Großvater Gloser (eBook)
290 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-1685-5 (ISBN)
Pavel Kamil wurde 1946 in der Tschechoslowakei geboren. Seine Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte er in Mähren, im ehemaligen Sudetenland. Die Jugend und die kommunistische Erziehung genoss er in der Nähe von Prag. Nach dem Absolvieren der HTL-Schule musste er für zwei Jahre zum Militär, danach lebte und arbeitete er bis zu seiner Emigration nach Österreich in Prag. Ab dem Jahre 1969 wohnte und arbeitete er in Wien, ab dem Jahre 2000 genießt er die Ruhe mitten in der Natur im Wienerwald. Pavel Kamil ist das zweite Mal verheiratet und hat zwei Kinder.
Alter Mann in Wien
Das Haustor in der Degengasse war schon offen. Die Wohnung, die er suchte, befand sich im ersten Stock. An der Tür war ein runder elektrischer Klingelknopf und zusätzlich noch ein altmodischer Türklopfer aus Metall. Beide haben aber nicht funktioniert. Pavel klopfte vorsichtig mit dem Finger an die Tür und wartete gespannt. Aus der Wohnung drang laute Radiomusik aus einem schlecht eingestellten Sender und ein intensiver Geruch nach Zigaretten und Kaffee. Niemand öffnete! Pavel klopfte erneut mit zwei Fingern etwas stärker an die Tür. Plötzlich öffnete sich die Tür der Nachbarwohnung und darin erschien ein rothaariger Kopf einer Frau, mittleren Alters, mit einem Putzlappen in der Hand.
„Ordentlich klopfen, der Alte ist fast taub!“, sagte die Nachbarin und deutete mit der Faust Bewegungen an, als ob sie gegen einen Gegner boxen würde und verschwand wieder.
Pavel musste mehrmals mit der Faust stark klopfen, bis eine kreischend hohe Stimme aus dem Inneren der Wohnung in Deutsch fast militärisch befohlen hat:
„Herein! Die Tür ist offen!“
Pavel blieb verunsichert weiter vor der Tür stehen.
Dann antwortete er in seiner Muttersprache laut schreiend auf die nicht verstandene deutsche Aufforderung:
„Ich komme aus der gleichen Ortschaft in der Tschechoslowakei wie Sie und möchte Ihnen schöne Grüße von Ihrer Schwester ausrichten.“
Pavel hörte einige langsame, unregelmäßig schleifende Schritte und dann stand vor ihm ein kleiner grauhaariger Mann, Mitte siebzig, dessen weißgrauer Oberlippenbart à la Charlie Chaplin wie eine Zahnbürste waagrecht unter einer knolligen Nase ragte. Seine hellblauen und schelmisch lachenden Augen, hinter einer runden Brille verborgen, betrachteten ihn neugierig aus dem wie ein Taschentuch zerknitterten und unrasierten Gesicht.
„Was hast du gesagt?“, fragte das Männchen diesmal auf Tschechisch neugierig und zog kräftig an einer Zigarette ohne Filter.
Nachdem Pavel seine Begrüßungsrede wiederholt und sich vorgestellt hatte, zeigte sich der alte Mann sehr erfreut und forderte Pavel auf, in seine Wohnung zu treten und sich zum Tisch zu setzen.
„Kamil..., Kamil,..?, warte, warte mal, dann bin ich wahrscheinlich mit deinem Großvater und sogar oft auch mit deinem Urgroßvater ins Gasthaus „Zur Ziege“ regelmäßig Kartenspielen gegangen“, sagte der kleine Mann und lächelte glücklich, da er wahrscheinlich vor seinen Augen die Zeit, als er noch jung war, gesehen hatte. Dann führte er fort:
„Du musst wissen, dass das Kartenspielen im Wirtshaus in der damaligen Zeit bei den Männern sehr beliebt war. Dies war auch die einzige Unterhaltung im Dorf. Im Wirtshaus diskutierte man über Politik, Tratsch und Klatsch sowie Neuigkeiten im Ort und in der Welt. Aber Karten gespielt wurden nur an Samstagabenden und dann aber bis in die Nacht, denn unter der Woche hatte niemand Zeit, da wurde fest gearbeitet und am Abend war man todmüde. Am Sonntag konnte man am Tag ausschlafen“, klärte der alte Mann, stand auf und brachte eine Flasche Weißwein mit. Nachdem er den Wein in zwei Gläser gefüllt hatte, erzählte er Pavel weiter:
"Oft hat dein Urgroßvater mit meinem Vater und anderen älteren Männern aus unserem Dorf die ganze Samstagnacht durchgespielt. Die Leute erzählten, dass die Kartenspieler nicht einmal auf das Klo gegangen sind und in einen Kübel unter dem Tisch gepinkelt haben“, beendete der alte Mann lachend seine Erzählungen aus seiner Jugend, nahm einen Schluck Wein zu sich und zündete eine Zigarette ohne Filter an. Danach begab er sich hustend auf das Klo.
Pavel hatte schon über Herrn Josef Gloser zu Hause in der Tschechoslowakei erfahren, dass er seit Jahrzehnten in Wien lebt. Seine Schwester Marie, genannt Mařka, war eine alte Nachbarin und sehr gute Bekannte seiner Familie. Mařka hat oft über ihren Bruder in Österreich gesprochen, aber das war damals für den jungen Pavel nicht interessant.
Aber jetzt wollte Pavel mehr über den Herrn Josef Gloser erfahren.
„Ich wurde am selben Ort, von dem du kommst, im Jahre 1894 geboren“, sagte Josef Gloser, nachdem er aus dem Klosett zurückgekehrt war.
