Bertas Reise (eBook)
156 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-8197-3514-1 (ISBN)
Birgit Hermsdorf wurde 1955 in Halle (Saale) geboren. 40 Jahre lang unterrichtete sie Mathematik, Physik und Astronomie. Mit ihrem Mann und drei Söhnen zog sie in ein Haus auf ein kleines Dorf nahe der Stadt. Die Freizeit als Rentnerin füllt sie mit den Hobbys Geocaching, Lesen, Sport und Reisen. Ihre Geschichten und Romane sind zwischen Realität und Fiktion angesiedelt. Einige der Bücher sind bei epubli verlegt. Außerdem schreibt sie Kurzgeschichten für Anthologien der freien Autorenvereinigung Leseturm.
Birgit Hermsdorf wurde 1955 in Halle (Saale) geboren. 40 Jahre lang unterrichtete sie Mathematik, Physik und Astronomie. Mit ihrem Mann und drei Söhnen zog sie in ein Haus auf ein kleines Dorf nahe der Stadt. Die Freizeit als Rentnerin füllt sie mit den Hobbys Geocaching, Lesen, Sport und Reisen. Ihre Geschichten und Romane sind zwischen Realität und Fiktion angesiedelt. Einige der Bücher sind bei epubli verlegt. Außerdem schreibt sie Kurzgeschichten für Anthologien der freien Autorenvereinigung Leseturm.
Sehnsucht
Mit Macht bahnte sich der Frühling an. Schon Mitte Februar hatten Schneeglöckchen und Krokusse ihre Köpfe durch Laub und Unterholz gesteckt und für erste Farbtupfer gesorgt. An der Promenade erwachte bald darauf das Leben der Urlauber, die schon jetzt Zeit und das Geld hatten, ihrem Alltag zu entfliehen. Sobald die Sonne schien, war kein Platz mehr auf den Bänken frei. Anfang März warteten die Ausflugsdampfer auf Gäste, die über den Bodensee schipperten.
Berta verrichtete ihre Arbeit im Haushalt zwar eifrig und zu aller Zufriedenheit, aber das Treppensteigen und schweres Heben begannen, ihr schwerer zu fallen. Abends waren ihre Füße oft geschwollen. Sie hatte einiges an Gewicht zugenommen, das Ungeborene bewegte sich immer öfter und ihr Appetit begann, Purzelbäume zu schlagen.
Wie gerne hätte sie jetzt abends in Theos Armen gelegen, seinen Körper gefühlt und seine Küsse geschmeckt. Aber sie sagte sich, dass sie es ja so gewollt hatte. Wirklich? So sicher war sich Berta nicht mehr. Glücklicherweise verhielten sich ihre Arbeitgeber freundlich und mit der Frau des Hauses verstand sie sich zunehmend besser. Aber abends in ihrer Wohnung überkam sie immer öfter die Einsamkeit. Da half auch Lesen und Briefe schreiben nicht. Eine ganze Weile lag ihr Tagebuch schon unberührt im untersten Fach ihres Wäscheschrankes. Heute war es wieder einmal an der Zeit, ihm ihre Erlebnisse, Sorgen und Sehnsüchte anzuvertrauen.
Theodor zuhause machte sich immer mehr Sorgen um seine Verlobte und beschloss, ihr nachzureisen und nun endlich einen richtigen Heiratsantrag zu machen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ablehnen könnte. Lange hatte er überlegt, wie es mit ihnen beiden weitergehen sollte. Sein Studium an der Zeichenschule hatte er erfolgreich beendet. Wollte er ein Künstler sein, der ein freies Leben führte? Andererseits würde er demnächst ein Vater sein und wollte unbedingt, dass sein Kind in geordneten Verhältnissen aufwuchs. Also in einer richtigen Familie. Mit seinem Abschluss konnte er allerdings auch als technischer Zeichner in einem Unternehmen arbeiten. Und davon gab es am Bodensee genug. Tagelang grübelte Theodor. Dann aber war er sich sicher, er liebte Berta über alles, ihre Offenheit und Neugier genauso wie ihre Zärtlichkeit und Selbständigkeit. Und so kam es, dass er am 10. März frühmorgens, als Berta gerade das Haus verlassen wollte, um zur Arbeit zu gehen, mit einem großen Blumenstrauß vor ihrer Haustür stand.
„Theo!“ Mehr konnte sie vor lauter Überraschung gar nicht sagen und fiel ihm um den Hals. Im nächsten Moment schien sich die Welt um sie herum zu drehen und versank in Schwärze.
Als Berta wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Zimmer auf dem Bett, daneben ein aufgeregter und gleichermaßen besorgter Theodor und eine neugierige und den Mann beruhigende Concierge. „Was ist mit dir? Geht es dir wieder besser? Bist du krank? Was ist mit unserem Baby?“
Die Frau riss die Augen auf, war ihr die Schwangerschaft doch bisher verborgen geblieben.
Berta richtete sich lächelnd auf. „Alles ist gut, jetzt, wo du da bist.“ versicherte sie ihm.
„Und das ist mein Verlobter“ erklärte sie den Herrenbesuch. Das schien der Hausverwalterin vorerst zu genügen, denn sie schickte sich, wenn auch Kopf schüttelnd, an, die Wohnung zu verlassen. An der Tür hielt sie inne und meinte kurz angebunden, dass sein Besuch gestattet sei, aber wohnen könne er hier nicht.
Als die beiden jungen Leute allein waren, wären sie am liebsten hier im Zimmer geblieben. So lange hatten sie sich nicht gesehen und so viel gab es zu berichten. Aber Berta musste zur Arbeit, sie war schon sehr spät dran. Schnell stellte sie die Blumen in eine Vase, ein sehnsuchtsvoller Kuss, und dann begann ihr Alltag. Theo versicherte sich ein weiteres Mal, ob es ihr gut ginge und begleitete sie. Beim Hause ihres Dienstherrn angekommen, bat sie ihn, einen Moment an der Tür zu warten. Drinnen entschuldigte sie sich für ihr Zuspätkommen und dass der Grund dafür draußen stünde. Der Herr des Hauses war bereits an seiner Schule, die Hausherrin schaute neugierig aus dem Fenster und betrachtete Theodor.
Aber dann musste Berta beginnen, ihre Aufgaben zu erledigen. Nebenbei ging ihr vieles durch den Kopf. Aber eines war das Wichtigste – wie würde es jetzt weitergehen?
Am Abend holte sie Theo wieder hier ab und führte sie in ein kleines Restaurant aus. Spätzle in einer Pfanne mit Zwiebeln gebraten wählten sie aus. Das leckere Gericht war typisch für diese Region und schmeckte vorzüglich. Als sich beide gestärkt hatten, erklärte Theodor die eigentlichen Gründe seines Kommens.
Er hatte schon lange bemerkt, dass Berta ihren Vater sehr vermisste. Nie wieder ließ er von sich hören und sie wusste weder, wo er damals nach dem Weihnachtsfest in Delitz hingegangen war, noch warum.
Sie hatte Theo einmal erzählt, dass der Vater sie als kleines Kind mit nach Halle genommen hatte, als er einige Zeit dort arbeitete und sie währenddessen bei seiner Schwester untergebracht hatte. Ihre Schwester Rosa war auf dem Dorf bei der Mutter geblieben, wo sie beide mit anderen Familien in einem der Häuser wohnten, welches der Rittergutsbesitzer einige Jahre zuvor für die neu hergezogenen Landarbeiter hatte erbauen lassen. Plötzlich aber war die Mutter verschwunden.
Theo ließ das keine Ruhe und so hatte er begonnen, Nachforschungen anzustellen. Eines Tages entdeckte er in der Bibliothek in der neuesten Ausgabe des Adressbuches von Halle an der Saale den Namen von Bertas Vater. Bald darauf schrieb er ihm einen Brief, in dem er ausführlich schilderte, wie es Berta seit Weihnachten 1908 ergangen war. Auf seine Bitte um eine Rückantwort oder ihn treffen zu dürfen reagierte er nicht.
Berta freute sich dennoch über diese Nachricht. Denn nun würde sie ihm an diese Adresse schreiben. So viele Fragen hatte sie an ihn.
Aber nun konnte Theodor kaum noch an sich halten und sprach weiter. Nicht, dass er einfach nur Sehnsucht gehabt hätte nach seiner geliebten Berta. Nein, er würde nun immer hier bei ihr bleiben. Und nein, nicht etwa im Hotel wohnen, sondern in einem gemeinsamen Heim. Und deshalb solle sie seine Frau werden. Und nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich. Hier in Friedrichshafen.
