Das Gen der Gier (eBook)
382 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5802-2 (ISBN)
Dr. Thomas Friedrich-Hoster ist promovierter Arzt und Chirurg. Seit 2019 befindet er sich im Ruhestand. Zusammen mit seiner Frau lebt er in Solms bei Wetzlar. Er hat zwei erwachsene Töchter und inzwischen vier Enkelkinder im Alter von einem halben, vier, acht und zwölf Jahren. Auf die Frage, warum er schreibt, meint er: "Ich habe schon immer sehr gerne Geschichten erzählt. Als Kind meinem Bruder, als Vater meinen beiden Töchtern, als Großvater den Enkelkindern. Bereits seit vielen Jahren wollte ich mit dem Schreiben beginnen, habe es aber aufgrund meiner beruflichen Belastung einfach niemals geschafft. So erfülle ich mir im Ruhestand endlich einen Herzenswunsch. Zum Glück ist meine Phantasie nicht eingerostet. Manchmal kommt mir ein Gedanke in den Kopf, den ich nicht mehr vertreiben kann. Ich muss dann etwas darüber schreiben. Dann entwickelt sich alles von selbst weiter. So sind viele Geschichten entstanden. Die meisten sind nie fertig geworden. Manchmal sind es jedoch auch Dinge der Weltpolitik oder im Privaten, die mich zum Schreiben bringen. "Das Gen der Gier" ist ein Stoff, der mich seit meinem ersten Roman umtreibt." Thomas Friedrich-Hoster hat bereits drei Kinderbücher und einen Roman veröffentlicht. "Newa das Steinzeitmädchen" (BoD), "Nele und die Zauberer" (epubli) "Manja und der Weihnachtsmann" (epubli) "Das Neandertal-Gen" (BoD)
1 – Manon
Der Schweiß lief in einem dünnen Rinnsal an ihrem nackten Körper hinunter, fand den Weg zwischen ihren Brüsten hindurch und blieb in ihrem Bauchnabel hängen. Dort bildete er einen kleinen See, bevor er seinen Weg fortsetzte, sich der Schwerkraft folgend auf den Weg nach unten machte und zwischen ihren Beinen verschwand. Manon merkte davon nichts. Es war unerträglich heiß, obwohl es Anfang September und mitten in der Nacht war. Die Folgen des Klimawandels, die im Jahr 2055 niemand mehr ignorierte.
Manon hatte Angst.
Ein Alptraum hatte sie geweckt. Jetzt zitterte sie am ganzen Körper und konnte sich nicht erklären, warum sie auf einmal eine solche Angst hatte. Ihr Blick war auf den mittleren Bildschirm ihres Arbeitsplatzes in der geologischen Messstation nahe Pozzuoli geheftet. Was sie da sah, hätte zu ihrer Beruhigung beitragen sollen, aber das tat es nicht. Die Kurven, welche die Messdaten vieler hundert Sonden in der Umgebung Neapels wiedergaben, waren unauffällig. Sie waren nicht flach, nein, nicht bei den Phlegräischen Feldern. In dieser Region waren die seismischen Kurven niemals flach, aber sie waren unverändert und somit nicht besorgniserregend. Manon atmete tief ein und aus. Dieser entsetzliche Alptraum, der sie geweckt hatte.
Sie fuhr sich mit der rechten Hand durch die kurzen, von der brennenden Sonne Italiens weißblond gebleichten Stoppelhaare. Einige Schweißtropfen trafen den Monitor. Erschrocken nahm sie ihr panisches Gesicht wahr, welches sich in dem Bildschirm spiegelte.
Ich war live dabei. Das war mehr, als nur ein Traum, dachte sie. Während sie weiter die unauffälligen Kurven ihres Monitors betrachtete und darauf wartete, dass die Angst verschwand, tropfte langsam eine Erkenntnis in ihr Bewusstsein.
Es war so weit. Ein tiefer Traum der Ens hatte sie geweckt und ihre genetische Ausstattung hatte begonnen zu arbeiten. Jahrelang hatte sie darauf gewartet und jetzt war es offenbar passiert.
