Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Löwenzahnkäfig (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025
270 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-1981-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Löwenzahnkäfig - Lennard Wolf
Systemvoraussetzungen
4,99 inkl. MwSt
(CHF 4,85)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
eine Jugend in der DDR ; Leben und Strafe im Sozialismus ; Erlebnisse des Autors im Gulag

anfangs Optiker, in der DDR aufgewachsen, 1985 nach einjähriger Haft in die Bundesrepublik abgeschoben

Wintertag


Die Verhaftung fand an einem jener grau-gelben Wintertage statt, von denen man kaum erwartet, dass sie das ganze Leben ändern. Anfangs war er sogar noch ein wenig azurblau und sonnig gewesen. Wolf hatte wie gewöhnlich morgens ab sechs Uhr Rettungsschwimmerdienst.

Das Stadtbad gehört seltsamerweise zum ‚VEB Frisur und Kosmetik‘7 und nicht zum Betrieb Naherholung, wo der Vater arbeitet. Es ist ein Kuppelbau mit Türmchen und Bögen und dicken Mauern, beinahe wie eine Festung. Innen gibt es hübsche grüne Jugendstilkeramik, auf der Meeresgott Poseidon mit Dreizack und Blumenmustern posiert. Froher Bürgersinn hatte das einst erdacht. Leider ist hier stets eine wenig zuträgliche Dampfatmosphäre.

Am ovalen Beckenrand liest er oft, auch wenn das nicht gern gesehen wird. Kommt Frau Wurms, ein sportlich-langer, blonder, borstiger Besen, so reißt sie ihm meist das Buch aus der Hand. Frau Larnski, die Chefin, interessiert sich eher für den Text. Sie hat Kinder in seinem Alter. Bald ist sie dann mit ihm in ein Gespräch vertieft, bei dem sie ihr eigentliches Anliegen schon mal vergisst. Da sie das weiß, kommt sie wohl lieber nicht so oft vorbei, vermutet Wolf.

Schon beim Vater, im Freibad am Rande der Döhlauer Heide, arbeitete er in den Schulferien als Rettungsschwimmer. Der Vater leitet das ‚Objekt Heidebad‘. Und seit er sechs Jahre alt ist, schwimmt Lenni Wolf. Allerdings mit mäßigem Erfolg. 1:32 min ist seine jemals beste Wettkampfzeit. Das war auf hundert Meter Kraul bei den Stadtmeisterschaften. Sein Stil ist ganz gut, doch für die Sportschule, wie bei Sandkastenfreund Holger, reichte das nicht. Vorteilhafterweise, sagte er sich. Denn diese Leute haben immer grünlich schimmernde Haare vom Chlorwasser. Er beneidete ihn aber doch. Holger ist eigentlich dünn, aber wenn er mit den Armen krault, sieht es aus, als kreisten zwei Propeller durchs Wasser, so schnell ist er.

Auch aus einem anderen Grund sind ihm die Stadtmeisterschaften in unliebsamer Erinnerung. Das liegt an einem Wettkampf, bei dem er auf Bahn 8 startete – direkt unter der Zuschauertribüne. Anfangs lief es gut, doch nach der Wende riss ihm beim Rückenkraulen der Badehosengummi. Schwimmen oder die Hose festhalten war nun die Frage, und er entschied sich für Letzteres. Leute beugten sich grinsend über das Geländer. Einarmig rudernd kam er als Letzter ins Ziel. Zwar feixte niemand der Kameraden, schließlich hätte es jeden treffen können, doch für den Elfjährigen war die Schmach vollkommen gewesen.

Mit dem Sport ist er jedenfalls so verbunden, dass selbst die Staatsicherheit ihre Akte über ihn später „OV Schwimmer“8 nennen wird.