Theo hatte kaum zwischendurch Luft geholt, als ob er befürchten würde, dass er damit einem „Nein“ Vorschub leisten könnte und Berta ununterbrochen in die Augen gesehen.
Sie erwiderte seinen Blick, neigte den Kopf ein wenig, atmete mehrmals tief ein und aus. Innerlich jubelte sie, ihre Entscheidung stand fest, seit sie sich am Morgen geküsst hatten. Endlich, nach unendlich langer Zeit, so schien es ihm, schlich sich ein Lächeln in Bertas Gesicht und ihre Lippen formten ein leises Ja.
Angekommen
Letzte Woche hatte der Winter die Natur noch voll in seiner Gewalt, aber heute schien der Sommer den Frühling überspringen zu wollen. Überall grünte und blühte es, ein Tulpenmeer wuchs in den Vorgärten der Patrizierhäuser. Nur Bertas Lieblingsblumen, die Maiglöckchen und der weiße Flieder ließen noch auf sich warten. Aber es war ja noch nicht einmal Ostern.
Soviel war in den letzten vier Wochen geschehen.
Theo hatte eine Wohnung am Stadtrand gefunden, die genügend Platz für die künftige Familie bot. Das Haus war erst vor wenigen Jahren erbaut worden, und so hatten sie neben 4 Zimmern, einer großen Küche mit einem Gasherd, einem Wintergarten, den er als Atelier nutzen wollte, auch ein Badezimmer mit einem Badeofen, so dass sie jederzeit in die Wanne steigen konnten und selbstverständlich elektrisches Licht. Sogar ein kleines Gärtchen gehörte ihnen. Theo hatte es erreicht, dass sie auf dem Standesamt die Ehe schließen konnten, denn nur so durften sie gemeinsam in eine Wohnung ziehen. Berta war glücklich, dass sie ihre Geburtsurkunde dort vorweisen konnte. Sein Freund reiste extra aus Halle an, um als Trauzeuge zu fungieren und brachte ihre Schwester mit.
Am Ostersamstag im April war der bisher bedeutendste und glücklichste Tag in Bertas jungem Leben gewesen.
Beide Schwestern trugen hübsche schwarze Kleider mit Stufenröcken und Rüschen an Ärmelbündchen und Stehkragen, dazu ausladende, mit Blumen und Schleiern geschmückten Hüte. Die künftigen Schwager hatten Frack und Zylinder ausgewählt. Später, wenn ihr Kind geboren wäre, würden sie die kirchliche Trauung zuhause nachholen. Dabei wollte Berta unbedingt ein weißes Brautkleid mit Schleppe tragen, auch wenn sie lange keine Jungfrau mehr war.
Am Ende der Zeremonie im Standesamt steckte Theodor seiner Frau Berta einen echt goldenen Ehering an und küsste sie glücklich länger als angemessen auf den Mund.
Später hatten sie in einem Gasthaus festlich gespeist und waren noch lange bei Bier und Champagner dort sitzen geblieben.
Rosa hatte viel aus der Heimat zu berichten, vor allem, dass Friedrich nun endlich eine Anstellung als Tierarzt in Aussicht hatte, aber nicht in Lauchstedt. Man würde sehen, ob man umziehen müsste. Im Rittergut hätte man erfahren, dass es auch anderen jungen Frauen so wie Rosa und Berta ergangen war. Und immer war Wilhelm der Mann gewesen, der sich an ihnen vergriffen oder sie bedrängt hatte. Aber zu ihrer aller Glück, war der ja bei dem Scheunenbrand ums Leben gekommen.
Berta konnte es manchmal einfach nicht fassen, dass sie nach dieser schlimmen Erfahrung ihren Theodor kennengelernt hatte, den liebsten Menschen auf der Welt. Vieles hatte sich inzwischen verändert. Noch war sie 19 Jahre alt, aber nun Theos Ehefrau.
Als Schwester und Schwager abgereist waren, hatte sie einmal mehr ihrem Tagebuch viel zu erzählen. Ihr...
| Erscheint lt. Verlag | 15.6.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 1.Weltkrieg • Ahnensuche • Bad Lauchstädt • Frauenschicksal • Heimatgeschichte • Vorfahren • Zeppelin |
| ISBN-10 | 3-8197-3514-3 / 3819735143 |
| ISBN-13 | 978-3-8197-3514-1 / 9783819735141 |
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