Der Piratenlieutnant (eBook)
494 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7575-9701-6 (ISBN)
Balduin Möllhausen wurde am 27. Januar 1825 in Bonn geboren. Er war das erste von fünf Kindern. Er wurde nach dem Gymnasium ein Guts-Eleve und diente ein Jahr als Freiwilliger im Militärdienst. Auf seinen vielen Reisen verfasste er viele Reisetagebücher. Der österreichische Kaiser verlieh ihm die Große Goldene Gelehrtenmedaille. Er starb drei Monate nach seinem 80sten Geburtstag in Berlin.
Balduin Möllhausen wurde am 27. Januar 1825 in Bonn geboren. Er war das erste von fünf Kindern. Er wurde nach dem Gymnasium ein Guts-Eleve und diente ein Jahr als Freiwilliger im Militärdienst. Auf seinen vielen Reisen verfasste er viele Reisetagebücher. Der österreichische Kaiser verlieh ihm die Große Goldene Gelehrtenmedaille. Er starb drei Monate nach seinem 80sten Geburtstag in Berlin.
Auf den Spuren der Rebellen.
Der nordamerikanische Bürgerkrieg, nachdem er beinahe vier Jahre hindurch seine blutige Geißel geschwungen hatte, neigte sich seinem Ende zu. Städte waren zerstört, Gehöfte niedergebrannt worden; in Distrikten, einst reich belebt und bevölkert, herrschte unheimliche Öde und Einsamkeit. Wo einst der Rauch in einladender Weise den Schornsteinen ländlicher Besitzungen entwirbelte, da ragten halb verkohlte Sparren über geschwärztes und mit Einsturz drohendes Mauerwerk empor, zeugend von den unbarmherzigen Kämpfen, die, gleichviel, ob im Großen oder im Kleinen, mit derselben Erbitterung geführt, keine Schonung des Lebens und Eigentums mehr kannten.
Als seien durch das letzte Todesröcheln der Hingeopferten, durch die Racheschwüre der Überlebenden und die wilden Flüche der mordenden und sengenden Banden derartige Brandstätten auf alle Ewigkeit verrufen gewesen, blickte der einzelne Wanderer, welchen sein Weg an solchen Stätten vorüberführte, mit unüberwindlicher Scheu auf dieselben hin, oder er umging sie in weitem Bogen. Er fürchtete, auf grausige Scenen zu stoßen, und wie um sich gegen hinterlistige Angriffe zu schützen, prüfte er unwillkürlich die Sicherheit seiner Waffen. –
In der Nähe der bewaldeten südlichen Abhänge des Aleghany-Gebirges, wo zahlreiche Quellen dem südlich fließenden Savannah reiche Nahrung zutragen, lag auf dem Ufer eines dieser Bäche, jedoch in einiger Entfernung von der Hauptstraße, eine derartige, menschlicher Zerstörungswut zum Opfer gefallene Häuslichkeit.
Das Gehöft, von welchem nur noch die Trümmer sichtbar, bildete den Mittelpunkt einer umfangreichen Waldblöße. Letztere war zur Hälfte, wie die vernachlässigten Felder und teilweise zerstörten Einfriedungen bekundeten, mit Mühe und Fleiß der majestätischen Urwaldung entwunden worden, wogegen die andere Hälfte eine moorige Erweiterung des Baches, auf welcher Rohr- und Schilfdickichte mit feuchten Wiesenflächen und Weiden- und Oleandergestrüpp abwechselten. Hin und wieder erhoben sich auch vereinzelte Kottonwoodbäume; dieselben zeigten indessen in Wuchs und Verzweigung nur einen mäßigen Grad von Lebenskraft; selbst für sie war der mit Feuchtigkeit überreich gesättigte Untergrund zu moorig. Die Wurzeln gingen nach einer Reihe von Jahren in Fäulnis über, das durch stagnierendes Pfützenwasser vergiftete Mark verfaulte, und lange dauerte es dann nicht, bis die verkrüppelten, knorrigen Stämme nur noch als gebleichte Gerippe emporragten, dem trägen Geier und der eine offene Fernsicht liebenden Wandertaube eine willkommene Raststelle.
