Little Boy's Book (eBook)
178 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-8197-4186-9 (ISBN)
Fin Liegener lebt im Landkreis Schaumburg. Seine Kreativität, Geschichten in kurzer Zeit zu erschaffen, zeigte sich bereits in seiner Kindheit. Neben dem Schreiben hat er eine besondere Leidenschaft für Technik und widmet sich gerne dem Singen, Gitarrespielen und Sport.
Fin Liegener lebt im Landkreis Schaumburg. Seine Kreativität, Geschichten in kurzer Zeit zu erschaffen, zeigte sich bereits in seiner Kindheit. Neben dem Schreiben hat er eine besondere Leidenschaft für Technik und widmet sich gerne dem Singen, Gitarrespielen und Sport.
7. Tag – Wichtiger Hinweis
Mich hätte das schlimmste Übel erwarten können. Womit mich Little Boy’s Book aber bestrafte, war unschlüssig.
Ich sollte nun einen Streit beginnen oder meine eigene Frau töten. Andernfalls drohte, dass ein Gerücht über mich verbreitet würde: Du lerntest, gute Worte und Taten zu zeigen. Du warst auch bereit zu ignorieren. Mit Worten dieses Mal eine Auseinandersetzung zu beginnen, ist eine weitere Eigenschaft, die du nutzen sollst. Tu, oder nimm deiner Frau das Leben, oder über dich wird ein Gerücht erzählt.
War es nun die Strafe, etwas Schlechtes zu tun, nur weil ich dieses olle Buch zuvor ignoriert hatte? Egal, wie sehr ich darüber nachdachte, am Ende stand ich noch immer ohne Erklärung da. Ich wurde unruhiger, da mir langsam klar wurde, dass ich es mit einer höheren Macht zu tun haben musste. Little Boy’s Book setzte mich von Tag zu Tag etwas unter Druck, indem es mir immer wieder eine Aufgabe aufzwang. Ich dachte zum ersten Mal flüchtig darüber nach, Ava-Mia nicht doch einfach umzubringen, um das Ganze endlich zu beenden. Wir hatten aber eine so gute Beziehung zueinander, dass mich die Liebe wie eine kilometerdicke Betonmauer daran hinderte. Außerdem war noch nichts wirklich Bedrohliches passiert, und das war der Hauptgrund, weshalb ich albern fand, was dieses Buch von mir verlangte.
In meiner Überzeugung war mir jedoch nicht klar, wie schwer es wäre, eine unschuldige Person auszusuchen und mit ihr einen Streit anzufangen. Ich schaute mich sitzend auf einer Bank um und beobachtete das Verhalten der einzelnen vielen Menschen. Frauen und Kinder wollte ich schon mal außen vor lassen, da ich schließlich ein Mann war. Kinder hätten sich viel zu sehr bedroht gefühlt und vielleicht auch ihr Leben lang damit zu kämpfen gehabt. Wäre ich damit auf eine Frau losgegangen, hätte man mir womöglich größeres Übel zugesprochen, außerdem liebte ich Frauen. Ich liebte es, anderen Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich beim Gehen bewegten. Ich hätte mir eine derartige Belästigung niemals verziehen. Deswegen fiel mir ein ganz bestimmter Mann auf. Er ging abseits von der Menschenmenge seinen Weg und hatte einen neutralen Gesichtsausdruck. Ich sah anderen häufig an, wenn sie etwas auf dem Herzen hatten, und dieser Mann war in seiner Weise besonders.
Als er hinter der Menge langsam verschwand, nahm ich Kurs auf, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Er bemerkte mich nicht, ich war viel zu unauffällig für einen, der einen verfolgte – dachte ich.
Als hätte es ihm der Teufel zugesprochen, schaute er plötzlich panisch nach hinten und ging schneller. Ich versuchte, mir meine Verfolgung dennoch nicht anmerken zu lassen, deswegen ging ich weiterhin mit gleichbleibendem Tempo hinterher. Trotzdem schaute er immer wieder nach hinten und blieb wohl aus Angst irgendwann stehen, drehte sich aber nicht um. Ich versuchte, mir umgehend möglichst viel Adrenalin aufzubauen, um überhaupt zu einer künstlichen Aggression fähig zu sein, denn in diesem Moment war ich viel zu gut gelaunt, um in irgendeiner Weise beleidigend zu werden.
Ich riss mich zusammen. »Ey, du!«
Er regte sich nicht, als wäre er vor Schock eingefroren.
Doch dann … »Verfolg mich nicht, du Verfluchter! Sitz doch am Feuer und schau deiner Frau beim Verbrennen zu! Polizei!«, schrie er.
Oh, scheiße, dann war da noch die Polizei … Die hatte ich ganz übersehen. Die Polizisten kamen auf uns zu; erst dann drehte sich der Mann endlich zu mir um, und ich musste zweimal blinzeln, um sein Gesicht richtig zu erkennen. Ich redete mir ein, dass es eine Einbildung war: Der Mann hatte für einen Bruchteil einer Sekunde kein vollständiges Gesicht – ihm fehlten die Augen. Da die Polizisten schon direkt vor mir standen, war keine Zeit mehr, groß darüber nachzudenken, was ich da zu sehen glaubte. Sie versuchten, deeskalierend auf mich einzuwirken, und fragten mich nach meinen Personalien – genau darauf hatte ich mich vorbereitet. So hatte es nicht nur ich einfacher, sondern auch die Polizei. Doch so langsam merkte ich auch, wie dämlich das war, was ich da tat: Ich hatte mich auf mögliche Konsequenzen vorbereitet.
Während die Beamten mich vollquatschten und ich versuchte, durch deren Köpfe zu schauen, hörte ich den Mann die ganze Zeit Sachen wie »Norden, Ende, keine Tiere, Furcht, Schrecken, Tod« zu sich selbst flüstern. Wie ein psychisch Gestörter wiederholte er immer wieder die gleichen Wörter in zufälliger Reihenfolge. Diese Worte brannten sich direkt in meinen Kopf; ich verband sie mit dem Buch. Ich suchte sowieso kontinuierlich nach noch so kleinen Hinweisen, und sein Verhalten war daher goldwert.
»Der Mann wollte mich entführen, foltern, töten!«, hörte ich den Irren auf einmal schreien. »Töten, töten, töten!«
Ich versuchte, die Anschuldigungen abzustreiten, was mir die Polizei zum Glück glaubte, da sie aus der Ferne keine Übergriffigkeiten beobachtet hatte. Das Einzige, was ich tat, war lediglich »Ey, du!« zu rufen.
Unmittelbar nachdem der ganze Mist endlich vorüber war, eilte ich zum Bahnhof und kaufte mir ein Ticket. Es gab nur ein Gleis, das in die nördliche Richtung führte. Jeden Tag fuhr dort der Zug 1 im Vierstundentakt entlang, und der nächste Halt war erst in einer knappen Stunde. Der Mann erzählte die ganze Zeit irgendwas von »Norden, Ende, keine Tiere«, deswegen ging ich auf gut Glück davon aus, dass er das Ende der Strecke meinte. Ich begegnete ihm quasi zum perfekten Zeitpunkt. Ich hatte Little Boy’s Book um die Ohren und er verhielt sich wie ein Besessener. Fraglich war, ob die beiden miteinander zusammenhingen. Ich malte mir die verrücktesten Theorien aus, stürzte mich damit jedoch unbewusst immer tiefer in den Wahnsinn.
Der Zug kam pünktlich an. Alle am Bahnsteig warteten geduldig, bis die Passagiere ausgestiegen waren – so muss das laufen. Eine ältere Dame fiel mir auf, als sie Schwierigkeiten bekam, ihre Gehhilfe mit in den Zug zu ziehen. Ich eilte ihr sofort zu Hilfe und setzte mich ihr gegenüber.
Sie hatte einen aufgeweckten Charakter und bedankte sich überaus freundlich bei mir: »Solch einen netten jungen Mann wie dich bräuchte man sehr viel öfter.«
Ich lächelte ohne Worte zurück. Der Zug fuhr los und die Dame saß mit ihrer Handtasche auf dem Schoß und schaute wunschlos glücklich aus dem Fenster.
Wie ich es vermutet hatte, fing sie nach kurzer Zeit an, von sich und ihren Erlebnissen zu erzählen: »Mein Mann und ich, wir lernten uns in der Grundschule kennen. Damals kam er direkt auf mich zu und fragte nach dem Platz neben mir. Ich war sehr glücklich darüber, denn er war zuvorkommend und charmant. Drei ganze Schuljahre waren wir Sitznachbarn, alberten herum und trafen uns regelmäßig zum Schwimmen am Teich. Unsere Wege trennten sich irgendwann, als wir beide anfingen zu studieren: er Maschinenbau, ich Psychologie. Er zog weit, weit weg von mir, besuchte mich aber regelmäßig. Irgendwann nach dem Studium fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm zusammenzuziehen. Seine Frage kam sehr überraschend, dennoch war ich froh, da ich selbst nie den Mut dazu gehabt hätte. Wir wussten, dass wir einander liebten, wir brauchten kein ›Wir sind jetzt zusammen‹ oder so ein albernes Zeug. Wenn man sich gegenseitig liebt, merkt man das. Man will Zeit miteinander verbringen, verspürt Sehnsucht und kommt sich näher. Das zum Beispiel reicht doch alles völlig aus, um schlussfolgern zu können, dass man wie füreinander geschaffen ist. Nun, er bekam ein Jobangebot in meiner Gegend und zögerte nicht lange, bis er mit mir umzog. Viele, viele Jahre vergingen, und wir wohnten bis zu seinem Tod zusammen. Leider wurde er mit 60 Jahren nicht alt – sein Tod kam sehr überraschend. Wir hatten in den letzten Monaten vielleicht ein paar Kleinigkeiten, die wir uns hin und wieder an den Kopf warfen, aber dass er sich angeblich deshalb das Leben nahm, ist mir unbegreiflich. Er hing sich im Wald auf, um mich wohl vor dem Anblick zu verschonen. Ich stellte einen Monat vor seinem Tod fest, dass er von einem Buch wie besessen war. Er erzählte mir anfangs davon, doch als er von Tag zu Tag immer fragwürdigere Dinge tat, wurde er zurückhaltender und veränderte sich zu einem Menschen, den ich nie geheiratet hatte. Ich hätte der Polizei vielleicht sagen sollen, dass er damit drohte, sich umbringen zu müssen. ›Ich will dich schützen‹, waren seine letzten Worte.«
Innerlich hing mir nach ihrer Geschichte förmlich der Kiefer bis zum Boden. Nicht wegen der traurigen Geschichte, sondern wegen ihres Hinweises auf das ominöse Buch – das schrie doch nach einem Zusammenhang. Nachdem sie zu Ende erzählt hatte, verschwand sie zügig und ließ sich nie wieder blicken. Kurz bevor der Zug die Endhaltestelle erreicht hatte, kam ich noch mit einer kleinen Gruppe junger Erwachsener ins Gespräch. Ich erwähnte die Dame einmal, doch niemand von ihnen hatte diese Frau dort zuvor schon mal gesehen. Sie fügten hinzu, seit geraumer Zeit einmal die Woche diese Strecke zu fahren.
Der Zug hielt nie wirklich lange an einem Bahnsteig, deswegen stand ich vorher schon vor den Türen, um den Ausstieg nicht zu verpassen. Ich war nun am Ende angekommen und ohne weiteren Plan. Vielleicht war die Idee doch nicht die Spur, die es zu verfolgen galt. Es war lediglich ein großer, dichter Wald zu sehen. Ein knalliges, buntes Grün mit einigen kleinen Wegen, die hineinführten. Da der Wald von meiner Position aus aber ebenfalls in nördlicher Richtung lag, warf ich einen genaueren Blick auf ihn, und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich ein Schild mit der Aufschrift Tiere verboten entdeckte.
»Das muss es sein!«,...
| Erscheint lt. Verlag | 22.6.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Erotik • Fesselnd • Gewalt • humorvoll • Mystisch • Trauer • verstörend |
| ISBN-10 | 3-8197-4186-0 / 3819741860 |
| ISBN-13 | 978-3-8197-4186-9 / 9783819741869 |
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