„Ich bin dort einige Jahre in die Gemeindeschule gegangen, danach habe ich eine zweijährige Lehre als Fleischer und Selcher in Kuttenberg absolviert und bin im Jahre 1912 als Geselle auf die Wanderschaft nach Wien gegangen“, erzählte der alte Mann in Kürze über sein Leben im damaligen Böhmen.
Gloser zeigte Pavel stolz ein in tschechischer Sprache geschriebenes, stark verschmutztes und abgegriffenes Zeugnis, das seine Lehre als Fleischer und Selcher bestätigte. Das im schönen Jugendstil gehaltene Zeugnis hatte durch das häufige Falten bereits Löcher erhalten.
Einige Stunden vergingen bei einem guten Wein, in denen sich die beiden Männer gegenseitig einiges über ihre Vergangenheit in ihrer Heimat erzählten und die Zusammenhänge zwischen ihnen klärten. Zum Schluss wollte Pavel Herrn Gloser über seine letzten Jahre, Tage und Stunden, sowie die politische Lage in der Tschechoslowakei informieren, die ihn dazu bewegten, seine Heimat zu verlassen. Stattdessen entschied er, dem alten Mann die wichtige Frage zu stellen, die ihn seit dem gestrigen Abend intensiv beschäftigt hatte:
„Herr Gloser, ich will nicht in Österreich bleiben, sondern in ein anderes europäisches Land auswandern. Um alle dafür notwendigen Unterlagen und Dokumente zu besorgen, benötige ich vielleicht einige Wochen oder auch Monate. Wäre es möglich, bei Ihnen wenigstens einige Tage zu bleiben, denn ich möchte nicht von der Polizei aufgegriffen und in irgendein Flüchtlingslager eingesperrt werden?“
Pavel sah, wie sich die Falten um die Augen des Alten vermehrten und in seinem unrasierten Gesicht ein Lächeln aufging.
„Du kannst bei mir bleiben, solange du willst!“, sagte der alte Mann erfreut und zeigte auf ein Eisendoppelbett, welches das Zimmer dominierte.
„Das Bett beim Fenster kannst du haben!“
Pavel war überwältigt vor Freude. Er würde am liebsten aufstehen, den alten Mann umarmen und liebevoll herzen.
„Es ist nicht das selbstverständlichste der Welt, mit mir das Bett zu teilen, mit einem Fremden, den er vor wenigen Stunden noch nicht gekannt hatte“, dachte er sich und sagte:
„Danke vielmals Herr Gloser, ein Dach über dem Kopf und ein sicheres Bett sind für mich in meiner Situation Goldes wert.“
„Ist schon gut, für einen Landsmann muss ich das wohl machen, das gehört sich doch, oder?“, fragte der Alte lächelnd und seine buschigen Augenbrauen samt Brille schossen in die Höhe.
Dann, nach einem Moment des Nachdenkens, als ob das Bett in ihm liebevolle Erinnerungen geweckt hätte, erzählte er weiter:
„Die Betten habe ich im Zweiten Weltkrieg gekauft, da ich mit einer Frau zusammenlebte, die Antonia hieß. Ihr Ehemann war in einer Irrenanstalt, deshalb konnten wir nicht heiraten. Gegen Kriegsende wurde er von Naziärzten ermordet. Leider kam es dann doch nicht zu einer Heirat. Antonia verstarb vor zehn Jahren in dem Bett beim Fenster, unerwartet im Schlaf an einem Gehirnschlag. Sie befindet sich auf dem Ottakringer Friedhof in einem Grab, das ich für sie gekauft habe, mit dem schönsten Ausblick auf Wien.“
Der alte Mann schluckte, räusperte sich und griff schnell nach einer Zigarette.
„Und Kinder?“, fragte Pavel gespannt.
„Keine, und ich war auch nie verheiratet, aber beides bereue ich nicht“, sagte der Alte mit einem Lächeln und zog kräftig an seiner Zigarette ohne Filter der Marke „Donau“.
Dann sah er sich im Zimmer um, zeigte auf einen Schrank neben dem Fenster und sagte:
„Ich räume den Kleiderschrank aus, dann kannst du deine Sachen hier hineingeben.“
„Ich habe in dieser Tasche drei Unterhosen, ein Hemd und einen Pullover, das ist alles, was ich besitze“, sagte Pavel verlegen und ergänzte, „und auch noch das, was ich am Leib trage.“
„Das wird nicht so bleiben, du wirst arbeiten gehen und dann wirst du sicher etwas kaufen wollen, oder?“, fragte der alte Mann lächelnd.
„Iss etwas, lege dich hin und schlafe dich ordentlich aus!“, befahl das gut gelaunte Männchen und sagte abschließend:
„Alles Weitere besprechen wir später. Was das Geld angeht, so werde ich dir für den Anfang etwas borgen und ich melde dich bei der Polizei als meinen Untermieter, damit du nicht ins Flüchtlingslager nach Traiskirchen musst.“
Pavel folgte wie ein Kind und kuschelte sich unter die Bettdecke. Sie war sehr lange nicht frisch überzogen worden und roch stark nach Tabak, Kaffee und dem übrigen Leben. Das störte ihn aber nicht. Das Bett fühlte sich an, als würde Pavel in einem Hotel auf einer Federkernmatratze unter einer feinsten Daunendecke liegen. So groß war der Unterschied zu der ersten Nacht auf dem öffentlichen Klo im Park. Erleichtert und glücklich beobachtete Pavel aus einem...
| Erscheint lt. Verlag | 1.9.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-8192-1685-5 / 3819216855 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-1685-5 / 9783819216855 |
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