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Sinful Obsession | Eine spicy Enemies to Lovers Mafia Romance (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 2. Ausgabe
302 Seiten
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH (Verlag)
978-3-69090-188-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Sinful Obsession | Eine spicy Enemies to Lovers Mafia Romance - Liz Rosen
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„Wovor ich wirklich Panik hatte, waren seine Lippen, die meinen schon wieder so nah waren, dass ich sie praktisch schon schmecken konnte. Und das wollte ich nicht. Nicht noch einmal …“

Die packende Dark Romance über einen Deal zwischen Verlangen und Vernunft, bei dem es keine Gewinner geben kann.

Estelle: Ich gehöre ihm. Weil er es so will. Und weil ich keine Wahl habe. Wie meine beiden Schwestern wurde ich entführt, um die kaltblütigsten Killer der Bratwa zu heiraten. Niemand wird uns retten und ich würde eher sterben, als mich Männern wie ihnen zu unterwerfen. Doch Maxton Heels Berührungen hinterlassen Brandspuren auf meinem Körper und ich hasse mich dafür, dass ich sie will. Was soll ich also tun, wenn der Mann, den ich fürchte und gleichzeitig will, der Einzige ist, der uns retten kann?

Maxton: Ich brauche keine Frau. Schon gar nicht eine wie sie. Aber ich brauche sie, um den Mord meines Vaters aufzuklären und den falschen Don zu stürzen. Doch Estelle lenkt mich ab. Ihre Augen, ihr sinnlicher Mund und ihr verdammter Körper. Je länger sie bei mir ist, desto mehr will ich ihre stolze Fassade brechen. Will sehen, wie sie die Kontrolle verliert – bevor wir beide mit unserem wahnsinnigen Deal untergehen.

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Riskantes Versprechen.

Erste Leser:innenstimmen
Die Chemie zwischen Estelle und Maxon sprüht förmlich, während sie sich gemeinsam gegen dunkle Machenschaften stellen. Kurzweilig und absolut empfehlenswert!“
„Eine faszinierende Mafia Romance über Mut, Liebe und die Macht der Überzeugungskraft!“
„Liz Rosen entfaltet eine packende Enemies to Lovers Geschichte voller Geheimnisse und unerwarteter Allianzen.“
Eine komplexe Dark Romance, die die düstere Welt der Bratwa und eine mitreißende Liebesgeschichte miteinander vereint.



<p>Liz Rosen ver&ouml;ffentlicht erotische Liebesromane mit Thriller-Elementen und einer gro&szlig;en Portion Liebe, die in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden erscheinen. Ihre Storys bestehen aus Herzschmerzmomenten, einer Prise Humor und vielen ernsten Problemen, die sp&auml;testens beim garantierten Happy End von den Protagonisten gemeistert werden.</p> <p>&nbsp;</p> <p>&nbsp;</p> <p><span style="caret-color: #000000; color: #000000; font-family: 'Courier New'; font-size: 16px; font-style: normal; font-variant-caps: normal; font-weight: normal; letter-spacing: normal; orphans: auto; text-align: start; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: auto; word-spacing: 0px; -webkit-text-size-adjust: auto; -webkit-text-stroke-width: 0px; text-decoration: none; display: inline !important; float: none;">&nbsp;</span></p>

<h2>Prolog</h2> <h2 id="maxon">Maxon</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Ein Jahr zuvor &hellip;</p> </div> <p>Ich hatte schon viele Menschen auf brutalste Art und Weise get&ouml;tet. Der Tod war mir in meinem Milieu nichts Neues. Er besuchte uns t&auml;glich und jedes Mal war ich froh, dass nicht ich derjenige war, der ihn heute begleiten musste.</p> <p>Nein, nicht jedes Mal.</p> <p>Gerade h&auml;tte ich ihn wie einen alten Freund begr&uuml;&szlig;t, ihn in die Arme geschlossen und w&auml;re freiwillig mit ihm gegangen, wenn das bedeutet h&auml;tte, dem Schmerz zu entfliehen, der sich in meiner Brust breitmachte. Ich kannte die Schreie, die Menschen ausstie&szlig;en, wenn sie St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck zerschnitten, zerteilt und durchl&ouml;chert wurden. Hohe, flehende Schreie, die sich ins Trommelfell bohrten und sich im Gehirn f&uuml;r immer festsetzten. Laute, die man niemals wieder verga&szlig;. Das Kreischen einer Mutter nach ihren Nachkommen. Das Betteln eines Ehemannes, wenn er zusehen musste, wie seiner Frau Unaussprechliches geschah. Das Wimmern eines &auml;ngstlichen Kindes. Und ich wusste, wie es roch, wenn Fleisch verbrannte, Haut angesengt wurde und Haare in Flammen aufgingen. Das Feuer hinterlie&szlig; immer einen widerw&auml;rtigen, blutigen Geruch nach Eisen, Kohle und Ru&szlig;. Als w&uuml;rde jemand verdorbenes Fleisch auf einen Grill legen und es solange darauf liegen lassen, bis von dem St&uuml;ck nicht mehr &uuml;brig war als ein H&auml;ufchen Asche. Der Gestank biss in der Nase, setzte sich dort fest und blieb selbst Tage danach bestehen, sodass ich auch Wochen sp&auml;ter immer noch glaubte, die Leichenreste riechen zu k&ouml;nnen.</p> <p>Normalerweise war das f&uuml;r mich in Ordnung. Es waren eben nur genau das: Leichenreste. Unbedeutende Gestalten, wertlose menschliche K&ouml;rper. Abtr&uuml;nnige, die es verdient hatten, dass auch der letzte Rest von ihnen von dieser Erde verschwand. Doch an der jetzigen Situation war gar nichts normal. Ich war es nicht gewohnt, das Opfer zu kennen. Der angebrannte, stechende Geruch vermengte sich mit dem Aftershave, das <i>er</i> immer getragen hatte. Der Gestank kroch mir tief in die Nase. Mir drehte sich der Magen um. Der Ekel vermischte sich mit dem Schmerz in meinem Inneren. Beides brachte mich zum W&uuml;rgen. Am liebsten h&auml;tte ich mich &uuml;bergeben, um meine eigenen Gef&uuml;hle loszuwerden, doch ich bezweifelte, dass das wirklich helfen w&uuml;rde. Also starrte ich stattdessen auf das bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Fleisch vor meinen F&uuml;&szlig;en, das gro&szlig;e &Auml;hnlichkeit mit Erbrochenem hatte. Die Klumpen, die stellenweise nur noch mit Haut und Fleisch &uuml;berzogen waren, lagen in einer Lache aus Fl&uuml;ssigkeiten, von denen ich nicht sagen konnte, was genau sie waren. Blut beschrieb es am besten, aber nicht g&auml;nzlich, immerhin schwamm in dem dunklen Rot auch eine gelbliche Masse. War das K&ouml;rperfett? Nicht, dass <i>er</i> davon viel gehabt h&auml;tte. <i>Er</i>.</p> <p>Ich war siebenundzwanzig Jahre alt, aber ich schaffte es dennoch nicht, seinen Tod beim Namen zu nennen. Ich machte aus ihm einen Unbekannten. Dabei hatte ich <i>ihn</i> besser gekannt als irgendjemand sonst in diesem Raum. Ich war seine rechte Hand gewesen, sein Eingeweihter, dem er alles erz&auml;hlen konnte, dem er uneingeschr&auml;nkt vertraut hatte.</p> <p>Ich war sein Sohn.</p> <p>Vergangenheit. Denn nun war er tot. Von ihm war nichts weiter &uuml;brig, als blutige, fleischige Reste auf dem Boden und dem Bett. Als w&auml;ren die irdischen &Uuml;berreste mit Absicht &uuml;berall verteilt worden. Sie waren durch die verkohlte Matratze getropft. Sie taten es immer noch.