Grenzzeit (eBook)
276 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-6951-4706-9 (ISBN)
Heike Kamp wurde 1967 in Thüringen geboren, studierte zu DDR-Zeiten Kristallografie und zu Westzeiten Betriebswirtschaftslehre. Zum Schreiben kam sie erst spät. Ihr Debütroman setzt sich mit dem Beginn der Wende in der DDR auseinander, einer Periode, die die Weichen für das spätere Zusammenwachsen der zwei deutschen Staaten stellte. Auch wenn sie schon ein Vierteljahrhundert in der Nähe von Köln lebt, sind ihre ostdeutschen Wurzeln immer noch spürbar.
1
Pünktlich um 19 Uhr standen Udo und ich vor dem Türschild »Walther/Bernbach« in der dritten Etage, Zillestraße 20, Berlin Charlottenburg und klingelten. Ich drehte mich noch einmal um. Kein Putz kam herunter, das Treppengeländer schien stabil, Lampen leuchteten auf jeder Etage, und das Beste, ein roter Kokosläufer lag über den Treppenstufen. Das gleiche Rot, mit dem ich aufgewachsen war. Wie der Stoff auf der Spanplatte, der Untergrund für die Wandzeitung im Klassenzimmer in der Polytechnischen Oberschule »Rosa Luxemburg«. Ich sah mich wieder mit Stecknadeln Bilder und Zeitungsartikel darauf festmachen, ich sah Überschriften »Wir ehren die Frauen zum Internationalen Frauentag«, »Wir sind Freunde der Sowjetunion«, »Unsere Heimat-die DDR«, und wie ich mich davorstellte, mit Abstand, und noch einmal genau prüfte, ob auch alles am richtigen Platz hing. Erst dann war ich mit mir zufrieden. Der rote Kokosläufer erinnerte mich daran, da lag das mit der Wandzeitung schon lange hinter mir. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, Studentin an der Karl-Marx-Universität Leipzig, sah auf das Rot, es kam mir so fremd vor, denn es machte mir nur eins klar, hier gehörte ich nicht hin.
Udo war es, der sofort zugesagt hatte, kurz vor Weihnachten, in der Lehmannsbuchhandlung, gegenüber der Technischen Universität in Westberlin. Wir mussten dorthin, weil er auf der Suche nach einem Buch war. »Streutheorie in der nichtrelativistischen Quantenmechanik. Eine Einführung«.
Für mich völlig uninteressant. Ich fuhr nur mit, weil ich in den Westen wollte. Um Sicherheit zu gewinnen, eine Art Training im Umgang mit dieser anderen Welt. Um den Westen irgendwann zu begreifen.
Die Lehmannsbuchhandlung war nicht meine erste Buchhandlung im Westen. Ich wusste also schon Bescheid über Büchertürme auf den Tischen, hatte schon Umschläge gesehen, die so glänzten, dass ich sie einfach anfassen musste. Und Buchseiten ohne Holzspäne waren auch nichts Neues mehr für mich. Deshalb bildete ich mir ein, ich suchte so selbstverständlich wie eine Westdeutsche nach etwas Bestimmtem. Ich dachte wirklich, niemand würde mich als DDR-Bürgerin erkennen.
Zuerst griff ich nach einem Buch aus dem Fach Psychologie, »Margarete Mitscherlich, Die friedfertige Frau«. Der Einband war blau, nur deshalb hatte ich es in die Hand genommen. Blau war mein Forschungsthema, aber dazu später. Ich blätterte darin, stellte es wieder zurück und ging zum Fach Veterinärmedizin, nahm ein Buch über Schweinekrankheiten, weil auf dem Umschlag das Schwein mit offener Schnauze so lustig aussah, und bemerkte das Paar, das uns auf den Weg zur Buchhandlung in der S-Bahn gegenübergesessen hatte.
Die Frau erkannte ich sofort, ihre Winterjacke glänzte wie die Buchumschläge, die überall herumlagen. Der Pelzkragen, keine Ahnung, ob er echt war, ging über die gesamte Schulter. So etwas hätte ich damals nie! angezogen. Für mich reichten Jeans und irgendetwas darüber, entsprechend übersichtlich war mein Kleiderschrank.
Der Mann schien ähnlich wie ich zu denken. Ich weiß nicht mehr, was er trug, nur dass sein Schnauzbärtchen mir aufgefallen war. Kleine dunkelblonde Nadeln oberhalb seiner Lippen.
Der Mann und die Frau waren in etwa unserem Alter, sahen aber irgendwie älter aus. Reifer. Die Frau war geschminkt, Mascara lag auf ihren Wimpern, die Lippen waren dezent nachgezogen.
Wie sie uns in der S-Bahn gegenübergesessen hatten, sich nicht bewegten und gelangweilt aus dem Fenster schauten, wirkten sie auf mich, als hätten sie alle wichtigen Fragen des Lebens bereits geklärt.
Ab und zu sah die Frau zu uns herüber, öffnete ihren Mund, wollte uns wohl ansprechen, was sie dann aber doch nicht tat. Irgendwann interessierte sie sich nicht mehr für uns, und sie schaute nur noch aus dem Fenster.
Die Bahn hielt an der Station »Zoologischer Garten« und wir stiegen zusammen aus. Sie tauchten im Menschenstrom unter. Ich vergaß sie auch sofort und war deshalb erstaunt, sie plötzlich in der Buchhandlung wieder zu sehen.
Die beiden sahen abwechselnd zu mir und zu Udo hinüber, während sie miteinander flüsternd stritten. Ich ging zu Udo, hielt ihm die Seite über Colidiarrhö der Saug- und Absatzferkel vor sein Gesicht, und deutete ebenfalls flüsternd auf das Paar. Udo, in seine nichtrelativistische Streutheorie vertieft, begriff erst überhaupt nicht, warum ich mit dem Schweinebuch auf ihn einredete. Deshalb musste ich auffälliger werden und auf sie zeigen. Das Paar fühlte sich ertappt, es ging auf uns zu. Wir vier lächelten uns an, wie entfernte Bekannte. Mit schiefem Mund.
»Kommt ihr aus der DDR?«, fragte uns die Frau.
Ich zuckte leicht zurück, als wäre ich bei etwas Ungehörigem ertappt worden. Nach unserer Antwort stieß die Frau den Mann in die Rippen und murmelte so etwas wie: »Siehst du!«. Zu uns sagte sie, sie wären beide Studenten an der Technischen Universität und würden eine Silvesterparty planen.
»Wollt ihr nicht dazu kommen?«
Nein, wollte ich nicht.
»Klar«, sagte Udo, »wird bestimmt interessant.«
Interessant sagte er. Nicht lustig. Damit konnte er nicht so viel anfangen. Wahrscheinlich sah er den Silvesterabend mehr unter dem Aspekt neue Anschauungen bei Diskussionen jedweder Art kennenzulernen, ob Politik, Kultur oder Geschichte, und nicht unter dem Faktor Spaß zu haben. Das war mehr so mein Ding, über Witze zu lachen und zu tanzen, bis in den Morgen hinein.
Die Frau freute sich, in mir stieg Ärger hoch, ich ließ ihn mir nicht anmerken.
Wir gaben uns die Hand.
»Juliane«, »Alexander«, »Udo«, »Swetlana«, und zogen unsere Münder breit. Juliane holte Stift und Zettel aus der Tasche. Es war eine zerknüllte Rechnung von Peek und Cloppenburg, auf die sie ihre Adresse schrieb. Anschließend grinsten wir zum letzten Mal, dann waren die beiden verschwunden.
Ja, solche Dinge konnten einem wirklich passieren, damals um diese Zeit. Da riefen tatsächlich westdeutsche Bürger von ihren Balkons herunter, wenn sie Hilfesuchende oder Unbeholfene auf ihrer Straße sahen, die eindeutig nicht aus ihrer Gegend waren: »Kommt doch auf eine Tasse Kaffee rauf!«
Ich allerdings traute dieser deutsch-deutschen Annäherung nicht und starrte auf den Zettel, den ich am liebsten weggeworfen hätte. Udo steckte ihn ein.
Und nun warteten wir vor der Wohnungstür, vor der ich eigentlich nicht warten wollte. Ich schaute nervös auf die Uhr am Handgelenk, ob wir wirklich pünktlich waren, mit der Vorstellung, im nächsten Augenblick Menschen gegenüberzustehen, die ich nicht kannte. Die ersten Sekunden des Kennenlernens sind die Entscheidenden, wenn es um sympathisch oder unsympathisch geht. Das hatte im »Magazin« gestanden, der Zeitschrift, die es bei uns, als noch alles seinen sozialistischen Gang ging, nur unter dem Ladentisch zu kaufen gab. Deshalb streckte ich mich schon einmal vor der Tür und lächelte konzentriert ins Leere. Das Verrückte war, dass ich bis dahin immer noch hoffte, die Adresse wäre falsch und wir könnten zurück nach Leipzig fahren.
Doch dann öffnete sich die Tür, Juliane strahlte uns an. Sympathisch, aber wer weiß. Das schwarze Kleid ging bis zum Knie, war ohne Schnörkel und formte ihre Figur, die Beine, die Taille und ihre nicht zu großen und nicht zu kleinen Brüste. Ob sie wusste, wie umwerfend sie darin aussah? Bestimmt.
Wir traten in den Flur, ich zögernd, als würde ich eine verbotene Linie übertreten, Udo beschwingt, als wäre dieselbe Linie ein Siegerband. Auf der einen Seite des Flures befanden sich eine Garderobe mit Schuhregal und einem Spiegel, auf der anderen Seite ein gerahmtes Poster. Ein Auge sah auf uns herab. Es war gemalt, sah aber echt aus, mit den Wimpern und einer Iris, die im Wasser schwamm. Das Auge weinte. Ich betrachtete das Plakat, versank in dem Auge, das nur noch mich ansah, und stellte es mir in meinem Flur vor. Natürlich ohne Rahmen, nur mit Reißzwecken befestigt.
Als ich wieder zu mir kam, standen drei weitere Personen vor uns. Alexander kannten wir bereits, zumindest vom ersten Händedruck. Und wieder fällt mir nur sein Schnauzbart ein. Die beiden anderen begrüßten uns freudestrahlend, so wie man Freunde begrüßt, die man eine Ewigkeit nicht gesehen hat. Was ein wenig merkwürdig aussah, denn wir umarmten uns nicht. Eine Haarlocke der Frau, hellblond, fast weiß, sie ging von ihrer Stirn bis zum Kinn, lag bewegungslos über ihrem Gesicht, die anderen Haare standen gekonnt in alle Richtungen. Ihre Bluse war goldfarben und die Hose schwarz, sie glänzten an ihr. Die Creolen in ihren Ohren hingen fast bis zu ihren Schultern.
Und dann gab sie mir die Hand. Natürlich wusste ich, wie unhöflich es war, beim Händedruck dem anderen nicht in die Augen zu schauen. Aber ich sah nur diese goldenen Fingernägel, ja, goldene Fingernägel, funkelnde lange, superlange Spitzen, blitzende Krallen. Sie griffen zu, umschlossen meine Hand und ich wollte sie auf meiner Haut...
| Erscheint lt. Verlag | 16.9.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-6951-4706-7 / 3695147067 |
| ISBN-13 | 978-3-6951-4706-9 / 9783695147069 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 855 KB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich