Die Legende von Moira: Phýsis (eBook)
362 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5909-8 (ISBN)
A. J. Kavka war schon als Kind ein Fan von Paralleluniversen und den unendlichen Möglichkeiten, die sich durch jene eröffnen. Die Liebe zur Science-Fiction ist bis ins Erwachsenenalter geblieben und inspirierte A. J. schlussendlich zur Trilogie »Die Legende von Moira«, in der es um Themen wie den Klimawandel sowie den verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen und neuen Technologien geht. Hierbei werden wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Konzepte zur nachhaltigen Stadtplanung und Belletristik miteinander verbunden, um sie greifbarer zu machen und Lösungen für eine bessere Welt von Morgen aufzuzeigen.
KAPITEL 2 : VOM WISSEN UND STREBEN
»Was ist der Mensch, wenn er alles war, nur nie menschlich?«
(Alexander, Erde 1)
Erde 1, 2039 nach Christus, 10 nach Apophis
Eine Welt ohne die Menschheit. Etwas sagte Herrn K., dass diese Vorstellung in nicht allzu ferner Zukunft liegen würde und die junge Frau sah das ebenso. Der Mensch-Rind-Hybrid, der sie ihr Leben lang in ihren Träumen verfolgte, war ein Beweis dafür. Ihm war im wahrsten Sinne des Wortes alles Menschliche ausgetrieben worden. Doch sie erkannte das zu spät, weshalb sie ab jenem Tag begann, an ihrer Fähigkeit zu zweifeln, andere richtig einschätzen zu können. Ein Gefühl des Versagens machte sich in ihr breit und ließ sie glauben, dass ihre Familie enttäuscht von ihr gewesen wäre. Sie kam deshalb nicht umhin, sich zu fragen, wie es ihren anderen Versionen ergangen war, auf deren Erden es ähnliche Kriege wie auf den Erden 1 und 2 gegeben hatte.
Es dauerte deshalb eine Weile, bis sie eine Erde fand, auf der ihr anderes Ich samt ihrer Familie rechtzeitig hatte fliehen können. Zu ihrer Verwunderung arbeiteten sie dort als erfolgreiche Psychoanalytikerinnen. Also begann sie damit, alles über ihre andere Familie zu recherchieren, die so brillant war und eben jene Version gab ihr neues Selbstvertrauen, obwohl auch jene längst tot war. Sie fühlte sich dennoch mit der anderen Rahel so verbunden, als wären sie ein- und dieselbe Person. Es erfüllte sie deshalb mit Stolz, dass jene in ihrem Leben etwas erreicht hatte. Dabei war ihr nur allzu bewusst, dass es nicht ihre Leistung war und das stimmte sie traurig. Es war, als wäre sie von dem jungen Mann mit Selbstzweifeln angesteckt worden, denn auch sie begann nun, sich unnütz zu fühlen, weil sie ihre eigene Arbeit nicht wertzuschätzen wusste. Sie kam trotz ihrer Brillanz einfach nicht auf die Idee, dass sie ihre Leistung seit jeher nur an einem einzigen Ereignis maß: an dem Tod ihrer Familie. Und egal, was sie tat oder noch tun würde, nichts würde diese Tragödie verhindern können und das sah sie als ihr eigenes Versagen an.
Sie begann mit ihrem Schicksal zu hadern und sich zu wünschen, ihre Vergangenheit verändern zu können. Der junge Mann war also nicht der einzige, der — ungeachtet der Konsequenzen — gern in der Zeit zurückgereist wäre. Zu ihrem Bedauern konnte sie die Ermordung ihrer Familie nicht verhindern, deshalb war alles, was sie tat, niemals genug, sofern jene tot blieb. Es war wie der Kampf Don Quijotes gegen die Windmühlen. Wie die Arbeit des Sisyphos, der stets kurz vor seinem Ziel scheiterte. Dabei hätte sie gern das Vertrauen des kleinen David gehabt, als er gegen den unbezwingbaren Goliath kämpfte und dabei auf die Hilfe Gottes vertraute. Doch ihr Glaube war nicht so unerschütterlich, wie es schien. Überhaupt gab es seit jeher Phasen in ihrem Leben, in denen es ihr schwer fiel, zu vertrauen, zu glauben. Erst im Laufe der Mission und durch viele Bücher fand sie ihren Glauben schließlich wieder. Es war, als wäre er mit zunehmendem Wissen gewachsen, bis die tragischen Ereignisse in 1847 und 1848 ihn erneut erschütterten.
Zeitlose Zwischendimension (Erde 1: 2020 nach Christus, 8 vor Apophis)
Alexander sitzt inzwischen wieder am Krankenbett von Rahel und unterhält sich mit ihr.
»Wie geht es den Menschen auf 1848?« Rahel kann kaum sprechen, als sie Alexander diese Frage stellt.
»Denk nicht so viel darüber nach. Du musst dich erholen.« In seinen Worten schwingt Besorgnis mit.
»So schlimm?« Ihre Stimme klingt wie die einer heiseren, alten Frau.
Ihm wird in diesem Moment bewusst, dass sie genau das ist: eine alte Frau. Er versucht zu lächeln, doch es will ihm nicht gelingen.
»Schlaf erst einmal und ruh dich aus«, sagt er deshalb nur.
Rahel will protestieren, aber als sie versucht, sich aufzusetzen, merkt sie, wie schwach sie noch immer ist. Sie lässt sich seufzend in ihr Kissen zurücksinken, als würde sie resignieren, doch Alexander kann in ihren Augen sehen, dass dem nicht so ist.
Sie setzt zum Reden an, merkt aber, dass auch das zu anstrengend für sie ist und lässt es bleiben. Er lächelt sie traurig an.
»Ich weiß«, sagt er und drückt ihre Hand. »Ich weiß.«
Er bleibt an ihrem Bett sitzen, bis sie eingeschlafen ist. Er hält ihre Hand, als würde er fürchten, dass sie ihm sonst davon fliegen würde. Er starrt auf ihre zierlichen Finger, die wie die einer Mitte 20-Jährigen wirken, auch wenn sie schon über hundert ist. Er muss schlucken, als er daran denkt und ihm klar wird, dass hier absolut nichts so ist, wie es scheint. Nichts in dieser zeitlosen Zwischendimension wird jemals so sein wie die Erde, die er kennt. Alles, woran er je geglaubt hat, ist hier anders, fremd, einzigartig und doch hat er manchmal ein Gefühl, als wäre er zu Hause, irgendwie.
Dabei weiß er nicht einmal, wo genau sie sich eigentlich befinden oder wie viel Zeit seit seiner Ankunft vergangen ist. Es könnten Tage sein, Wochen, Monate, sogar Jahre — sein Zeitgefühl scheint hier nicht zu funktionieren, denn er lebt in einer Dimension, in der es die Zeit nicht zu geben scheint. Manchmal ist er sich nicht einmal mehr sicher, ob es sie und den Raum überhaupt gibt oder ob sie nur Konstrukte sind. Er kann nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob er selbst und all die anderen hier echt sind oder ob sie nur Abbilder von etwas sind oder Figuren in einer Simulation. Hm.
Er starrt Rahel an, die gerade friedlich schläft, als hätte sie nie etwas anderes getan — wie Dornröschen, die in einen hundertjährigen Schlaf gefallen war und nur von einem jungen Mann wachgeküsst werden konnte. Hundert Jahre, ein ganzes Jahrhundert. Was in dieser Zeit alles passieren kann. Was in dieser Zeit alles passiert WAR. Und »war« ist das richtige Stichwort, denn das vergangene Jahrhundert war nicht nur auf seiner Erde eine von Kriegen geprägte Epoche. Selbst nach so vielen Jahrhunderten voller brutaler Kämpfe scheinen die Menschen noch immer nichts aus ihren eigenen Fehlern zu lernen.
***
Alexander ergeht es deshalb ähnlich wie Phýsis, die dieser Spezies allmählich überdrüssig wird. Geschaffen, um die vielen Universen zu retten, die sie und ihr Bruder immer wieder zu verlieren drohen — und doch ist der Mensch alles andere als ihre Rettung. Für Lógos trägt das Wort die Schuld, doch Phýsis sieht die Wurzel allen Übels in dem Menschen selbst, auch wenn die Universen schon vor dessen Erschaffung untergegangen sind. Sie kann sich nicht einmal daran erinnern, wie viele sie inzwischen erschaffen haben geschweige denn, wie viele von ihnen von einer menschlichen Zivilisation bewohnt werden. Es sind definitiv zu viele, denn jedes neue Universum steht für einen weiteren Fehlversuch — als wären die Universen nichts weiter als ihre Versuchskaninchen.
***
Alexander ahnt davon glücklicherweise nichts, während er an Rahels Krankenbett sitzt, ihr die Hand hält und über die großen Fehler der Menschheit nachdenkt. Seine Wut steigert sich dabei fast bis ins Unermessliche. So sehr, dass er tief durchatmen muss und sich ganz vorsichtig von Rahels Hand löst, um sie bloß nicht zu verletzen.
Er steht auf und verlässt leise die Krankenstation, um ein paar Schritte über den Gang zu laufen. Er ist so wütend, dass er kurz davor ist, mit seiner Faust ein Loch in die Wand zu schlagen. Er hat seine Hand bereits gehoben, senkt sie dann aber wieder. Für einen Moment wirkt er wie ein Häufchen Elend.
Er bleibt stehen, lehnt sich mit dem Rücken an die Wand und schließt seine Augen, um sich zu beruhigen. Er zählt in seinem Kopf bis zehn und fragt sich, was Rahel an seiner Stelle tun würde.
»Der Zengarten.«
Er öffnet seine Augen, geht einige Schritte über den Gang und zieht den Plan der zeitlosen Zwischendimension aus seiner Hosentasche. Er sieht sich die Gänge auf der Zeichnung an, während er mit dem Plan in der Hand durch die Gänge streift, bis er endlich vor der Tür zum Zengarten steht.
Er betritt den Garten und setzt sich im Schneidersitz vor einen der Steine, während der Springbrunnen plätschert. Heute kann er das allerdings nicht genießen, denn er muss unbedingt eine Lösung finden. Seine Wut blockiert ihn allerdings, also versucht er sich in Rahel hineinzuver-setzen. Sie würde jetzt wissen, was zu tun ist, aber sie braucht Ruhe und Schlaf, also kann er sie nicht fragen. Das bringt ihn auf eine Idee, also steht er auf, klopft sich den Sand ab und verlässt den Zengarten.
Er rennt daraufhin die Gänge entlang, bis er in dem Vorraum nahe des Aufzugs angekommen ist. Er eilt an einigen Monitoren vorbei, die an den Wänden hängen und bleibt dann vor einem der Touchpanel stehen. Er wischt auf dem Screen für Erde 1 herum, um Rahels Namen einzugeben, kann sich aber nicht an ihren Familiennamen erinnern. Er braucht deshalb eine ganze Weile, bis er ihren Nachnamen herausgefunden hat.
Er gibt jenen in die Suchmaske ein und erhält nur Treffer zu ihrem Tod. Er geht zum nächsten Touchscreen und versucht es auch dort mit ihrem Namen. Wieder zeigen die Treffer nur ihren Tod an....
| Erscheint lt. Verlag | 17.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-8192-5909-0 / 3819259090 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5909-8 / 9783819259098 |
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