Netz - Gefühle (eBook)
160 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-0302-2 (ISBN)
Ursula Zebunke wurde 1961 im Rheinland geboren. Schon in früher Kindheit las sie gerne und viel. Bücher sind bis heute ein fester Bestandteil in ihrem Leben. Ihren Kindern erzählte sie früher selbst erdachte Geschichten. So blieb die Geschichte von Schnorchel, dem fliegenden Schwein bis heute allen in Erinnerung. Eine befreundete Autorin ermutigte sie 1918 dazu, ihre Ideen zu Papier zu bringen. So entstand ihr Debütroman für Kinder "Einmal Norwegen und zurück", der im Januar 2019 veröffentlicht wurde und schon nach krurzer Zeit erfolgreich wurde. Auf ein Genre möchte sich Ursula Zebunke nicht festlegen. Ihre Leserschaft darf sich auf ihre neuen Projekte freuen.
∞ Kapitel 4 ∞
Die Fahrt zum Fährhafen in Calais verlief reibungslos. Die Aufregung stieg, als die riesige Fähre vor ihnen aufragte. Ein Lotse zeigte ihnen auf welche Ebene sie den Bus abstellen konnten. Es war volle Konzentration gefragt. Dann war der Bus geparkt und sie konnten an Deck gehen.
Von dort beobachteten sie die Ausfahrt aus dem Hafen. Die Möwen kreischten in der salzigen Luft, und die Küste Frankreichs verschwand langsam am Horizont. Gaby genoss den Wind in ihren Haaren und das weite Meer. Sie entdeckten andere Schiffe und unterhielten sich angeregt. Andy erzählte von seiner früheren Fährüberfahrt, als er als Austauschschüler nach Broadstairs gereist war und wies auf interessante Punkte an der Küste hin, die sie passierten. Die Zeit verging wie im Flug, und bald zeichneten sich die weißen Klippen von Dover am Horizont ab. Ein beeindruckender Anblick! Langsam fuhr die Fähre in den Hafen ein, und die Spannung stieg, was sie im Vereinigten Königreich erwarten würde. Per Lautsprecher wurden sie aufgefordert zu ihren Fahrzeugen zurückzugehen. Mit einem leichten Ruck legte das Schiff an, und die Passagiere machten sich bereit, die Fähre zu verlassen und neuen Boden unter den Füßen zu spüren.
Zunächst führte der Weg sie nach Wells. Andy hatte von der beeindruckenden Kathedrale und der charmanten Bischofsstadt geschwärmt, und Gaby war neugierig, diesen Teil von Somerset kennenzulernen.
Die Fahrt durch die sanfte, grüne Landschaft Englands war entspannend, und sie nutzten die Zeit für angeregte Gespräche über ihre aktuellen Projekte und Pläne. Als sie in Wells ankamen, checkten sie in einem gemütlichen Bed & Breakfast in der Nähe des Stadtzentrums ein, denn Übernachtungen im Bus würde es sicher noch reichlich geben.
Ihr erster Eindruck von Wells war geprägt von der majestätischen Präsenz der Wells Cathedral. Am Abend unternahmen sie einen ersten Spaziergang durch den Cathedral Green. Die gotische Architektur der Kathedrale, im warmen Licht der untergehenden Sonne, war atemberaubend und genau Andys Ding. Er liebte es architektonische Besonderheiten zu fotografieren. Gaby war besonders fasziniert von den imposanten Westfassaden mit ihren zahlreichen Skulpturen. Sie erzählten von der Geschichte der Kathedrale und den berühmten "Scissor Arches" (Scherenbögen) im Inneren. Gaby war beeindruckt von den Bögen. Im oberen Kreis war ein Kreuz eingelassen. Die Kirche wirkte durch die Bögen doppelt so hoch. Im ersten Moment überkam Gaby beim Betrachten ein leichter Schwindel, so dass sie sich an einer Kirchenbank festhalten musste.
Andy fotografierte unterdessen mit Leidenschaft aus verschiedenen Blickwinkeln, obwohl der Fotoauftrag lediglich Cornwall betraf. Er hatte sich aber vor der Reise schon vorgenommen, spannende und sensationelle Fotomotive in Somerset und Devon für seine eigene Website mitzunehmen.
Gaby war überwältigt von der Höhe des Kirchenschiffs und dem kunstvollen Maßwerk der Fenster. Sie bestaunte die astronomische Uhr aus dem 14. Jahrhundert, deren bewegliche Figuren zu jeder vollen Stunde ein kleines Spektakel boten.
Nach dem Besuch der Kathedrale erkundeten sie die Vicar's Close, eine einzigartige mittelalterliche Straße mit gut erhaltenen Häusern, die einst für die Chorvikare gebaut wurden. Gaby fühlte sich in eine andere Zeit versetzt, als sie durch die schmale Gasse mit ihren gepflegten Gärten schlenderten. Ihr fiel eine Geschichte ein die über das Gemeinschaftsleben der Geistlichen im Mittelalter berichtete.
Sie erzählte:
»Inmitten des geschäftigen Treibens der Stadt im 13. Jahrhundert, lag der beschauliche Bezirk der Chorvikare. Diese Geistlichen waren keine Mönche, die in abgeschiedener Stille lebten, aber auch keine Weltpriester, die inmitten der Laien wohnten. Sie bildeten eine ganz eigene Gemeinschaft, deren Leben vom täglichen Chorgebet in der Kathedrale geprägt war.
Jeden Morgen, noch vor dem ersten Hahnenschrei, eilten die Vikare aus ihren bescheidenen Häusern zur Kathedrale. In ihren dunklen Kutten wirkten sie wie Schatten in den frühen Morgenstunden. Dort vereinten sich ihre Stimmen zu den gregorianischen Gesängen, die die majestätischen Gewölbe erfüllten und eine Atmosphäre der Andacht schufen.
Doch ihr Leben bestand nicht nur aus Gebet und Liturgie. Nach den Gottesdiensten kehrten sie in ihre Gemeinschaft zurück. Ihre Häuser, eng aneinander gebaut, bildeten eine Art kleines Dorf innerhalb der Stadtmauern. Hier teilten sie nicht nur ihre Wohnstätten, sondern auch ihre Freuden und Sorgen.
In den gemeinsamen Speisesälen wurde gelacht und diskutiert. Man tauschte Neuigkeiten aus der Stadt aus, beriet theologische Fragen oder erzählte sich Anekdoten aus dem Leben der Heiligen. Es gab strenge Regeln für das Verhalten, um Zank und Unfrieden zu vermeiden, aber menschliche Schwächen führten natürlich hin und wieder zu kleineren Reibereien.
Einige Vikare widmeten sich der Pflege der Bibliothek, in der kostbare Handschriften aufbewahrt wurden. Andere unterrichteten an der Domschule oder kümmerten sich um die Armen und Kranken der Gemeinde. Jeder hatte seine Rolle innerhalb der Gemeinschaft, und das Funktionieren des Ganzen hing vom Beitrag jedes Einzelnen ab.
Besonders lebendig wurde es oft, wenn ein neuer Vikar in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Dies war ein Anlass für ein kleines Festmahl und herzliche Begrüßungen. Der Neuling musste sich schnell in die Gepflogenheiten einfinden und lernen, sich in die Dynamik der Gruppe zu integrieren.
Natürlich gab es auch Herausforderungen. Streitigkeiten über Pfründen (das Einkommen in einem Kirchenamt) oder unterschiedliche theologische Ansichten konnten zu Spannungen führen. Auch die Nähe zueinander konnte manchmal erdrückend sein. Doch im Großen und Ganzen überwog das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die gemeinsamen Gebete, die Mahlzeiten und die geteilte Verantwortung für die Aufgaben an der Kathedrale schweißten sie zusammen.
So lebten die Chorvikare ein Leben, das zwischen frommer Einkehr und regem Gemeinschaftsleben pendelte. Sie waren ein wichtiger Bestandteil des mittelalterlichen Stadtlebens, ein lebendiges Zeugnis des Glaubens und ein Beispiel für ein organisiertes Zusammenleben im Dienste der Kirche.«
Als Gaby durch die Vicar's Close schritt, spürte sie noch einen Hauch dieser vergangenen Welt, in der das Gemeinschaftsleben der Geistlichen so prägend war.
Andy schaute sie staunend an und fragte:
»Hast du dich so gut auf die Reise vorbereitet, oder woher weißt du das alles?«
»Nein Andy, ich habe nur ein wenig über Cornwall gelesen. Ich konnte doch gar nicht wissen, dass wir bereits in Wells mit der Arbeit beginnen. Dies weiß ich noch aus meiner Schulzeit. Es hat mich damals sowie heute interessiert.«
Da es mittlerweile spät geworden war, kehrten Gaby und Andy in das Restaurant ›The Good Earth‹ ein, da ihnen der Name gut gefiel. Sie wählten beide eine Quiche und einen Weißwein. Dann unterhielten sie sich über ihre ersten Eindrücke in Wells. Das Essen schmeckte vorzüglich, Gaby war dankbar für die Ablenkung, die sie schon jetzt gefunden hatte. Gut gesättigt und schläfrig, freute sie sich auf eine warme Dusche und ein gemütliches Bett in ihrem gebuchten Bead & Breakfast Domizil. Beide schliefen nahezu unverzüglich nach dem Duschen ein.
Nach einem ausgiebigen Frühstück besuchten sie die Bishop's Palace and Gardens, den historischen Palast des Bischofs von Bath und Wells. Gaby war besonders von den weitläufigen Gärten mit ihren friedlichen Teichen und dem Reflektierenden See angetan. Sie machten einen entspannten Spaziergang, beobachteten die dort lebenden Stummschwäne, die sogar eine Glocke läuten, wenn sie gefüttert werden möchten. Dies macht sie natürlich zur Attraktion. Gerne hätte Gaby dieses Schauspiel gesehen, doch die Schwäne von Wells schienen derzeit nicht hungrig zu sein.
Gaby und Andy genossen die Ruhe und Schönheit der Natur in den Gärten. Andy fotografierte einige der malerischen Ansichten. So verbrachten sie nahezu den gesamten Tag rund um den Bishop´s Palace. Ab und zu ruhten sie sich auf einer Bank mit besonders schönen Ausblicken aus. Plötzlich stellte Gaby erstaunt fest, dass es schon wieder Abend war.
Sie aßen in einem traditionellen Pub in der Nähe des Marktplatzes wo lokale Spezialitäten angeboten wurden und tauschten sich über ihre Eindrücke des Tages aus. Gaby erzählte, wie sehr sie die Atmosphäre in Wells genoss, die Mischung aus Geschichte und lebendiger Gegenwart.
»Aber noch mehr freue ich mich auf Cornwall. Wann werden wir dort sein, Andy?«, fragte sie.
Andy erklärte, dass sie auf dem direkten Weg dorthin nun mal durch Somerset und Devon mussten und er die ein oder andere Sehenswürdigkeit ›mitnehmen‹ wolle.
Als er in Gabys ungeduldiges Gesicht schaute, sagte er lachend:
»Aber ich bin sicher, dass dir die Reise bis Cornwall nicht langweilig werden wird, Kleines.«
Am nächsten Vormittag...
| Erscheint lt. Verlag | 26.6.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-8192-0302-8 / 3819203028 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-0302-2 / 9783819203022 |
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