Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

50 Jahre nach Indien (eBook)

Durch fremde Welten in einer vergangenen Zeit

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025
192 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5713-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

50 Jahre nach Indien - Gert Köhler
Systemvoraussetzungen
10,99 inkl. MwSt
(CHF 10,70)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Drei junge Kerle aus der deutschen Provinz brechen mit einem VW-Bus auf zum indischen Subkontinent. Neunzehn Jahre sind sie alt, das Fahrzeug zehn. »Nie im Leben werdet ihr mit dieser Klapperkiste bis nach Indien kommen«, sagt der Nachbar. Das hält sie nicht ab. 50 Jahre ist das her. Aufgeschrieben wurde es erst jetzt. Vollständig ist die Erinnerung sicher nicht mehr, aber das Wesentliche davon ist noch da: die an die Stimmung jener Zeit, an das jugendliche Selbstvertrauen, aber auch an lebensgefährliche Situationen. Es geschah nicht in der Vergangenheit, sondern in einer früheren Gegenwart, die der Autor Revue passieren lässt. Die Welt hat sich gewandelt in den fünf Jahrzehnten, man glaubt kaum, wie. Aber auch auf unsere drei Reisenden warteten bereits ungekannte Welten und Zeiten.

Gert Köhler stammt aus dem Westallgäu, lebt aber seit gut fünfzig Jahren in München. Er arbeitet als Werbegrafiker, Illustrator und Comiczeichner, hat diverse Online-Spiele entwickelt, ist Schöpfer der Website Jupolis.net und Autor einiger Erzählungen und Hörspiele.

2 – Streckenfresser


Afghanistan war erst seit einem Jahr Republik. Auf unseren Visumsanträgen war teilweise noch das Wort ›Königreich‹ durchgestrichen und handschriftlich zu ›Republik‹ korrigiert. Und möglicherweise wusste hier der einzelne Beamte auch noch nicht so genau, wohin der Hase neuerdings läuft, was jetzt aktuell Gesetz war und was nicht. Und inwieweit man einen Ermessensspielraum hatte im Umgang mit diesem langhaarigen Massentourismus in Kleinbussen, der sich da seit ein paar Jahren abspielte (und fünf Jahre später jählings enden würde, was aber noch keiner ahnen konnte). Schon möglich, dass sich da mancher bemüßigt fühlte, die Eindringlinge Mores zu lehren. Wenn sie das Land schon bereisen wollten, dann wenigstens wie anständige Touristen, also sauber und ordentlich, und die Männer wenigstens mit sittsamem Haarschnitt, wenn sie schon keinen Bart trugen.

Wobei, ›Touristen‹: Touristen waren wir ja gerade nicht, bzw. fühlten uns nicht so. Touristen sind Urlauber, die von irgendwoher anreisen, sei’s mit eigenem Auto, einem Reisebus oder Flugzeug oder Schiff oder der Eisenbahn, zweckmäßig adrett gekleidet sind, in Hotels wohnen, Sehenswürdigkeiten aufsuchen, Geld ausgeben und vor allem: fotografieren.

Wir hingegen waren Abenteurer. Oder nein, das wäre zu hoch gegriffen; wir waren auf einer Forschungsreise. Nein, auch nicht, die Route war seit Jahrtausenden erforscht, wir befuhren sie nur – Indienfahrer waren wir. Genau das. Wobei das ›Fahren‹ hier auf den Landweg hinweist. Zwar gibt es auch die Luftfahrt und die Seefahrt, aber der typische Indienfahrer fuhr nun mal auf der Straße.

Und er hatte keinen Fotoapparat umhängen. So jedenfalls nach unserer Vorstellung. Die war ein Stück weit albern, zugegeben, und hat nun zur Folge, dass wir so gut wie kein Fotomaterial mit nach Hause gebracht haben. Sehr schade, aber nicht mehr zu ändern, und so waren wir nun mal. Wir hätten uns geniert, überall die Kamera zu zücken und als Eben-doch-Touristen entlarvt zu werden, alle drei. Wir waren Reisende mit dem Weg als Ziel. Und dem Ziel als Erfolg. Natürlich konnten wir nicht heimkehren, ohne unterwegs die Blaue Moschee in Istanbul gesehen zu haben, aber zu fotografieren brauchten wir sie nicht, eine verschickte Ansichtskarte bildete sie viel besser ab. Wir hatten nicht vor, Diavorträge zu halten. Wir hatten nicht vor, ein Buch zu schreiben. Wir hatten vor, das zu schaffen, was wir uns vorgenommen hatten, weiter nichts.

Schon gar nicht waren wir Urlauber. Ein Urlaub beginnt an einem bestimmten Tag und endet an einem bestimmten Tag, dazwischen macht man eine Reise, wenn man will und kann, und hinterher geht’s wieder ins Geschäft, und der nächstjährige Urlaub wird geplant. Man sieht und erlebt halt mal was anderes als den alltäglichen Trott, und hinterher setzt man diesen fort.

Unsere Reise hingegen war ein Stück Lebensweg mit ungewissem Ausgang. So sahen wir das. Selbstverständlich war auch Planung mit im Spiel, wir hatten uns erkundigt und vorbereitet. Aber da gab es noch eine Reihe von Unbekannten in der Gleichung und es war nicht sicher, dass jeder von uns wieder zurückkehren würde. 10.000 Kilometer (eine Richtung, mit Rückweg 20.000, halber Erdumfang!) sind eine weite Strecke, da kann viel passieren. Natürlich wollten wir zurückkehren, aber garantiert war das nicht. Es war, in verkürztem Vergleich, wie das Wagnis, eine kilometerlange, schwankende alte Hängebrücke zu betreten, die schon viele überquert hatten, aber ob sie einen selbst bis drüben und wieder herüben tragen würde oder kippen oder reißen, wusste keiner. Das war der Reiz. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Nicht dass wir die Gefahr gesucht hätten! Wer sie sucht, kommt darin um, schon klar. Aber sie in Kauf zu nehmen, ihr ins Auge zu sehen, abzuwägen, ob es sich lohnt, sie einzugehen und sie zu meistern, danach stand uns der Sinn durchaus.

Das ist ja gerade das Schöne an der Jugend, dass man weiß, dass man jung ist, jung und stark, und dies auch als Vorteil empfindet, wenn man Größeres angeht.

Genau deshalb fühlte ich mich erhaben über den Meister in Ulm, der mir die Gesellenprüfung abnahm, meine Arbeit als »nicht fachgerecht« (oder so ähnlich) einstufte, und dem gegenüber ich mich zu der Bemerkung hinreißen ließ, dass es mir egal sei, wenn ich durchrassle, da ich eh demnächst nach Indien aufbräche.

Das brachte den Mann zum Ausrasten. »Wegen einem Urlaub!«, tobte er, riss die Arme über den Kopf und trabte im Raum herum. »Ich fass es nicht! Wegen einem Urlaub gefährdet der seinen Gesellenbrief!«

Oh Mann, dachte ich, wie kann man dermaßen keine Ahnung haben. Nie sollte mir der Horizont nur bis zum nächsten Urlaub reichen.

So ungefähr waren wir drauf. Saßen also schon auch etwas auf hohem Ross angesichts des anspruchsvollen Vorhabens. Wir waren ganze Kerle und schickten uns an, dies unter Beweis zu stellen. Uns selbst gegenüber. Es den anderen mal zu zeigen, nein, das brauchten wir alle drei nicht. Dazu war keiner von uns der Typ. Aber es würde als unumstößliches Faktum in unseren Lebenslauf eingemeißelt bleiben. Das musste nicht jeder wissen, das brauchte nicht an die große Glocke, nicht auf die Lokalseite der Tageszeitung. Das wäre uns eher peinlich gewesen. Aber wir würden lebenslang stolz auf uns sein. Jeder auf sich und wir aufeinander. Das war das Hauptmotiv. Und es musste geschehen, ehe wir im beruflichen und familiären, kleinbürgerlichen Alltag eingeebnet würden.

Ach ja, ›Gesellenbrief‹:

Das Gymnasium, wo Otto und ich Klassenkameraden und Nebensitzer gewesen waren, hatte ich vor drei Jahren mit der Mittleren Reife verlassen. Die Lehrer und ich waren einfach nicht kompatibel, nie zufrieden gewesen miteinander. War alles ein ewiger Frust. Außerdem hatte ich – als Einziger der Klasse vielleicht –, einen konkreten Berufswunsch, ich wollte Grafiker werden. Da bot sich als erster Schritt eine Lehre als ›Graphischer Zeichner‹ an (schrieb man noch mit ›ph‹, ja). Ich war also vom Gymnasiasten zum Lehrling geworden. Und die Abschlussprüfung hatte ich, nebenbei bemerkt, trotz des Anfalls des Prüfers bestanden, wenn auch nicht gerade mit Bestnote. Danach gefragt hat mich nie jemand.

War auch alles schon nichts mehr als Vergangenheit, jetzt war hier und jetzt, und wir waren unterwegs.

Zunächst galt es, Land zu gewinnen. Nach den Verabschiedungen von den Familien möglichst weit weg zu kommen. Die Stimmung war anfangs recht beklommen. Auf der Strecke über München, Salzburg, Villach fiel kaum ein Wort. Jeder für sich bekämpfte das schlechte Gewissen, seinen Lieben daheim das zuzumuten. Erst jetzt wurde uns bewusst, dass wir zu Hause Lücken hinterlassen hatten. Daran hatten wir bei den Vorbereitungen nicht gedacht, oder es ausgeblendet. Und das war auch besser, denn andernfalls wären wir womöglich nie aufgebrochen.

Aber nun waren wir ausgeflogen und würden das durchziehen und zu einem guten Ende führen.

Wir waren auf dem Weg von Strohdorf nach Kathmandu. In einem blauen VW-Bus, zehn Jahre alt. Ein T1, VW-Bus der ersten Generation. Mit flacher, zweigeteilter Frontscheibe und aufklappbaren Türen auf der rechten Seite. 1500 Kubik, 42 PS, Normalbenzin. Strohdorf wählten wir als Startpunkt, weil es von unseren drei Wohnorten am entferntesten liegt von Kathmandu. Otto wohnte dort. Wolfe und ich kamen aus den Städtchen Leutkirch beziehungsweise Wangen, beide mit einem ›im Allgäu‹ am Ortsnamen und je ca. 20.000 Einwohnern, Strohdorf: 17. Muss man sich in der süddeutschen Provinz vorstellen, ganz im Süden, von der Mitte etwas links.

Um Mitternacht überschritten wir die Grenze nach Jugoslawien. Keiner von uns war jemals hier gewesen, obwohl das Land für den Tourismus offenstand. Marschall Tito lebte und herrschte da noch.

Wir waren begeistert von der geräumigen und gut ausgeleuchteten Autobahn um Ljubljana, hatten das nicht so erwartet. Es blieb auch nicht so.

Wir wussten das nicht, dass Jugoslawien aus mehrerlei Ländern (›Teilrepubliken‹) bestand, so wie wir sie heute als Staaten kennen, und dass es erhebliche Unterschiede gab zwischen denen. Für uns war das ein Land. Wir wussten das nicht, dass wir gerade in Slowenien waren, und dass später in Serbien vieles anders sein würde. Aber wir wussten: Wir sind jetzt auf dem Autoput.

Der Autoput war (und ist) die ›Autobahn‹ durch Jugoslawien von Österreich nach Griechenland, freilich längst nicht ganzstreckig als Autobahn ausgebaut, und irgendwie berüchtigt für die vielen Unfälle, die darauf passierten. Überall, hieß es, verrotten umgekippte, zerquetschte, ausgebrannte Lkws neben der Straße. Und so war’s dann auch, aber so viele, wie wir uns das vorgestellt hatten, waren es dann doch nicht. Außerdem erzählte man das auch noch von anderen Abschnitten auf unserem Weg, nicht zuletzt dem Khaiberpass, nur sollten dort abgestürzte Fahrzeugskelette in mehreren hundert Metern Tiefe zu sichten sein. Schauderhaft, aber kein Grund, daheimzubleiben.

Also, wir fuhren...

Erscheint lt. Verlag 23.6.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 1970er-Jahre • Hippie-Trail • Indienfahrt • Khyber-Pass • VW-Bus-Tour
ISBN-10 3-8192-5713-6 / 3819257136
ISBN-13 978-3-8192-5713-1 / 9783819257131
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Roman

von Wolf Haas

eBook Download (2025)
Carl Hanser (Verlag)
CHF 18,55