Morlockh und Frey (eBook)
546 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-8740-4 (ISBN)
Die Schönheit historischer Gebäude zu erhalten und Lebensräume in Einklang mit der Natur zu gestalten ist schon sehr lange die Leidenschaft der selbständigen Architektin, die immer wieder Preise für Ihre Arbeiten erhielt. Ein ganz besonderes Bauvorhaben war Pate für diesen Roman: Der historische Morlokhof des Hotel Bareiss in Baiersbronn-Mitteltal, die Sanierung des Hofs der Wunderheiler. Unvergesslich blieb dieses Bauvorhaben für alle Beteiligten, ebenso wie viele Jahre zuvor die Besetzung des Johannes-Höver-Hauses in Aachen. Zu Beginn der 80er Jahre war diese Hausbesetzung, das Erleben und Leben in einem selbstverwalteten, freien Raum prägend für viele Biographien. Gebäude können, je nachdem wie sie gestaltet sind, mit welchen Materialien sie gebaut sind, Leid und Unglück verursachen oder Glück und Frieden bringen. Davon ist die Autorin überzeugt und fand es immer verwunderlich, dass es so gut wie keine Romane gibt über das Bauen, obwohl doch alle Bauschaffenden wissen, dass Bauen eines der letzten Abenteuer ist in unserer allzu abgesicherten Welt. So begab sie sich auf die Suche nach den Geheimnissen der Bauhütten und nach Geschichten über die Menschen, die Gebäude erschaffen und dem Zauber, der uns Menschen mit der Natur und mit Himmel und Erde verbindet. Sie lebt in Mittelfranken auf einem Bauernhof, den sie weitgehend selbst saniert hat.
2 Thannenfelser Tal im Nordschwarzwald
Februar 1770
Axtschläge hallen durch den stillen Wald.
„Er fällt! Achtung! Passt auf! Er fällt!“
Die hohe Krone des Baumriesen neigt sich langsam, würdig. Jaulend und splitternd reißen die Fasern des gewaltigen Baumstamms, schneller werdend rauscht das Geäst durch umgebende, kleinere Tannen, reißt Äste mit - die Krone kracht auf eine Eiche, federt stöhnend wieder hoch. Der beidseitig tief eingehauene Stamm reißt endgültig ab und das untere, gewaltige Stammende springt donnernd vom Baumstumpf nach hinten, rollt seitwärts Richtung Tal, als vorne der Wipfel auf den Boden kracht.
Die Erde bebt und ein wortloser Schrei gellt durch den verschneiten Wald.
Conrad rennt. Den Schrei und das Krachen des stürzenden Riesen in den Ohren, vor Augen die wankende Baumkrone, springt er durch den Schnee über Äste, Baumstümpfe, den Hang hinunter, atemlos, bis er nach endlos langen Minuten die Männer erreicht. Erstarrt stehen sie neben dem gefällten Holländer, die Äxte verstreut am Boden.
„Was ist passiert?“
Als keiner antwortet, folgt sein Blick dem der anderen: Nicht weit vom Baumstumpf, halb unter dem gefällten Stamm, liegt jemand. Rot sickert in den weißen Schnee. Der schwarze Hut liegt neben dem entblößten Kopf mit blondem, halblangem, wirrem Haar.
Einer flüstert: „S´isch der Hans-Jörg, vom Thannefels.“
Conrad erstarrt. Herr im Himmel, hilf! Nein! Langsam, als würd er gegen einen Sturm ankämpfen, geht er zu dem Gefallenen, kniet sich hin. Erschüttert blickt er in das Gesicht seines Freundes.
„Herrgott, Jörg, des hab ich net gewollt!“
Er ergreift eine warme Hand, die schlaff neben dem reglosen Körper liegt, mit der anderen tastet er die Brust des Freundes ab. Tränen schießen in seine Augen. Doch Jörg at met. Noch. Er wendet sich zu den anderen, brüllt:
„Was steht ihr so rum, er lebt noch, tut was, hebt den Baum an, oder grabt ihn drunter raus. Er lebt noch!“
Ein älterer Mann tritt zu ihm, schüttelt sacht den Kopf, legt die Hand auf Conrads Schul ter:
„Bua, jetzet kann nur no der Herrgott helfe.“
Ein sachter Druck der schlaffen Hand lässt ihn zurück zum Freund schauen. Hellblaue Augen schauen ihn an, aus einem Gesicht weiß wie der Schnee, ein Blick vom anderen Ende der Welt. Lippen flüstern, kaum hörbar:
„Conrad, ich hätt hören sollen auf dich... hätt hören sollen... .“ Die blauen Augen schlie ßen sich, doch er flüstert weiter: „Mein Freund.“ Dann fällt der Kopf zur Seite. Die Lungen pressen einen letzten Atemzug heraus. Ein Schauer geht durch den Körper. Conrad legt sein Ohr auf die Brust des Freundes, sie hebt und senkt sich nicht mehr. Trotzdem ruft er verzweifelt:
„Jörg, bleib bei uns, bleib da!“
Der Druck der großen Hand auf Conrads Schulter verstärkt sich:
„Conrad, lass ihn gehn, der Herr war gnädig, dass es so schnell war und schmerzlos.“
Conrad nickt betäubt, dann wendet er sich zu dem kräftigen Vorarbeiter der Holzhauer und es bricht aus ihm heraus:
„Warum habt ihr net aufgepasst, er ist kein Holzhauer, warum habt ihr ihn net g´warnt, dass er weit wegbleiben muss, wenn der Baum fällt?“
„Ich werd mich dafür bei der Companie verantworten müssen, Conrad. Der Baum ist net gefallen, wie er sollt. Dass ein Baum so fällt, hab ich in dreißig Jahren net geseh´n. Dass einer rückwärts springt mit dem Stammende... im Fallen hat er sich gedreht und die Krone hat die Eiche getroffen.“ Leise fügt er hinzu: „Als ob´s hätt sein müssen.“
Conrad blickt auf den toten Freund, fassungslos, betäubt. So frisch ist ihm ihr wilder Streit im Gedächtnis, als wär’s gestern gewesen. So aufgebracht war er, so wütend, dass sie sich geschlagen hatten. Es ist schon mehr als ein Jahr her. Seither sind sie sich aus dem Weg gegangen. Wenn sie sich gesehen hatten, hatten sie über das Holländergeschäft nicht mehr gesprochen. Er streicht über die schon geschlossenen Augen des To ten und murmelt: „Schicksal, Jörg, kann es denn sein, dass es Schicksal war?“
Das verfluchte Holländergeschäft! Alte, ohnmächtige Wut flammt auf in ihm. Zuerst hatte es ihre Freundschaft zerstört und jetzt gar seinen Freund umgebracht. Sein letztes Wort war ´Mein Freund´ gewesen. Daran würd er sich festhalten. Er steht auf, schaut dem alten Holzhauer ins Gesicht und sagt mit kaum unterdrückter Wut:
„Das gottlose Holländergeschäft! Wie viele hat es schon auf dem Kerbholz? Beim Hauen und beim Flößen? Und das Geld, sprich mir net vom Geld, Frieder, das fließt doch nur nach Holland, zu den Holzherren und nach Calw zur Companie und ihren Consorten!“ Die Worte ´und zum Herzog nach Stuttgart für seine Schlösser´ unterdrückt er im letzten Moment. Der alte Holzhauer kratzt sich ratlos den grauen, kurzen Kinnbart, schaut den jungen Hitzkopf bedauernd an, nickt und sagt langsam, zögernd:
„Ja, Conrad, wir wissen, dass dir die lebigen Bäum lieber sind als die gefällten. Aber es gibt uns Brot, dem ganzen Tal gibt es Brot, gutes Brot. Wahr ist, der Blutzoll ist höher als früher, als wir nur genommen haben, was wir gebraucht haben für die Glashütten, die Bauern und den Herzog, aber wir fällen jetzt viel mehr. Und die großen Holländer Bäum sind zäh zum Schlagen, und“, fügt er nachdenklich hinzu, „man könnt manchmal fast meinen, sie hätten ein Eigenleben, die alten Riesen.“
„Das Leben muss doch wichtiger sein! Wichtiger als Geld. Und unser Wald ist unser Leben!“, hält Conrad trotzig dagegen.
„Wichtiger als Geld, das mag sein, aber ohne Geld kein Brot. Ohne Brot, wie soll man leben? Vergiss net, mit Verlaub, Conrad, net jeder ist ein freier Bauernsohn wie du.“
Conrad nickt geschlagen und wendet sich traurig wieder dem toten Freund zu . Der letzte Satz vom alten Holzhauer-Frieder treibt ihm das Rot auf die Wangen. Er ist kein Taglöhner. Die Morlockhs sind Bauern, nicht reich, aber auch nicht arm, mit Wald, Fischwässern, Feldern und Vieh. Freie Bauern auf freien Erblehenhöfen, wie es sie nur in den alten Königsforsten gibt. Sein Vater ist dazu Sympathie-Doktor, der hilft, den Menschen und dem Vieh. Die ganz Frommen nennen ihn Zauberer und sagen, es ging nicht mit rechten Dingen zu. Sein Vater schüttelt darüber den Kopf, genau wie der Opa Michel. Geld wollen die Morlockhs nicht für ihre Hilfe: Die Menschen kommen heimlich und als Dank haben sie was dabei: Eier, Schnaps, ein Körbchen mit Kirschen. An Speck ist nie Mangel, auch wenn sie nicht schlachten, bei der Heuernte nie Mangel an Helfern. Er ist nicht Hoferbe, aber er hat ein Handwerk erlernt und wenig Sorge um seine Zukunft. Die Gabe der Familie hat er nicht. Wer die hat, ist Erbe. Vielleicht hat er etwas Anderes, Seltsames, das er manchmal in seinen Händen fühlt.
„Conrad, hilf mit!“
Der Ruf scheucht ihn aus seinen Gedanken. Die Holzhauer graben mit ihren Krempen vorsichtig um Jörgs Körper herum im gefrorenen Boden, in der Hoffnung, der Körper möge sich so unter dem Stamm herausziehen lassen. Andere mühen sich, das dicke, mannshohe Stammende mittels Unterkeilen anzuheben. Er kniet sich zu seinem Freund, schlingt die Arme um dessen Oberkörper und zieht behutsam. Mit „Eins, zwei, drei - auf!“ wuchten fünf Mann am Stamm. Nach kurzer Zeit müssen sie feststellen, dass es nicht geht. „Stammende absägen“, entscheidet der alte Frieder schweren Herzens. Auch dafür wird er sich verantworten müssen. Jeder halbe Fuß1 dieser Bäume ist viel Geld wert. Aber das Stammende ist sowieso zersplittert. Nach einer halben Stunde Arbeit mit der großen Zweimannsäge können sie das nur noch vier Fuß lange, mannshohe untere Ende des Baumriesen weghebeln und den zerschmetterten Körper befreien. Sie legen ihn auf eine behelfsmäßige Trage aus Ästen. Conrad breitet seinen Mantel über den Freund und sie machen sich auf den schweren Weg durch den Schnee zu Jörgs Elternhaus. Als sie am Thannenfelser Hof ankommen ist es Nacht.
Kalter Ostwind bläst ihm Eisnadeln ins Gesicht. Trotz schneller Schritte, die ihn nach Hause in den Eydehof tragen, dringt ihm die Kälte bis in die Knochen. Seinen Mantel hat er dem Jörg nicht wegnehmen wollen, auch wenn der nun in der warmen Stube aufge bahrt liegt. Den zerschmetterten Körper den klagenden Eltern zu offenbaren, hatte er nicht übers Herz gebracht. Sie sehen es früh genug, wenn sie ihn waschen. Gesicht und Brust des Freundes waren unverletzt - wenn auch den schnellen Tod ein scharfer Holz sporn am Boden verursacht hatte, der ihm beim Fall in den Rücken gedrungen war.
Eine Gnade, hatte der alte Frieder gesagt, die Jörg unendliche Qualen erspart hätte.
Conrad schüttelt den Kopf: Gnade? Ein so früher Tod ist doch keine Gnade! Obwohl Jörgs schluchzende Mutter seine...
| Erscheint lt. Verlag | 10.6.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | Baugeheimnisse der Gotik • Handwerksgesellen auf der Walz im 18. Jahrhundert • Hausbesetzungen • Roman über bauen in Einklang mit der Natur • Zeitreise |
| ISBN-10 | 3-8192-8740-X / 381928740X |
| ISBN-13 | 978-3-8192-8740-4 / 9783819287404 |
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