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Ich wäre besser gleich in Rente gegangen (eBook)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
259 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-8197-6037-2 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Ich wäre besser gleich in Rente gegangen -  Yvonne Haußmann
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Ich kann an den Augen ablesen, was manche denken, wenn ich sage, ich hab ein Buch über mein Arbeitsleben geschrieben. 'Was wird die schon erlebt haben, um ein Buch zu schreiben'. Die meisten arbeiten acht Stunden und gehen heim. Bleiben ihr Leben lang im gleichen Beruf, viele sogar in der gleichen Firma. Ich nicht. Ich habe zwei gelernte Berufe und habe in insgesamt sechs verschiedenen Berufen gearbeitet. In diesen ganzen Berufen habe ich so ziemlich alles erlebt. Schwarzarbeit, Mobbing, Lügen und Vertrauensbrüche. Ich stand oft am Rande des Abgrunds meiner Existenz. Einmal fiel ich. Doch lest selbst, wie ich mich zurück gekämpft habe.

Nach verschiedenen Arbeitsstellen, Tätigkeiten und Positionen wollte ich das Erlebte zu Papier bringen. Ich bin verheiratet und wohne mit meinem Mann in Rheinland-Pfalz.

Nach verschiedenen Arbeitsstellen, Tätigkeiten und Positionen wollte ich das Erlebte zu Papier bringen. Ich bin verheiratet und wohne mit meinem Mann in Rheinland-Pfalz.

Kapitel 1


Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Meine Ausbildung fing am 01.08.1998 in einer Starhavener Metzgerei an. Die Stelle bekam ich, weil im Jahr zuvor ein 3-wöchiges Praktikum dort absolvierte. Das ich dort gelandet war, war reiner Zufall. Es war ein Dienstag, kurz vor 18.00 Uhr, und ich brauchte bis zum nächsten Tag einen Praktikumsplatz. Sonst hätte es Ärger in der Schule gegeben. Ich saß mit meinen Freunden auf einer Bank gegenüber der Metzgerei. Ich ging widerwillig rein und fragte nach einer Stelle. Da der Chef nicht im Hause war, hinterließ ich meine Telefonnummer. Am nächsten Tag rief der Inhaber an und sagte zu. Die erste Praktikumswoche war schrecklich. Als ich hörte, dass ich auch samstags hinmusste, war meine Motivation ganz weg und meine Laune absolut im Keller. Die zweite Woche war dann etwas besser. Und in der dritten Woche habe ich sogar Gefallen an dem Job gefunden. Es hat richtig Spaß gemacht. Als das Praktikum zu Ende war, bekam ich von den Kolleginnen sogar kleine Abschiedsgeschenke. Die Chefin bot mir einen Lehrvertrag an. Den nahm ich mit strahlenden Augen an. Ich unterschrieb den Lehrvertrag am 18.05.1998. Was dann folgte, konnte ich ja nicht ahnen.

So stand ich am ersten Tag meiner Ausbildung verloren herum und wusste nicht, was ich machen sollte. Die Metzgerei ist in der Zwischenzeit in eine andere Straße umgezogen. Da war auch die Produktion dabei. Außer mir waren noch zwei Lehrlinge angestellt. Beide waren im dritten Lehrjahr. Beide beendeten die Lehre nicht in diesem Betrieb. Innerhalb von wenigen Wochen haben beide gekündigt. Meinen ersten Tag verbrachte ich mit dem kennenlernen des Betriebes, einkaufen, Babysitten und Geschirr spülen. Die Arbeitszeiten waren von 06.00 – 18.00 Uhr, samstags bis 13.00 Uhr. Ich hatte eine Frühstückspause von einer halben Stunde. Mittagspause war von 13 – 14.30 Uhr. In der Zeit war auch das Geschäft geschlossen. Mittwochs nachmittags blieb das Geschäft geschlossen. Mein erster Feierabend war um 20.30 Uhr. Das weiß ich noch, als ob es gestern gewesen wäre. Ich war alleine, musste einen Berg von Geschirr, Schüsseln und Fleischplatten mit der Hand spülen. Die Küche war sehr, sehr klein. An meinem ersten Tag vergoss ich die ersten Tränen. Aber am nächsten Tag stand ich wieder tapfer im Laden. Auch der zweite Tag verbrachte ich mit einkaufen, Babysitten und Geschirr spülen. Manchmal durfte ich im Laden beim Tagesgeschäft zusehen. Dienstags und donnerstags kam eine Putzfrau. Mit ihr verstand ich mich sehr gut und freute mich immer, wenn sie kam. Eines Tages öffnete mir morgens niemand die Tür. Stattdessen öffnete sich oben ein Fenster. Meine Chefs hatten über der Metzgerei ihre Wohnung. Frau Bitter warf mir den Schlüssel zu. Ich musste dann alleine die Theke einräumen. Ich hatte wahnsinnige Angst, dass ich was falsch machte. So war es dann auch. Ich habe wohl alles falsch eingeräumt. Aber dass mir vorher nie jemand gezeigt hatte, wie man es richtig machte, interessierte auch keinen. Ich wurde wieder zum Babysitten abkommandiert. Das Baby hatte einen Kopf so groß wie eine Wassermelone. Ich mochte es nicht. Musste aber den Großteil des Tages mit ihm verbringen. Ein Glück, dass ich es nicht füttern oder gar wickeln musste.

Meine Mutter sagte immer: „Kind, du musst langsam lernen, mehr Verantwortung zu übernehmen.“
Ich wusste nicht so recht, was sie damit meinte. Ich wünschte mir schon lange ein Handy, bekam aber keins. Als ich mein erstes Lehrlingsgehalt bekam, übernahm ich Verantwortung und wollte mir eins kaufen. Als ich an einem Mittwoch mit meiner damaligen besten Freundin in der Stadt war, beschloss ich, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Wir gingen in den kleinen Laden in der Adenauer Straße. Ich hatte mir schon vor Wochen mein Traumhandy rausgesucht. Es kostete 333,- D-Mark.
Als ich es strahlend in der Hand hielt, sagte der Verkäufer: „Ich brauche nun Ihren Ausweis.“ Als ich ihm den gab, sagte er verdutzt: „Sie sind ja noch keine 18 Jahre! Ich kann Ihnen das Handy nicht verkaufen. Sie sind noch nicht Geschäftsfähig.“ Soweit hatte ich nicht gedacht. Es war eine riesige Enttäuschung.
Da sagte meine Freundin: „Aber ich bin 18. Ich kaufe es.“
Dagegen konnte der Verkäufer nichts sagen. Ich war ihr so unendlich dankbar. Als die Formalitäten erledigt waren, verließ ich als stolzer Handy Besitzer den Laden. Ich dankte ihr bestimmt Tausendmal. Aber dann kam mir in Erinnerung, dass ich einen noch viel größeren Kampf bestreiten musste. Wie sollte ich meiner Mutter erklären, dass ich nun ein Handy hatte. Meine Freundin kam an diesem Tag mit zu mir. So saßen wir in meinem Zimmer und berieten, wie ich es meiner Mutter schonend sagen konnte. Als ein Plan ausgeheckt war, rief ich sie zu uns. Als Mutter im Zimmer war, sagte ich: „Mutti, du sagst doch immer, ich soll mehr Verantwortung tragen und selbstständiger werden.“
Sie schaute mich irritiert an und antwortete: „Ja, das habe ich dir mal gesagt.“
„Also, Mutti, es ist so...“, druckste ich herum. „Ich, ähm... Hab mir deine Worte zu Herzen genommen, und mir heute ein Handy gekauft.“
Nachdem es endlich heraus war, hielt ich die Luft an. Verängstigt wartete ich auf das Donnerwetter. Es blieb erst mal aus. Wahrscheinlich hat ihr das die Sprache verschlagen. Was bei ihr sehr, sehr selten vorkam. Als sie wieder Worte fand sagte sie: „Du hast was? Waren wir uns nicht einig, dass du keins bekommst? Außerdem bist du noch keine 18. Der Verkäufer hätte dir das gar nicht verkaufen dürfen. Wir fahren morgen hin und bringen es zurück!“
Da schaltete sich Micha ein: „Frau Schweizer, ich habe es unterschrieben. Ich bin ja schon 18.“
Da verschlug ihr zum zweiten Mal die Sprache. „Ihr kleinen Biester, das war raffiniert!“
Mit diesen Worten ging sie aus dem Zimmer. Als Micha dann heim ging, bekam ich wahnsinnige Angst, dass ich nochmal ordentlich Ärger bekam. Aber der blieb aus. Ich wurde ins Wohnzimmer gerufen. Da saßen meine Eltern auf der Couch. Meine Mutter sagte: „Also begeistert bin ich von eurer Aktion nicht, aber jetzt ist es nun mal so. Zeig mal her das Handy.“
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
 
Wenn wir uns heute an diesen Abend erinnern, müssen wir immer loslachen.

Das Handy war nichts Besonderes. Man konnte damit nur telefonieren. Die SMS-Funktion gab es bei diesem Gerät nicht.

Am nächsten Tag saß ich in meiner Frühstückspause im Hof. Frau Bitter setzte sich zu mir und blätterte in einem der herumliegenden Pornoheftchen. Ich erzählte ihr von der Aktion am gestrigen Tag. Sie fand es sehr amüsant und lachte. Dann sagte sie: „Jetzt musst du nur noch lernen, auch hier Verantwortung zu übernehmen, Yvonnesche.“

Auch nach zwei Monaten hatte ich nichts Berufsbezogenes gelernt. Die Tage wurden immer mehr zur Qual. Aber Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Ich biss mich weiter durch. Nachmittags war ich oft alleine. Frau Bitter war dann oben in der Wohnung. Ich sollte sie immer rufen, wenn Kunden kamen. Ich durfte ja nie bedienen. Ab und zu durfte ich mal Brötchen belegen. Als ich dann mal wieder alleine war, kam eine Kundin. „Hallo, guten Tag. Einen Moment, ich rufe die Chefin.“, sagte ich zur Kundin. Ich ging zur Treppe und rief nach oben. Von dort kam dann die Antwort: “Yvonnesche, das geht jetzt nicht. Ich liege in der Badewanne!“
„Soll ich die Kundin etwa wegschicken?“
„Ja! Mach den Laden zu und stör mich nicht mehr!“
Geschockt ging ich wieder in den Laden und sagte der Kundin: „Es tut mir sehr leid, aber Frau Bitter kann grad nicht. Ich darf noch nicht bedienen.“ Die Kundin schaute mich verdutzt an und sagte: „Das heißt, ich soll gehen?“
„Ja. Es tut mir leid.“ Daraufhin wurde die Kundin sauer und sagte, dass es das letzte Mal war, dass sie diesen Laden betreten hätte. Obwohl ich ja nichts dazu konnte, schossen mir die Tränen in die Augen und ich fühlte mich sehr, sehr schlecht. Patrizia, die Putzfrau, hat das mitbekommen. Sie versuchte mich aufzubauen und das ich mir das nicht so zu Herzen nehmen solle. Ich schloss den Laden ab, putzte die Maschinen und die Theke und ging heim.

Das war auch so was. Frau Bitter nannte mich immer „Yvonnesche“. Ich hasste das so sehr. Irgendwann sagte sie mir, dass sie das mal bei der Serie „Diese Drombuschs“ gehört hatte. Sie fand es lustig mich so zu nennen. Bis heute werde ich von jetzt auf gleich wütend, wenn mich jemand so ruft. Oder wenn mein Name anderweitig „verniedlicht“ oder abgekürzt wird.

Irgendwann fing auch die Berufsschule in Luminara an. Ich war total aufgeregt. Eine Freundin von der Hauptschule lernte Metzgerin. Sie hatte auch ihren ersten Schultag. Durch sie lernte ich Diana kennen. Sie lernte in der gleichen Metzgerei, wie meine Freundin. Als wir dann in dem Klassenzimmer saßen, wurden wir namentlich aufgerufen. Mein Name war nicht dabei. Da bekam ich Panik. Es stellte sich heraus, dass ich an der Berufsschule nicht angemeldet wurde. So war auch mein erster Tag an der Schule ein Reinfall.
Als ich heimkam, berichtete ich meiner Mutter von dem Vorfall. Sie setzte sofort alle Hebel in Bewegung um den Vorfall aufzuklären. Kurze Zeit später kam dann raus, dass mein Lehrvertrag nie bei der IHK eingereicht wurde. Natürlich war ich nirgendwo offiziell als Lehrling gemeldet. So startete ich mein Arbeitsleben unwissentlich als Schwarzarbeiterin.

An einem freien Mittag ging meine Mutter mit mir zur Berufsberatung beim Arbeitsamt. Ich wollte diesen Beruf weiter erlernen, aber nicht bei den Bitters. Wir schilderten der Beraterin den Fall. Auch sie war der Meinung, dass ich dort nicht bleiben könne. So bewarb ich mich bei der Metzgerei Zorn. Auch diese war in Starhaven. Diese meldete sich umgehend bei mir und noch in derselben Woche...

Erscheint lt. Verlag 7.7.2025
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Arbeitsleben • Erinnerungen • Erlebnisse
ISBN-10 3-8197-6037-7 / 3819760377
ISBN-13 978-3-8197-6037-2 / 9783819760372
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