Moment mal! 144 Augenblicke erlebt und erzählt (eBook)
168 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-0169-5 (ISBN)
Gisela Friedrich, Jahrgang 1947, lebt in Oberursel. Sie studierte Geschichte und Französisch in Freiburg i.B. Danach arbeitete sie bis zu ihrer Pensionierung als Gymnasiallehrerin in Friedberg und Bad Homburg. 1992 veröffentlichte sie das Jugendbuch Türkiskette, das die Geschichte eines Priesterschülers im Mexiko der vorkolonialen Zeit erzählt. 1997 verlegte der Salzer Verlag ihrem Roman Das Testament der sieben Perlen, die Geschichte einer ungewöhnlichen Erbschaft. 2017 erschien ihr Buch Elisabeth - Prinzessin und spätere Landgräfin von Hessen-Homburg, in dem sie Elisabeths Leben am Englischen Hof schildert.
KINDHEIT
1 BUCHENBLICK
Ich stehe am Kinderzimmerfenster und sehe in den Maimorgen. In die sonnenbeschienenen Buchen neben unserem Holzhaus in Dunkelrot. In das frische zarte Grün der jungen Blätter. Ich blicke weiter ins Tal und über sanft ansteigende Wiesen, Felder und Baumgruppen in die Ferne. Die Straße schlängelt sich kaum sichtbar zum nächsten Dorf, verschwommen im Morgendunst. Jedes Mal, wenn ich dort unten mit dem Bus zur Schule fahre, warte ich gespannt auf den kurzen Augenblick, in dem ich nach der ersten Haltestelle und der großen Kurve oben am Waldrand unser Haus entdecken kann. Ein roter Fleck im Grün. Dieser kleine Moment macht mich so glücklich wie jetzt, während ich über die Buchen ins Tal schaue. In mir breitet sich ein warmer Strom aus, als meine Mutter neben mir sagt: »Ist das nicht wunderschön?«, und mich dabei an sich drückt.
2 WIESENBLUMEN
Frühlingsspaziergang mit Mutter und Hund. Die Felder erdig braun, während vielleicht schon die Lerche sang. Am Wegesrand und auf den Wiesen blühte es. Nach dem langen Winter freuten uns die farbigen Tupfen, und ich rannte los, um ein Stück Buntheit mitzunehmen. Eifrig pflückte ich Wiesenschaumkraut, Butterblumen und Gänseblümchen. Die Löwenzähne mit ihrem klebrigen Saft ließ ich stehen. Meine Mutter rief mir zu: »Es reicht!«, aber ich hörte nicht auf, weil ich bei jedem Blick um mich noch schönere Blüten zu entdecken glaubte und weil ich gierig nach mehr war. Bald war der Strauß so groß, dass ich ihn kaum mit meiner Kinderhand umfassen konnte. Auf einmal hatte ich genug, und wir gingen weiter. Allmählich wurden meine Finger heiß, die Stängel schwitzig. Ich legte die Pflanzen von rechts nach links, das unangenehme feuchtwarme Gefühl war jedoch schnell wieder da. Die Blumen wurden mir lästig, die ersten ließen die Köpfe hängen. Obwohl ich sie schließlich in beiden Händen trug, schmerzten die Arme. Bis nach Hause war es weit, sicher eine halbe Stunde. Plötzlich hatte ich es satt und warf den Strauß in den Graben, begleitet von einem erleichterten »So«. Ich schüttelte meine Arme aus, aber wirklich froh war ich nicht. Etwas zögernd schaute ich zu meiner Mutter auf, die stehen geblieben war. Sie sah mir ernst in die Augen und sagte ruhig: »Du kannst die Blumen nicht einfach fortwerfen. Sie leben wie du und ich. Wenn du sie gepflückt hast, musst du für sie sorgen. Heb sie bitte wieder auf, und zu Hause stellen wir sie in eine schöne Vase.«
3 DIE PUPPE
Wir liebten unsere Großtante und freuten uns, wenn sie zu Besuch kam. Sie nahm freundlich Anteil an uns und hörte aufmerksam zu, wenn wir ihr etwas erzählten. Hatten wir uns einmal danebenbenommen, wies sie uns unaufgeregt auf unseren Fehler hin. Besonders gespannt erwarteten wir ihre Ankunft, weil sie uns immer großzügige Überraschungen mitbrachte.
Als sie uns diesmal besuchte, war meine Schwester elf Jahre und ich fünf. Meine Tante trug zwei große Pakete in der Hand, als sie Ulrike und mich in das Wohnzimmer rief. Sie setzte sich und packte das erste aus. Langsam löste sie die farbige Schleife, dann knisterte das Geschenkpapier laut, bis sie endlich den grauen Karton öffnete und eine Puppe hochhielt. Ich war wie berauscht: Sie war schön und groß. Blonde aufgemalte Schnecken rahmten ihr Gesicht mit den blauen Augen ein. Sie trug eine helle Bluse, einen roten Rock und weiße Schuhe und Strümpfe. Ich lief auf meine Tante zu, streckte meine Arme aus und wollte nach dem schönen Kind greifen. Es konnte nur für mich sein, weil meine Schwester kaum noch mit ihren Puppen spielte. In mir war eine große Freude und Aufregung. Doch Tante Emmy hielt ihr Geschenk fest und schaute mich ruhig an: »Nein, sie ist für deine Schwester. Erst die Großen, dann die Kleinen«, und mit diesen Worten reichte sie Ulrike das hübsche Mädchen aus Zelluloid, und ich erstarrte.
Fassungslos kehrte ich an meinen Platz zurück. Ich war rot geworden und schämte mich, weil ich so vorgeprescht war. Ich schluckte, um nicht enttäuscht zu weinen. Ich wusste, dass ich kein Theater machen durfte. Vor lauter Anspannung, um nicht aus der Rolle zu fallen, bemerkte ich gar nicht, wie meine Schwester reagierte. Hatte sie sich gefreut? Nun packte meine Tante das nächste Paket aus. Eine zweite Puppe. Sie war ebenso groß wie die erste und sah ihr zum Verwechseln ähnlich. Statt der blonden Schnecken hatte sie einen dunklen Bubikopf. Sie war für mich. Ich nahm sie, bedankte mich, aber es war nicht die Blonde, die so unerwartet aus der Schachtel herausgekommen war und über die ich mich so unglaublich gefreut hatte. Und deshalb wurde llse, so nannte ich sie, nur die Nummer zwei unter meinen Puppen. Mein Liebling war und blieb Gisela: Sie war etwas kleiner, hatte blaue Schlafaugen und echte schwarze Haare, die man kämmen und frisieren konnte. Und sie war beweglicher als die neue und hatte viele tolle Kleider in ihrem Schrank. Sogar einen beigen Skianzug und einen grünschwarzen Morgenmantel.
4 DER HASE IM BETT
Am Nachmittag waren wir gemeinsam spazieren gegangen: meine Eltern, meine Schwester, mein Bruder und ich. Mit unserem Schnauzer. Mutti hatte unser Haus abgeschlossen. Auf ihre energische Art, mit einem Ruck, der durch ihren ganzen Körper ging. Der raue Sauerlandwind war milder geworden, wir entdeckten die ersten Schneeglöckchen und zeigten unseren Eltern die kniehohen Moosnester, die wir für Ostern gebaut hatten. Ich fühlte mich so froh. Abends, als ich ins Bett ging und die Decke zurückschlug, bekam ich große Augen: Ein Schokoladenhase lag neben meinem Nachthemd. Unerwartet. Einfach so. Meine gehobene Stimmung machte einen weiteren Satz nach oben. Es durchfuhr mich diese heiße Freude, die nur einen Augenblick dauert, die einen ganz durchdringt und glücklich macht. Natürlich musste ich schnell der ganzen Familie erzählen, dass der Osterhase da gewesen war. Außerdem musste ich meine Vermutungen darüber loswerden, wie er ins Haus gekommen war. War vielleicht das Kinderzimmerfenster einen Spalt weit offen gewesen, so dass er mit der Leiter, die auf der Terrasse stand, eingestiegen war? Oder konnte er verschlossene Türen öffnen oder durch Wände gehen? »Oder«, fügte ich hinzu und wandte mich an meine Mutter, »hat er dir die Schokolade heimlich gegeben, damit du sie in meinem Bett versteckst?« Und schließlich wollte ich gern wissen, wie sie sich die Sache erklärte. Sie beantwortete meine Fragen nicht, sondern schickte mich ins Bett. Ein leicht ärgerlicher Unterton in ihrer Stimme sagte mir, dass ich sie nervte und dass es besser war, rasch nach oben ins Kinderzimmer zu gehen. Unter der Decke strich ich dem Hasen mehrmals über die braunen Ohren aus farbigem Silberpapier, das sich so angenehm glatt und kühl anfühlte, und widerstand nur mit Mühe der Versuchung, ihm einen Löffel abzubeißen.
5 DER ÜBERFALL
Fast waren wir an der Landstraße angekommen. Wir waren den Trampelpfad hinunter durch den Wald gegangen, bis wir rechts in den ungeteerten Fahrweg einbogen. Dann an der Wiese vorbei, von der aus man den Blick auf das Dorf in der Ferne hat, und schließlich in einem Bogen den Berg hinunter. Eigentlich wären wir schon da gewesen, aber die Bushaltestelle war wegen Bauarbeiten verlegt worden. Deshalb mussten wir einen Umweg durch den Wald nehmen. Möglich, dass es sonst nicht passiert wäre. Später sagte meine Mutter, ich hätte die ganze Zeit über, »ohne Punkt und Komma geredet«. Deshalb hätten wir ihn nicht gehört. Mein Wortregen habe alles übertönt. Ihre Bemerkung machte mir ein schlechtes Gewissen. Wenn ich meine Mutter nicht mit Worten zugeschüttet hätte, dann hätte der Mann ihr vielleicht nicht von hinten die Handtasche so heftig weggerissen, dass sie zu Boden stürzte. Bis zu diesem Augenblick war sie mein Fels gewesen, auf den ich baute. Sie ging liebevoll mit uns um und besaß eine natürliche Autorität. Ihre Regeln und klaren Ansagen befolgten wir ohne zu diskutieren. Sie beschützte uns, war für uns da und fand meist Antworten, wenn wir ihren Rat suchten. Und sie besaß die Gabe, uns zu überraschen. So hatte sie einmal auf der Treppe vom Erdgeschoss in den ersten Stock unzählige bunte Zuckereiern verteilt, die wir mit Freudenschreien entdeckten, als wir aus der Schule kamen.
Sie zog uns allein groß, weil unser Vater in der fernen Großstadt arbeitete. Für mich fiel nicht nur meine Mutter hin, und ich hatte Angst, dass sie sich verletzt hatte, sondern meine Kinderwelt bekam einen breiten Riss. Unsere Sauerlandidylle hatte mehr als nur ein paar Kratzer abbekommen. Obwohl meine Mutter nur wenige Sekunden auf dem Boden gelegen hatte, habe ich dieses Bild nie vergessen.
Aber an diesem Nachmittag gab es einen zweiten Augenblick, der sich mir eingebrannt hat. Kaum hatten wir uns auf den Heimweg gemacht – meine Mutter hatte sich glücklicherweise nur die Knie aufgeschlagen und die Seidenstrümpfe zerrissen –, als uns mein Onkel in seinem Käfer entgegenkam. Nachdem er unsere...
| Erscheint lt. Verlag | 27.8.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7597-0169-8 / 3759701698 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-0169-5 / 9783759701695 |
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