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Der endlose Wille (eBook)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
316 Seiten
NOVUM VERLAG
978-3-7116-0230-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der endlose Wille -  Marvin Bergauer
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In einer Welt, in der ein verzweifelter Staat die Kriminalität unterdrücken und die Gedanken seiner Bürger kontrollieren will, folgt ein Albtraum dem nächsten. Zwangsweise implantierte Chips treiben die Gesellschaft immer weiter an den Abgrund: Nach jedem neuen Schicksalsschlag verlieren sich Phil und Ben Hildmann tiefer in ihren Emotionen und setzen alles daran, ihr Leben und ihre Familie vor dem endgültigen Zerfall zu retten. Chloe, Teil des Widerstands, kämpft um Normalität, doch die Grenze zwischen Wahrheit und Illusion schwindet zunehmend. Währenddessen wird Levins Überlebenswille auf die ultimative Probe gestellt, als eine Party zu einem Blutbad ausartet. Was ist gefährlicher - die kalkulierende Technologie oder der unberechenbare Wahnsinn des Menschen?

Hildmann 1/Tag der Freiheit


Familie Hildmann sitzt am Frühstückstisch.

„Mama, magst du mir bitte ein Brötchen geben?“, fragt Phil, dessen Magen noch immer knurrt.

In so einen Körper muss schließlich einiges reinpassen.

Phil ist mit seinen 18 Jahren genauso groß wie sein ein Jahr älterer Bruder Ben – beide ragen 1,90 Meter in die Höhe. Auch sonst könnten sie als Doppelgänger durchgehen: dieselbe langweilige braune Kurzhaarfrisur, dieselbe schlaksige Statur. Der einzige Unterschied liegt in ihren Augen – Phils stechendes Blau kontrastiert Bens tiefes Schwarz. Die Brüder heißen eigentlich Philipp und Benjamin, werden von ihren Eltern aber nur so genannt, wenn sie etwas falsch gemacht haben.

Trotz der drei Lachsbrötchen, die Phil bereits verputzt hat, ist sein Hunger unstillbar – und das ist durchaus verständlich, denn heute ist ein bedeutender Tag für die Familie Hildmann. Nein, nicht nur für sie, sondern für ganz Österreich. Es ist der Tag der Freiheit.

„Nicht, dass du so zunimmst wie dein Bruder!“, lacht Mutter Tanja.

Sie ist für ihre – wie sie es nennt – humorvollen Seitenhiebe bekannt. Ben stößt ein leises Murren aus, während er sich hinter seiner Zeitung versteckt. Er ist auf einen Artikel fokussiert.

„Schatz, magst du deinem Sohn nicht sagen, er soll am Frühstückstisch mit mir reden?“, tadelt Tanja sanft, die in den letzten Jahren schnell älter geworden ist.

Hinter ihren tiefen Falten schimmert noch immer eine Spur jugendlicher Frische. Das Blau ihrer Augen und ihr freches Lächeln wird sie niemals verlieren – auch nicht, als Leon, der ein trockenes Brot runterschlingt, hinter seiner Zeitung nur ein Knurren hervorbringt. Wie der Vater, so die Söhne.

Ben und Phil sprachen nie viel, auch nicht, als Ben extra ein Jahr auf Phil „wartete“. Er ging in die Vorschule, nur um mit seinem Bruder gemeinsam in der Klasse sein zu können. Dort waren sie nicht nur schweigsam, sie sahen anderen nicht mal in die Augen. Manchmal lauerten ihnen Mitschüler auf und gelegentlich mussten sie sich in der Toilette verstecken. Dort krochen ihre Feinde wie Zecken aus den dunkelsten Ecken hervor, packten ihre Köpfe und schleuderten sie mit voller Wucht gegen die Fliesen. Wenn die Lehrer in der darauffolgenden Stunde fragten, was passiert sei und woher die Wunden kamen, schwiegen die Brüder auch da.

Wenn sie sprachen, dann mit ihren Eltern und sogar da differenzierten sie. Phil redete hauptsächlich mit Tanja und Ben mit Leon. Als Tanja depressiv wurde, hörte Phil ganz auf zu sprechen. Schon Tanjas Mutter, die den Brüdern nur als Oma Dolores bekannt war, hatte mit starken Depressionen zu kämpfen. Zu starken. Sie kamen ohne offensichtlichen Auslöser und blieben, bis sie Dolores zu einem leeren Schatten machten. Als sie sich ins Wasser stürzte, um nie wieder auftauchen zu müssen, war sie in ihren letzten Atemzügen lebendiger als all die Jahre zuvor.

Tanja und Phil hatten zu Beginn ihrer Depressionen fürchterliche Angst, dass es ihnen eines Tages genauso ergehen würde. Sie kämpften gegen die Dunkelheit an, bis sie keine Angst mehr hatten. Sie hatten gar nichts mehr, nur noch den Wunsch, nichts mehr zu fühlen.

Eines Tages, als alles besonders schlimm war, kam Tanja zu Phil ins Zimmer.

„Schatz, hörst du das?“, murmelte sie.

Phil lag nur noch im Bett. Er verdunkelte sein Zimmer, blieb unter der Decke und starrte die Wand an. Auch wenn er seine Mutter nicht ansah, wusste er, dass sie in ihrer eigenen Welt gefangen war und ihr die Realität zunehmend entglitt.

„Hm?“, brachte er nur hervor.

„Hör doch!“

Stille.

„Ganz genau, Schatz. Die Vögel haben aufgehört zu singen. Sie sind fort.“ Tanja klang plötzlich aufgeregt. „Schatz, es ist vorbei. Jetzt dürfen wir gehen.“

Zum ersten Mal seit Tagen wandte Phil seinen Blick von der Wand ab. Mühsam drehte er seinen tonnenschweren Kopf zu Tanja.

„Es ist bald vorbei“, träumte sie laut. „Endlich. Phil, wir können es jetzt beenden. Hörst du? Keine singenden Vögel, keine Angst, kein Schmerz. Die Leere schafft Freiheit und die Freiheit die Option zu gehen. Die Vögel erlauben es uns.“

Die Worte verhallten wie ein stummer Schrei und verstärkten die Leere in Phil.

„Ich höre die Vögel schon so lange nicht mehr. Ich kann mich nicht mal daran erinnern, wie sie klingen und wann sie das letzte Mal für mich gesungen haben“, hauchte er.

Als er seine Mutter endlich richtig sehen konnte, bemerkte er das Messer in ihrer Hand. Sie schnitt damit fröhlich an ihrem Arm herum.

„Mum, es ist in Ordnung. Es ist eh schon lange vorbei.“ Ein Lächeln huschte ihm über die Lippen. „Jetzt werden wir die Vögel.“

In den Schatten ihrer Gedanken hörten Tanja und Phil eine sanfte Stimme, die wie ein Wispern aus einer fernen Welt klang. Es war kein menschliches Flüstern, sondern ein mechanisches Echo.

Ih fehtan, do ih sum gon. Falan don aso teskon aso tu koan, stano op aso teskon aso tu koan. Kämpft, kratzt und beißt. Dann lodert die Flamme auch nächste Nacht. Dann endet der seltsamste aller Träume und wird zur Realität. Dann werdet ihr C…

Mit jedem in der Stille pulsierenden Wort sanken sie tiefer in eine seltsame Akzeptanz. Die Dunkelheit, einst ungeliebter Begleiter, wurde zu einem vertrauten Freund. Die Stimme war kein Ankläger, sie war ein unbekannter Führer, der sie aus der Leere leitete. So verwoben sich ihre Gedanken mit dem Flüstern, während sie die Umarmung des Schmerzes annahmen und die zarten Fäden eines fremden Geistes durch ihre Seelen glitten. So wurden Tanja und Phil in dieser Nacht keine Vögel. Wiedergeburt durch Trauer.

Leon und Ben bewältigten diese Krise auf ihre eigene Weise: Sie schluckten ihre Emotionen runter. Leon arbeitete seit Ewigkeiten als Türsteher. Seine Körpergröße von beinahe zwei Metern glich seine schmalen Schultern gut aus. Die Schatten seiner inneren Zerrissenheit verliehen ihm eine düstere Ausstrahlung, ein brodelndes Versprechen der Zerstörung, das in jeder seiner Bewegungen mitschwang – ein Vulkan, der jederzeit bereit war, seine glühende Wut in Lava zu entfesseln. Selbst angetrunkene Partygänger spürten die unterschwellige Gefahr, die von ihm ausging, und hielten sich fern, als wüssten sie, dass das Spiel mit der Lava fatale Konsequenzen haben konnte.

Es passierte in seiner langen Laufbahn sehr selten, dass jemand aufmüpfig wurde. Wenn es doch geschah, dann erlaubte Leon es sich, auszubrechen. Verbal. Er schlug nur zweimal zu.

Das erste Mal war rund ein Jahr vor dem Tag der Freiheit. An diesem Abend stand ein Betrunkener mit zwei Freundinnen im Schlepptau an Leons Tür. Der Jugendliche hatte eine schmale Statur und trug ein viel zu enges T-Shirt.

Er wollte in einen überfüllten Club und traf mit voller Wucht Leons große Schwachstelle: „Lass mich rein, du Arschloch. Hast du eine Frau? Ich ficke die Bitch. Die kann mir einen blasen, wenn ich nicht in den Club reinkomme.“

Er drehte sich zu seinen Freundinnen, um ihnen zu demonstrieren, was für dicke Eier er wohl in der Hose hatte und zeigte Leon dabei den Mittelfinger. Seine Begleitung war nicht im Geringsten beeindruckt, was ihn nicht zu stören schien.

Leon ballte seine Hände zu Fäusten. Dieser Vollidiot beleidigte Tanja, die zu dieser Zeit schwer depressiv im Sterben lag. Es gab nichts, was Leon stärker hätte treffen können. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus. Die Lava staute sich langsam zusammen. Wenn dieser Typ noch weiter …

„Hey, Türsteher! Hörst du mir noch zu? Lass uns da jetzt rein, in diesen Scheiß-Club. Deine Bitch kann mir einen …“

Leons Faust traf das Gesicht des jungen Mannes mit der Wucht eines eruptierenden Vulkans, in dem jahrelang unterdrückte Wut geschlummert hatte. Als der Betrunkene am Boden lag, zuckte er noch leicht. Schreiend liefen die beiden Mädchen weg. Der Asphalt rund um sein Gesicht war innerhalb kürzester Zeit blutgetränkt. Leon stand zitternd vor ihm, die Knöchel seiner Hand schwollen an, als er realisierte, was er getan hatte. In dem Schlag steckte seine Wut über Tanjas und Phils Depression und seine Unfähigkeit, mit ihnen darüber zu sprechen.

Zu Leons Unglück hatte ein Polizist alles mitangesehen und zerrte den Hildmann-Vater sofort zu Boden. Leons Gesicht küsste den Asphalt, seine Hände wurden auf seinem Rücken fixiert. Gefängnis? Erhängen? Leon malte sich die schlimmsten Strafen aus, während ein kräftiges Knie seinen langen Oberkörper tief in den Gehsteig drückte.

Als der Polizist sich runterbückte, sagte er: „Ich habe alles gesehen und gehört. Alles. Dieser Pisser hat es verdient....

Erscheint lt. Verlag 23.7.2025
Verlagsort Neckenmarkt
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Belletristik • Fiction • Marvin Bergauer • Science
ISBN-10 3-7116-0230-4 / 3711602304
ISBN-13 978-3-7116-0230-5 / 9783711602305
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