Das Lügengewebe (eBook)
351 Seiten
Barbara Cartland eBooks Ltd (Verlag)
978-0-00-096352-9 (ISBN)
Sir Peter, ein junger verarmter Adeliger, verbringt die meiste Zeit mit Bekannten in London, während seine jüngere und sehre hübsche Schwester Carol nach dem Tod der Eltern allein auf dem elterlichen Gut Greton Hall wohnt. Sie lebt dort zurückgezogen und verbringt viel ihrer Zeit beim Reiten und in der gut ausgestatteten Bibliothek, da sie das Trauerjahr abwarten musste, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Nun aber mangelt es den Geschwistern an finanziellen Mitteln, um dies zu tun. Sir Peter bittet Carol, ihn und einen Freund und Nachbarn, den Marquis von Boxburne aus einer misslichen Lage zu helfen. Um einem potentiellen Investor von seiner Ersthaftigkeit zu überzeugen, hat der Marquis behauptet verheiratet zu sein. Da dies jedoch nicht der Fall ist aber sich der amerikanische Investor zu Besuch auf Brox Hall angemeldet hat, braucht der Marquis nun eine 'Ehefrau' für die Dauer des Besuches. Um ihrem Bruder zu helfen, der auch in der zukünftigen Automobil Gesellschaft beteiligt sein soll, willigt Carol ein und findet sich in einem Gewebe von Lügen wieder.
1
1896
Auf dem Heimritt kam Carol an Brox Hall vorbei.
Wie schon so oft dachte sie, dass es das schönste Haus war, das sie jemals gesehen hatte.
Es stammte aus der Stilepoche, für die sie besonders schwärmte, und war Mitte des 18. Jahrhunderts errichtet worden.
Die Figuren auf dem Dach hoben sich deutlich gegen den blauen Himmel ab.
Was sie jedoch enttäuschte, war die Tatsache, dass die meisten Fenster mit Brettern vernagelt waren.
Das große Haus war unbewohnt bis auf ein altes Hausmeisterehepaar. Sie waren schon seit Jahren die einzigen Bewohner.
Was die ganze Sache noch trauriger machte, war, dass der Marquis von Broxburne in London lebte. Laut Aussagen ihres Bruders, der mit ihm bekannt war, vergnügte er sich dort reichlich und dachte nicht im Traum an eine Rückkehr auf den Sitz seines Vaters.
Warum kommt er nicht her, öffnet das Haus wieder und kümmert sich um seinen Besitz?, fragte sie sich oft.
Sie kannte die Antwort.
Es fehlte an Geld.
Dem Marquis erging es wie vielen Aristokraten.
Das Leben war um so vieles teurer geworden.
Die großen Häuser, die ohne eine zahlreiche Dienerschaft nicht denkbar waren, ließen sich nicht mehr halten.
Carol sagte sich, dass sie dankbar sein sollte für das viel kleinere Haus, in dem die Familie ihres Vaters schon seit vielen Generationen lebte.
Der Erste Baronet war von King James II. ernannt worden.
In der folgenden Generation hatte es einen Sohn gegeben, der den Titel übernehmen konnte.
Carols Bruder Peter war nun der Sechste Baronet.
Er war sehr stolz - nicht nur auf seinen Namen, sondern auch auf das Gut, das ihm gehörte, obgleich es viel kleiner war als das des Marquis.
Der Marquis mied Brox Hall wie der Teufel das Weihwasser, weil er nicht daran erinnert werden wollte, in welch einem katastrophalen Zustand der Besitz war. Die Felder lagen brach, und keine der Hecken war geschnitten.
Es gab zwei oder drei Pächter.
Doch es kam Carol so vor, als wären auch sie entmutigt und lustlos, weil sie den Gutsbesitzer nie zu Gesicht bekamen und dieser an seinem Eigentum so gut wie nicht interessiert zu sein schien.
Sie ritt weiter, verließ das Gebiet des Broxburne Gutes und erreichte nach kurzer Zeit ihren eigenen Besitz. Er lag in einem ziemlich abgelegenen Gebiet, und abgesehen von Brox Hall gab es in dieser Ecke des Landes keine Familie, die über viel Grund und Boden verfügte. Oder die - was für Carol noch bedrückender war - reich genug waren, um große Gesellschaften zu veranstalten.
Aber wenigstens zu Weihnachten fanden einige Partys statt.
Und der Lord Lieutenant gab im Sommer eine Gartengesellschaft.
Es waren nur diese wenigen Gelegenheiten für die Menschen, die in diesem Teil Englands lebten, sich zu sehen.
Meist blieb es bei der Gartenparty im Sommer, und wenn die Gäste dann »Auf Wiedersehen« sagten, hieß dies fast immer auch: »Bis zum nächsten Jahr.«
Aber das war ein anderes Kapitel.
Nachdem Carol eine Meile geritten war, hatte sie den ersten Blick auf Greton House.
Zur Zeit der Herrschaft von Queen Anne war es fast völlig umgebaut worden. Von außenerinnerte kaum noch ein Gebäudeteil daran, dass es aus einer viel älteren Epoche stammte.
Und dennoch gab es einige Räume im Haus, die zwei Fuß dicke Mauern, hatten und Fenster mit sehr kleinen Scheiben.
Die Haupträume waren hoch und weit, und ihr Vater betonte dies oft genug, indem er scherzend zu sagen pflegte:
»Wenigstens sie erlauben mir einen aufrechten Gang, ohne dass ich mich bücken muss.«
Er war ein großer Mann gewesen - ähnlich wie sein Sohn Peter.
Carol war glücklich, dass sie ihrer Mutter nachschlug, die klein und graziös gewesen war. Sie war allerdings auch sehr zerbrechlich gewesen, so dass sie ein Jahr zuvor ihrem Ehemann ins Grab gefolgt war.
»Mama wollte einfach nicht mehr weiterleben«, hatte Carol oft gesagt.
Sie hoffte, sie würde eines Tages jemanden finden, der sie so sehr lieben würde, wie ihr Vater ihre Mutter geliebt hatte.
Doch zurzeit waren ihre Chancen schlecht.
Die meisten der jungen Männer, die nicht verheiratet waren, drängten in die Stadt. Sie wollten nicht auf dem Land bleiben und versauern.
Sie waren nach London gegangen, wie auch Carols Bruder.
Dort amüsierten sie sich und versuchten, es ihrem Vorbild, dem Prinzen von Wales, gleichzutun, der unter den jungen Adligen den Ton angab.
Carol wusste, dass sie sich in Liebesabenteuer stürzten - mit den stadtbekannten Schönheiten, deren Fotos in jedem Schreibwarenladen zu sehen waren.
Außerdem führten sie Tänzerinnen und Schauspielerinnen zum Essen aus.
Carol erinnerte sich, dass Peter ihr erzählt hatte, wie verlockend das war und wie sie im Romano diniert hatten.
Für einen jungen Mann, hatte er ihr erklärt, gebe es einfach nichts Aufregenderes.
»Mir ist das allerdings zu kostspielig«, tröstete Peter sie.
»Zu kostspielig?« fragte Carol. »Meinst du damit das Essen?«
Einige Sekunden hatte Peter gezögert, bis er hastig antwortete:
»Ja, das Essen - und natürlich auch die Blumen, die man den Ladies schicken muss.«
Er hatte dann schnell das Thema gewechselt, doch Carol fiel es schwer, ihn zu verstehen.
Als ihre Mutter noch gelebt hatte, galt es als abgemacht, dass Carol nach London gehen würde, um bei Hof vorgestellt zu werden.
Wenn nicht der Königin, dann zumindest dem Prinzen von Wales und seiner entzückenden dänischen Frau, Prinzessin Alexandra.
Inzwischen war Carols Mutter gestorben und das Trauerjahr vorbei. Doch keine von Carols Verwandten dachte daran, sich dem Mädchen als Anstandsdame anzubieten.
Carol hatte daher die Hoffnung längst aufgegeben und sich damit abgefunden, für immer auf dem Lande zu leben.
Sie machte ihre täglichen Ausritte und wartete im Übrigen geduldig darauf, dass Peter einmal nach Hause kam.
Peter war stolz auf sie, aber sie wusste, dass er nur nach Hause kam, wenn er keinen Dienst hatte.
Oft vergingen Wochen, in denen sie niemanden sah als die Dorfbewohner und den Vikar.
Sie hätte dieses Leben sicherlich als sehr langweilig empfunden, wäre da nicht die große Bibliothek ihres Vaters gewesen. Jahr, für Jahr hatte er sie um viele neue Bücher erweitert, so wie es auch schon seine Vorfahren gemacht hatten.
Es fehlte Carol also nicht an Lesestoff, und sie nahm sich jeden Abend ein Buch mit ins Bett. Hier las dann, bis ihr die Augen zufielen.
Während sie jetzt auf das Haus zuritt, sagte sie sich: »Ich glaube, ich sollte selbst einmal eine Gesellschaft geben.«
Tatsächlich hatte Mrs. Newman, die Köchin, die bereits seit langer Zeit für sie arbeitete, ihr dies vorgeschlagen.
»Warum laden Sie nicht einfach einmal einige der netten Freundinnen von früher zum Lunch ein, Miss Carol?« hatte sie gesagt »Ich bin es leid, immer nur ein paar Häppchen für Sie allein zu kochen. Wenn das so weitergeht, vergesse ich noch meine besten Rezepte.«
»Das ist wirklich eine gute Idee, Mrs. Newman«, antwortete Carol. »Aber vielleicht denken die Leute, ohne Sir Peter würden sie sich auf einer Party hier nur langweilen.«
»Sir Peter amüsiert sich in London schon zur Genüge«, sagte Mrs. Newman bestimmt. »Es wäre nur gerecht, wenn auch Sie ein kleines Stück vom Kuchen abbekommen würden.«
Carol hatte gelacht. ,
»Ich werde eine Liste der Leute aufstellen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe«, antwortete sie. »Und vielleicht machen wir Sonntag in einer Woche eine Lunchparty.«
Sie erinnerte sich daran, dass ihre Mutter der Meinung gewesen war, der Sonntag wäre ein guter Tag, um Gäste einzuladen.
Die Nachbarn waren an diesem Tag nicht allzu beschäftigt, denn sie arbeiteten in ihren Gärten, machten Einkäufe im nahen Marktstädtchen oder nahmen an Wohltätigkeitsveranstaltungen teil.
Carol musste dann die Erfahrung machen, dass die Aufstellung einer Liste gar nicht so schwierig war, wie sie befürchtet hatte.
Die meisten Mädchen ihres Alters waren im vergangenen Jahr Debütantinnen gewesen.
Viele von ihnen hatten bereits geheiratet.
Und an den Wochenenden hatten sie Freundinnen zu Gast, die sie in London kennengelernt hatten.
Carol verstand durchaus, dass ein junges Mädchen ohne Anstandsdame eine Last sein konnte.
Was ihre eigene Attraktivität betraf, war Carol völlig über sich selbst im Unklaren.
Ihre Mutter war eine bekannte Schönheit gewesen, und Carol war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.
Sie hatte rotes Haar, das von einer ungewöhnlichen Farbe war, da es wie flüssiges Gold schimmerte.
In ihren Augen war eine Spur Grün. Nicht das Smaragdgrün, dem Tian Boshaftigkeit und Niedertracht zuschrieb, sondern das Grün eines klaren Baches.
Wie oft bei rothaarigen Menschen, besaß sie eine schimmernd weiße Haut.
Hier und da hatte Carol Komplimente wegen ihres Aussehens erhalten. Zunächst während der Krankheit ihrer Mutter und auch später während des Trauerjahrs.
Sie ahnte nicht, wie ungewöhnlich sie wirkte.
Sogar ihrem Bruder Peter war dies aufgefallen. Als er zum letzten Mal zu Hause gewesen war, hatte er sich fest vorgenommen, ihretwegen unbedingt etwas zu unternehmen.
»Es muss doch jemanden geben, der die Rolle ihrer Anstandsdame übernimmt, wenn sie nach London kommt!« hatte er sich gesagt.
Er hatte dann einige der...
| Erscheint lt. Verlag | 8.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 0-00-096352-6 / 0000963526 |
| ISBN-13 | 978-0-00-096352-9 / 9780000963529 |
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