Eingerahmt waren Moorland und Feldlichtung von einer aus der Ferne undurchdringlich erscheinenden, hohen Waldmauer. Zur Zeit der Blüte der durch Menschenhände geschaffenen Anlagen musste das Gehöft einen überaus lieblichen Anblick gewährt haben, welchen die von schwer einherwatenden Pferden und Rindern belebte Niederung keineswegs beeinträchtigte. Sogar die dem Walde abgewonnenen neuen Felder mit ihren eingekerbten und demnächst angebrannten, geschwärzten und teilweise verkohlten Baumresten zeugten damals nur von dem unermüdlichen Fleiße der durch die Rebellen vertriebenen, ihnen nicht günstig gesinnten Ansiedler, welche zur Urbarmachung des Bodens, neben der Axt sich auch das vernichtende Feuer dienstbar gemacht hatten.
Jetzt war es anders; in trauriger Öde dehnte sich die morastige Niederung aus; wie unheimliche schwarze Gerippe ragten die mit so viel Bedacht dem Untergange geweihten Waldriesen empor; sie standen in seltsamem Einklange mit den verkohlten Sparren, welche die verschobenen Mauern des eingeäscherten Wohnhauses krönten, mit den Trümmern, welche die Lage der früheren Scheunen und Stallungen bezeichneten. Kletten- und Schierlingsstauden bedeckten den seiner Einfriedigung beraubten Garten; hin und wieder erblickte man noch Proben von Feld- und Gartenfrüchten, welche, ohne Pflege, gemeinschaftlich mit dem massenhaften Unkraut kümmerlich zur Reife gelangt waren.
Man hätte sich auf der äußersten Grenze des fernen Westens wähnen mögen, wo die Pioniere beständig den Angriffen raubgieriger Indianerhorden ausgesetzt sind, oder sich zurückversetzen können in jene Zeiten, in welchen die ersten Ansiedler mit Büchse, Axt und Pflug, den noch ungelichteten Nationen der Eingeborenen ihre alten Jagdgründe streitig machten.
Einen solchen Charakter trug der von stattlichen Hickorybäumen beschattete Trümmerhaufen und dessen weitere Umgebung, obgleich derselbe in einem der ältesten und mit am reichsten bevölkerten Staaten der nordamerikanischen Republik lag.
Bleich und durch eine in der Atmosphäre hängende Schicht Höhenrauchs verschleiert, blickte die sich stark gegen Westen neigende Sonne auf die eben geschilderte Landschaft nieder. Obwohl schon im Dezember, trugen die Bäume, begünstigt durch einen milden Herbst und die südliche Lage, noch größtenteils ihr Laub; aber es war entfärbt, und in den wunderbarsten Schattierungen reihten sich lichtes Braun, Roth und Gelb aneinander, wo kurz vorher nur liebliches Grün in allen Abstufungen vertreten gewesen.
Ein leiser Lufthauch strömte über die Waldblöße; flüsternd erstarb er in den Wipfeln der Bäume; länger lispelte er zwischen den schlanken Rohr- und Schilfhalmen, welche, den Luftströmungen die breiten Blätter entgegenhaltend, leicht beweglich hin und her wiegten und sich mit einer gewissen Behaglichkeit aneinander rieben. Klar rieselte der Bach in seinem gewundenen Bette einher; seine durchsichtigen Fluten schienen sich zu scheuen vor einer Berührung mit den angrenzenden schmutzigen und stagnierenden Lachen und Pfützen, die auf ihrer Oberfläche ölähnlichen Absatz zeigten, welchem die schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, an nie gesäuberte hundertjährige Fensterscheiben erinnernd, die schönsten Regenbogenfarben entlockten.
Zwei große Geier hatten inmitten des Sumpfes auf einem abgestorbenen und aller seiner kleineren Zweige beraubten Baume ihr Nachtquartier aufgeschlagen. Die langen kahlen Hälse weit vorgestreckt, schienen sie sich zu weiden an der dumpfen Grabesstille, welche sie umgab. Mit einer gewissen Teilnahme, entspringend aus dem Bewusstsein ihrer großen Sicherheit, beobachteten sie die breiten Blätter der Wasserlilie, die regungslos auf der ihren luftigen Standort umschließenden Lache schwammen und deren Einzelne sich, wenn ein neckischer Luftzug seinen Weg bis unter ihre Ränder fand, träge emporrichteten und niedersanken, gerade als hätten sie, die Bewegung einer aus der Tiefe auftauchenden Hand nachahmend, die beiden Geier erschrecken oder zu sich niederlocken wollen.
Auch nach dem Gehöft spähten die beiden Leichenvögel gelegentlich hinüber. Mehrere Raben umschwebten dasselbe krächzend; sie suchten vergeblich, einen Wolf zu verscheuchen, der auf dem zerstampften Vorhofe des Wohnhauses gierig nach Beute umherschnupperte und sie selbst, so oft sie sich näherten, durch wildes Schnauben und Emporsträuben seiner Rückenhaare verjagte.
Die Geier kümmerten nicht, was der Wolf und die Raben suchten und was sie überhaupt dorthin geführt hatte. Sie waren zu feist und wohl genährt; für sie herrschte die Zeit des Überflusses, denn sie brauchten sich nur, nach ungestört durchschlafener Nacht, den Wolken kreisend zu nähern, um von schwindelnder Höhe herab fernen Rauch zu entdecken, wo sie, nach langsamem und wenig angreifendem Hinübersegeln, stets eine reich besetzte Tafel vorfanden, welche ihnen ihr Freund, der Krieg, sorgfältig deckte.
Und was wäre ihre Beute gewesen, hätten sie sich von einem leichten Appetit getrieben, nach dem zerstörten Gehöft hinbegeben? Höchstens einige abgenagte Knochen, Schwarten und Lederstreifen, gut genug für einen hungrigen Wolf und gemeine Krähen und Raben, aber keineswegs geeignet für den Gaumen eines während des Bürgerkrieges wählerisch gewordenen Geiers. Und wie viel Knochen, Speckschwarten und Lederrestchen hätten sie überhaupt da gefunden, wo nach den drei oder vier niedergebrannten, aber noch rauchenden Feuern zu schließen, eine Gesellschaft von höchstens fünfzig Mann eine Nacht und einen halben Tag gelagert hatte?
Die Geier blickten ausdruckslos niederwärts. Die hellblauen Lider sanken verschlafen über die diamantklaren Augen, schwerfällig hoben sie sich wieder empor. Gleichgültig wendeten sich die nackten Köpfe der bleichen Sonne zu, ob sie noch nicht bald gute Nacht sagen wolle, und in allen diesen Bewegungen sprach sich ein so hoher Grad von Zufriedenheit mit den herrschenden Kriegszuständen aus, dass ein reich gewordener Armeelieferant, oder ein in Papieren und hochtönenden Namen glücklich spekulierender Abenteurer in unbewachten Augenblicken kaum wohlgefälliger und zufriedener hätte darein schauen können; und Geier bleibt ja Geier, gleichviel, ob er sich offen oder im Verborgenen vom Blute und Fleische des Volkes nährt.
Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit der Leichenvögel nach dem äußersten westlichen Ende der Sumpfniederung hinübergelenkt, wo der Bach sich aus dem Hochwalde auf die Lichtung hinausdrängte. Zwei Enten waren daselbst von einer Pfütze aufgeflogen; andere Enten schlossen sich schnatternd den über sie hinziehenden an, bis sie endlich eine zahlreiche Herde bildeten, die mit pfeifendem Flügelschlage nach der östlichen Seite der Niederung hinübereilte.
Gleichgültig beobachteten die Geier die Flüchtlinge; es sah aus, als hätten sie geringschätzig die Achseln gezuckt, so sicher fühlten sie sich auf ihrem unzugänglichen, hohen Sitz.
Der Wolf und die Raben achteten dagegen genauer auf die ihnen ohne Zweifel verständliche Sprache der Enten. Dieselben hatten nämlich nicht sobald ihre Ansichten über die unwillkommene Störung schnatternd unter sich ausgetauscht, als...
| Erscheint lt. Verlag | 3.7.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Freibeuter |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Freibeuter • Karibik • Korsaren • Piraten • Schatzinsel • Seeschlacht • Störtebecker |
| ISBN-10 | 3-7575-9701-X / 375759701X |
| ISBN-13 | 978-3-7575-9701-6 / 9783757597016 |
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