und seine Brüder Stahlgeländer und tolle Eisenzäune für Bekannte und Verwandte an. Natürlich in Schwarzarbeit. Schwarzarbeit war in der damaligen Zeit in den Köpfen der Menschen kein Verbrechen. Ganz in der Nähe gab es eine Schlosserei, die die gleiche Arbeit gewerblich betrieb. Dort wusste man von der Tätigkeit in der Familie Klees, unternahm aber nichts, um sie zu unterbinden. Schwarzarbeit (»Nachbarschaftshilfe«) war damals an der Tagesordnung.
Für die »Nachbarschaftshilfe« gab es im Keller eine komplett ausgestattete Werkstatt. In der Werkstatt befand sich die einzige Toilette im Haus. Diese war aber weder durch eine Wand noch durch eine Tür abgetrennt, sondern von der kleinen Werkstatt aus frei einsehbar. Dazwischen befand sich nur eine etwa einen Meter hohe Mauer. Wenn also jemand aus dem Haus auf die Toilette ging, mussten alle die Werkstatt verlassen. Das war immer mit lautstarkem Gemaule der Handwerker verbunden.
Neben meinen Eltern oben unterm Dach wohnte auch Veronika, die Schwester meiner Großmutter Katharina, zunächst noch mit ihrem Ehemann Phillip. Eine...
| Erscheint lt. Verlag | 17.9.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-6951-7511-7 / 3695175117 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-7511-6 / 9783695175116 |
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