</p> <p>&bdquo;Es war ein Unfall, ein schrecklicher &ndash; gar keine Frage &ndash; und wir m&uuml;ssen herausfinden, wie das Feuer entstehen konnte &ndash; aber es war eben nur ein Unfall.&ldquo; Die Stimme von Onkel Roman schallte durch den Raum und unterbrach meine Gedankeng&auml;nge damit f&uuml;r einen Moment. Ich riss meinen Blick von der Leiche vor mir los und hob den Kopf. Ich fixierte die gr&uuml;nen Augen, die meinen so &auml;hnlich waren, und suchte darin nach demselben Schock, den ich empfand. Dad war gestorben. Verbrannt in den Flammen, von denen bisher niemand wusste, woher sie gekommen waren. Dieser Raum war besser gesichert als jede milit&auml;rische Einrichtung, Dad war schlie&szlig;lich nicht irgendjemand. Nein, er war der Don der Heels Bratwa. Der Organisation, die seit Jahren fest in der Hand meiner Familie war, und &uuml;ber den ganzen Untergrund von Michigan herrschte. Einer Organisation, der nun ihr Anf&uuml;hrer fehlte, bis der n&auml;chste Don aus der Asche des alten emporstieg.</p> <p>Das w&uuml;rde nicht lange dauern.</p> <p>Onkel Roman hatte sofort reagiert, als die Nachricht des Feuers die Runde gemacht hatte. Er war sogar vor mir hier gewesen, weil ich noch von der Frau heruntersteigen musste, in der ich bis vor Kurzem noch meinen Schwanz vergraben hatte.</p> <p>Tr&auml;nen brannten in meinen Augen. Hatte ich mich jemals vor mir selbst daf&uuml;r geekelt, jede Nacht eine andere Schlampe mit in mein Bett zu nehmen? Ich konnte mich nicht daran erinnern. Aber in dem Augenblick, als Ty wie ein Wahnsinniger an meine T&uuml;r geklopft und flehend verlangt hatte, dass ich mit in Dads Schlafzimmer kam, hatte sich die Feuchtigkeit der Frau wie pures Gift an meinem Schwanz angef&uuml;hlt. &Auml;tzend und schmerzhaft. Ich war aufgesprungen und hinter Ty her geeilt. Ob sie immer noch oben in meinen R&auml;umen lag und darauf wartete, dass ich zur&uuml;ckkam? Wahrscheinlich. Das Haus war ein verdammtes Labyrinth. Niemand kam hinaus, ohne dass er von jemandem begleitet wurde, der den Weg kannte. Genauso wenig wie einer hineinkommen konnte, ohne Einladung oder Lageplan. Dennoch musste es irgendjemand geschafft haben, dieses Feuer zu legen. Und wenn es niemand von au&szlig;erhalb sein konnte, dann war der M&ouml;rder noch hier.</p> <p>&bdquo;Er wurde zerteilt.&ldquo; Meine Stimme war leise. Die Worte waren nicht f&uuml;r jemand anderen bestimmt gewesen. Nein, sie waren nur f&uuml;r mich. Es laut auszusprechen, half mir beim Denken. Ein Teil von Dad &ndash; der gr&ouml;&szlig;te &ndash; lag verkohlt auf den &Uuml;berresten, die am Bettende thronten und irgendwann einmal ein Kissen gewesen sein mussten. Aber weitere Leichenreste befanden sich weiter unten, obwohl Dads K&ouml;rpergr&ouml;&szlig;e keine zwei Meter bemessen hatte. Das musste bedeuten, dass er bereits in zwei H&auml;lften zerteilt gewesen war. Oder? Fuck, ich hatte davon keine Ahnung. Knochen wurden durch Feuer br&uuml;chig. Das wusste ich. Aber konnte es auch einen K&ouml;rper in der Mitte durchtrennen und den Kadaver im Raum verteilen? Nein, das war Bullshit! So gut hatte ich dann doch im Biologieunterricht aufgepasst.</p> <p>&bdquo;Du hast Articus geh&ouml;rt. Das Feuer hat ihn so zugerichtet.&ldquo; Roman machte eine wegwerfende Handbewegung. Ein L&auml;cheln zierte seine Lippen, obwohl mein Bruder nur wenige Meter mit gesenkten, bebenden Schultern neben ihm stand und zu verbergen versuchte, dass er um seinen Don, seinen Dad, sein Idol weinte. Tys Schluchzen war kaum wahrnehmbar, aber ich h&ouml;rte es trotzdem. Ich wollte ihn tr&ouml;sten, aber bevor ich mich auf ihn zubewegen konnte, huschte eine Gestalt an ihn heran und legte einen Arm um seinen zitternden K&ouml;rper. Der Anblick beruhigte mich und lie&szlig; die &Uuml;belkeit ein wenig vergehen. Ja, Dad war tot, aber wir hatten immer noch uns. Ty, Lucius und ich. Wir w&uuml;rden das &uuml;berstehen. Als Br&uuml;der. Irgendwie.</p> <p>&bdquo;Stimmt das, Art?&ldquo; Ich drehte den Kopf ein St&uuml;ck. Gerade genug, um Articus im Augenwinkel zu sehen, aber meinen Onkel gleichzeitig nicht aus den Augen zu lassen. Irgendwas stank hier und damit meinte ich nicht die klebrigen Leichenreste, die wie z&auml;her Kaugummi auf der verkohlten, aufgerissenen Matratze verteilt waren, die sich mit dem L&ouml;schwasser vollgesogen hatte. Es machte f&uuml;r mich einfach keinen Sinn. Ja, das Feuer war stark gewesen und in Dads Nachtschr&auml;nken war bestimmt gen&uuml;gend Spiritus, um es lange brennen zu lassen, was auch den zertrennten K&ouml;rper erkl&auml;ren w&uuml;rde. Aber irgendwie glaubte ich nicht, dass sein Tod so abgelaufen war. Das Gemisch aus Fl&uuml;ssigkeiten floss &uuml;ber das Parkett &ndash; direkt auf meine F&uuml;&szlig;e zu. Ich erschauderte und zog das Hemd, das ich mir notd&uuml;rftig &uuml;bergezogen hatte, enger um meinen K&ouml;rper.</p> <p>Art nickte zustimmend. Auch in seinen Augen schwammen Tr&auml;nen. Doch da war noch mehr als die Trauer. Scham, Angst. Er sah mich nicht an. Nicht wirklich. Seine geweiteten Pupillen fixierten meinen Brustkorb, den Hals und meine dunklen, abstehenden Haare. Aber niemals mein Gesicht. &bdquo;Es tut mir leid, Sir.&ldquo; Seine Stimme klang nicht so fest wie sonst. Die Antwort kam nur sehr z&ouml;gerlich &uuml;ber seine Lippen und das war sonst nie der Fall. Er war Wissenschaftler. Er glaubte an seine Untersuchungsergebnisse. F&uuml;r ihn waren sie die absolute Wahrheit. Unsicherheiten gab es dabei nicht. Also warum z&ouml;gerte er jetzt? Ich kannte die Antwort. Tief in meinem Inneren wusste ich es bereits, als Ty mich geholt hatte: Dad war nicht das Opfer eines Unfalls. Egal, was hier geschehen war, es war vors&auml;tzlich gewesen.</p> <p>&bdquo;Geht!&ldquo;, befahl ich laut und biss fest die Z&auml;hne zusammen, als sich mein Verdacht weiter best&auml;tigte.</p> <p>Dad wurde ermordet.</p> <p>Ich war mir ganz sicher. Die Frage war nur wie. Und warum.</p> <p>&bdquo;Maxon, wir sollten unbedingt aufr&auml;umen, damit deine Schwester sich das nicht ansehen muss.&ldquo; Onkel Roman schnappte sich den letzten verbliebenen Zipfel der ansonsten einge&auml;scherten Decke und zog ihn vom Bett. Wasser tropfte von dem angekokelten Stoffst&uuml;ck. Die Knochenreste wurden &uuml;ber die Matratze bis zum Rand gezogen. Einer der Knochen fiel auf den Boden. Durch den Aufschlag splitterte er weiter und zerbrach in mehrere Teile. Ich keuchte erschrocken.</p> <p>&bdquo;Ich sagte, geht!&ldquo;, wiederholte ich. Diesmal klang meine Stimme lauter. Strenger. Sie sollten verschwinden und &uuml;berhaupt nichts anfassen. Ich hatte genug Tatorte verunreinigt und daf&uuml;r gesorgt, dass die Bullen uns nicht auf die Schliche kamen, um das zu wissen. Jeder Fingerabdruck, jeder Schuh, der durch die Blutflecke schritt und jeder Atemzug ver&auml;nderte die Beweise. Aber genau das wollte er, nicht wahr? Oder bildete ich es mir nur ein? Tr&uuml;bte meine Trauer meine F&auml;higkeit logisch zu denken? Vielleicht. Aber da war dieses Funkeln in Romans Augen &ndash; und hatten Vater und er nicht Streit gehabt?