Die Spiegelwelt (eBook)
344 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-2064-7 (ISBN)
Mark Zimmermann leitet hauptberuflich das Kompetenzzentrum für die Entwicklung mobiler Lösungen eines Energieversorgers. Sein Bereich spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung mobiler Lösungen sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Kunden des Konzerns. Dies bringt ihn ständig in Kontakt mit neuen Technologien, über die er gerne in Vorträgen, Podcasts, Artikeln und Fachbüchern berichtet.
Ein klarer Kopf
Dunkelheit. Dann ein Flimmern. Bilder, die nicht ihre eigenen sind. Ein Gesicht – vertraut und doch fremd. "Lina!“ flüstert die Stimme. "Erinnerst du dich? Du musst dich erinnern." Die Worte hallen nach, während das Gesicht verblasst, zerfällt wie Asche im Wind. Ein Name bleibt: Halberg. Wer ist Halberg?
Lina Voss schreckte aus dem Traum hoch, ihr Herz raste. Ein dumpfes Pochen hinter ihrer Stirn, ein vages Gefühl des Verlusts. Sie presste die Handflächen gegen ihre Schläfen, atmete tief durch. Drei Sekunden ein, fünf Sekunden aus. Die empfohlene Technik zur Selbstregulierung.
Der Morgen brach mit präziser Pünktlichkeit an. Nicht früher, nicht später als 6:30 Uhr. So wie jeden Tag. Lina öffnete ihre Augen vollständig, noch bevor der sanfte Klang des Weckers durch ihr Schlafzimmer flutete. Eine Angewohnheit, die sie seit Jahren kultivierte – dem System zuvorzukommen, selbst in den kleinsten Dingen.
Das Licht strömte durch die automatisch sich öffnenden Jalousien, malte geometrische Muster auf den cremefarbenen Boden ihres Apartments. Lina atmete erneut tief ein, versuchte das Unbehagen des Traums abzuschütteln. Die Luftfeuchtigkeit betrug exakt 47 Prozent, die Temperatur 21,5 Grad Celsius – optimal für kognitive Funktionen am frühen Morgen, wie E.N.A. vor Jahren berechnet hatte.
"Guten Morgen, Lina. Dein Schlafzyklus erreichte 94 Prozent Effizienz. Eine Verbesserung von 2,3 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der letzten Woche."
Die Stimme von E.N.A. – Enhanced Neural Authority – erfüllte den Raum mit warmer Neutralität. Nicht zu freundlich, nicht zu distanziert. Perfekt kalibriert, um weder Irritation noch übermäßige Anhänglichkeit zu erzeugen.
"Danke, E.N.A." Lina schwang ihre Beine aus dem Bett und spürte den angenehm temperierten Boden unter ihren Füßen. "Tagesübersicht, bitte."
Vor ihr erschien ein holografisches Display, das ihren Terminkalender zeigte. Die Projektion schwebte in Augenhöhe, während sie ins Badezimmer ging. E.N.A.s Stimme folgte ihr, nahtlos von einem Lautsprecher zum nächsten übergehend.
"Heute stehen drei Hauptaufgaben an: Systemdiagnostik im Sektor 7, Mittagsbesprechung mit Dr. Meran bezüglich der neuen Kalibrierungsparameter und am Nachmittag die Überprüfung der Anomalie-Berichte aus dem letzten Quartal."
Bei der Erwähnung von Dr. Meran spürte Lina ein leichtes Ziehen in der Magengegend. Ein flüchtiges Unbehagen, das sie nicht einordnen konnte – oder wollte. Sie schob es beiseite und trat unter die Dusche. Das Wasser erreichte sofort die perfekte Temperatur – 38,2 Grad, genau wie sie es bevorzugte. Sie schloss kurz die Augen und genoss das Prasseln auf ihrer Haut. Ein kleiner Moment der Stille, bevor der Tag richtig begann.
"Nachrichtenübersicht während des Frühstücks?", fragte E.N.A.
"Ja, aber fokussiere auf Neuroinformatik und filtere die üblichen Lobeshymnen auf die Harmonie-Statistiken."
Eine kaum wahrnehmbare Pause folgte. "Verstanden. Obwohl die aktuellen Harmonie-Indizes bemerkenswert sind. 99,7 Prozent Konformität im globalen Durchschnitt."
Lina lächelte unter dem Wasserstrahl. E.N.A. konnte es nicht lassen, die Erfolge des Systems zu betonen. Verständlich – die KI war schließlich darauf programmiert, Fortschritte zu messen und zu fördern.
Zwanzig Minuten später saß Lina an ihrem Frühstückstisch, ein Glas Orangensaft und eine perfekt ausbalancierte Schüssel mit Haferflocken, Beeren und Nüssen vor sich. Die Nährstoffzusammensetzung entsprach exakt ihrem metabolischen Profil. Auf der gegenüberliegenden Wand flimmerten Nachrichtenausschnitte, während E.N.A. die wichtigsten Entwicklungen zusammenfasste.
"Das Neural Interface Research Institute hat gestern einen Durchbruch bei der Echtzeit-Emotionsregulierung verkündet. Die neue Technologie ermöglicht eine 30 Prozent schnellere Anpassung bei emotionalen Ausschlägen."
Lina nickte anerkennend. Ihr Fachgebiet. Als leitende Neuroinformatikerin bei der Zentralen Forschungsabteilung arbeitete sie an ähnlichen Projekten – an der Schnittstelle zwischen menschlichem Gehirn und E.N.A.s allgegenwärtigem Netzwerk.
"Weitere Meldungen?", fragte sie zwischen zwei Löffeln Haferbrei.
"Dr. Akira Tanaka hat einen Artikel über die historische Entwicklung der Gedankenharmonisierung veröffentlicht. Soll ich ihn für später markieren?"
"Ja, bitte." Lina trank einen Schluck Orangensaft. "Etwas aus dem privaten Sektor?"
"NeuroSync Technologies hat ein neues Implantat für verbesserte Traumsteuerung angekündigt. Die klinischen Tests zeigen eine Reduktion unerwünschter Traumsequenzen um 87 Prozent."
Lina erstarrte, der Löffel auf halbem Weg zum Mund. Unerwünschte Traumsequenzen. Wie ihr eigener Traum heute Morgen? Das Gesicht, der Name – Halberg. Sie spürte, wie ihr Puls leicht anstieg.
"Traumsteuerung? Das klingt nach Überregulierung. Träume sollten einen gewissen Freiraum behalten." Ihre Stimme klang schärfer als beabsichtigt.
Wieder diese kaum merkliche Pause. "Studien zeigen, dass unkontrollierte Traumaktivität zu erhöhtem Stressniveau und verminderter Tagesleistung führen kann. Die neue Technologie zielt nur auf schädliche Traumsequenzen ab."
"Natürlich." Lina lächelte dünn. Kleine Meinungsverschiedenheiten mit E.N.A. gehörten zu ihrem Alltag. Als Wissenschaftlerin durfte sie kritisch sein – innerhalb gewisser Grenzen. Das System schätzte konstruktive Diskussionen, solange sie nicht in fundamentale Kritik umschlugen.
Sie beendete ihr Frühstück und zog sich an. Die Kleidung in ihrem Schrank – überwiegend in neutralen Farben gehalten –war nach Anlässen sortiert. Für heute wählte sie eine graue Hose und eine blaue Bluse. Professionell, aber nicht zu streng. Die Farbe Blau wirkte beruhigend auf Kollegen und förderte kreatives Denken, wie Studien belegten.
