Kleines, schwarzes Vögelchen (eBook)
572 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-0364-0 (ISBN)
Kerstin Erz wurde in Prenzlau (Land Brandenburg) geboren, studierte Tierproduktion an der Universität Rostock und war bis 1990 in der Landwirtschaft tätig. Ihre neue Heimat fand sie im Jahr 2000 in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Seit 1997 ist sie als Freie Journalistin in der Zeitungsbranche tätig. Bereits seit den 80er Jahren schreibt sie Gedichte und vor allem Kurzgeschichten. Zwei Bücher »Zeit für mich - Gedichte & Geschichten« sowie »Weihnachtsmärchen & -geschichten« veröffentlichte sie zunächst in kleinster Auflage. Mit ihrem dritten Buch »Der Föhrskrat - Märchenhafte Fantasiegeschichten« präsentiert sie sich erstmals einer breiteren Öffentlichkeit und zieht die anderen drei Bücher nach. Nach diesem, ihrem ersten Roman, plant die Autorin eine Fortsetzung ihrer Föhrskrat-Märchen für Erwachsene.
Der Sensenbauer
Wir schreiben das Jahr 1539. Die schmucke Reichsstadt Wanga im Allgäuer Land steckte zwar mitten in Glaubensstreitigkeiten zwischen Katholiken und Reformanhängern, doch nach überstandener Pest und Bauernkrieg, gut zehn Jahre zuvor, erlebten und genossen die Menschen jetzt einen sichtbaren wirtschaftlichen Aufschwung. Doch plötzlich prasselte ein erneuter, unvorhersehbarer Schicksalsschlag auf sie hernieder. Genau am ersten Dienstag im September diesen Jahres fegte eine Feuersbrunst über die Stadt und zerstörte gut zwei Drittel der stolzen Kaufmannshäuser innerhalb der Stadtmauer.
Dass dieser Schicksalsschlag auch Reto Bernasconis Leben und das seiner Familie hart treffen und völlig umkrempeln würde, davon ahnte er noch nichts. Der Sensenbauer ließ sich gerade gemütlich auf seinem Pferdekarren durch die bunte Herbstlandschaft des Allgäuer Lands nach Hause ziehen. Einmal im Monat lieferte er seine Handwerksarbeit in die umliegenden Dörfer seiner Neu-Heimat Wanga inmitten der Allgäuer Alpen aus. Bereits in der Frühe des Montagmorgens, noch vor der Dämmerung war er aufgebrochen und mit seinem Pferdefuhrwerk von Dorf zu Dorf gezogen, um auf den Marktplätzen der kleinen Orte seine Sensen und, in Anbetracht des unmittelbar bevorstehenden Winters, auch die ersten Lastenschlitten feilzubieten.
Zufrieden mit dem bisherigen Geschäft, dachte Reto Bernasconi über seine nächsten Vorhaben nach, während sich sein Pferd redlich und fast selbstständig über die ihm schon längst bekannte, hüglige Allgäuer Landschaft mühte. Doch wie immer rutschten Retos Gedanken schnell zurück in die Vergangenheit, zurück in seine alte Heimat.
Der junge, braungebrannte, schwarzhaarige Reto Bernasconi stammte eigentlich aus dem wunderschönen Verzasca-Tal, welches nördlich des Lago Maggiore, auch Langen See genannt, in der schweizerischen, teilweise italienisch sprachigen Lombardei gelegen war. Hoch in den Bergen, im kleinen Efra-Tal, hatte Retos Vater sich eine kleine Landwirtschaft mit einer überschaubaren Herde Ziegen aufgebaut. Sie zu unterhalten war ein schweres Brot in der kargen Berglandschaft. Zum Glück jedoch war seine Familie nicht so groß, wie eigentlich üblich in dieser Bergregion. Der alte Bernasconi hatte nur zwei Söhne, den Ältesten, Levin, und seinen ein Jahr jüngeren Bruder Reto. Wohl hätte sich der alte Bernasconi noch einige Söhne zu seiner Unterstützung und vielleicht auch ein, zwei Töchter, die der Mutter zur Hand gehen könnten, gewünscht. Doch nach Retos Geburt wurde die Mutter vom Kindbettfieber ergriffen. Der Alte konnte sich glücklich schätzen, dass seine Frau die schlimmen Wochen des fiebrigen Kampfes zwischen Leben und Tod überstand. Aber weitere Kinder, wie sie in den Familien des Efra-Tals bis zu zehn oder gar zwölf zu finden waren, blieben ihm nun verwehrt oder auch erspart, je nachdem, von welcher Seite man diese Tatsache betrachtete.
So wuchs Reto zusammen mit seinem Bruder Levin in den Bergen auf. Ihre Kindheit und Jugend waren von harter Arbeit gezeichnet. Die Jungen hatten kräftig mitzuhelfen beim Ziegen hüten, füttern, melken, schlachten und verarbeiten sowie beim Heuen hoch droben, wo eigentlich kaum mehr ein Grashalm wuchs. Einmal in der Woche durften die Jungen drunten im Tal in dem Dörfchen Frasco die Pastorenschule besuchen, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Reto durfte glücklicherweise zudem das Herstellen von Sensen, Holzgriffen für allerlei Handwerksgerät sowie den Schlittenbau vom Vater erlernen. Schnell hatte der alte Bernasconi gemerkt, dass die Holzarbeit, das Schnitzen eher Retos Welt war als die Landwirtschaft, für die sich wiederum Levin geboren fühlte. Weil diese Interessenverteilung seiner Söhne dem Alten sehr zu Pass kam, förderte er sie in weiser Voraussicht, dass sein Erstgeborener den Hof eines Tages übernehmen und Reto sich einen eigenen Broterwerb als Sensenbauer aufbauen würde.
Kaum, dass Levin sich erwachsen nennen durfte, freite er eine Frau, die als Jungbäuerin mit ihm auf das Berggehöft, das Monti, zog. Nach sechs Ehejahren war die Familie Bernasconi auch um sechs Kinder reicher. Das Leben auf dem kargen Berg wurde schwieriger. Die Kinder waren noch viel zu klein, um kräftig mit anpacken zu können und Levins Eltern allmählich zu alt für die schwere Arbeit.
Da zeigten sich weder der alte Bernasconi noch sein Ältester, Levin, begeistert, als Reto eines Tages Chaterine auf den Berg mitbrachte und sie als seine Frau vorstellte. Mit der prompten und unwirschen Bemerkung ‹noch ein Esser mehr› machte der Alte keinen Hehl daraus, dass die junge Frau nicht erwünscht war. Doch Chaterine kannte die Schroffheit der Menschen und die Entbehrungen in den Bergen aus ihrem eigenen Zuhause. So packte sie einfach kräftig mit an, um die Familie nicht merken zu lassen, dass sie ‹noch einen Esser mehr› hatten.
Dennoch, immer öfter gerieten die Brüder in Streit. Fragte sie jemand anschließend ‹Was war los?› oder ‹Worum ging es?›, wussten sie es selbst nicht mehr. Stets handelte es sich nur um eine Kleinigkeit. Dennoch, die Luft zwischen den Beiden klirrte beunruhigend und drohte zu explodieren. Dem jüngeren Bruder war der Hauptgrund wohl bewusst und eines Tages schleuderte Levin ihm diesen auch offen ins Gesicht:
»Ich bin als Erstgeborener der Erbe dieses Hofes. Du solltest dir endlich etwas Eigenes aufbauen!«
Reto nahm das nicht ernst. Doch als Chaterine dann sichtbar ein Kind unter ihrem Herzen nährte, nahm sich der Alte den jüngsten Sohn vor:
»Wie ich sehe, willst du uns nun auch noch einen Balg an den Küchentisch setzen. Dein Bruder schuftet sich schon genug ab für seine eigene Familie. Er wird bestimmt nicht auch noch dein Kind mit durchfüttern wollen! Verlasst endlich den Berg, solange deine Frau noch kann. Am besten geht gleich morgen früh!«
Reto hätte seinen Alten am liebsten an den Schultern geschüttelt und ihm ins Gesicht gebrüllt:
»Und wir? Schuften wir nicht Tag ein, Tag aus genauso viel und hart wie Levin? Hast du uns jemals Däumchen drehen sehen? Auch Chaterine geht der Familie hilfreich zur Hand, wo sie nur kann…«.
Doch Chaterine, die den Rausschmiss des Alten erlauscht hatte und Retos aufkommende Wut spürte, legte ihrem Mann nur beruhigend die Hand auf die Schulter und sagte: »Es ist alles gepackt.«
Da gingen sie, sich nur von der Mutter verabschiedend, die ihnen unter Tränen noch eine schmale Brotzeit mit auf den Weg gab. Einen Weg, dessen Ziel sie damals noch nicht kannten.
Es waren keine schönen Erinnerungen an seine Familie, die Reto da Tag für Tag mit sich herumschleppte. Er liebte seine alte Heimat. Er liebte seine Eltern, auch den ewig nörgelnden Alten. Er liebte seinen Bruder, der dem Alten immer ähnlicher wurde, und dessen Familie. Wer weiß, vielleicht hätte er im umgekehrten Fall genauso gehandelt?
Inzwischen war sein eigener Sohn Nevio fünf Jahre alt. Er freute sich, dass der Kleine sich bereits für die Arbeit mit Holz interessierte und ihm sogar schon kleine, selbst geschnitzte Tierfiguren präsentierte. Diese beanspruchte Chaterine gleich für sich und baute sie voller Stolz auf einem Regal in der Küche auf.
Reto schmunzelte in sich hinein, schnalzte einmal mit der Zunge, um dem Zossen wieder Motivation zum zügigeren Weitertraben zu geben. Beim nächsten Gedanken aber wurde er wieder ernst. Oft bat der Kleine seinen Vater, ihm von den viel höheren Bergen, deren Spitzen in die Wolken piekten, und von dem viel tieferen Tal, in das das Wasser nur so hineinstürzte, zu erzählen und so manches Mal klang die Frage durch:
»Vater, können wir meine Großeltern und meinen Oheim nicht einmal besuchen?«
Reto seufzte tief und versuchte damit seine ihn so belastenden Gedanken abzuschütteln. Er freute sich auf seine kleine Familie in Wanga, auf Nevio und seine Frau Chaterine, die in gut drei Monaten ein zweites Kind zur Welt bringen würde. Ja, er freute sich auf das Zuhause, welches sie vor fünf Jahren in dieser kleinen, modernen Allgäuer Stadt aufgebaut hatten. Sie bewohnten zwar nur ein schmales Häuschen direkt an der Stadtmauer, aber er hatte es dank seines Fleißes und dank seines guten Geschäftssinns vor einem Jahr vollständig abbezahlen können. Darauf war er besonders stolz.
Im Erdgeschoss dieses Hauses hatte Reto seine Holzwerkstatt eingerichtet, darüber befanden sich zwei Etagen, der Wohnraum für die Drei – fast Vier. Im schmalen Hof ein kleiner Gemüsegarten, ein Stall für das Pferd und ein paar Ziegen und daneben befand sich das Holzlager, welches gut gefüllt war. Ja, er war zufrieden mit dem, was er hatte und seine Arbeit brachte ihm so viel ein, dass er und seine Lieben gut davon leben konnten. Das half ihm, den Rausschmiss durch seinen Vater und seinen Bruder aus seiner Heimat zu verschmerzen. Aber dennoch…
Reto schüttelte sich, als wollte er seine vielen sehnsuchtsvollen Gedanken für immer aus seinem Kopf verbannen. Erst jetzt bemerkte er, dass es zu schummern begann und er auch gleich die Siggener Höhe kurz vor dem kleinen, gleichnamigen Dörfchen...
| Erscheint lt. Verlag | 22.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-8192-0364-8 / 3819203648 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-0364-0 / 9783819203640 |
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