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Das amputierte Herz -  Klara Wagner-Marks

Das amputierte Herz (eBook)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
262 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-1711-1 (ISBN)
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Im August 1994 lernte ich meinen späteren Ehemann kennen und war sehr von ihm fasziniert. Ich genoss es, viel Zeit mit ihm zu verbringen. Schnell integrierte er mich in seine Zukunftspläne. Sein Vorschlag, gemeinsam ein Haus zu kaufen, ließ für mich einen Traum wahr werden. Sein Argument, Eigentum zu erwerben statt Miete zu zahlen, war unschlagbar. Ich vertraute ihm. Wir heirateten, kauften ein Haus, parallel baute ich mir meine Selbstständigkeit als Physiotherapeutin auf. Er beendete sein Pädagogikstudium und wurde Hausmann. In den darauffolgenden fünf Jahren bekamen wir drei Töchter. Als Pädagoge war der Vater prädestiniert, sich um unsere Kinder zu kümmern. Er übernahm auch alle anstehenden Büroarbeiten wie das Führen der Lohn- und Bankkonten und das Erstellen der Rezeptabrechnung. Wir führten eine glückliche Ehe. Im Jahr 2010 nahm mein Mann nebenberuflich eine Stelle für die 24-Stundenbetreuung von Jugendlichen an. Knapp zwei Jahre später wechselte er in eine sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung ins Jugendamt und wurde im Dezember 2011 zum Vormund befördert. Ohne Vorwarnung verließ er drei Tage vor Silvester 2011 die Familie. In diesem Buch beschreibe ich meine schwersten Lebensjahre. In meinen Augen habe ich nur überlebt, weil ich bildlich gesprochen mehrmals mein Herz amputiert habe. Nur so, abgeschnitten von meinen Gefühlen, konnte ich überhaupt Entscheidungen treffen. Ein wichtiger Schritt für mich war zu erkennen, dass es den Mann, den ich so sehr geliebt hatte, nicht mehr gab. Durch eine Erbschaft wurde er finanziell unabhängig von mir und zeigte erst dann sein wahres Ich. Es dauerte Jahre bis ich die traurige Wahrheit erkannte: Der von mir geliebte Mann war in Wirklichkeit ein Psychopath.

Klara Wagner-Marks wurde 1968 geboren. Ihr Examen zur Krankengymnastin bestand sie 1991. 1994 heiratete sie ihren Traummann. Seit 1996 ist sie selbständig in eigener Praxis tätig. Sie ist Mutter von drei Töchtern.

Kapitel 1


Meine Wurzeln


Ich heiße Klara und habe im April 1968 die Welt erblickt. Meine Mutter war von Beruf Krankenschwester. Mein Vater war gelernter Schlosser und betrieb ein Tabakwarengeschäft. Beide sind 1940 geboren. Die Oma mütterlicherseits war Reinigungskraft an einer Schule. Sie kümmerte sich um ihre drei Kinder und zog sie alleine groß. Ihr Ehemann war im Krieg verschollen. Sein ungewisses Schicksal quälte sie. Deswegen fuhren wir eines Tages nach Verden und trafen dort einen Landwirt, Herrn M. Er war der einzige Überlebende aus der Truppeneinheit meines Opas. Zu verdanken hatte er dies einem Blinddarmdurchbruch, durch den er ins Lazarett kam. In späteren Gesprächen erfuhr ich, was sich damals wohl zugetragen hatte. Die Kompanie war an der Front. Sie hatten Gruben zum Schutz gegraben. Es hieß, russische Panzer seien darübergefahren und hätten sich dann über diesen Kuhlen gedreht. Eine furchtbare Vorstellung.

In meiner Kindheit war der Krieg noch sehr präsent. Immer wieder wurde der Mann, der Vater und der Opa vermisst. Die Hochzeiten der Kinder, die Geburten, die Taufen und Konfirmationen der Enkelkinder fanden ohne ihn statt. Im Alltag fehlte der Ehemann, um die Familie zu ernähren, um Trost zu spenden oder um Freude zu teilen. Mutti erzählte immer wieder, wie früh sie Verantwortung übernommen hatte.