</p> <p>&bdquo;Du hast hier nicht die Entscheidungsgewalt, Maxon&ldquo;, sagte er und ein drohender Unterton schwang in seiner Stimme mit. Er fuhr sich durchs braune Haar und grinste mich schadenfroh an. Obwohl die Leiche seines Bruders noch nicht einmal abgek&uuml;hlt war, riss er sich bereits die Macht unter den Nagel.</p> <p>Wut stieg in mir hoch. Sie dr&auml;ngte die Trauer in mir zur&uuml;ck und breitete sich in meinen Adern aus wie fl&uuml;ssiges Feuer. Ich wollte meine H&auml;nde um seinen Hals legen und zudr&uuml;cken, bis seine h&auml;ssliche Visage blau anlief und ihm die Luft ausging. Es w&auml;re wahrscheinlich befriedigender als der schlechte Fick, den ich fr&uuml;her an diesem Abend gehabt hatte, doch es w&uuml;rde mich nicht weiterbringen. Wenn ich seinen Hass auf mich zog, brachte ich damit nur meine Br&uuml;der und mich in Gefahr. Es w&uuml;rde Dad nicht helfen. Dabei wollte ich genau das. Ich wollte nicht, dass er so in die Geschichte einging. Get&ouml;tet durch einen Unfall. Das war eines Dons nicht w&uuml;rdig. Nein, ich brauchte ein anderes, ein besseres Ende. Und eine gottverdammte Erkl&auml;rung!</p> <p>&bdquo;Ich m&ouml;chte nur einen Moment mit ihm allein sein, Don.&ldquo; Ich schauderte. Wie fl&uuml;ssige S&auml;ure schmeckte das letzte Wort, das ich an meinen Onkel richtete. Jede Faser meines K&ouml;rpers wehrte sich dagegen. Mein Gehirn schrie mir zu, dass dieser Titel einzig und allein Dad geh&ouml;rte. Aber es funktionierte. Romans Grinsen wurde weicher, als ich ihm schmeichelte.</p> <p>&bdquo;Ich verstehe.&ldquo; Er verzog die Miene f&uuml;r einen Moment mitleidig, aber das Gef&uuml;hl kam nicht in seinen Augen an. &bdquo;R&auml;umt das Zimmer&ldquo;, forderte er und warf einen strengen Blick in die Runde. Sofort reagierten die Anwesenden. Sie stoppten ihre T&auml;tigkeiten und sahen unsicher zwischen Roman und mir hin und her, bis Art den Anfang machte und zum Ausgang ging. Der Rest folgte ihm. Alle, bis auf meine Br&uuml;der, die Romans dr&auml;ngende Blicke ignorierten und sich weiter aneinanderklammerten, um sich Halt zu bieten.</p> <p>&bdquo;Wir warten vor dem Zimmer&ldquo;, murrte Roman und zog die T&uuml;r hinter sich zu, als er ebenfalls endlich den Raum verlassen hatte. Stille breitete sich aus. Ich genoss die Ruhe f&uuml;r einen Moment. Sie w&auml;re fast tr&ouml;stlich gewesen, h&auml;tte Ty nicht viel zu laut geatmet. Hastig hob und senkte sich sein Brustkorb und zeigte, wie sehr er sich bem&uuml;hte, seine Tr&auml;nen zu stoppen. Dabei war ich stolz auf ihn. Ich w&uuml;nschte, ich k&ouml;nnte auch weinen. Aber ich bef&uuml;rchtete, niemals wieder aufh&ouml;ren zu k&ouml;nnen, wenn ich einmal damit begann.</p> <p>&bdquo;Was ist los, Maxon?&ldquo;, fragte Lucius und durchbrach damit die Stille. Seine Stimme hallte an den W&auml;nden wider. Fr&uuml;her war mir das Zimmer nie so gro&szlig; vorgekommen, aber nun erschien es mir riesig, w&auml;hrend ich mich winzig f&uuml;hlte. Und verloren. Sicher, Dad hatte schon lange damit aufgeh&ouml;rt, mir bei Auftr&auml;gen die Hand zu halten, doch er war immer da, wenn ich einmal nicht mehr weiter gewusst hatte. Nun w&uuml;rde ich mit meinen Problemen zu niemanden mehr gehen k&ouml;nnen. Der Gedanke war erschreckend. Be&auml;ngstigend.</p> <p>&bdquo;Das war kein Unfall.&ldquo; Ich schlang die Arme um meinen K&ouml;rper, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit ihnen tun sollte. Au&szlig;erdem hoffte ich, es w&uuml;rde gegen die K&auml;lte helfen, die sich in mein Innerstes geschlichen hatte. Stattdessen wurde es schlimmer. Ich fr&ouml;stelte. Eine G&auml;nsehaut &uuml;berzog meinen K&ouml;rper. Ich trug nur das Hemd und meine Boxershorts, aber die Temperatur im Haus war dieselbe wie immer. Kuschelige zweiundzwanzig Grad. Daran konnte es also nicht liegen. Nein, die K&auml;lte kam direkt aus meinem Herzen, das sich immer mehr in einen Eisklotz verwandelte, um dem Schmerz zu entgehen, der in mir w&uuml;tete.</p> <p>&bdquo;Max &hellip; die Leiche liegt vor uns &hellip; und Art sagte &hellip;&ldquo; Ty brachte nur m&uuml;hselig die einzelnen Worte hervor. Immer wieder musste er schlucken, um nicht an seinen eigenen Tr&auml;nen zu ersticken.</p> <p>&bdquo;Es interessiert mich nicht, was er sagt. Er l&uuml;gt.&ldquo; Ich wusste nur nicht, wieso. Er war Dads Freund und arbeitete schon seit einer Ewigkeit f&uuml;r unsere Familie. Fuck, Dad hatte ihm sogar das Studium bezahlt. Sollte er sich wirklich gegen ihn gewandt haben? Und wenn ja, wieso wunderte mich das? Jeder war k&auml;uflich. Die Frage war nur, wie tief man in die Tasche greifen musste.</p> <p>&bdquo;Wir wollen alle nicht, dass es wahr ist, Max. Glaub mir.&ldquo; Ty strich sich zittrig eine Str&auml;hne hinters Ohr. Die Haare hielten jedoch nicht an Ort und Stelle und fielen wieder in sein Gesicht.</p> <p>&bdquo;Ja, ich k&ouml;nnte mir auch Besseres vorstellen, als f&uuml;r unseren Onkel zu arbeiten. Vielleicht sollten wir uns alle zur Ruhe setzen.&ldquo; Lucius schnaubte unwillig. Seine Worte h&ouml;rten sich wie ein schlechter Witz an, aber in seiner Stimme fehlte jede Belustigung. Unser Onkel und er hatten nicht das beste Verh&auml;ltnis. Fuck, Lucius w&uuml;rde wahrscheinlich nicht einmal seinen Rang behalten d&uuml;rfen, sobald Roman offiziell den Sitz des Dons &uuml;bernahm. Und das w&uuml;rde er, auch wenn es eigentlich mein Vorrecht als &auml;ltester Sohn meines Vaters gewesen w&auml;re. Da machte ich mir keine Illusionen. Er w&uuml;rde schon irgendwas erfinden, um mich zu diskreditieren. Beispielsweise, dass ich nach Dads Tod emotional zu instabil war, um die Verantwortung eines Dons tragen zu k&ouml;nnen, oder irgendeinen anderen Schei&szlig;, den er sich zusammendichtete und der nicht der Wahrheit entsprach. Ich war bereit, ein Don zu sein. Nicht bereit war ich daf&uuml;r gewesen, meinen Dad zu verlieren.</p> <p>&bdquo;Ich wei&szlig;, es klingt verr&uuml;ckt, aber ich habe dieses Gef&uuml;hl.&ldquo; Es war nicht wirklich ein Stechen in meinem Magen, aber damit war es am ehesten zu vergleichen. Wie ein penetrantes Pochen, das sich durch meine Eingeweide zog und mir sagte, dass ich ein zweites und drittes Mal auf die Situation sehen musste, um die Wahrheit zu finden. Dad hatte immer gewollt, dass ich darauf h&ouml;rte, also w&uuml;rde ich das auch jetzt tun.</p> <p>&bdquo;Und was sagt es?&ldquo; Lucius&rsquo; Worte brachten das Eis in meinem Inneren zum Schmelzen. In seiner Stimme lag nichts anderes als Vertrauen. Er glaubte mir. Ohne Beweise, ohne Indizien. Einfach nur, weil er mich kannte und wusste, dass ich einen sechsten Sinn daf&uuml;r hatte, vor allen anderen zu merken, wenn irgendwas schieflief.</p> <p>&bdquo;Dass wir vorsichtig sein sollten&ldquo;, antwortete ich und warf einen Blick &uuml;ber meine Schulter zur T&uuml;r. Sie war immer noch geschlossen. Wenigstens w&uuml;rde uns Roman so viel Zeit lassen, wie wir brauchten.