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Wie einen Brand aus dem Feuer Band I -

Wie einen Brand aus dem Feuer Band I (eBook)

Erinnerung an eine deutschbaltische Familienkorrespondenz aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges

Stephan Bitter (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
444 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-3495-1 (ISBN)
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Die hier edierten Briefe und Postkarten aus Familienbesitz entstammen den letzten Abschnitten der deutschbaltischen Geschichte und Kirchengeschichte. Im Mittelpunkt steht eine geschwisterliche Korrespondenz aus den Jahren zwischen der "Umsiedlung" der im "Osten" beheimateten Deutschen im Herbst 1939 in den sogenannten "Warthegau" und ihrer Flucht von dort in den "Westen" im Januar 1945. Sie spiegelt die Gewaltsamkeit der Exilierung der deutschen Volksgruppe aus Lettland und Estland, die Kriegsjahre in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Posen, die Barbarei des Nationalsozialismus, seinen Antisemitismus und seine Kirchenfeindlichkeit in den unmittelbaren Folgen für das Geschick der Familie. Der Herausgeber hat darüber hinaus Überlieferungen eines größeren Zeitraums und, so weit es das Material erlaubte oder nötig machte, auch über das zentrale Posen hinausgehende politische und militärische, akademische und kirchliche Zusammenhänge und Dokumente einbezogen. So wird die exemplarische Komplexität der familiären Erfahrungen sichtbar. Weitreichenden Bezügen korrespondieren so deutlich aktuelle Erfahrungen und persönliche Profile, dass die Lektüre nicht nur über bewegende Kapitel der Zeitgeschichte informiert, sondern in unmittelbare Begegnungen mit den Protagonisten dieser späten "Erinnerung" zu führen vermag.

1916 bis 1926


Erster Weltkrieg - Revolutionen und die Folgen im Baltikum - Das Überleben deutscher Gemeinden.

Zunächst zwei Karten zur geographischen und historischen Orientierung:

„Baltische Lande um 1700“ (Joachim von Brasche: Kurland, 1994, S. 2).

Karte von Heinrich Laakmann, aus: R. Wittram: Baltische Geschichte, 1954.

Über die Kindheit Paul Gurlands, des Drittältesten der sechs Söhne des Pastors Rudolf Hermann Gurland und der Helene, geborenen Baronesse von Drachenfels, finden sich Nachrichten in der von seiner Mutter herausgegebenen Biographie des Vaters „In zwei Welten“ (zuerst 1907) und in unveröffentlichten vierzehn „Kladden“, in denen sie für ihre sechs Söhne die Familiengeschichte der Jahre 1880 bis 1907 aufgeschrieben hat. Je einem der Söhne waren zwei oder drei Kladden gewidmet, die Kladden III (1888-1891), IX (1897-1898) und XI (1902-1903) gehörten Paul Gurland.

Paul Gurland, Sommer 1888. Aus den „Kladden“ der Helene Gurland (Q/A2h).

Paul Gurland. Wintersemester Riga 1903/04 (Q/B4).

Paul Gurland besuchte in Riga (2 Jahre) und Odessa (6 Jahre) das Gymnasium. Nach dem Abitur war er ein Jahr Hauslehrer. 1902 begann er das Ingenieurstudium am Polytechnikum in Riga.

Durch die Revolution 1905/1906 und durch Krankheit musste er das Studium mehrfach unterbrechen. Er hat es später ganz aufgegeben. Nach langwieriger Erkrankung im Jahr 1909 absolvierte er in Riga eine dreijährige Banklehre. Danach wurde er Leiter der Wendener Filiale der Dorpater Bank. Im August 1913 finden wir ihn mit seiner Mutter (auch die Lehrerinnen Elise und Helene Salpius nahmen teil) unter den Besuchern der wissenschaftlichen Fortbildungskurse in Riga. Für die Jahre 1915-1917 gibt es einen von Paul Gurland selbst erstatteten Bericht aus dem Jahre 1922, den wir unten (Nr. 24) wiedergeben. Die Lebensgeschichte ist im Übrigen und im Weiteren in den wesentlichen Abschnitten in den Briefen dokumentiert.

Siehe: In zwei Welten. Ein Lebensbild des Pastor prim. Rudolf Hermann Gurland, 2. Aufl. 1908. - Vgl. Stephan Bitter und Hans-Heinrich Gurland: Artikel „Gurland (Chaim) Rudolf Hermann“, in: BBKL Bd. XXVI, 2006. - Zu den wissenschaftlichen Fortbildungskursen in Riga s. Adolf Harnack: Über wissenschaftliche Erkenntnis (Riga 1913), 2019; hier: S. 7.70.81.

1


Aus der Zeit des Ersten Weltkrieges ist ein Album (Q/A2g) bewahrt, das Gerhardine (Didi) Gurland, die Frau des Dr. Max Gurland, für die ersten Lebensjahre ihrer 1913 geborenen Tochter Ingeborg Gurland angelegt hat; hier ist im Jahre 1916 notiert:

Inges zweites Lebensjahr ist sehr abwechslungsreich u. unruhig verlaufen - wenn sie sich auch all dessen nicht bewußt geworden ist. Dies ganze Jahr hat das Buch geruht; erst jetzt, 1916, trage ich nach. - [/] Im April kam Max auf 8 Tage Urlaub nach Hause - erst fremd begrüßt von seinem Töchterchen, aber sehr rasch ihr guter Freund. Damals gerade hatten sich die Kriegsoperationen an der Grenze erneuert u. der Krieg rückte uns mit erschreckender Schnelligkeit näher. Da wir fürchteten, Mitau würde genommen werden - die Deutschen waren bis auf 3 Werst an die Stadt herangekommen -, und nicht wußten, ob es nicht Straßenkämpfe, Feuersbrünste etc. geben würde, so wollte Max uns nicht in der bedrohten Stadt allein lassen, wo er selbst fort mußte u. so flohen wir am Sonnabend, den 18. April 1915 in wilder Hast aus Mitau. [… ]

Ingeborg Gurland mit ihren Eltern Gerhardine und Max Gurland, Wiborg, Oktober 1915 (nach der Flucht aus Mitau im April 1915) (Q/A2g).

Die Flucht Gerhardine Gurlands mit ihrer Tochter Ingeborg führte sie zunächst nach Riga, dann über Dorpat nach Pernau, wo noch ein Sommerurlaub möglich war, schließlich nach Finnland (die erste Station war Willmannstrand). Wiederholt schreibt Max Gurland Briefchen an seine kleine Tochter, so am Sonntag, dem 6. August 1917; Tochter und Ehefrau sind nun in Helsingfors (Helsinki), er selbst ist als russischer Soldat in Sankt Petersburg; dort waren zwischendurch auch Frau und Tochter gewesen.

2


Paul Gurland, Wenden/Livland, an seinen Bruder Pastor Rudolf Gurland, Ugahlen/Kurland. Postkarte (mit russischer Adresse, russischer Briefmarke und russischem Stempel, aufgedrucktem Zarenadler; aufgedruckt in russischer Sprache: Postkarte), 22. Januar 1918:

Lieber alter Bruder! [/] Nur zur Probe 1 herzlichen Gruß Dir & Else u die Mitteilung, daß wir viel Euer gedenken und auf 1 baldiges Wiederzusammensein hoffen. [/] Mir gehts gut, - meine Wunden sind bereits geheilt (ich war von 1 verirrten Kugel angeschossen) [vgl. Nr. 26]. Habe neuerdings berufliche Veränderungen, - neue Controlle etc. [/] Helm & Ellen geht´s gut! Von Willi - keine Nachrichten, er ist immer noch in England. Sophie leidet ernst an Gallensteinen. - Ernst, Max, Didi - Atta, alle in Finnland. [/] Schreib doch per Adresse Jurjewer Bank [Jurjew ist der russische Name Dorpats], Filiale Wenden. Dein Paul

Helm & Ellen: Der Bruder Dr. Hellmut Gurland und seine (erste) Frau Helene, geb. Gräfin Mellin, verwitwete von Stryk.

Willi: Der Bruder Wilhelm Gurland.

Sophie: Sophie Bielenstein, geb. Gurland; die Halbschwester der Gurland-Brüder.

Ernst, Max, Didi - Atta: der Bruder Ernst Gurland; der Bruder Dr. Max Gurland und seine (erste) Frau Gerhardine (Didi), geb. Zimmermann; Sophie (Atta) Gurland, geb. Rinne, Ernst Gurlands (erste) Frau.

Siehe zu den hier Genannten die in den Biogrammen gegebenen Skizzen.

3


Paul Gurland, Wenden/Livland, an Rudolf Gurland, Ugahlen/Kurland. Brief, 23. April 1918:

Ihr lieben Geschwister! [/] Das war 1 Freude heute Rudis Karte vom 14/IV zu erhalten: die ersten persönlich geschriebenen Zeilen u directen Nachrichten! Vor 4 Tagen hörte ich bei der Durchfahrt durch Mitau von den auf den Bahnhof gekommenen Tante Hilda & Onkel Sergei [von Drachenfels] über Euch, die frohe Nachricht über Gottfried [Gottfried Gurland, geboren am 17. Januar 1918]! Ihr Lieben! Von ganzem Herzen freue ich mich für Euch! Und wie hätte unser liebes heimgegangenes Muttchen [Helene Gurland, † 1916], sich gefreut! Ach Ihr Lieben, - was haben wir alles durchlebt, seit wir uns damals zuletzt - ich glaube es war im Zuge auf Eurer Fahrt nach Dorpat - einen Moment sahen. Wie schön wäre es, wenn ich Eurer Aufforderung bei Euch mich zu erholen, - nachkommen könnte - und wir alles Erlebte mündlich austauschen könnten! Aber daran ist gar - nicht zu denken! Nach den unfreiwilligen 9 Wochen [neun Wochen der Verschleppung] des Nichtarbeitens muß ich schärfer denn je drangehen, - und beruflich kann ich jetzt ganz u gar nicht weg: die ganz & gar veränderten neuen Verhältnisse verlangen stete Conferenzen mit den Directionen, neue Instructionen etc. Dazu kommen die Eisenbahnschwierigkeiten, - wir dürfen ohne Erlaubnis nirgends hin, - und bis wir sie erhalten soll es viele viele Wochen dauern. Momentan muß ich dringend nach Dorpat, habe alle Schritte getan, warte nun auf die telegraphisch einzutreffende Erlaubnis. - Ebenso muß ich beruflich nach Riga, - aber auch das wird wohl erst nach Wochen möglich sein. Nach Pernau zu Bielensteins kann ich jetzt auch nicht, trotzdem Sophie [Bielenstein] telegraphisch darum bat, - und ich selbst möchte an Mamas Sarg [in Mitau], - aber wer weiß, wann es mir gelingen wird, gut, wenn zu Pfingsten! [/] Ich bin Gottlob gesund - und wie alle meinen „sehr erholt“ - heimgekehrt, stark eingebraunt. Die 9 Wochen waren wohl die schwersten meines Lebens, - nicht nur der Strapazen wegen (- ich bin kein x aus den Kleidern gekommen, - schlafen nur auf den Brettern in den „Jenrymku“ [Güterwagen mit Ofen] oder harten III Kl. Bänken, - wenn ein Sichausstrecken überhaupt möglich war, - dann der Mangel an Wäsche, - der Schmutz, - die Infection an Läusen durch begleitende Convoi-Soldaten etc) - auch wegen innerlicher Erlebnisse. Es galt manches an sich einsehen, - manches überwinden, verwinden, - dazu die nicht seltenen kritischen Momente, wo es einem schien, daß es Zeit sei abzuschließen! Aber gerade letztere Stunden und innerliche Kämpfe - waren das Wertvolle an der durchlebten Zeit: Gottes Nähe & Hilfe u Errettung hat sich so offenkundig immer wieder gezeigt - und das zu erleben & wissen, - bleibt fürs Leben. - Wir Wendener haben ja längst nicht das erlebt, was die Estländer, - wir haben es viel leichter gehabt, - sind von vielem verschont geblieben (aus unseren Reihen fehlte Gottlob niemand bei der Heimkehr) - und können allein daran sehen, wie unendlich viel Grund zum Dank vorhanden ist. Du, lieber Bruder, weißt, - ich neige dazu, verbittert zu sein, - u sehe das Leben nie von der rosigsten Seite, - stoße mich so stark an den Menschen & ihrer Eigenart. Unterwegs mit 152 Mitreisenden verschiedenster Art gab´s viel Abstoßendes, - aber ich glaube auch das ist Gottes wunderbare Führung, - durch den pompösen officiellen Empfang in Wenden am Bahnhof, - durch die allgemeine Teilnahme & herzlichste Begrüßung - durch die Rührung der Heimkehr und die Freude des Wiedersehens, - durch die so unverdient einem...

Erscheint lt. Verlag 6.10.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7578-3495-X / 375783495X
ISBN-13 978-3-7578-3495-1 / 9783757834951
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