Mein Vater war das älteste Kind von ebenfalls drei Geschwistern. In den Augen seiner Mutter war er verantwortlich dafür, dass die Eltern geheiratet hatten, weil er ansonsten unehelich geboren worden wäre. Nach dem Schulunterricht zog es meinen Vater immer zu seinem Großvater August. Dieser betrieb eine Autolackiererei. Mit dem Tod des Opas erbte mein Vater das Grundstück mit dem Wohnhaus und der Lackiererei. Der Opa hatte sein Erbe zwar nicht schriftlich verfasst, aber in der Familie war sein letzter Wille bekannt. Dennoch verklagten seine Mutter und deren Schwester ihn wegen des Nachlasses. Ihm wurde auferlegt, die beiden Schwestern mit insgesamt 80.000 DM auszuzahlen. Um das Geld aufzubringen, arbeitete meine Mutter mit. Das erstrittene Erbe brachte der Verwandtschaft jedoch kein Glück. Einige Wochen später verunglückten sie mit dem Auto und es entstand ein Totalschaden.

Im Alter von wenigen Tagen erkrankte ich an Gelbsucht. Meine Mutter wurde nach der Entbindung entlassen, während ich aufgrund der Erkrankung im Klinikum blieb. Nach drei Wochen verschlechterten sich meine Blutwerte dramatisch. Notfallmäßig wurde ich noch in der Nacht in eine Kinderfachklinik verlegt. Mein Blut wurde komplett ausgetauscht. Damals besaßen sie weder ein Handy noch ein Festnetztelefon. Jeden Morgen besuchte mich Mutti im Krankenhaus, an diesem Tag fand sie das Bett jedoch leer vor. Keiner hatte sie informiert, dass ihr Baby verlegt worden war. Sie hat mir oft von diesem Augenblick erzählt. Es hat sie tief getroffen. Sie hatte Angst, ich sei gestorben. Durch die Blutübertragung verbesserte sich mein Gesundheitszustand deutlich und meine Eltern holten mich zu sich. Vier Wochen nach der Geburt konnten wir erstmals wie eine Familie zusammenleben. Nun erkrankte aber meine Mutter an Gelbsucht. Zuerst behandelte man sie auf Hepatitis (Leberentzündung). Die Behandlung schlug nicht an und es wurde weiter nach der Ursache geforscht. Fast einen Monat später entfernten die Ärzte operativ die Gallenblase mit etlichen Gallensteinen. Um sich von den Strapazen der Geburt und dem chirurgischen Eingriff zu erholen, wurde meine Mutter für sechs Wochen zur Kur geschickt. Mein Vater arbeitete den ganzen Tag in seinem Tabakwarengeschäft und hatte keine Zeit, sich um einen Säugling zu kümmern. Tante Anita und Onkel Werner, der Bruder von Oma Nita, nahmen mich bei sich auf.

Als ich zwei Jahre alt war, wurde ich zur großen Schwester. Mein Bruderherz hieß Michael und war ein Sonnenschein. Ich liebte ihn von Anfang an. Ich küsste und knuddelte ihn, ob es ihm gefiel oder nicht. Oftmals war er nicht begeistert. Das Krankenhaus, in dem unsere Mutter arbeitete, hatte einen Kindergarten. Die Erzieherinnen legten die Kleinkinder mittags immer schlafen. Ich hasste diese mittägliche Zwangsruhe. Dadurch, dass Mutti halbtags angestellt war, erhielt sie nur einen Kindergartenplatz. Als mein Bruder in dem Betriebskindergarten angemeldet wurde, wechselte ich in eine Kita, die nicht weit von unserem Wohnhaus entfernt war. Die besuchte ich gerne. Dort gab es ein großes Außengelände und drinnen wurde gesungen, gebastelt, vorgelesen und gespielt. Eines Tages wurde mein Bruder im Krankenhauskindergarten von einem Kind geschubst und nur knapp verfehlte die Tischkante sein Auge. Er verletzte sich an der Stirn und ein Arzt nähte die Wunde. Erst bei der Abholung wurde unsere Mutter über den Unfall informiert. Sie beschloss, meinen Bruder dort abzumelden und ihn auch meinen Kindergarten besuchen zu lassen. Obwohl wir unterschiedliche Spielkameraden hatten, war es doch ein schönes Gefühl, ihn in meiner Nähe zu haben.

In meiner Kindheit genoss ich es, an der frischen Luft zu sein. Die Herbsttage, an denen wir zum Pilze sammeln in den Wald fuhren, waren die wundervollsten. Der familieninterne Wettbewerb, wer die besten Braunkappen fand, spornte mich an. Ich liebte es, die Pilze zu betrachten. In welcher Umgebung standen sie? Wir folgten dem Leitspruch »Wo einer wächst, sind oft noch mehr« und wurden immer eifriger, je mehr Pilze wir fanden. Die gesammelten Maronen und Steinpilze wurden zu Hause von meinem Vater auf Essbarkeit überprüft. Dann putzte und kochte er sie, um sie auf geringer Hitze mit ein klein wenig Butter anzubraten. Mit einer Scheibe Schwarzbrot ergab das ein leckeres Festessen. Das war immer etwas Besonderes. Es gehörten Küken, Hühner, Zwergkaninchen und ein Pony namens Felix mit zur Familie. Ich kümmerte mich gerne um die Tiere und verbrachte viel Zeit mit ihnen.

Bis zur Einschulung teilten mein Bruder und ich ein Zimmer im Obergeschoss. Vater lehrte uns Kindern den Psalm 23 »Der Herr ist mein Hirte«. Es war sein Konfirmationsspruch. Den tieferen Sinn des Psalms verstand ich erst später. Bis 1982 arbeitete unsere Mutter halbtags in der Nachtwache des Krankenhauses auf einer urologischen Männerstation. Wenn sie morgens nach Hause kam, brachte sie Brötchen und eine Papiertüte mit gemischten Süßigkeiten mit. Vormittags besuchten wir die Schule. Fehlzeiten gab es nicht, denn der Schulbesuch war wichtig. Nachmittags wurde uns auferlegt, leise zu sein, damit Mutter schlafen konnte. Abends aßen wir gemeinsam Abendbrot. Tagsüber passte Oma Nita auf und übte mit uns das Schreiben und Rechnen. Im Herbst kochte sie oft einen leckeren Steckrübeneintopf. Ihren frisch gestampften Kartoffelbrei mit gebratenen Speckwürfeln liebte ich. Dagegen hasste ich es, wenn sie Leber mit Zwiebelringen und Apfelmus zubereitete. Hinterher spuckte ich alles immer wieder aus. Es war jedes Mal ein Kampf und Krampf. Letzten Endes verstand sie, dass ich es nicht schaffte, mich zu überwinden, Innereien zu essen.

Mein Privileg bestand darin, mit ihr zusammen Butterfahrten zu unternehmen. Die Fahrten fanden am Wochenende statt. Der Bus, der uns abholte, fuhr schon kurz nach fünf Uhr los. Oma verbrachte die Nacht in der Stube. Ich schlief in ihrem Bett. Der Geruch der frisch gewaschenen Bettwäsche ist mir noch heute in Erinnerung.

Morgens stand ich erst auf, wenn sie das Frühstück vorbereitet hatte. Das war ihr Wunsch. Die Ausfahrten erfreuten sich bei älteren Menschen großer Beliebtheit. Die Zeit mit Oma Nita und die Aufmerksamkeit der Mitreisenden genoss ich. Manchmal spendierte mir jemand ein Stück Eistorte. Das Einzige, was mich nervte, war, dass Oma und ihre Freundin immer die ersten sein wollten. So standen wir mindestens eine Viertelstunde, bevor das Ausflugsschiff wieder im Hafen anlegte, im Flur vor dem Ausgang. Gemeinsam rannten wir dann vom Schiff zum Bus, um die besten Sitzplätze zu ergattern.

Mein Bruder und ich wurden älter und bekamen jeder ein eigenes Zimmer. Ich behielt unser altes Zimmer. Eines Tages stand ich mit Vater an einer roten Fußgängerampel. Ich war damals elf Jahre alt und wechselte gerade auf das Gymnasium. Die Ampel sprang auf Grün und wir marschierten los. Nach ein paar Schritten schrie mein Vater laut: »Was hast du erzählt? Wiederhole das nochmal.« Ich war völlig eingeschüchtert und antwortete ihm erstmal nicht. Ich scheute die Blicke der anderen Menschen. Erst als wir allein waren, fragte ich ihn leise, warum er ebenso geschrien habe. Er entgegnete: »Damit du lernst, laut zu sprechen, und dir nicht alles peinlich ist.«

In der fünften und sechsten Klasse hatte ich Schwierigkeiten, Kontakte zu knüpfen. Das lag unter anderem daran, dass sich die anderen Mitschülerinnen und Mitschüler bereits aus dem Kindergarten oder der Grundschule kannten. Zudem hatte meine Gymnasiallehrerin im ersten Schulhalbjahr einen schweren Autounfall und fiel komplett aus. Der ständige Lehrerwechsel und der Unterrichtsausfall erschwerten mir die Eingewöhnung. Neben der Schule nahm ich an AGs (Arbeitsgemeinschaften) wie Holzschnitzen teil. Die Kontaktprobleme beruhten aber auch auf mein geringes Selbstbewusstsein. Mutter kaufte mir Kleidung und die wurde angezogen. Eine modische Jeanshose besaß ich nicht. Stattdessen trug ich knallbunte Cordhosen, die zu kurz...

Erscheint lt. Verlag 19.8.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-8192-1711-8 / 3819217118
ISBN-13 978-3-8192-1711-1 / 9783819217111
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