</p> <p>&bdquo;Warum?&ldquo; Ty fuhr sich mit dem Handr&uuml;cken &uuml;ber die ger&ouml;teten Wangen. Seine Tr&auml;nen schimmerten auf seiner Haut, bevor er die Finger an seiner Jacke abwischte. Im Gegensatz zu Lucius und mir schien er noch nicht im Bett gewesen zu sein.</p> <p>&bdquo;Weil wir sonst die N&auml;chsten sind.&ldquo; Ich atmete tief durch und versuchte, den Gedanken an den Tod meiner Br&uuml;der gleich wieder zu verscheuchen. Ich durfte sie nicht verlieren. Sie waren alles, was ich noch hatte. Dads Verlust traf mich hart. Das bewies der Klo&szlig; in meinem Hals, der mir das Sprechen erschwerte. Aber ich w&uuml;rde es &uuml;berstehen. Irgendwie. Doch Ty und Lucius &hellip; Wir waren mehr als Familie. Sie waren alles f&uuml;r mich. Jeden Moment meines Lebens waren sie an meiner Seite gewesen und sie w&uuml;rden es auch bis zu meinem letzten Atemzug sein. Dad hatte das so gewollt. Ja, die Bratwa war unser Zuhause, aber wir waren eine Familie.</p> <p>Ty lie&szlig; den Kopf auf die Brust sinken. Seine blonden Haare fielen nach vorn und verbargen sein Gesicht, w&auml;hrend er sprach. &bdquo;Es war ein Unfall. Vielleicht hat er im Bett geraucht und dabei getrunken. Ein Feuer kann schnell ausbrechen.&ldquo; Wieder war ein Schluchzen zu h&ouml;ren.</p> <p>&bdquo;Ja, vielleicht. Aber es ist ein komischer Zufall, oder?&ldquo; Ich glaubte nicht an Zuf&auml;lle. Daf&uuml;r war ich schon zu lange in der Bratwa t&auml;tig. Dad hatte mir mit f&uuml;nf gezeigt, wie ich richtig eine Pistole hielt und mir beigebracht, dass die Kugel mein bester Freund war, wenn alle anderen sich als meine Feinde entpuppten.</p> <p>&bdquo;Was?&ldquo; Lucius dr&uuml;ckte Ty noch fester an sich, drehte sich jedoch in meine Richtung. Verwirrt waren seine markanten Gesichtsz&uuml;ge verzogen. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn und verdeckte einen Teil seiner blauen, zu Schlitzen verzogenen Augen.</p> <p>&bdquo;Dad wollte umstrukturieren.&ldquo; Laut ihm w&auml;re eine Ver&auml;nderung schon lange &uuml;berf&auml;llig gewesen. Die Bratwa war immer seine Familie gewesen, aber nach Moms Tod hatte er das aus den Augen verloren. Irgendwann war es nur noch um Profit gegangen und nicht mehr um den Zusammenhalt. Genau das wollte er wieder &auml;ndern und ich h&auml;tte ihm dabei geholfen. Auch wenn das bedeutet h&auml;tte, die Waffe gegen einige der M&auml;nner zu erheben, die vor der T&uuml;r darauf warteten, dass seine S&ouml;hne dem toten Don die letzte Ehre erwiesen und sich verabschiedeten.</p> <p>&bdquo;Das hat er gesagt?&ldquo; Ty hob den Kopf. Seine Stimme klang tr&auml;nenerstickt. Er schluckte schwer.</p> <p>&bdquo;Ja.&ldquo; Mein Magen zog sich zusammen, als ein weiteres Fleischst&uuml;ck von der Bettdecke nach unten fiel und vor meinen F&uuml;&szlig;en landete. Hastig wich ich zur&uuml;ck, um nicht damit in Ber&uuml;hrung zu kommen.</p> <p>&bdquo;Wann?&ldquo; Grimmig zog Lucius die Augenbrauen zusammen. Seine Kieferpartie spannte sich an und ein Knurren war zu h&ouml;ren. Seine Finger zitterten vor Wut. Einzig und allein die Tatsache, dass er immer noch seinen Arm um unseren Bruder gelegt hatte, hielt ihn davon ab, die H&auml;nde zu F&auml;usten zu ballen. Er hasste es, etwas nicht zu wissen und so wie es aussah, hatte Dad nur mit mir dar&uuml;ber gesprochen.</p> <p>&bdquo;Gestern.&ldquo; Eigentlich war es erst ein paar Stunden her. Das glaubte ich jedenfalls. Wie sp&auml;t war es eigentlich? Ich hatte mit Dad gesprochen, mich mit Lucius im angesagtesten Club der Stadt getroffen, getanzt, gesoffen und die kleine Schlampe in mein Zimmer mitgenommen, nachdem sie bereits auf der Tanzfl&auml;che an meinen Lippen herumgelutscht hatte, als k&ouml;nnte sie es nicht mehr erwarten, mehr von mir in den Mund zu nehmen. Ja, es konnten nur ein paar Stunden vergangen sein, seitdem ich Dad quicklebendig gesehen hatte.</p> <p>&bdquo;Was hatte er vor?&ldquo; Lucius lie&szlig; Ty los, der endlich wieder sein Gleichgewicht zu finden schien, und griff mit der Hand stattdessen in seine Hosentasche, um sein Handy hervorzuziehen. Er dr&uuml;ckte mit den breiten Fingern auf dem Display herum, &ouml;ffnete die Kamera und schoss das erste Foto von der Decke. Eines und noch eines, bis er sogar die Brandflecke auf der Zimmerdecke und die Asche unter den Resten des Bettes dokumentiert hatte, oder eher den Haufen aus Asche und Wasser, das sich mit Dads K&ouml;rpers&auml;ften verbunden hatte und nun &uuml;ber den Boden floss.</p> <p>&bdquo;Er wollte uns bef&ouml;rdern.&ldquo; Ich war geschockt gewesen, als er mich in sein B&uuml;ro gerufen hatte, um es mir zu erz&auml;hlen. Sein Plan war radikal gewesen. Er hatte Onkel Roman und dessen treueste Gefolgsleute vor die T&uuml;r setzen wollen. Dad war nur wichtig, ob ich derselben Meinung war wie er, oder ob ich eine Alternative kannte. Ich hatte ihm zugestimmt. Fuck, w&uuml;rde er noch leben, wenn ich es nicht getan h&auml;tte?</p> <p>Ty sch&uuml;ttelte verwirrt den Kopf und wischte sich verstohlen eine Tr&auml;ne von der Wange, als w&uuml;rden wir die geschwollenen, rot umrandeten Augen nicht sehen k&ouml;nnen, die das Resultat seiner Trauer waren. Er versuchte tapfer zu sein, aber mit sechzehn w&auml;re es mir wohl auch schwergefallen, die Fassung zu bewahren. &bdquo;Es sind gar keine Stellen frei.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Er wollte sie frei machen.&ldquo; Bedeutungsschwer sah ich Ty an. Seine Augen weiteten sich, als er verstand, was ich damit sagen wollte. Dad h&auml;tte einige seiner Gener&auml;le get&ouml;tet, sie aus dem Weg ger&auml;umt. Und nun war er selbst ermordet worden. War das Gottes Auffassung von Ironie? &bdquo;Er hat keinem dieser M&auml;nner vor der T&uuml;r vertraut. Dad sind Unregelm&auml;&szlig;igkeiten in der Buchhaltung aufgefallen. Irgendwer hat Geld veruntreut und er hat nach dem Schuldigen gesucht.&ldquo; Dass er bereits gewusst hatte, wer seine Finger im Spiel hatte, lie&szlig; ich aus. Ich vertraute meinen Br&uuml;dern. Das war nicht das Problem. Doch ich wollte nicht, dass sie sich verd&auml;chtig verhielten oder offen unserem Onkel den Mord unseres Dads vorwarfen. Ty h&auml;tte das nicht getan, aber Lucius &hellip; Na ja, er war ein Hitzkopf.</p> <p>&bdquo;Was schl&auml;gst du jetzt vor?&ldquo; Lucius drehte sein Handy zur Seite, um horizontale Bilder von der Umgebung machen zu k&ouml;nnen. Dabei lehnte er sich &uuml;ber das Bett, sodass er den gr&ouml;&szlig;ten Teil der Leiche fotografieren konnte. Er r&uuml;mpfte angeekelt die Nase. Bl&auml;sse &uuml;berzog sein Gesicht. Aber er schaffte es, die Aufnahme zu machen, ohne sich zu &uuml;bergeben.</p> <p>&bdquo;Keine Ahnung, aber eins ist sicher &ndash;&ldquo; Ich stoppte und blinzelte gegen die Tr&auml;nen an, die in meinen Augen drohten &uuml;berzuquellen. Ich wollte nicht weinen. Auch nicht vor meinen Br&uuml;dern. Ich war der &auml;lteste und sollte nun eine St&uuml;tze f&uuml;r sie sein. Dennoch konnte mein Gehirn sich nicht mit dem Umstand abfinden, dass irgendwer, den ich schon mein ganzes Leben lang kannte &ndash; ein Teil meiner Familie &ndash; meinen Dad umgebracht hatte.</p> <p>&bdquo;Was?&ldquo; Lucius hob die Hand, in der er das Handy hielt, noch h&ouml;her und machte ein weiteres Bild. St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck zeichnete er alles im Raum auf. Die Brandl&ouml;cher in der Matratze, das verbrannte Parkett und den Ru&szlig; an der Decke.</p> <p>&bdquo;Dass auch wir ihnen nicht vertrauen sollten&ldquo;, hauchte ich und sah ein letztes Mal auf die &Uuml;berreste von Dad. Sobald wir die T&uuml;r wieder &ouml;ffneten, w&uuml;rden wir unser Misstrauen verstecken m&uuml;ssen, bis wir Articus auf den Zahn f&uuml;hlen und weitere Antworten bekommen konnten. Wie schwer das sein w&uuml;rde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Keiner von uns w&uuml;rde die M&ouml;glichkeit bekommen, mit Art zu sprechen. Am n&auml;chsten Morgen war er n&auml;mlich verschwunden und das sollte er auch bleiben.</p> <p>Genauso wie das Leben, das wir gekannt hatten.</p> <h2>Kapitel 1</h2> <h2 id="estelle">Estelle</h2> <div class="style_time_loc"> <p>Gegenwart &hellip;</p> </div> <p>Viel zu fest warf ich die Autot&uuml;r ins Schloss. Es knallte laut. Das Ger&auml;usch wirkte gespenstisch in der Dunkelheit, die mich umgab, und ich zuckte zusammen. Dabei stahl mir meine Angst nur noch mehr Zeit, die ich nicht hatte. Schon jetzt war ich viel zu sp&auml;t dran. Ich h&auml;tte schon vor Stunden zu Hause sein sollen, aber den Schneesturm, der den halben Highway lahmlegte, hatte ich nicht in meine Pl&auml;ne einkalkuliert, sodass ich nun mit kolossaler Versp&auml;tung ankam. Ich konnte nur hoffen, dass die anderen noch nicht alles aufgegessen hatten. Die dreist&uuml;ndige Fahrt hatte mir den letzten Nerv geraubt. Ich war unendlich hungrig und mir war eiskalt. Die Temperaturen waren noch einmal um mehrere Gerade gefallen. Der Boden war gefroren und rutschig, sodass jeder Kilometer der Fahrt eine Zerrei&szlig;probe f&uuml;r meine Fahrk&uuml;nste gewesen war. Eigentlich wollte ich nur noch etwas essen, ein Bad nehmen und schlafen gehen, doch das w&uuml;rde Ava nicht zulassen. Sie w&uuml;rde schon fuchsteufelswild sein, weil ich zu sp&auml;t kam, immerhin hatte sie heute Morgen viermal angerufen, um sicherzugehen, dass ich tats&auml;chlich in den Weihnachtsferien zur&uuml;ckkam. Zumindest dieses eine Mal, nachdem ich es die letzten Jahre nicht geschafft hatte.</p> <p>Ich ignorierte das unangenehme Gef&uuml;hl in meiner Magengegend, das absolut irrational war, und stapfte durch den Schnee auf das Haus zu, in dem ich aufgewachsen war. Nat&uuml;rlich waren die Stra&szlig;en verlassen und menschenleer. Es war Weihnachten. Alle waren um diese Zeit in ihren warmen Wohnzimmern auf der Couch zusammengekuschelt und warteten auf das Morgengrauen, um sich Geschenke wegen eines Brauchs zu &uuml;berreichen, dessen Ursprung die meisten nicht einmal mehr kannten.</p> <p>Der Schnee knirschte unter den Sohlen meiner Stiefel und ich zog meinen roten Mantel enger um meinen K&ouml;rper. Mein Organismus reagierte auf die K&auml;lte. Meine Gef&auml;&szlig;e zogen sich zusammen und versorgten meine Organe weiterhin mit Blut, was zur Folge hatte, dass meine Finger rot anliefen und es mir schwerfiel, meine Schl&uuml;ssel aus meiner Manteltasche zu holen. Ich schaffte es jedoch, als ich die zwei Stufen, die zur T&uuml;r f&uuml;hrten, hinter mir lie&szlig; und in den d&auml;mmrigen Schein der Gl&uuml;hbirne trat. Sie hing genau &uuml;ber dem Eingang und bot gen&uuml;gend Licht, um den Schl&uuml;ssel ins daf&uuml;r vorgesehene Loch stecken zu k&ouml;nnen. Die T&uuml;r sprang auf.</p> <p>&bdquo;Avaline, Malea, Dad, ich bin zu Hause!&ldquo;, rief ich, schloss die Eingangst&uuml;r hinter mir wieder, bevor die K&auml;lte ins Haus str&ouml;men konnte, und entledigte mich meines Mantels. Gespannt wartete ich darauf, dass meine Schwestern angelaufen kamen und mich &uuml;ber das College ausfragten. Obwohl es bereits mein viertes Semester war, konnten die beiden immer noch nicht glauben, dass ich irgendwo im Nirgendwo Anthropologie studierte. Nicht, dass eine der beiden sich tats&auml;chlich f&uuml;r meine Studienrichtung interessierte. Nein, sie wollten lediglich wissen, ob ich auf einer dieser ber&uuml;hmten Studentenpartys gewesen war oder endlich mit dem Typen, der sich bei jeder Vorlesung neben mich setzte, geknutscht hatte. Etwas, das niemals passieren w&uuml;rde. Ich sah zwar die Notwendigkeit einer Partnerschaft f&uuml;r sexuellen Kontakt und Zweisamkeit, doch bislang hatte mich die Symmetrie eines Menschen nicht genug erstaunt, um langfristig mit einem Partner zusammen zu bleiben. Au&szlig;erdem faszinierten mich die Leichenteile, die von Speckk&auml;fern vom &uuml;bersch&uuml;ssigen Fleisch gereinigt wurden, viel mehr als der blonde Sch&ouml;nling, der es nur in den Kurs geschafft hatte, weil sein Vater der Universit&auml;t einen neuen Fl&uuml;gel gespendet hatte. Intelligenz sollte &uuml;ber Geld stehen. Immer.</p> <p>Ich h&auml;ngte meinen Mantel auf einen der vorgesehenen Haken und zog den Rei&szlig;verschluss meiner Stiefel auf, um meine nassen Schuhe auszuziehen und damit zu verhindern, den verschmutzten Schnee in den Wohnbereich zu tragen. Dann wartete ich. Und wartete. Aber weder Ava noch Malea kamen angelaufen. Ich stutzte. &bdquo;Dad?&ldquo;, rief ich erneut und tapste in Socken &uuml;ber die Fliesen des Flurs. Im Haus war es ungewohnt still, als ich &uuml;ber die Schwelle trat. Das Parkett knarrte unter meinem Gewicht leise. Waren sie alle schon ins Bett gegangen? Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet, dass es kurz vor Mitternacht war. Sp&auml;t, keine Frage, aber nicht sp&auml;t genug, dass alle im Tiefschlaf w&auml;ren. Verwirrt lief ich weiter und br&uuml;llte erneut durchs Haus. &bdquo;Ava? Malea?&ldquo;</p> <p>Auch diesmal bekam ich keine Antwort, daf&uuml;r erklang jedoch ein Wimmern. Der Ton war hoch, fast wie ein schmerzerf&uuml;lltes Quietschen. Und viel n&auml;her als erwartet. Hatte sich jemand verletzt? Eilig beschleunigte ich meine Schritte, bog um die Ecke ins Wohnzimmer und erstarrte. Niemand war im Bett. Meine ganze Familie war quer im Raum verstreut. Malea sa&szlig; zitternd auf der Couch, die Beine fest an die Brust gezogen. Ihre Knie waren aneinandergepresst, &uuml;ber eines ihrer Beine lief Blut. Ich konnte nicht sehen, woher es kam, aber irgendwo musste sie verletzt sein. Ich konnte nur hoffen, dass es keine tiefe Wunde war. Es w&uuml;rde einen Kampf oder eine Flucht erschweren, wenn eine von uns nicht laufen konnte. Tr&auml;nen schimmerten in ihren Augen und nasse Spuren waren auf ihren ger&ouml;teten Wangen zu sehen. Ein breitschultriger Mann hatte eine Hand in ihrem roten Haar vergraben und zog ihren Kopf an den Str&auml;hnen weit nach hinten. Ihr Blick schoss zu mir, als ich den Raum betrat und sie stie&szlig; erneut ein Wimmern aus. Der Mann musste ihr wehtun, doch sie konnte nichts anderes tun, als still sitzen zu bleiben, in der Hoffnung, dass er sie nicht noch mehr verletzen w&uuml;rde, denn ein weiterer Typ stand mit einer Waffe ganz in der N&auml;he. Er hatte den Lauf der Pistole auf ihre Schl&auml;fe gerichtet, w&auml;hrend er mit der freien Hand gegen Avalines Schulter dr&uuml;ckte und sie so zu Boden presste. Sie st&uuml;tzte sich mit den H&auml;nden am Untergrund ab, um nicht mit dem Gesicht auf dem Parkett zu landen. Meine j&uuml;ngere Schwester weinte nicht. Sie wimmerte und schluchzte auch nicht. Nein, stattdessen waren ihre leblosen Augen auf unseren Dad gerichtet. Ich folgte ihrem Blick. Mir entkam ein Keuchen. Angst durchzog mich. Nicht die irrationale Angst vor Spinnen oder Schlangen, vor denen Menschen mehr Ekel als Panik empfanden, aber es dennoch als Furcht deklarierten, sondern richtige Angst. Todesangst. Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen.</p> <p>Ein R&ouml;cheln kam aus Dads Mund. Sein K&ouml;rper wurde von einem Krampf gesch&uuml;ttelt. Er zuckte im Griff der beiden M&auml;nner, die ihn je an einem Arm gepackt hielten. Wie bei einer Exekution kniete er auf dem Boden. Den Kopf hatte er erhoben. Er war blass, sodass die farbigen Flecken auf seiner Haut noch besser zur Geltung kamen. Violett, rot und blau prangten mir seine Verletzungen entgegen. Irgendjemand hatte ihn geschlagen. Sein Jochbein war gebrochen und hatte sich durch die aufgeplatzte Haut gek&auml;mpft. Ein St&uuml;ck Knochen war zu erkennen, w&auml;hrend das Auge zugeschwollen war. Auch mit dem anderen konnte er sicher kaum noch etwas erkennen. Es war blutunterlaufen. Eine Ader war darin geplatzt und m&uuml;sste den Sehnerv beeintr&auml;chtigen. Dennoch l&auml;chelte er entschuldigend, als er mein Keuchen vernahm. Blut lief &uuml;ber seine Lippen. Vor ihm auf dem Parkett lag ein Zahn. Es war nur eine Hypothese, aber ich war mir sicher, dass es sein eigener war. Ich erschauderte.</p> <p>Automatisch griff ich mit der Hand an die Tasche meines Kleids, in dem mein Taschenmesser steckte. Ich wollte es ziehen und auf die M&auml;nner losgehen, die f&uuml;r die Verletzungen meiner Familie verantwortlich waren. Aber meine Hand verharrte an meiner H&uuml;fte. Zuerst musste ich herausfinden, was hier vor sich ging. Vielleicht war es nur ein Missverst&auml;ndnis, richtig? Auch wenn ich nicht daran glaubte. Niemand nutzte Heiligabend, um einen Angriff auf eine x-beliebige Familie zu starten. Au&szlig;erdem zeichneten sich auf Maleas und Avas Gesichtern &Uuml;berraschung, Schock und Panik ab, w&auml;hrend Dad nur ein einziges Gef&uuml;hl zur Schau trug: Schuld.</p> <p>&bdquo;Wie sch&ouml;n, auch die Letzte kommt endlich zum Feiern.&ldquo; Einer der M&auml;nner, die Dad festhielten, lachte schallend. Seine blonden Haare fielen ihm str&auml;hnig ins Gesicht, als er den Kopf schief legte und mich aus stechend gr&uuml;nen Augen ansah. Sein Blick glitt von meinem Haaransatz bis zu meinen Zehen und wieder zur&uuml;ck, ehe er an meinen Br&uuml;sten stoppte. Sofort breitete sich Ekel in mir aus. Mir war bewusst, dass der weibliche K&ouml;rper rein biologisch auf M&auml;nner anziehend wirken musste, aber die Tatsache, dass er sogar in der jetzigen Situation dar&uuml;ber nachdachte, sich mit mir fortzupflanzen, lie&szlig; mich w&uuml;rgen. Sein Verhalten verriet mir, was f&uuml;r eine Art Mann er war. Keiner, den ich n&auml;her kennenlernen wollte. &bdquo;Wir haben schon auf dich gewartet&ldquo;, s&auml;uselte er, lie&szlig; Dads Arm los und st&uuml;rzte auf mich zu. Blitzschnell &uuml;berbr&uuml;ckte er die Distanz, packte mein Kinn und zog es zur Seite, um mein Gesicht genauer in Augenschein nehmen zu k&ouml;nnen. Auf seinen Fingern klebte Dads Blut. Er war f&uuml;r dessen Verletzungen verantwortlich. Wut kochte in mir hoch. Er hatte jemanden verletzt. Mit purer Absicht. Mit purer Boshaftigkeit.</p> <p>&bdquo;Nein, lasst sie in Ruhe, Roman!&ldquo; Dad machte einen Satz nach vorne, versuchte sich aus dem Griff des &uuml;berdurchschnittlich gro&szlig;en Typen loszurei&szlig;en und mir zu helfen. Doch er war nicht einmal in der Verfassung, seinen K&ouml;rper eigenst&auml;ndig aufrecht zu halten. Als der Mann ihn ebenfalls loslie&szlig;, fiel Dad nach vorn und fing sich im letzten Moment mit den H&auml;nden ab, bevor sein Nasenr&uuml;cken auf das Parkett prallen konnte. Das hatte jedoch zur Folge, dass sein gesamtes Gewicht gegen seine Elle und Speiche gepresst wurde. Es knackte. Die Knochen protestierten. Dad schrie auf.</p> <p>Schmerz durchzuckte mich. Ich wusste, dass es nicht mein eigener war, sondern meine Empathie, die mich Dads Leiden nachempfinden lie&szlig;, doch das machte es nicht weniger unertr&auml;glich. Ich atmete tief durch und versuchte, die Angst auszublenden, die mich instinktiv zur&uuml;ckweichen lie&szlig;, um von der Gefahr wegzukommen. Jede Faser meines K&ouml;rpers schrie nach Flucht, aber ich stemmte die F&uuml;&szlig;e in den Boden und blieb. Es ging hier um meine Familie. Also packte ich das Handgelenk dieses Ekelpakets und zog seine Finger von meinem Kinn.</p> <p>&bdquo;Wer sind Sie? Was machen Sie in unserem Haus?&ldquo;, fragte ich lautstark und war stolz auf mich, weil meine Stimme k&uuml;hl und selbstbewusst klang. Ich hatte jedes Recht, in diesem Haus zu sein. Sie nicht. Und sie sollten gehen. Sofort!</p> <p>&bdquo;Ein h&uuml;bsches Ding.&ldquo; Wieder lachte Roman. &bdquo;Viel sch&ouml;ner als die anderen.&ldquo; Abf&auml;llig sah er zu meinen Schwestern hin&uuml;ber. Er verzog die Lippen zu einem d&uuml;nnen Strich und musterte die beiden. Gerne h&auml;tte ich ihm widersprochen. Sicher, nach den zurzeit geltenden Sch&ouml;nheitsidealen war Malea mit ihren roten Haaren und den Sommersprossen weniger attraktiv als ich mit den langen, blonden Haaren und den blauen Augen. Aber daf&uuml;r war ihr d&uuml;nner K&ouml;rper mit der handgro&szlig;en Brust und dem Pfirsichhintern mehr gefragt als meine &uuml;ppigen weiblichen Kurven. Und Avaline? Sie war noch ein halbes Kind. Nat&uuml;rlich, in einigen Kulturen w&auml;re sie schon verheiratet worden, um Nachkommen zu generieren, aber ihr fehlte es noch an gesellschaftlich anerkannter Weiblichkeit. Jede von uns war es wert, angesehen zu werden und seine Andeutung, dass meine Schwestern es nicht w&auml;ren, lie&szlig; mich rasend werden vor Wut. Malea zuckte unter seinen Worten zusammen, als h&auml;tte er sie geschlagen. Dadurch bewegte sie ihren Kopf und schrie auf, weil der Typ hinter ihr unbeabsichtigt einige Haarstr&auml;hnen aus der Kopfhaut riss. Zornig biss ich die Z&auml;hne zusammen. Ich ballte die H&auml;nde zu F&auml;usten und verzog die Augen zu Schlitzen. Emp&ouml;rung kroch in mir hoch. Was erdreisteten sich diese Gestalten eigentlich? Das war unser Haus!</p> <p>&bdquo;Sch&ouml;nheit liegt im Auge des Betrachters.&ldquo; Der Mann, der Maleas Haare fest im Griff hatte, schnaubte w&uuml;tend, als h&auml;tte Roman auch ihn pers&ouml;nlich beleidigt. Sanft entwand er seine Finger aus dem Schopf und legte seine Hand stattdessen an Maleas Genick. Wenn er zudr&uuml;ckte, k&ouml;nnte er sie somit st&auml;rker verletzen, aber die Art wie er mit lodernden Flammen in den Augen auf Roman sah, zeigte, dass er Malea nicht verletzen w&uuml;rde, nur um seine Pflicht zu erf&uuml;llen. Nein, er wollte genauso wenig hier sein, wie ich ihn hier haben wollte. Aber wieso ging er dann nicht einfach?</p> <p>&bdquo;Ist das so? Dann st&ouml;rt es dich ja nicht, eine der anderen beiden zu nehmen, Lucius.&ldquo; Erneut erf&uuml;llte Romans widerw&auml;rtiges Gel&auml;chter den Raum. Er lie&szlig; von mir ab und trat zu Malea hin&uuml;ber. Diesmal griff er nach ihrem Kinn und drehte es zu allen Seiten, als wollte er die Aussage zu ihrer Sch&ouml;nheit &uuml;berpr&uuml;fen. Erst dann hob er den Kopf und sah direkt Lucius an. &bdquo;Sie k&ouml;nnte gut zu dir passen.&ldquo; Das Lachen wurde lauter. Es hallte von den W&auml;nden wider und &uuml;bert&ouml;nte sogar Maleas &auml;ngstliches Keuchen, als Romans Finger von ihrem Kinn &uuml;ber ihre Wange wanderten. Er beugte sich zu ihr hinunter und dr&uuml;ckte gewaltsam seine Lippen auf ihren Mund.</p> <p>Ich riss die Augen auf. Lucius reagierte nicht auf den verbalen Seitenhieb, aber als sich der Mund von Roman auf Maleas legte, sie zu schluchzen begann und mit dem Kopf wackelte, um den &Uuml;bergriff abzusch&uuml;tteln, l&ouml;ste er die Hand von ihrem Genick und dr&uuml;ckte gegen Romans Schultern, damit er von meiner Schwester ablie&szlig;.</p> <p>&bdquo;H&ouml;ren Sie sofort auf&ldquo;, rief ich erz&uuml;rnt und f&uuml;hlte Mitleid f&uuml;r Malea in mir hochsteigen. Sie glaubte an die Illusion von Gott und die Reinheit vor der Ehe. Trotz ihres Alters hatte sie sich f&uuml;r <i>den Richtigen</i> aufgespart, der vermutlich niemals kommen w&uuml;rde, weil es ihn schlichtweg nicht gab. Ihren ersten Kuss nun an den Abklatsch eines Neandertalers zu verlieren, der allen menschlichen Gesetzen zum Trotz glaubte, sich nehmen zu k&ouml;nnen, was er wollte, zeigte wieder einmal, dass die Konstruktion des religi&ouml;sen Glaubens nur falsch sein konnte, denn sonst h&auml;tte das Arschloch nun ein Blitz getroffen.</p> <p>&bdquo;Ach ja? Und wenn nicht?&ldquo; Roman hob den Kopf und drehte sich mit einem breiten Grinsen auf den Lippen zu mir um.</p> <p>&bdquo;Ich rufe die Polizei&ldquo;, verk&uuml;ndete ich und h&auml;tte mir am liebsten gegen die Stirn geschlagen. Wieso hatte ich das nicht gleich getan? Ich hatte nicht einmal daran gedacht. Mein Handy befand sich in meiner Manteltasche. Ein Anruf und wir w&uuml;rden Hilfe bekommen. Ich drehte mich bereits um und wollte zum Flur rennen, als es hinter mir klickte.</p> <p>&bdquo;Estelle, nicht!&ldquo;, schrie Dad auf, hustete und ein W&uuml;rgen erklang. Schnell wandte ich mich ihm wieder zu. Noch mehr Blut kam &uuml;ber seine Lippen. Er spuckte es auf den Boden, w&auml;hrend er auf die Waffe starrte, die nun nicht mehr auf Malea gerichtet wurde, sondern auf mich. Ich schluckte. Verflucht! Uns allen war nicht geholfen, wenn ich zu meinem Mantel lief und dabei erschossen wurde. Roman bemerkte mein Dilemma und sein Gel&auml;chter erreichte einen neuen H&ouml;hepunkt.</p> <p>&bdquo;Dad, was geht hier vor?&ldquo; Ich hob entwaffnend die H&auml;nde, um zu signalisieren, dass ich keine falsche Bewegung machen w&uuml;rde. Den Typ mit der Waffe schien das zu beruhigen, denn er nickte mir dankbar zu. In welchem abgedrehten Horrorfilm war ich gelandet? Ich &ndash; forensische Anthropologiestudentin mit Nebenfach Kriminologie &ndash; hatte Kriminelle mit Waffen im Haus, die erleichtert waren, wenn sie mich nicht erschie&szlig;en mussten? Ich denke nicht, dass es ein T&auml;terprofil mit diesen Indikatoren gab.</p> <p>&bdquo;Es tut mir so leid&ldquo;, hauchte Dad und zog damit die Aufmerksamkeit von Roman wieder auf sich. Er ging auf Dad zu, trat gegen seinen Bauch und packte ihn an den Haaren, damit er sich nicht zusammenkr&uuml;mmen konnte. Ein schmerzerf&uuml;llter Laut erklang. Dad w&uuml;rgte wieder. Diesmal kam kein Blut aus seinem Mund. Zumindest nicht nur. Stattdessen zwang der Schlag in die Magengrube die Magens&auml;ure dazu, sich einen Weg nach oben zu bahnen. Erbrochenes floss &uuml;ber das Parkett.</p> <p>&bdquo;Was tut dir leid?&ldquo; Dass er mich zu Weihnachten vom Studium abgehalten hatte, um &hellip; ja, was eigentlich? Ermordet zu werden? Nein, dann w&auml;ren wir schon tot. Was wollten diese M&auml;nner dann? Geld? Davon hatten wir keines. Wir kamen gerade so &uuml;ber die Runden und das Haus, in dem wir wohnten, geh&ouml;rte nicht uns. Nicht wirklich. Moms Familie hatte es besessen. Das konnte es also auch nicht sein.</p> <p>&bdquo;Es wird Zeit zu gehen&ldquo;, sagte Roman entschieden, trat erneut zu und sorgte damit daf&uuml;r, dass Dad sich wieder &uuml;bergeben musste. Erst, als der letzte Strahl &uuml;ber die blutverschmierten Lippen gedrungen war, beugte Roman sich tief zu ihm hinunter. &bdquo;Du hast geh&ouml;rt, was ich gesagt habe?&ldquo; Ein bedrohlicher Unterton schwang in seinen Worten mit. Hastig nickte Dad. Roman nutzte genau den Moment, um den Haarschopf loszulassen. Dad realisierte es zu sp&auml;t und schaffte es nicht rechtzeitig, sein Gleichgewicht zu finden. Er fiel nach vorn und landete in der s&auml;uerlich stinkenden Pf&uuml;tze. Das Erbrochene spritzte zur Seite. Ein paar Tropfen fielen auf Avas Fu&szlig;r&uuml;cken, aber selbst darauf reagierte sie nicht. &bdquo;Gut.&ldquo; Zufrieden klatschte Roman in die H&auml;nde, hob einen Fu&szlig; und dr&uuml;ckte ihn auf Dads Gesicht, sodass eine H&auml;lfte seines Kopfs tiefer in die Lache gepresst wurde. &bdquo;Deine M&auml;dchen habe ich mir jetzt geholt und als N&auml;chstes geh&ouml;rt auch noch dein Leben mir, wenn du nicht zahlst. Kapiert?&ldquo;</p> <p>&bdquo;Ja.&ldquo; Dads Stimme klang wie ein Schluchzen. Ich hatte keine Ahnung, was hier los war oder wieso dieses Arschloch glaubte, er h&auml;tte Anspruch auf irgendwas oder irgendwen von uns. Aber wenn er wirklich glaubte, ich w&uuml;rde zulassen, dass er Dad umbrachte, hatte er nicht gut genug recherchiert. Ich war kr&auml;ftig genug, einen menschlichen K&ouml;rper auseinandernehmen. Sch&ouml;n, meistens waren es &Uuml;berreste von Toten, aber der Unterschied war nicht so gro&szlig;, dass ich es nicht versuchen w&uuml;rde, um mein eigenes Leben oder das meiner Familie zu sch&uuml;tzen. Es w&uuml;rde nur blutiger sein. Dreckiger.</p> <p>&bdquo;Schnappt euch die Frauen und raus hier!