Utz, bei dem Wolf inzwischen in der Dachmansarde wohnte, ist wie er selbst voller Lebenshunger und Neugier. Sie testen Grenzen und philosophieren wild über die Welt, ihren Sinn und das Leben überhaupt. Was man als Neunzehnjähriger eben so macht. Jetzt liest Wolf nur noch das, was man die ‚ernste Literatur‘ nennt. Alles andere hielte einen doch nur auf. Mit beglücktem Stolz erwarb er zuletzt die zweibändige „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant.

„Lebe so, dass die Maxime deines Willens jederzeit Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein kann“, schrieb der. Nicht übel.

Max Stirners Buch „Der Einzige und sein Eigentum“ wiederum, ein Hohelied auf den Egoismus, hat ihm Baader einmal auf der Straße gegeben. Ebenso wie Ossip Mandelstam.

„Der hat im Gulag gesessen“, sagte er verschwörerisch.

Das war vertrauensvoll, denn das Thema ist ein Tabu. Sachen weiß der!

Baader ist selbsternannter Poet. Er nennt sich so nach seinem Vorbild aus der Weimarer Republik, einem verrückten Berliner Dadaisten. „Ich bin, also ist Schönheit“, heißt dessen Buch. Matthias Holst, so sein richtiger Name, ist fünf Jahre älter, rappeldürr und recht beliebt. Zuletzt kam er braungebrannt und den Duft von Freiheit verströmend von einer Bulgarienreise zurück. Eine Frau, die seine Prosa schätzt, hatte ihm den Urlaub geschenkt, was doch erheblich seinen Ruhm mehrte. Baader betreibt Sprachakrobatik aus Satzfetzen, ziemlich kurios und stets bedeutungsschwanger. Den Job bei der Universitätsbibliothek hat ihm seine Mutter besorgt.

Dort findet Wolf auch vergessene Schreiber, wie Beumelburg, Lezius und Flex in einem alten Register abseits des Hauptarchivs. Viele der Karteikarten wirken wie aus einer anderen Zeit. Sie sind geschwungen mit Tusche geschrieben, beinahe gemalt, und schwer lesbar. Doch es gibt sie und selbst die Bücher dazu! Jemand musste all das über die Zeit gerettet haben. Wolf fühlt sich reich beschenkt. Wie viel Wissen kann man doch erwerben!

Manches ist hier im ‚Giftschrank‘ und nur im Lesesaal mit ‚wissenschaftlichem Nachweis‘ erhältlich, wie etwa O. Weininger. Weil er es unbedingt lesen will, fälscht er den Nachweiszettel. Es war aber schwülstiger Unsinn und die Sache nicht wert, denn gesperrt werden wollte Wolf hier nicht. Zwar hat er noch einen weiteren Ausweis, den der Karl-Marx-Universität Leipzig, doch dort gibt es nur Nachkriegsware, sozialistische Literatur. Die Stadt wurde im Krieg ausgebombt. Jedenfalls fand er zu seiner Enttäuschung nichts anderes.

Bis zum Ende der Schulzeit war es die Mutter gewesen, die Lenni an Feiertagen die neuesten Jugendbücher schenkte. Das waren sozialistische Belehrbücher wie „Das Mädchen von Ruda“ von Werner Heiduczek. Eines Tages wird man ihn zu den Müllkippen-Autoren zählen. Aus der Sowjetunion kam „Elli im Wunderland“, dazu Geschichten von sibirischen Tierkindern und, über den Deutschunterricht, „Timur und sein Trupp“. Eine Alphabetisierungskampagne lief gerade rund um die Welt, angetrieben von den sozialistischen Ländern. Man war stolz darauf, lesen zu können.

Der Vater hatte einiges aus dem Militärverlag. Darin war alles Jetzige gut, das Vorsozialistische hingegen böse.

War der Vater mit dem Tagwerk seiner Baustatik durch, hatte er in der Deutschen Bücherei immer in Westbüchern geschmökert, die es nur hier gab. Am liebsten las er von der Fremdenlegion, seinem Steckenpferd. Dann träumte er von Abenteuern in fernen Ländern und von Kämpfen unter Einsatz des Lebens – in Camerone oder in Dien Bien Phu, der Dschungelfestung. Manchmal nahm er Lenni in diese Bibliothek mit. Zwar war es langweilig, denn der Vater wurde ärgerlich, wenn man ihn störte, doch der große Lesesaal mit den schweren Eichentischen, dem gedämpften, grünlichen Licht und der so ernsthaften Stille imponierte ihm.

Zuhause bei den Eltern trug Lenni das dauernde Lesen den Spitznamen ‚zerstreuter Professor‘ ein, denn wurde er plötzlich etwas gefragt, musste er sich erst wieder in die Gegenwart zurückfinden. Der Bruder, der ein Jahr jünger ist, las ungern. Das Konzentrieren auf eine Sache strengte ihn an. Er ‚tobt lieber rum‘, wie die Mutter es nannte.

Zuhören konnte er aber. Gingen sie sonntags im Wald spazieren, lauschte auch er hingerissen dem Vater, der sich ein Forscherteam auf Reisen in der Saurierzeit ausgedacht hatte und die Geschichte öfters fortspann, um den langen Weg abzukürzen.

„Der Körper braucht Luft und Bewegung“, war seine stetige Predigt, wobei er rasch voranschritt. Da half kein Jammern über platte Füße.

*

Dieses, sein neues Leben, hatte eigentlich, wenig prosaisch, aus Langeweile begonnen. Er war vierzehn Jahre alt geworden und verbrachte wie jedes Jahr die Sommerferien bei der Großmutter im Harz. Diese bemerkenswerte Frau mit ihren fünf Vornamen, von denen er sich immer nur drei merken konnte – Helga, Hedwig, Aline –, lebte mit ihrem Mann in einem großen Bürgerhaus. Ihr Papa Karl hatte es einst erbaut. Zeitliche Zwänge, so wie bei Lenni in der Neustadt, kannte sie kaum. Beim Frühstück in der Gartenlaube plauderte sie gern von der alten Zeit, als ihr Papa noch das Fagott im Orchester des Herzogs spielte, oben im Schlosstheater. Meist schlief sie dabei ein, bloß um eine Stunde später, wieder wach geworden, weiterzuerzählen.

Die Großmutter hatte er sehr gern. Viele Anekdoten kannte sie: schöne und tragisch-romantische, traurige und lustige. Im Wald etwa, auf halbem Wege zum Jagdschloss, zeigte sie Lenni eine Holzbank. ‚FÜR FAULE‘ war dort eingraviert.

„Das heißt: Friede und Ruh’ Finden Auch Unglücklich Liebende Einmal“, erklärt sie.

„Da hat sich ein Liebespaar erschossen. Die Eltern wollten die Verbindung nicht, sie war nicht standesgemäß. Ist das nicht tragisch?“

Da war er plötzlich froh, im Sozialismus zu leben. In der neuen Zeit, wo alle gleich sind.

„Die Russen haben uns befreit. Von allen guten Dingen haben sie uns befreit“, war auch einer ihrer Sprüche, wenn wieder einmal etwas nicht zu bekommen war, in der Mangelwirtschaft.

„Und um hundert Jahre zurückgeworfen“, ergänzte sie, wenn sie sich einmal richtig ärgerte.

„Großmutter, wenn das einer hört!“, sagte Lenni dann...

Erscheint lt. Verlag 17.6.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte Deutschland (DDR) • Familie • Haft • Jugenderinnerung • Ministerium für Staatssicherheit
ISBN-10 3-8192-1981-1 / 3819219811
ISBN-13 978-3-8192-1981-8 / 9783819219818
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Mein Leben mit paranoider Schizophrenie

von Eric Stehfest

eBook Download (2025)
ZS - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
CHF 16,60
Eine besondere Freundschaft und der Weg zu mir selbst

von Ronja Forcher

eBook Download (2025)
Knaur eBook (Verlag)
CHF 17,55
Die Autobiografie

von Daniel Böcking; Freddy Quinn

eBook Download (2025)
Edition Koch (Verlag)
CHF 9,75