Dragatea (eBook)
224 Seiten
NOVUM VERLAG
978-3-7116-0668-6 (ISBN)
Kapitel 2
Merkwürdige Träume verfolgten mich die ganze Woche. Jedes Mal wachte ich schweißgebadet auf. Als ich am Freitagabend zu Bett ging, beschloss ich, das Wochenende zu nutzen, um mehr über meine Schule herauszufinden. Warum hatte die Schule Keller, die wie Verliese aussahen und rochen? Wer war der Direktor, vor dem alle so viel Angst hatten? Und wo zum Teufel rekrutierten sie diese schrägen Lehrer? Fragen über Fragen, die mich nicht losließen.
Als ich am Samstagmorgen in die Küche kam, fand ich meine Mutter topgestylt und kaffeeschlürfend vor.
„Hallo Schatz, schön, dass ich dich noch sehe, bevor wir fahren.“
„Fahren? Wohin denn?“
„Ach Dummerchen, ich hatte dir doch erzählt, dass Dad und ich nach Vegas zu einer Konferenz müssen“, sagte sie und drückte mir einen Kuss auf.
Mist, den Lippenstift werde ich wieder ewig nicht aus meinem Gesicht bekommen, dachte ich mir und sagte nur: „Okay.“
„Conzuela wird auf dich aufpassen und für dich sorgen, bis wir wieder zurück sind.“
„Okay.“
Ich liebte Conzuela. Sie war lustig und liebte es, zu tanzen, was mich jedes Mal zum Lachen brachte, aber sie kontrollierte mich auch gern. Wollte immer wissen, was ich machte, wohin ich ging und so weiter.
Als Conzuela eintraf, machten sich meine Eltern auf den Weg zum Flughafen. Nach der Verabschiedung schnappte ich mir mein iPad, setzte mich an den Pool im Garten und fing an zu recherchieren. Conzuela versorgte mich mit fruchtigen Getränken und kleinen Snacks. – Aber nicht zu viel, nicht, dass ich zu den Mahlzeiten keinen Hunger mehr haben würde.
„Hey Alter, was machst du so?“
Ich zuckte zusammen, als Leon neben mir stand und mich ansprach. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass er da war.
„Scheiße, Mann, was schleichst du dich so an?“
Leon lachte sich schlapp. „Hättest dich mal sehen sollen. Voll zusammengezuckt. Hahahaha…“
„Sehr witzig, Leon.“
„Aber echt, Mann, was hängst du am iPad? Hast du ein cooles neues Spiel entdeckt?“
„Nee. Ich versuche, mehr über unsere Schule herauszufinden.“
„Schule? Am Wochenende? Mann, der Zusammenprall muss dich härter getroffen haben, als gedacht.“
„Mir geht’s gut. Aber … aber … ich hab’ seit dem Vorfall Albträume von der Schule, den Lehrern und so. Ich wollte einfach schauen, ob ich mehr über die Schule herausfinden kann, aber dieses verdammte WWW hat einfach keine Infos.“
„Ja, die sind schon schräg, aber auch nicht schräger als die Leute, die ihre Kinder dorthin schicken.“
Als er meinen frustrierten Blick sah, versprach er mir, zu helfen.
Auch zu zweit fanden wir nicht viel mehr Informationen, nur dass es diese Schule schon über zweihundert Jahre gab und berühmte Persönlichkeiten dort ausgebildet worden waren. Ich hatte einfach mehr erwartet, so was wie Fotos von alten Schulklassen, Berichte über irgendwelche wichtigen Ereignisse, irgendwas, was jede Schule gern berichten würde. Aber es gab nichts. Das Einzige, was wir feststellen konnten, war, dass viele der Ehemaligen sehr diszipliniert waren und teilweise gnadenlos ihre Ziele verfolgt hatten.
Mittlerweile war Leon genauso frustriert wie ich.
„Ist doch verrückt. Irgendwas muss es doch zu finden geben?“, schnaufte er.
„Und was nun? Aufgeben? Ich weiß nicht, ob ich aufgeben will.“
„Keine Option. Je weniger es gibt, desto neugieriger werde ich. Aber ’ne Pause muss mal sein, um den Kopf etwas freizukriegen.“
„’ne Runde schwimmen?“, schlug ich vor.
„Nee, wie wäre es jetzt mit Skaten? Lenkt ab …“, dachte er laut.
„Na gut, aber du weißt, dass ich voll der Loser beim Skaten bin.“
„Kann ja nicht jeder als Meister geboren werden, Padawan“, entgegnete er und grinste von einem Ohr zum anderen.
Wir sagten Conzuela Bescheid und machten uns auf den Weg zur Skaterbahn. Auf dem Weg dorthin gingen wir weitere Recherchemöglichkeiten durch, aber die meisten wurden auch gleich wieder verworfen.
„Ey, da fällt mir ein, wir könnten Onkel Steve fragen, ob er uns hilft.“
„Du meinst, das schwarze Schaf deiner Familie, Steve?“, fragte ich.
„Jep. Der arbeitet im Stadtarchiv. Ist halt nicht das Niveau der restlichen Familie.“
„Wie gut kennst du ihn?“
„Na ja, geht so. Ich fand ihn eigentlich cool. Hat denselben Musikgeschmack wie ich.“
„Ich vertraue dann einfach mal deiner Menschenkenntnis. Meinst du, er hat jetzt Zeit für uns?“
„Was jetzt?“, fragte Leon schockiert. „Was ist mit Skaten?“
„Das Wochenende ist nicht gerade lang, um herauszufinden, ob wir jede Woche Mutanten, Aliens oder Robotern überlassen werden.“
„Du hast ’nen Knall, Jimmy.“
Mein bettelnder Hundeblick hatte ihn wohl überzeugt, unsere Recherche fortzuführen und Onkel Steve aufzusuchen.
„Eins solltest du vielleicht noch über Steve wissen … äh …“
„Äh, was?“, fragte ich.
„Na ja, er tut nix umsonst.“
„Und was heißt das jetzt? Hätten wir unsere Konten plündern sollen?“
„Möglich …“ Leons Blick gefiel mir nicht, zumal wir gerade an Steves Haustür angekommen waren.
„Ey, Mann, warum kommst du erst jetzt damit um die Ecke?“
Bevor Leon antworten oder wir wieder gehen konnten, öffnete sich die Tür.
„Na, das ist ja mal ’ne Überraschung. Womit habe ich denn diesen hohen Besuch verdient?“, begrüßte uns Steve.
Steve schien um die dreißig zu sein. Er trug ein Metallica-Shirt und zerrissene Jeans. Sein Haar stand wild in alle Richtungen von seinem Kopf ab und eine Rasur hätte auch nicht schaden können. Er gefiel mir. Ich wunderte mich jedoch, dass jemand, der so aussah, für die Stadt arbeitete.
„Hi, Steve.“
„Steht nicht rum, kommt rein, macht’s euch gemütlich, aber nicht zu sehr, bin ja kein Babysitter.“
Er war definitiv cool. Seine Wohnung passte perfekt zu ihm. Irgendwie harmonierte nichts miteinander, aber das Sammelsurium an Möbeln und Sachen machte sie total gemütlich. Als ich das Schlagzeug in einer Ecke des Wohnzimmers entdeckte, wäre ich am liebsten eingezogen.
„Wow, spielen Sie?“, fragte ich und zeigte auf das Schlagzeug.
„Sie? Steve reicht. Sie? Päh, klingt das doof und alt. Hab früher in ’ner Band gespielt.“
„Cool.“
„Ach, ich Kloppi“, rief Leon aus und schlug sich an die Stirn. „Steve, das ist mein Kumpel Jimmy.“
„Hi, Kumpel Jimmy. Du stehst also auf Drums?“
„Jaaaa…“, ich gab mir sehr viel Mühe, nicht ganz so bekloppt zu wirken oder zu sabbern.
„Steve, wir sind hier, weil wir vielleicht deine Hilfe gebrauchen könnten“, übernahm Leon das Reden.
Steve lachte, bevor er uns antwortete: „Meine Hilfe, ernsthaft? Wobei soll ich euch denn helfen können, was deine Eltern nicht mit ihrem Geld auch könnten?“
„Die können wir nicht fragen …“
„Was denn, sind sie wieder auf ‚Konferenzen‘?“, fragte er mit einem anrüchigen Augenzwinkern.
„Ist doch egal, was sie machen“, antwortete Leon genervt.
Steve merkte, dass er an dieser Stelle wohl keine weiteren Scherze machen sollte.
„Okay, wobei kann ich euch zwei helfen?“
„Wir brauchen Infos über unsere Schule“, sagte ich, als ich meine Sprache endlich wieder fand.
„Eure Schule? Die Schickimickibude für schräge Typen? Was ist damit?“
„Schräge Typen trifft es wohl genau“, meinte Leon. „Wir wollten mehr über den Laden erfahren, doch das Netz gibt einfach nichts her. Deswegen dachten wir, du könntest vielleicht im Stadtarchiv etwas über die Schule herausfinden.“
Steve sah uns fragend an, man konnte förmlich an seinem Gesicht ablesen, wie er seine Optionen abwägte.
„Okay, was springt für mich raus, wenn ich euch helfe?“
„Weiß nicht, an was hast du gedacht?“, fragte Leon.
Steve überlegte noch einmal kurz, dann meinte er: „Ein Gefallen gegen einen Gefallen.“
Leon sah mich an und fragte mit seinem Blick, ob das okay für mich sei. Ich signalisierte ihm, dass ich einverstanden war, ohne ein Wort zu sagen.
„Okay, Hauptsache, es wird nicht zu schräg“, schloss Leon den Deal ab.
„Na dann, Jungs, was für Infos braucht ihr denn?“
„Ui, vielleicht Bauakten,...
| Erscheint lt. Verlag | 23.7.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Neckenmarkt |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 11-12 • I. Lewkowitz • Jugend |
| ISBN-10 | 3-7116-0668-7 / 3711606687 |
| ISBN-13 | 978-3-7116-0668-6 / 9783711606686 |
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