Bald müsste es anfangen, zu brummen, wenn ich wirklich eine Ens bin, dachte sie. Manon kannte den Ablauf genau. Ihr Vater hatte es ihr und ihrem Bruder Leon oft genug erklärt, als sie beide noch klein waren. Ein Traum, der üblicherweise durch eine drohende Gefahr ausgelöst wurde, startete den so genannten Sinn ihrer Spezies, die sich von Homo Sapiens deutlich unterschied. Aber dazu gehörte das Brummen. Und noch immer war kein Brummen in ihrem Kopf. Und keine Klarheit. Vielleicht hatte sie ja Glück und einfach nur schlecht geträumt. Sie brauchte Sicherheit. Denn wenn der Sinn der Ens eingeschaltet wurde ... Manon wusste, was das bedeutete.
Manon stand auf und suchte hektisch nach ihrem Handy. Sie fand es in der Hosentasche ihrer Shorts.
4:41, dachte sie. Keine gute Zeit für ein Telefonat. Schnell tippte sie die Nummer ein und wartete. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sich die Stimme meldete.
„Mama, sorry, dass ich dich jetzt wecke, aber …“ Manon schluckte und konnte plötzlich nicht weitersprechen.
„Was ist passiert?“ Die Stimme ihrer Mutter wirkte angespannt.
„Ich glaube, es ist so weit.“ Manons Kehle war ausgetrocknet und schmerzte beim Sprechen. „Ich hatte einen Traum, wie ich noch nie einen hatte, und jetzt habe ich eine panische Angst, die nicht weggeht. Meinst du … ich bin jetzt eine Ens? Äh ... ich meine ... es hat nicht gebrummt. Ich bin unsicher.“ Am anderen Ende der Verbindung blieb es eine Weile stumm.
„Ich weiß es nicht, Manon. Bei deiner genetischen Konstellation ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Sinn deiner Spezies meldet,“ antwortete Kerstin schließlich. „Dein Vater ist ein Ens. Eines deiner beiden Geschlechtschromosomen kommt von ihm und macht dich zu einer Ens.“ Kerstin zögerte einen kurzen Augenblick. „Einmal angenommen es ist ein tiefer Traum gewesen und die Konversion ist eingetreten ... Warum gerade jetzt?“
Manon erzählte ihrer Mutter von dem Traum, ihrer Angst und den Messdaten ihres Laptops. Als Kerstin antwortete, bemerkte Manon erneut die Anspannung in der Stimme ihrer Mutter.
„Wenn der Sinn der Ens eingeschaltet wird durch einen tiefen Traum, dann droht eine Gefahr. Das ist ja die Aufgabe des Sinns. Gefahren bemerken. Es könnte also sein, dass ... ein Ausbruch der Phlegräischen Felder unmittelbar bevorsteht, deine Daten dies aber nicht anzeigen. Bitte rufe sofort Carola an. Sie wird dir helfen.“
„Nein, bitte nicht Carola. Diese blöde Kuh …“ Kerstin unterbrach ihre Tochter energisch.
„Das ist sie nicht, Manon. Du solltest das wissen. Sie denkt anders als du und ich und das stört dich, weil du es nicht verstehst. Im Gegensatz zu dir, hat sie beide Geschlechtschromosomen der Ens. Deine Fähigkeiten sind begrenzt auf ein bisschen Telepathie und frühes Spüren von Gefahren. Aber Carola ist aufgrund der Konstellation ihrer Geschlechtschromosomen eine „starke Ens“. Ihr Sinn ist unendlich viel stärker als deiner. Sie weiß mehr, als du und ich jemals wissen werden, und sie kann Dinge sehen und fühlen, die wir nicht begreifen können. Carola wird dir helfen.“
„Sie hat damals in meinem Kopf rumgestöbert und rausgekriegt, dass ich sie nicht mag. Hast du das vergessen? Deswegen hat sie den Kontakt zu uns allen abgebrochen.“
„Das stimmt nicht, und du weißt, dass es andere Gründe gab. Nimm dich nicht so wichtig. Sie wird dir helfen. Ruf sie an! Jetzt!“ Kerstins Worte klangen bestimmt, beinahe wütend. Manon wollte noch etwas sagen, aber das Handy war plötzlich stumm. Was sollte sie nur tun? Die Angst in ihrem Bauch meldete sich erneut.
Carola anzurufen war eine Zumutung. Sie konnte ihre Tante nicht leiden. Diese dumme, ständig eingebildet wirkende Schwester ihres Vaters, war ein rotes Tuch für sie. Als Manon noch ein kleines Kind war, hatte Carola dauernd ihre Nähe oder die ihres älteren Bruders Leon gesucht. Weder ihr Vater noch ihre Mutter fanden ihre ständige Anwesenheit gut. Aber aus irgendwelchen Gründen hatten sie nichts gegen Carolas Übergriffe getan. Bis zu dem großen Streit. Da hatte Manon gehört, wie ihr Vater mit Carola laut gestritten hatte.
„Niemals, niemals wirst du noch einmal in den Kopf meiner Kinder eindringen. Das ist die Regel. Hast du das verstanden?“ Branko hatte damals gebrüllt, wie er es sonst nie tat. Carola hatte dagesessen und überheblich in die Luft gestarrt, so als ginge sie das alles nichts an.
Wenig später hatte Carola ihre Familie verlassen. Manon hatte danach keinen Kontakt mit ihr gehabt. Das war viele Jahre her, aber Manon erinnerte sich auf einmal genau an die Situation. Widerwillig nahm sie ihr Handy und suchte die Nummer ihrer Tante.
Hoffentlich ist sie nicht da, meldete sich ihre irrationale Ambivalenz ein letztes Mal, als sie auf den Wahlknopf drückte.
„Hallo Manon,“ meldete sich Carolas Stimme sofort. Hatte sie den Anruf erwartet?
„Äh … hallo Carola … ich habe ein Problem.“
„Wo bist du? Was ist passiert?“ Carola war ungewöhnlich kurz und präzise. Ganz anders als in Manons Erinnerung.
„Pozzuoli, oberhalb des Lago d‘ Averno. Ich bin in einer geologischen Messstation der Uni Neapel. Mein letzter Nachtdienst. Ich ...“
„Hast du geträumt? Hast du Ahnen kennengelernt in dem Traum?“
„Ja, ... ein Traum ... es war ...“, begann sie stockend zu berichten. „Es gab da eine Frau, die auf einem Berg saß, nein ... da waren viele Frauen. Die schwebten in seltsamen grünen Blasen durch die Nacht. Sie redeten miteinander und ich konnte zuhören. Es ging um einen explodierenden Berg. Alle hatten Angst.“ Sie schwieg einen Augenblick. Der Traum wurde vor ihrem inneren Auge wieder lebendig.
„Wie ging es weiter?“ Carolas Frage holte Manon in die Realität zurück.
„Irgendwann bemerkte Alva, so hieß die Frau auf dem Berg, meine Anwesenheit. Sie ... sie hat mich angesprochen.“ Die Traumbilder wurden intensiver. Manon hatte das Gefühl, in eine zweite Realität hineingezogen zu werden. „Sie hat gesagt ... dass sie eine Vorfahrin von mir ist und glücklich darüber, dass ich sie gefunden habe. Und dass sie weiß, dass ihr Stamm überleben wird, weil es mich gibt. Was hat sie damit gemeint?“ Eine Weile war es still zwischen Manon und ihrer Tante. Nur Atmung war zu hören.
„Es ist ein Ens-Traum,“ sagte Carola leise. „Das waren die Ahnen von deinem Vater, von Leon, von dir. Ich bin mir sicher. Aber was war die Gefahr? Was ist danach passiert?“
„Auf einmal bewegten sich diese grünen Blasen immer schneller und dann wurde es am Horizont plötzlich hell. Wie ein Blitz. Ich weiß nicht, ob die Frauen schrien oder ob ich geschrien habe. Jedenfalls kam ein brutaler Windstoß und fegte alle Blasen davon. Auch Alva wurde weggerissen. Ich habe sie nicht mehr gesehen. Als ich aufwachte, tat mir der Körper so weh, als sei ich einen Abhang hinunter gefallen. Ich habe am ganzen Körper ...“
„Verschwinde aus Italien, so schnell du kannst.“ Manons Hand mit dem Handy zuckte, so laut waren Carolas Worte in ihrem Kopf explodiert. Wie ein Hammer trafen...
| Erscheint lt. Verlag | 25.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | action • Gentechnik • Klimawandel • Liebe • Parasit |
| ISBN-10 | 3-8192-5802-7 / 3819258027 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5802-2 / 9783819258022 |
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