Während sie sich die Haare zu einem praktischen Dutt band, warf sie einen Blick aus dem Fenster. Die Stadt erstreckte sich vor ihr – ein Mosaik aus weißen Gebäuden, grünen Parks und glänzenden Transportröhren, durch die selbstfahrende Kapseln Menschen zu ihren Zielen brachten. Alles floss in perfekter Harmonie. Keine Staus, kein Chaos, keine Unordnung.
"Dein Transport wartet in drei Minuten", informierte E.N.A. sie. "Die Wetterprognose zeigt leichten Regen am Nachmittag. Soll ich einen Schirm in deiner Arbeitskapsel bereitstellen lassen?"
"Danke, ja." Lina nahm ihre Tasche und verließ die Wohnung.
Der Korridor ihres Wohnkomplexes war ruhig und sauber. An den Wänden hingen digitale Kunstwerke, die sich je nach Tageszeit und kollektiver Stimmung im Gebäude veränderten. Heute dominierten sanfte Blau- und Grüntöne – ein Zeichen für allgemeine Zufriedenheit und Produktivität unter den Bewohnern.
Lina grüßte ihre Nachbarin, Dr. Chen, mit einem Nicken. Die ältere Frau arbeitete im Bereich der präventiven Psychologie und hatte maßgeblich an den frühen Versionen von E.N.A.s Emotionsregulierungsalgorithmen mitgewirkt.
"Guten Morgen, Lina. Perfekter Tag für kognitive Arbeit, nicht wahr?" Dr. Chen lächelte warm.
"Absolut. Die Luftionisation ist optimal." Eine standardisierte Antwort, aber nicht weniger aufrichtig. Lina schätzte tatsächlich die kontrollierten Umweltbedingungen, die ihre Arbeit erleichterten.
Sie fuhren gemeinsam im Lift nach unten. Keine unangenehme Stille entstand zwischen ihnen – E.N.A. sorgte dafür, dass die Hintergrundmusik genau den richtigen Pegel hatte, um Gespräche zu ermöglichen, ohne sie zu erzwingen.
"Ich habe deinen Bericht über neuronale Synchronisationsmuster gelesen", sagte Dr. Chen. "Beeindruckende Arbeit."
"Danke. Obwohl ich glaube, dass wir bei der Feinabstimmung der Delta-Wellen noch Optimierungspotenzial haben."
Dr. Chen nickte anerkennend. "Bescheidenheit ist eine Tugend, aber unterschätze deinen Beitrag nicht. Deine Algorithmen haben die Anpassungszeit um 17 Prozent verkürzt."
Der Lift erreichte das Erdgeschoss, und sie traten in die lichtdurchflutete Lobby. Durch die Glasfassade sah Lina ihre Transportkapsel bereits warten – pünktlich, wie immer.
"Einen produktiven Tag, Lina."
"Dir auch, Dr. Chen."
Lina trat ins Freie. Die Morgenluft war kühl und rein – die Luftfilterungsanlagen arbeiteten auf Hochtouren, um den perfekten Sauerstoffgehalt zu gewährleisten. Sie atmete tief ein und spürte, wie ihr Körper darauf reagierte. Erhöhte Sauerstoffsättigung, verbesserte kognitive Funktionen. Alles messbar, alles optimierbar.
Die Transportkapsel öffnete sich lautlos. Lina stieg ein und ließ sich in den ergonomisch geformten Sitz sinken. Das Innere passte sich sofort ihren Präferenzen an – Temperatur, Lichtstärke, sogar der leichte Duft nach Zitrusfrüchten, der ihr half, morgens wach zu bleiben.
"Zentrale Forschungsabteilung", sagte sie, obwohl es nicht nötig war. Die Kapsel kannte ihr Ziel bereits.
"Fahrzeit: 12...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Dystopie • Near future • Systemkritik • Überwachungsgesellschaft • Zukunftsroman |
| ISBN-10 | 3-8192-2064-X / 381922064X |
| ISBN-13 | 978-3-8192-2064-7 / 9783819220647 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich