Hank und die Bravado-Lady (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-532-5 (ISBN)
Die Hand umschloss plötzlich Hank Sullivans Oberarm. Dann pressten sich die Finger jäh zusammen, bis der Druck so heftig wurde, dass der Schmerz durch den Muskel zuckte.
»Da bist du ja!«, sagte der Mann grimmig. »Habe ich dich endlich, du Hundesohn?«
Hank hatte nur die Frau gesehen, die Männer vergessen. Jetzt sah er im halb blinden Spiegel von Fernandez’ Bodega in Santa Cruz den Mann hinter sich stehen.
Er kannte ihn nicht, aber er stufte ihn sofort ein. Der Bursche gehörte zur ganz rauen Sorte, das verriet schon sein Gesicht. Die Nase stand schief, sie war plattgeschlagen worden. Die rechte Augenbraue war lädiert, schlecht vernarbt und irgendwann einmal halb abgerissen worden. Die Narbe glühte dunkelrot.
Danach blickte Hank dem Burschen über den Spiegel weg in die tief liegenden Augen, und schließlich sah er noch den Mund. Das genügte für Hank.
»Was soll das?«, fragte Hank träge. Er hatte seine Erfahrungen mit solchen Burschen. Hier half nur Ruhe und Kühle. »Mister, meinst du mich?«
»Dich, Hundesohn!«
In derselben Sekunde kam die Faust. Und im gleichen Moment wusste Hank, dass er den Mann unterschätzt hatte – er war viel gemeiner und gefährlicher, als Hank geglaubt hatte.
Hank wollte noch wegtauchen, aber die Faust war zu schnell. Sie traf sein linkes Ohr, ehe er sich ducken konnte. Der Hieb schleuderte Hank am Tresen entlang, und in seinem Kopf begann eine Pauke zu dröhnen. Plötzlich sah er alles verschwommen, hörte eine Frau schreien und einen Mann fluchen. Irgendwann auf seiner Reise stieß Hank gegen einen Mexikaner, der zu Boden ging und dann auf allen vieren zur Seite kroch.
Runter, dachte Hank entsetzt, fallen lassen, Zeit gewinnen!
In diesem Moment hatte Hank das Ende des Tresens erreicht. Er drehte sich, kippte zusammen. Der steinharte Lehmboden raste ihm entgegen. Er fiel auf irgendeine Papierschlange, von denen Hunderte von der Decke der Bodega herabhingen. Der Aufprall ließ jene verrückten Schleier schlagartig verschwinden – Hank sah wieder deutlich. Er war so hingeschlagen, dass er die breite Doppeltür vor sich hatte und auf den Vorplatz blicken konnte. In der Tür hatten ein paar Mexikaner gestanden. Sie waren beim Aufschrei des Mädchens herumgefahren, und Hank hatte den Blick frei. Er sah jene Frau nun wieder, das Podium, auf dem die vier Musiker hockten – die schaukelnden, im Nachtwind flackernden Lichter der Lampions in den Baumzweigen.
Die Frau tanzte nicht mehr, sie war stehen geblieben, und Mondschein und Lampionschimmer erhellten ihr dunkles Haar, dass es wie lacküberzogen glänzte.
Dann kam der Mann wieder. Er war groß, breitschultrig und sicher hundertachtzig Pfund schwer.
»Der verdammte Kerl!«, schrie der Mann wütend. »Er schuldet mir noch siebzig Dollar für mein Pferd. Du verdammter Betrüger, hier finde ich dich also? Warte, Halunke, jetzt bezahlst du.«
Liegen bleiben, dachte Hank, totstellen, nur nicht bewegen und so tun, als wäre ich fertig. Was soll ich getan haben? Ein Pferd soll ich gekauft haben? Ich? Von dem Kerl? Was ist das für ein Trick, was will der Bursche? Betrunken ist er nicht, also muss er verrückt sein, oder?
Der Mann war schon da, bückte sich blitzschnell.
Die paar Sekunden hatten gereicht. Hank war wieder beisammen und nicht mehr zu überraschen. Diesmal machte er sich schwer. Der Mann packte ihn am Kragen und an der Jacke. Dann riss er Hank hoch und verlagerte sein Gewicht auf das linke Bein, um das rechte Knie hochzureißen und es Hank in den Bauch zu rammen.
Er wollte es tun, aber Hank erwachte plötzlich und schnappte zu. Seine Hände bekamen das Hosenbein des Mannes zu packen. Gleichzeitig drehte Hank sich nach links. Und dann warf er sich zurück, hielt jedoch dabei das Hosenbein fest. Er hob den Burschen glatt aus, schleuderte ihn hintenüber und entging dem wilden Fausthieb um Haaresbreite.
Wie schnell der schwergewichtige Mister war, begriff Hank jetzt in vollem Umfang. Der Mann keilte noch aus, obgleich er hintenüberflog und an den Tresen krachte.
»Pass auf, Abe, er kommt!«
Ein Mann schrie es an der Tür, um den Burschen zu warnen, denn Hank sprang bereits los. Abe, der schwergewichtige Mister, hielt sich jetzt am Tresen fest, wirbelte dann herum und holte blitzschnell aus. Im gleichen Augenblick sprang Hank nach links, entging so dem nächsten Fausthieb und schlug knallhart unter die Rippen des Mannes. Danach flog Hank an seinem Mann vorbei, prallte an den Tresen und stob herum. Er war weggesprungen, hatte seine Chance erkannt und ließ den Mann ins Leere schlagen.
»Abe, Vorsicht!«
Zwei Männer, dachte Hank noch, ehe er das heisere Schnaufen hinter sich hörte, er hat noch zwei Partner, der Kerl. Wenn sie sich einmischen, ist alles aus.
Er sah sie jetzt. Sie blockierten den Ausgang. Dann fuhr Hank herum und hatte Abe vor sich. Abes Gesicht war kreidebleich geworden. Der Mann vertrug den Magenhaken nicht, aber Hank war sicher, dass er hundert Hiebe an den Kopf genommen und keine Wirkung gezeigt hätte. Abe sprang zusammengekrümmt auf Hank zu, hielt die Arme weit ausgestreckt und den Kopf gesenkt. Er kam wie ein wilder Stier. Hank sprang ihm entgegen, blieb jedoch im nächsten Moment stehen und warf sich zu Boden. Es war die einzige Chance, diesen Polypenarmen zu entgehen. Abe griff ins Leere, stolperte dann und stürzte mit einem wütenden Schrei so schief gegen die Tresenkante, dass er abglitt und auf die Knie fiel. Er schoss sofort wieder in die Höhe, schien nun den Magenhaken verdaut zu haben und wirbelte herum.
Hank feuerte die Linke aus dem Aufspringen steil empor. Sie erwischte Abes Kinnwinkel. Schmerz zuckte durch Hanks Arm. Er hatte das Gefühl, dass er sich die Hand gebrochen hatte, sah seinen Mann stehen bleiben, das Gesicht verziehen und hörte ihn wütend knurren. Dann nahm Abe die rechte Schulter zurück, holte weit aus, schlug aber in derselben Sekunde mit der Linken zu. Es war ein ansatzloser Schlag, der Hank vor die Brust krachte und ihn zwei Schritt zurückwarf.
»Mach ihn fertig, den Gauner, Abe!«, schrie der kleinere der beiden Burschen an der Tür schrill. »Gib es ihm!«
Hank stolperte, tat so, als triebe ihn der Hieb immer weiter und sah Abe nachsetzen. Als der bärenstarke Bursche zum nächsten Schlag ausholte, knickte Hank ein, tauchte unter dem wuchtigen Schwinger durch und keilte blitzschnell aus. Diesmal traf es Abes Magen mit zwei Hieben – und die Wirkung zeigte sich sofort.
Abe sperrte den Mund weit auf. Seine Linke sank herab, und während er ächzend stehen blieb, schlug ihm Hank die Rechte durch einen Hieb in die Achselhöhle zur Seite. Im gleichen Moment war Abes Kinn ungedeckt. Hanks Rechte traf auf den Punkt genau, und Abe prallte mit dem Rücken an den Tresen. Er war jetzt angeschlagen, sah Hank anspringen und riss den Stiefel hoch, um Hank in den Bauch zu treten. Hank wich mit einem Seitenstepp aus, bekam das Bein zu packen und wuchtete es mit einem Ruck in die Höhe. Abe flog hintenüber. Einen Augenblick hing er hilflos auf der Tresenkante. Seine Hände griffen nach einem Halt, und Hank stieß ihm die Linke gegen den kurzen dicken Hals. Gleichzeitig feuerte Hank die Rechte in Abes hochgewölbten Bauch hinein.
Der Hammerschlag ließ Abe mit den Augen rollen. Er brachte nur noch ein Gegurgel heraus, während Hank rechts neben ihn an den Tresen sprang, ausholte und ihm die Faust auf das linke Ohr schlug. Abe rutschte langsam zusammen, bekam einen Stoß und flog seinen beiden Partnern entgegen. Einen Moment blieben sie verstört stehen, griffen dann zu, um ihn aufzufangen, und sahen zu spät, dass Hank seinen Colt herausriss.
Der kleinere Mann reagierte augenblicklich. Er hatte Abe auffangen wollen, sprang jetzt jedoch zur Seite und schlug seine schäbige Jacke zurück. Der größere Bursche, ein hagerer Mann mit verkniffenen Mundwinkeln und harten Augen unter weißgelben Brauen, fegte zur Seite. Abe kippte vor ihnen über den nächsten Tisch.
»Steht still!«, fauchte Hanks Partner Ron Waller in diesem Moment am offenen Fenster der Bodega. Er stand plötzlich mit dem Colt in der Faust schräg hinter den beiden Burschen. »Lasst die Hände vom Eisen, oder ich drücke ab, Amigos – na, wirds bald?«
Der kleine Bursche fuhr erschrocken zusammen – der hagere Mister verschluckte sich und erstarrte zur Bohnenstange. Dann nahmen sie gehorsam die Hände von den Revolverkolben und sahen sich vorsichtig um.
In diesem Augenblick sah Hank die schwarzhaarige Frau in der halb mexikanischen Tracht wieder. Die Frau – sie mochte etwa vierundzwanzig Jahre alt sein – trug das blauschwarze Haar offen, einen weitschwingenden Hüftrock und eine hellgelbe Bluse, die ihre starken, strammen Brüste so deutlich zeigte, als hätte sie vergessen, das Mieder anzulegen. Ihre großen dunklen Augen waren mit einem seltsamen Flimmern auf den stöhnenden Abe gerichtet. Es kam Hank vor, als erblickte er eine wilde Raubkatze, die jetzt lange genug mit ihrem Opfer gespielt hatte und nun dessen Erschöpfung und langsames Zusammensinken belustigt und zugleich triumphierend beobachtete.
Es war der seltsamste Blick, den Hank jemals bemerkt hatte. Die Frau schien sich über die Niederlage Abes zu freuen – mehr noch, sie schien sich an den stöhnenden, lallenden Lauten des Mannes irgendwie zu ergötzen.
»Habt ihr genug gesehen?«, erkundigte sich Ron Waller mit jener grimmigen Spöttelei, die noch nie ihren Eindruck verfehlt hatte. »Dann haltet euch jetzt heraus, Freunde, oder ich ziehe euch mit einer Kugel einen Scheitel, verstanden. He, Hank, was ist passiert?«
Er schwang sich blitzschnell über die niedrige Fensterbrüstung und lehnte sich an die Wand. Im gleichen Moment rutschte der...
| Erscheint lt. Verlag | 30.9.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Schlagworte | Barner • Cassidy • Colt • Cowboy • Cowboys • Doc Holliday • Duell • Grosse • Grossen • Häuptling • Indianer • Martin Kelter Verlag • Prärie • Sheriff • Squaw • Unger • Wilder Westen • Wild West • Wyatt Earp |
| ISBN-10 | 3-69049-532-6 / 3690495326 |
| ISBN-13 | 978-3-69049-532-5 / 9783690495325 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich