Ein Jahr in einem Tag (eBook)
196 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5834-3 (ISBN)
Leah Cim interessiert sich neben persönlichen Schicksalen für Reisen, Geschichte, Kultur und Technik, wie diese Biografie der schillernden Protagonistin eindrücklich beweist.
1
Ich bin Nachwuchsschauspielerin Ethel Buchheister. Wer bisher nichts von mir gehört hat, dem oder der einen Mangel an Bildung oder Informiertheit vorzuwerfen wäre ungerecht. Da ich bisher keine Rolle ergattern konnte, halte ich mich tagsüber als Verkäuferin in einem mittelmäßig frequentierten Supermarkt und abends als Kellnerin in einer Studentenkneipe über Wasser.
Dort reicht mein Talent immerhin aus, um einiges an Trinkgeld einzustreichen, was ich bei den meist einkommenslosen Durstigen als Erfolg werte. Hin und wieder verirrt sich jemand in unsere vier Wände, der nicht zu dieser Spezies gehört, was keineswegs am Outfit, sondern am Alter erkennbar ist. Die Zeiten, als ein Herr, der etwas auf sich hielt, sich nicht anders als in Anzug, Krawatte, weißem Hemd und Lackschuhen in die Öffentlichkeit traute, sind seit langem vorbei. Leider, muss ich sagen, denn woran soll ich Millionäre erkennen, wenn auch sie in Jeans, T-Shirt und Joggingschuhen dem guten Geschmack ein Schnippchen schlagen?
Eines Tages geschah es, dass sich einer dieser Undurchschaubaren an einem Tisch niederließ, ein Kölsch bestellte und nach der Speisekarte fragte. Unser Küchenmeister hat zwar ein bisschen mehr drauf als ‚Wöschje met Schloot‘ – das bedeutet Würstchen mit Kartoffelsalat –, aber der Begriff Gourmettempel wäre etwas zu hoch gegriffen. Ich brachte das Gewünschte und nahm die Bestellung gleich mit, denn allzu lang ist die Auswahlliste nicht. Wohlwollend nahm der Wirt zur Kenntnis, dass er das teuerste Gericht auffahren durfte, das das Angebot hergab. Zugegeben, der Kalbsbraten mit Püree und Gemüse stammen aus der Tiefkühltruhe des Supermarkts, in dem ich wenige Stunden zuvor mein Unwesen getrieben hatte, und ‚frisch zubereitet‘ impliziert Mikrowelle, aber bitte: Was erwarten Sie von einem Etablissement, dessen Gäste sich weitgehend flüssig ernähren?
Genau das sagte ich auch, als der Herr (?) auf den beschriebenen Umstand hinwies. „Wie wär’s mit der gehobenen Gastronomie unserer Stadt, in der das Kalb lebend an einer Leine in die Küche geführt und dort geschlachtet wird, um absolute Frische zu gewährleisten.“
Der Typ lachte. „Auf den Mund gefallen bist du nicht“, antwortete er. Ein gewisses Maß an Anerkennung war seinem Ton anzuhören. Meinerseits anerkannte ich, dass ihm die Gepflogenheiten einer Kölschkneipe bewusst waren, unter anderem die, dass jeder, der sie betritt, sein Recht auf eine Anrede mit ‚Sie‘ verwirkt hat.
„Was meinst du, was ich hier alles zu hören kriege? Abgesehen davon scheint es dir ja geschmeckt zu haben?!“ Trotz der angedeuteten Beschwerde war der Teller sauber leergegessen und ich trug ihn ab. Der Typ – bisher wusste ich seinen Namen ja nicht – hielt einige weitere Kölsch durch, die ich ihm gemäß hiesiger Sitte sofort durch ein volles ersetzte, sobald das vorige leer war, bevor er gezielt auf Anmache ging. Die Tische sind relativ niedrig, sodass sich meine Leuchtturmgröße genötigt sah, beim Glaswechsel eine Verbeugung hinzulegen. Dass er mir dabei unverhohlen in den Ausschnitt schaute, nahm ich ihm nicht übel, denn er verhielt sich nicht anders als 90% aller männlichen, nicht-schwulen Zeitgenossen. Ebenso war mir klar, dass er sich genüsslich meine weitgehend bloßliegenden Beine anschaute, wenn ich an einem Nebentisch bediente. Solange du nur guckst, mein Junge …
Naturgemäß musste er irgendwann einen bestimmten Ort zwecks Druckabbau aufsuchen. Als er wiederkam und die Theke passierte, an der ich gerade mit meinem Zinnkranz stand, um Nachschub zu tanken, spürte ich ein Ziepen auf meiner Pobacke und hörte gleichzeitig ein sattes Klatschen von hinten unten. „Na hör‘ mal!“ tadelte ich.
Er lachte. „Deine Empörung hält sich in Grenzen“, urteilte er.
„Aber nur, weil ich hier keine Szene machen will. Für alle Fälle haben wir nämlich zwei effiziente Rausschmeißer an Bord. Pflanz‘ dich also hin und gib Ruhe.“ Das tat er, aber nur, um mir mitzuteilen, dass er zu zahlen gedächte. Zum Ausgleich für seine Unverschämtheit gewährte er mir einen für diese Umgebung großzügigen Aufschlag. Außerdem schob er mir eine Visitenkarte zwischen meine exponierten, oben freigelegten Bauteile. „Bevor du sie in den Müll wirfst, studier‘ sie bitte.“
Ich nickte.
Irgendwann schaffte es der Wirt, auch die hartnäckigsten ‚Klävbutzen‘ – das sind die, deren Hose wie auf dem Barhocker festgeklebt scheinen – zu verjagen, und ich durfte mich endlich auf den Heimweg begeben. Als ich die Jacke ablegte, fühlte ich einen unangenehm harten und kalten Gegenstand zwischen meinen Brüsten. Richtig, die Visitenkarte, erinnerte ich mich! Angesichts der Unverschämtheit ihres Spenders hätte ich korrekterweise sofort ein Streichholz dranhalten müssen, aber die weibliche (?) Neugier fiel mir in die Parade und zwang mich zu lesen, was darauf stand. Peter Baumeister. Regisseur, Whatsapp …
Jeder kann sich für kleines Geld Visitenkarten drucken lassen, auf denen sich vor seinem Namen die bonfortionösesten Titel reihen. Andererseits steht heute das Internet zur Verfügung, in dem sich jede vergewissern kann, ob der bonfortionöse Titel den Tatsachen entspricht. Und siehe da, Peter Baumeister erfreute sich eines Eintrags als Regisseur in der Filmbranche. Allerdings – und das trübte meine Begeisterung etwas – eher als einer der zweiten Klasse, der sich durch freizügige Drehs mit wenig bis keinem Tiefgang einen gewissen Ruf verschafft hatte, ohne dass es sich um direkte Pornos handelte.
Hm. Ich stellte mich vor meinen Badezimmerspiegel, der bis zur Decke reichte, in der Kluft, in dem ich bis vorhin gekellnert hatte, und besah mich von allen Seiten. Fürchterlich lang geraten war meine erste Einschätzung, aber – sind das nicht alle models? Und sonst? Schlank, aber nicht frei von Rundungen, vor allem in dem von einem knackengen Minirock umhüllten Becken, wo der Typ, von dem ich jetzt wusste, dass er auf Peter hörte, Hand angelegt hatte. Verlockend, gab ich zu, der Klaps sei dir verziehen!
Ich schwankte emotional hin und her und vermochte mich kaum mehr auf meine Doppeljobs zu konzentrieren. Zwei Tage stand ich durch, dann hielt mich keine warnende innere Stimme mehr zurück, der angegebenen Nummer eine Whatsapp-Nachricht zukommen zu lassen. Zur Rechtfertigung verweise ich auf den Anfang meines Berichts, der meine schauspielerischen Ambitionen durchklingen lässt. Er meldete sich sofort. „Ethel, bist du’s?“ fragte mich ein Timbre, das ich sofort wiedererkannte.
„Bin ich. Woher weißt du meinen Namen?“ Ich gebe zu, dass in diesem Augenblick mein eigenes Timbre leicht zitterte.
„Ich brauchte nur hinzuhören. Deine ganzen Stammgäste haben dich ja immer wieder angesprochen.“
„Hm, ja. Da hätte ich gleich dran denken müssen. Ich …; ich meine, äh …“
Peter half mir. „Du möchtest wissen, ob ich eine Rolle für dich habe?“
„Hm, ja. Wenn du mir schon deine Visitenkarte in meine …, ich meine, mir übergibst, schließe ich daraus, dass das einen bestimmten Grund gehabt hat.“
„Nicht falsch, deine Überlegung. Es geht um eine Statistenrolle, wie ich bekennen muss. Aber aller Anfang ist schwer.“
Ich war ernüchtert. „Mit einer Diva hätte ich mindestens gerechnet.“ Dann fiel mir eine Alternative ein, die mir gar nicht gefiel. Ob sich nämlich der Filmschaffende auf dem absteigenden Ast befand und … „Sag‘ mal, das ist doch nicht etwa ein Porno, den du da drehst?“
Er lachte. „Nein, ein Historienschinken, der am Hof des Sonnenkönigs spielt. Allerdings sind einige schlüpfrige Szenen drin, unter anderem, dass die edlen Damen sich immer mal wieder bücken müssen, um den adligen Herren gefällig zu sein.“
„Drehen wir in Versailles?“ Ich fühlte mich beruhigt und bereits engagiert.
„Ganz so viel Budget haben wir nicht. Schloss Brühl bietet eine glaubwürdige barocke Umgebung.“
„Das Treppenhaus von Balthasar Neumann, ich weiß.“ Ich bemühte mich, nicht allzu enttäuscht zu klingen. Das gelang mir offenbar nicht, denn Peter versuchte mir meinen Einstieg schmackhaft zu machen. „Keine Bange, du bist mehr als Statistin, von der die Zuschauer nur ihre Schinken zu sehen kriegen, wenn sie sich ficken lässt, sondern bist in einer aktiven Nebenrolle auch an einer Intrige beteiligt, die den König ganz schön in Bredouille bringt.“
„Und zum Schluss unter der Guillotine landet?“
Ich hatte den wunden Punkt erwischt, denn Peter druckste herum. „Ganz zum Schluss. Will meinen, dass du praktisch die volle Filmlänge präsent bleibst.“
Rein strategisch sagte ich wahrscheinlich zu schnell zu, aber ich wollte nun mal unbedingt Schauspielerin werden, und hätte mich wahrscheinlich auch nicht als zu fein empfunden, bei einem reinen Porno mitzuwirken, von mir aus auch den Arsch vollgehauen zu kriegen, aber das brauchte ich ja jetzt...
| Erscheint lt. Verlag | 29.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | California Zephyr • Dreigroschenoper • Matterhorn • Römerkanal • Vier-Pässe-Fahrt |
| ISBN-10 | 3-8192-5834-5 / 3819258345 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5834-3 / 9783819258343 |
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