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Au-pair Grand-Mère  in Peking -  Irmgard Irro

Au-pair Grand-Mère in Peking (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
324 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-8580-6 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,49 inkl. MwSt
(CHF 9,25)
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Tagebucheinträge während meiner spannenden Reise in Peking.

26. April 2013, 0.10 Uhr


Unser Flugzeug erreicht das Ural–Gebirge, dessen südlichen Teil wir gerade überfliegen. Wie fühle ich mich jetzt, nachdem ich Europa verlassen habe und mich nun in Asien befinde, und dies noch dazu über den Wolken? Ich kann es nicht beschreiben. Ich hatte bisher nicht das Vergnügen eines solchen Gefühls. Aber sehr komisch ist mir schon zumute. Es ist, als würde sich eine Bruchstelle auftun zwischen meinem Leben hinter mir und dem vor mir. Eine Bruchstelle in doppeltem Sinne, denn mein Herz wurde mehrmals gebrochen.

Moskau liegt schon eine Weile hinter uns, nun der Ural, dann die geschichtsträchtige Stadt Jekaterinburg. Unwillkürlich denkt man an die Ermordung der Zarenfamilie im russischen Bürgerkrieg. Was für ein grausames Verbrechen!1 Immer Richtung Osten überqueren wir das Westsibirische Tiefland in einer Höhe von 11.277 Meter und einer Geschwindigkeit von 883 km/h.

1.20 Uhr: Jetzt fliegen wir Richtung Novosibirsk, aus der Nachtzone heraus und der Sonne entgegen.

2.30 Uhr: Unter uns liegt das Sayan Gebirge. Wir sind über der Mongolei. Fasziniert verfolge ich unseren Flug Richtung Ulan Bator. Ich schließe die Augen, stelle mir die Wüste Gobi vor, die südlich davon liegt. Es ist dunkel im Flugzeug, nur die Monitore, welche eingeschaltet sind, geben etwas Licht ab. An allen Fenstern sind die Jalousien heruntergezogen. Neben mir auf dem Fensterplatz kämpft eine junge Chinesin mit ihrer Müdigkeit und ihrer Erkältung. Hoffentlich steckt sie mich nicht an! Ich sehe wieder auf den Bildschirm. Er zeigt die Namen der Städte Beijing (Peking), Seoul, Hongkong, Tokio, Harbin. Mir wird fast schwindlig im Kopf. Vielleicht träume ich das alles nur? Harbin, genannt „Paris des Fernen Ostens!“ Über diese Stadt in der Mandschurei hatte ich erst vor kurzem etwas gelesen. Die Stadt entstand Ende 19. Jhdts. und war Knotenpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Es lebten in Harbin viele Juden aus Moskau, Odessa, Leningrad. Ab 1933 flohen viele jüdische Ärzte, Musiker und andere aus Deutschland und Österreich bis hierher ans Ende der Welt.2

4.30 auf meiner Uhr. Ich stelle sie nicht sieben Stunden, auf die Uhrzeit in Peking, vor. Noch nicht! Mein Bewusstsein hat noch Schwierigkeiten mit dem Übergang.

Bald werden wir landen. Ich bin in Asien! Was wird mich hier erwarten? Es beschleicht mich ein leicht mulmiges Gefühl. Da tauchen vor meinem inneren Auge die fünf Menschen auf, deren ernste Aussagen ich leichtfertig abtat: Frau Kristin Emmerinck von „Madame Grand-Mère“ e.V., in Prien am Chiemsee, die mich vermittelte: „Wenn Sie irgendwelche Schwierigkeiten haben, bitte nehmen Sie sofort mit mir Kontakt auf.“ Meine gute Kameradin Luise: „Mein Sohn Stefan bittet dich, gleich bei ihm in Shanghai anzurufen, wenn Du dich in der Familie nicht wohl fühlst. Er ist mit einer Familie in Peking befreundet, die dich gerne aufnehmen will.“ Meine literarische Ratgeberin und Nachbarin Heidi: „Ja, diese Familie in Peking freut sich schon darauf, in dir eine billige Haushaltshilfe zu bekommen.“ Meine japanische Freundin Kosi: „Du musst wissen, die chinesischen Frauen sind ganz anders. Sie sind sehr selbstbewusst, treten auch so auf und fordern das ein, was sie sich vorstellen.“ Meine junge chinesische Nachbarin jedoch, die eine Zeit lang in Peking gelebt hat, schaute mich nur ernst an, sagte nichts. Ich hätte so manches in ihren Augen lesen können, aber ich kann nicht chinesisch lesen!

Der Kapitän sagt, er fliege jetzt um Peking eine Schleife. Ich sehe hinunter auf unseren ‚Blauen Planeten‘. Mein Herz schlägt etwas schneller. Wir überfliegen ein Gebirge, so braun, so bucklig, so nackt und so menschenleer, und doch bezaubernd schön! Dieses Nordchinesische Bergland sieht ganz anders aus, als ich es von unseren Alpen gewohnt bin. Die Natur selbst ist doch die wundervollste Baumeisterin und Künstlerin! Mein Herz klopft gewaltig. Wir nähern uns Agrarland. Die Ackerflächen sind mit ihren geraden Linien fast geometrisch eingeteilt, was mir ‚chinesisch‘ vorkommt. Dazwischen fast nicht erkennbare einzelne Häusergruppen. Das Flugzeug beginnt den Sinkflug. Die Motoren werden leiser. Mutter Erde rückt immer näher und näher. China! Ich bin in China! Meine Gefühle sind überfordert. Schon sind wir über der Rollbahn. Ein kurzer Ruck und das Flugzeug hat aufgesetzt. Die Passagiere müssen noch bis zum Ausrollen angeschnallt sitzen bleiben. Mir ist fast übel. So fern der Heimat! Ich reiße mich zusammen und denke: Himmel, ich muss am Tag der Entscheidung nicht ganz bei Sinnen gewesen sein! Mein Entschluss als, Au pair Grand-Mère‘ nach China zu gehen, nimmt jetzt Gestalt an. Das Ganze ist ein Abenteuer! Ich wollte es doch so!

Endlich werden wir aufgefordert, das Flugzeug zu verlassen. Als ich mit den anderen Insassen in Richtung ‚EXIT‘ gehe, sehe ich, was und in welchen Mengen sie Abfall im Flieger hinterlassen. Ich bin entsetzt.

Zusammen mit meiner neuen netten Bekannten gehe ich zur Passkontrolle, zum Schalter ‚FOREIGNER‘. „Was haben Sie da noch für einen Beleg?“ frage ich sie erschreckt, „ich habe so einen nicht.“ „Sie müssen den im Flugzeug mit der Speisekarte bekommen haben“, erhalte ich zur Antwort. Richtig, da war so ein Zettel, ich erinnere mich. Ich hatte mich aber nicht dafür interessiert! Wie konnte ich nur so dumm sein? Jetzt habe ich die Bescherung! Meine Bekannte zeigt mir, dass ein paar Schritte entfernt auf einem langen Schreibpult diese ‚ARRIVAL- und DEPARTURE CARDs‘ aufliegen. Sofort bin ich so nervös, dass mir die Hände zittern. Ich nehme einen Beleg, der zufälligerweise der für die Ankunft ist, und beginne ihn auszufüllen. Jedoch ist der Druck so klein, dass ich ihn ohne Brille fast nicht entziffern kann. Dann soll ich auch noch die Adresse angeben, wo ich mich in Peking aufhalten werde. O mein Gott, ich habe die Adresse im Koffer, und der Koffer ist irgendwo auf dem Flughafengelände unterwegs! Nein, doch nicht, ich habe die Adresse in der Handtasche. Ich merke, wie konfus ich bin. Dreimal beginne ich neu mit dem Ausfüllen. Meine Hände flattern inzwischen so, dass ich fast den Kugelschreiber nicht halten kann. In so einer erbärmlichen Verfassung war ich noch nie! Ich zwinge mich zur Ruhe, und schließlich gelingt es mir die Daten leserlich niederzuschreiben. Durch die Passkontrolle komme ich ohne Schwierigkeiten. Dann gehen wir zusammen zum Zug, einer Art S-Bahn, mit der man zehn Minuten lang zur Gepäckausgabe fahren muss. Ich fühle mich so unwirklich, so fremd mir selbst und kann fast nicht sprechen. Bin das wirklich ich, welche hier entlang geht? Bitte, lieber Gott, wenn das ein Traum ist, bitte lasse mich sofort aufwachen. Anhand unserer Flugnummer suchen wir das Fließband, auf dem die Koffer für die jeweiligen Reisenden kreisen. Es dauert nicht lange, da erscheint auch schon unser Gepäck. Am ‚EXIT‘ trennen wir uns. Herzlich verabschieden wir uns mit dem Vorsatz, in Deutschland Kontakt aufzunehmen. O Gott, wie verlassen und allein ich mich jetzt fühle! Wenn ich nicht abgeholt werde, was mache ich dann? Mir ist so elend!

Ich sehe über die Absperrung suchend hinweg. Geduldig stehen mehrere Menschen da, manche mit einem Täfelchen, auf dem der Name des anzukommenden Reisenden steht. Ich lasse meinen Blick über die Wartenden schweifen und erkenne sofort Herrn Hauser 3. Dieser hatte mich schon eher entdeckt, mit meinen sehr kurzen grauen Haaren und einem weißen Schal als Erkennungszeichen. Geschafft! Ich fühle mich erleichtert. Die Anspannung fällt von mir ab. Wir begrüßen uns freundlich, und ich spüre eine gewisse Verbundenheit, die typisch ist, wenn sich Menschen gleicher Nationalität im Ausland begegnen. Herr Hauser ist groß und schlank und ernst! Er holt zum ersten Mal eine ‚Au pair Grand-Mère‘ ab, und ich bin auch zum ersten Mal als eine ‚Au pair Grand-Mère‘ unterwegs. Beide wissen wir nicht, was auf uns zukommt. Ich habe wohl auch einen ernsten Gesichtsausdruck. Nach chinesischer Zeit ist es jetzt zwölf Uhr mittags. Auf dem Weg zum Taxi lasse ich meinen Blick auf dem Gelände des Flughafens umherschweifen. Meine Neugier erwacht. Alles ist sehr groß und sehr modern. Dieser Flughafentrakt wurde – so erfuhr ich später – aus Anlass der Olympiade 2008 neu gebaut.

Der Taxifahrer ist jung und sehr freundlich. Er fährt auf der Autobahn links und rechts an den Autos vorbei, wobei er jedes Mal laut hupt. Er ist aber nicht der Einzige, der gerne hupt, die anderen Fahrer tun es ebenso. Die Autobahn ist dreispurig und nicht stark befahren. Sie ist ziemlich neu und speziell für den Hauptterminal für internationale Flüge gebaut worden. Es gibt noch das alte Terminal, das vorrangig von einheimischen Fluglinien benutzt wird. Je weiter wir in die Stadt hineinfahren, umso dichter wird der Verkehr. Mir fällt auf, wie schnurgerade die Straßen sind. Ich hole meinen Fotoapparat aus der Tasche und fotografiere einfach drauf los. Da bleibt der Taxifahrer ungefragt am Seitenstreifen stehen, dreht sich lächelnd zu uns um und deutet mir an, ich könne jetzt ein paar Fotos von der Skyline Pekings...

Erscheint lt. Verlag 23.4.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-8192-8580-6 / 3819285806
ISBN-13 978-3-8192-8580-6 / 9783819285806
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