&ldquo;, befahl Roman, aber niemand bewegte sich. Alle anderen M&auml;nner z&ouml;gerten. Blicke wurden ausgetauscht. Einer davon traf mich. Der Typ, der zuvor Roman geholfen hatte, Dad festzuhalten, starrte mich an. Und ich konnte nicht anders, als zur&uuml;ck zu starren. Er war mir im ersten Moment in dieser grotesken Situation gar nicht aufgefallen. Aber nun &hellip; nun da ich ihn sah, richtig sah, konnte ich meinen Blick nicht von ihm l&ouml;sen. Er war bestimmt zwei K&ouml;pfe gr&ouml;&szlig;er und mindestens doppelt so breit wie ich. Seine kr&auml;ftige Statur passte zu dem kantigen Kinn und lie&szlig; ihn stark und dominant aussehen. Mit der geraden Nasenwurzel und der hochliegenden Stirn wirkte er jedoch fast schon aristokratisch. Seine vollen Lippen waren einen Spalt ge&ouml;ffnet und seine dichten, schwarzen Wimpern umrandeten die unglaublichsten Augen, in die ich je geblickt hatte. Sie waren gr&uuml;n, &auml;hnlich wie die von Roman, aber nicht g&auml;nzlich, denn um die Pupille lag ein weiterer dunkler Ring, der eine Vertiefung des Farbempfindens anzeigte. Au&szlig;erdem war die Sklera &ndash; der wei&szlig;e Teil des Augapfels &ndash; um die Iris getr&uuml;bt, sodass das gesamte Auge aussah wie ein einziger Farbverlauf. Es war sch&ouml;n. Und erstaunlich, dass die Natur etwas Derartiges erschaffen konnte.</p> <p>&bdquo;Ich sagte, schnappt euch die Frauen und lasst uns gehen!&ldquo;, wiederholte Roman. Lauter diesmal. Strenge und Wut lagen in seiner Stimme. Der Ton riss mich aus meiner Betrachtung und ich drehte meinen Kopf schnell zur Seite, als Roman bereits mit den H&auml;nden nach mir griff. Schnell zog ich das Taschenmesser hervor, &ouml;ffnete es mit einer flie&szlig;enden Handbewegung und zielte mit der Spitze auf einen seiner Finger. Die Klinge fuhr &uuml;ber die Haut und ritzte sie ein, bevor Roman den Arm zur&uuml;ckziehen konnte. Einzelne Blutstropfen kamen aus der entstandenen Wunde, die jedoch nicht tief genug war, um Schmerzen zu verursachen.</p> <p>&bdquo;Ein sch&ouml;nes Messer.&ldquo; Anerkennend nickte Roman, drehte die Handfl&auml;che nach oben und besah sich die Verletzung. Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich, w&auml;hrend er an seine H&uuml;fte langte und aus einer Halterung am G&uuml;rtel ein Messer zog. Es war doppelt so dick wie meines und auch ein St&uuml;ck l&auml;nger.</p> <p>&bdquo;Ich wei&szlig;, wie man damit umgeht.&ldquo; Ich umgriff das Taschenmesser fester und lie&szlig; es bedrohlich durch die Luft gleiten. Mehr aus Verzweiflung, als dass ich ihn wirklich verletzen wollte. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht mit Gegenwehr gerechnet hatten und verschwanden, denn es waren einfach zu viele, als dass ich alle t&ouml;ten konnte. Aber vielleicht war das auch gar nicht n&ouml;tig. Lucius packte Malea nur sehr unwillig und hob sie sanft auf seine Arme. Tief sahen sich beide in die Augen. Irgendwas schienen sie stumm auszumachen, aber mir war es recht, solange er sie nicht verletzte.</p> <p>Roman bekam davon nichts mit. Er drehte das Messer in seiner Hand, hob es auf H&ouml;he meines Gesichts und kam damit Schritt f&uuml;r Schritt n&auml;her auf mich zu. Erneut &uuml;berschwemmte mich Angst. Eine G&auml;nsehaut &uuml;berzog meinen K&ouml;rper. Alle H&auml;rchen in meinem Nacken stellten sich auf. Sein Blick war auf meine Augen gerichtet. Wollte er sie mir ausstechen? Mein Fluchtinstinkt &uuml;bernahm die Oberhand. Ich wich zur&uuml;ck. Immer weiter und weiter, bis sich die k&uuml;hle Mauer an meinen R&uuml;cken dr&auml;ngte. Ich japste vor Schreck. Abwehrend hob ich die H&auml;nde vor meine Wangen, um eine Barriere zwischen dem Messer und meinen Augen zu bilden. Das brachte Roman nur noch lauter zum Lachen. Er genoss meine Angst, schwelgte darin, indem er mit den freien Fingern meine Handgelenke packte und sie zur Seite zog, um die Klinge &uuml;ber meine Wange gleiten zu lassen. Das Metall ber&uuml;hrte mich kaum, es verletzte mich nicht. Aber das Wissen, dass er meine Haut f&uuml;r immer verunstalten k&ouml;nnte, lie&szlig; mich erzittern.</p> <p>&bdquo;Du solltest sie nicht verletzen. Wenn du ihr Gesicht besch&auml;digst, will sie vielleicht keiner mehr&ldquo;, meldete sich eine tiefe, m&auml;nnliche Stimme und lie&szlig; Roman innehalten. Dankbarkeit durchstr&ouml;mte mich und Erleichterung, aber der Moment hielt nur f&uuml;r eine Sekunde an. Gerade lange genug, bis mir seine Worte bewusst wurden. <i>Dann will mich vielleicht niemand mehr?</i> Ich war die beste meines Kurses und mir stand eine umwerfende Zukunft bevor. Ich h&auml;tte die Chance, in ferne L&auml;nder zu reisen und dort alte St&auml;mme zu untersuchen. Das w&uuml;rde auch eine Narbe nicht &auml;ndern. Sch&ouml;nheit war nicht alles. Sie bedeutete gar nichts und sollte kein Indikator daf&uuml;r sein, mit jemandem sein restliches Leben zu verbringen.</p> <p>&bdquo;Gef&auml;llt dir ihr Gesicht denn?&ldquo; Roman grinste anz&uuml;glich und zog das Messer von meiner Wange. &bdquo;Es w&auml;re bestimmt noch sch&ouml;ner mit geschwollenen Lippen, Tr&auml;nen auf den Wangen und deinem Schwanz tief in ihrem Mund.&ldquo;</p> <p>&bdquo;Du hast selbst gesagt, dass sie wundersch&ouml;n ist. Auf dem Schwarzmarkt k&ouml;nnte sie uns viel Geld einbringen. Das w&auml;re vielleicht eine bessere Alternative f&uuml;r sie.&ldquo;</p> <p>Ich schluckte den Klo&szlig; hinunter, der sich in meinem Hals bildete. Mir war klar, dass ich gr&ouml;&szlig;ere Probleme hatte, immerhin redeten sie gerade dar&uuml;ber, mich als Sklavin zu verschachern. Doch das Ziehen in meiner Magengrube konnte ich nur auf eines zur&uuml;ckf&uuml;hren: meinen verletzten Stolz. Seine zur&uuml;ckweisenden Worte trafen mich tief, auch wenn sie mich eigentlich nicht k&uuml;mmern sollten. Dennoch st&ouml;rte es mich. Er hatte nicht zugegeben, dass er mich h&uuml;bsch fand. Rational wusste ich, dass nicht jedem Mann jede Frau gefallen konnte, weil sexuelle Vorlieben auch in der Partnerwahl eine gro&szlig;e Rolle spielten. Dennoch missfiel mir sein Desinteresse. War ich verr&uuml;ckt geworden? Dieser Mann &ndash; egal, wie unglaublich seine Augen auch sein mochten &ndash; war ein Verbrecher.</p> <p>Roman sch&uuml;ttelte den Kopf. Hass loderte in seinem Blick auf, der jedoch nicht f&uuml;r mich bestimmt war, sondern f&uuml;r seinen Begleiter. &bdquo;Ich denke, sie wird als deine Frau eine gute Figur machen. Findest du nicht, Maxon?&ldquo;</p> <p>Warte! Was? Seine Frau? Hatte ich mich gerade verh&ouml;rt? Ich glaubte zwar bereits, dass Roman bei der Intelligenzverteilung benachteiligt worden war, aber nun war ich mir sicher. Ich w&uuml;rde niemandes Frau werden. Niemals. Ich glaubte nicht einmal an das Konzept der Ehe!</p>

Erscheint lt. Verlag 2.10.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Dark Romance • Entführung • Gewalt • Leidenschaft • Spannung • spicy Liebesroman • suspense romance • Verlobung
ISBN-10 3-69090-188-X / 369090188X
ISBN-13 978-3-69090-188-8 / 9783690901888
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