Der Wolf und die letzte Siedlung (eBook)
528 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7474-2 (ISBN)
Sie hat schon immer Geschichten und das Schreiben geliebt. So hat es sie das ganze Leben begleitet, auch wenn das noch gar nicht so lang ist. Während des Studiums macht es besonders viel Spaß, wenn man das Lernen vor sich hin schiebt. Es ist viel schwieriger, nicht zu schreiben, wenn all diese schönen Figuren eine Stimme haben wollen. Der beste Schreibcompanion? Eine sehr flauschige Katze.
KAPITEL 1
Spätsommer 2062
In den Sonnenuntergang zu fahren, hatte was Verwegenes, Romantisches, etwas, das nach Abenteuer und vielleicht nach Western schrie. Zu dieser Zeit war jedoch nichts Romantisches und schon gar nichts nach Western daran. Sonnenuntergang bedeutete Nacht und Nacht hieß Tod. Eigentlich verhieß auch der Tag Tod, aber in der Nacht, wenn man den Eindruck haben könnte, dass Schlaf am wichtigsten war, wurde man verletzlich und das merkten sie sich.
Es war einer der Gründe, warum ich lieber in der Nacht gefahren wäre, aber auch ich war nicht davor in Sicherheit, wie müde die Dunkelheit machen konnte und wie wenig weit mich die schlechten Straßen unter dem Gladiator trugen, wenn ich die Schlaglöcher nicht einmal sehen konnte, bevor sie mich durchschüttelten.
Ich hatte noch Glück, wenn man bedachte, dass ich auf der Pritsche meines Autos schlafen konnte. Andere Ranger hatten dieser Tage Probleme, ein so großes Auto zu bekommen, das auch noch genug Reichweite hatte, um ihrer Aufgabe Herr zu werden. Meistens sparten sie dann an der Größe. Aber nicht ich mit meinem treuen Jeep, dem Gladiator, unverwüstlich, uralt und eigentlich gar nicht meiner.
Ich hatte ihn geliehen. Nun ja, ohne Wissen des Besitzers geborgt, und fuhr seit Stunde Null mit ihm herum wie mit einer Trophäe, einem Zuhause. Es war nicht abwegig, dass es mehr einer Heimat glich als alles, was ich bis hierhin mitgenommen hatte.
Meine Aufgabe war es, all diejenigen verlorenen Seelen zu finden, die die Stunde Null überlebt hatten. Manche hatten sich in Camps zusammengerottet, manche Städte hatten überlebt und manche Leute hatten es geschafft, postapokalyptische Stämme zu bilden, die wie in der Steinzeit Handel miteinander trieben. Alles, was Stunde Null überlebt hatte, musste miteinander verbunden werden. In einem der ersten Camps, in denen ich Zuflucht gefunden hatte, war ich auf ein paar Leute gestoßen, die es sich zur Aufgabe machten, alle Überlebenden zu connecten. Es war nicht einmal ansatzweise vergleichbar mit dem Internet oder anderer Kommunikation, aber die rudimentären Strukturen erlaubten es dem Rest der Menschheit immerhin, sich gegenseitig zu warnen und im Notfall Hilfe rufen zu können. Auch wenn es keine Garantie dafür gab, dass die Hilfe dann auch kam.
Das Netzwerk, das ich nun bei jedem Camp, jeder Gemeinschaft – jedem, der beschlossen hatte, an Ort und Stelle zu bleiben, sich zu verbarrikadieren und zu überleben – installierte, nannten wir das Absolem-Netzwerk. Ich wusste selbst nicht so genau, warum es diesen Namen trug. Vielleicht war einer seiner Erfinder von Raupen oder Alice im Wunderland besessen oder vielleicht gefiel ihnen einfach nur, wie alle über den super bescheuerten Namen den Kopf schüttelten.
Ich hatte geholfen, es zum Laufen zu bringen, und ich würde vermutlich bis an mein Lebensende helfen, es zu verbreiten. Das war meine Aufgabe als Ranger.
Man nannte mich „den Wolf“. Die wenigen Funksignale, die über Absolem gesendet werden durften, kündigten auch Ranger an, wenn wir ausgesandt wurden, um Überlebende zu suchen, wenn wir ein neues Camp anschlossen und wenn wir geschickt wurden, um an einer Kampfstätte zu Hilfe zu eilen. Man nannte mich den Wolf, weil es mein Nachname war, auch wenn ich ansonsten bei Weitem nichts Wölfisches an mir hatte. Sie hätten mich nach jedem anderen Tier benennen können, sogar mein Vorname gab noch eins her, aber sie hatten über meinen Kopf hinweg entschieden, mich den Wolf zu nennen.
Catlyn Wolff, der Wolf, der in einem Gladiator herumfuhr.
Früher hätte ich dieses Leben geliebt, hätte jede Sekunde davon aufgesaugt und mich mit Fotos und so vielen Erinnerungen versorgt, wie ich finden konnte. Jetzt hielt ich mich an dem fest, was vor Stunde Null passiert war und hoffte, wenigstens etwas davon wiederzufinden.
Jeder hatte jemanden verloren, jeder suchte jemanden. Ich suchte meine Freunde, meine Familie. Ich wusste nicht, ob jemand von ihnen den Beginn des ganzen Desasters, das die Welt heimsuchte, überlebt hatte, aber neben meiner Arbeit als einsame Seele auf der Suche nach anderen einsamen Seelen, suchte ich nach Ezra, nach meinen Eltern, den anderen und nach…
Ich schloss die Augen und verdrängte das Bild, das sich für immer auf die Rückseite meiner Netzhaut eingebrannt hatte. Diese Furcht, die Feigheit… und ein anderes Bild von purer Freude, die ich immer mit dem Gedanken an Ezra und ihre langen, geflochtenen Zöpfe verband, mit denen sie immer gespielt hatte. Ich mochte mich nicht fragen, ob ich sie je wiedersah, denn darauf zu hoffen, war alles, was mir blieb.
Als ich die Augen öffnete, war der Gladiator ein bisschen von der Straße abgekommen. Mit einem kleinen Stupser gegen das Lenkrad führte ich ihn wieder zurück auf die Fahrbahn, aber es juckte wortwörtlich niemanden. Ich hätte querfeldein rasen können und niemand hätte mich aufgehalten.
„Du solltest besser aufpassen, wo du hinfährst“, ertönte Adams Stimme belustigt neben mir.
Ich zuckte zusammen. „Du sollst mich nicht erschrecken!“
„Wo willst du denn hier vor Schreck gegenknallen?“, erwiderte er spöttisch und wies auf die karge Landschaft, die toten Felder und die umgekippten, überwucherten Überreste menschlicher Zivilisation. Überwiegend Dinge, über die die Räder wegrollen würden.
„Dann ist es auch egal, ob ich auf der Straße bleibe“, brummte ich.
Adam beugte sich über meine Schulter und begutachtete das Display hinter dem Lenkrad, das ich jetzt so fest umklammerte, dass meine Fingerknöchel weiß wurden. „Wenn du nicht kurz vor dem nächsten Camp aussteigen und schieben willst, solltest du unwegsames Gelände vermeiden.“
Sein altkluger Ton ging mir auf die Nerven und ich verdrehte die Augen. „Es ist ein Geländewagen, Adam. Der Akku hat mich noch nie im Stich gelassen.“
„Ich will nicht sehen, wie meine kleine Schwester von Leichen gefressen wird, weil sie zu dumm zum Fahren ist“, meinte er und trotz der beleidigenden Worte, hörte ich echte Sorge aus seiner Stimme heraus.
Ich schwieg.
„Sie verwesen irgendwie schneller“, sagte Adam nach einer Weile. Er beobachtete die Landschaft vor dem Fenster, und hin und wieder kreuzten wir den Weg einer Leiche mit aschfahler Haut, eingerissenen Weichteilen und zerschlissener Kleidung.
Ich zuckte mit den Schultern. „Das kommt dir nur so vor. Wahrscheinlich sind es welche von der ersten Welle.“
„Eklig sind sie auf jeden Fall.“ Er schüttelte sich.
Ich nickte. „Und viel zu stark. Es ist nicht mehr so leicht wie am Anfang, sie zu erledigen.“
„Ja, sie scheinen sich zu formieren, Strategien zu entwickeln.“ Adam war ein Beobachter; der scharfe Verstand meines Unterbewusstseins, auf den ich definitiv öfter hören sollte. Er erkannte Muster in den Dingen, die wir wussten. Und ich wusste eine Menge über die Leichen. Wahrscheinlich mehr als so manch anderer Mensch.
„Die KI lernt. Damit hatten die ganzen Schwurbler am Ende recht.“ Leider.
„Sie hätten nicht gleich eine Zombieapokalypse auslösen müssen, um es unter Beweis zu stellen“, sagte Adam und seine Stimme klang erschöpft, fast so wie ich mich immer fühlte, wenn ich über das Thema nachdachte.
Hätte, hätte, Fahrradkette.
„Man hätte sie nie bei Osiris reinlassen dürfen“, erwiderte ich, ohne nachzudenken. Ich wusste doch, in welche Richtung wir uns mit diesem Gespräch drehten. Wir diskutierten über die Infiltration von Verschwörungstheoretikern mit rudimentärem Wissen über Computertechnik bei einem der größten Technikkonzerne des letzten Jahrhunderts, und wie sie es geschafft hatten, die bahnbrechende Erfindung der medizinischen Nanobots in ein tödliches Zombievirus zu verwandeln, nur um der gemeinen Weltbevölkerung zu zeigen, wie dumm wir alle waren, der Wissenschaft zu trauen.
Den Tag, an dem sie ihr Virus in der KI der Nanobots aktivierten, nannte man Stunde Null. Es war der schwärzeste Tag im Kalender, weil es seither keine Kalender mehr gab. Oder jedenfalls kümmerte sich niemand mehr darum.
Die nachfolgende Katastrophe hatte daraufhin fast die Menschheit ausgelöscht. Das eingespeiste Virus hatte zu Stunde Null leider auch die Nachrichtendienste, das Internet und alle anderen Kommunikationssysteme gekillt, sodass wir bis heute nicht wussten, wie groß der Schaden an der Menschheit eigentlich war. Vielleicht waren wir in Westeuropa noch die einzigen Überlebenden, auch wenn ich das nicht wirklich glaubte. Als Ranger hatte ich schon früh sehr viele Menschen kennengelernt, die wie ich herumreisten und wenigstens etwas über die frohe Kunde von anderen noch nicht infizierten Menschen verbreiten konnten.
Ich hatte Geschichten gehört, dass andere Länder mit den verrücktesten Methoden auf das Zombie-Problem reagiert hatten. Auf Island hatten sie mit Hilfe von einigen übermotivierten Franzosen einige kleinere Atombomben gezündet und die ganze Insel unbewohnbar gemacht. Das hatte auch einige andere...
| Erscheint lt. Verlag | 19.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-7693-7474-6 / 3769374746 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-7474-2 / 9783769374742 |
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