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Reise durch die Nebel des Unterbewusstseins (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
122 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7027-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Reise durch die Nebel des Unterbewusstseins -  Reto Burn
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Persönlich, intensiv, bedrückend - und doch versöhnlich: Dieser Erzählband nimmt uns mit auf eine Reise in die surreale Gefühlswelt eines Menschen, der zwischen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung taumelt. Mit schonungsloser Ehrlichkeit führt uns der Erzähler an den Rand des Abgrunds - dorthin, wo Dunkelheit allgegenwärtig scheint. Doch je weiter die Geschichten voranschreiten, desto mehr blitzt ein zarter Funke Hoffnung auf, unscheinbar und verletzlich, aber dennoch spürbar. Am Ende bleibt die Frage: Sind es zehn unabhängige Erzählungen - oder erzählen sie gemeinsam eine viel größere Geschichte?

Reto Burn, geboren 1991 in Bern, ist seit sieben Jahren wohnhaft in der Stadt des Nebels - Olten. Der Drang, seine Gedanken und Empfindungen auf Papier zu bringen, begleitet ihn seit seiner Jugend. Da er der Überzeugung war, nicht das nötige Talent dafür mitzubringen, beschäftigte er sich allerdings nie ernsthaft mit dem Schreiben. Doch je länger er sich durch eine Welt bewegte, die nicht für Menschen wie ihn gemacht schien, desto grösser wurde das Verlangen, die aus dieser Reibung entstandenen Gefühle niederzuschrieben und mit anderen zu teilen. Sein erstes Werk ist das Resultat seines langjährigen Kampfes mit wiederkehrenden Depressionen und seiner tiefgehenden Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche, dem Willen und den Emotionen.

Der Abgrund


Ich laufe keuchend durch den dichten Wald, hinter mir höre ich das Krachen berstender Äste. Dann wieder Stille. Dann ein Schnauben. In welche Richtung ich laufe, weiss ich nicht, vom Weg bin ich schon lange abgekommen. Ich hatte nie im Sinn, in den Wald zu gehen.

In der Ferne scheint sich das Gehölz zu lichten. Schwer atmend kämpfe ich mich durch das Unterholz. Meine Hose und mein Shirt sind zerfetzt, meine Arme und Beine zerkratzt, auch das Gesicht ist davon nicht verschont geblieben. Der Geschmack von Blut liegt in meinem Mund, Schweiss brennt mir in den Augen.

Mit jedem Schritt dringt etwas mehr Licht durch das Geäst. Das Krachen und das Schnauben werden leiser. Hoffnung beginnt in mir zu keimen. Bis zum Ende des Gehölzes kann es nicht mehr weit sein. Mit den Händen schiebe ich Zweige weg, Dornen durchbohren meine Haut. Ein Zweig peitscht mir ins Gesicht, verfehlt mein Auge nur knapp. Ich kneife die Augenlider zusammen, kämpfe mich blindlings weiter durch das Gebüsch. Als ich keine neuen Zweige mehr ertaste, reisse ich die Augen wieder auf. Das grelle Licht blendet mich, reflexartig schlage ich die Augenlider wieder zu. Ich stolpere, taumle, knicke ein und falle hin. Ich will mich aufrappeln, stelle aber mit Schrecken fest, dass ich rutsche. Verzweifelt suchen meine Hände nach Halt, doch da gibt es nichts zu fassen; ich rutsche nicht mehr, ich falle.

Mein gesamtes Inneres zieht sich zu einem Klumpen zusammen, der durch seine enorme Dichte den Raum um mich zu biegen scheint. Jetzt ist alles vorbei. Ich will die Augen aufreissen, zumindest sehen, wohin ich falle, doch ich traue mich nicht. So verharre ich wie gelähmt, warte auf den Aufprall. Erst dann merke ich, dass ich nicht mehr falle, ich liege am Boden. Verwundert warte ich auf die Schmerzen des Aufpralls, doch sie kommen nicht. Auch sonst keine Anzeichen, die auf einen Sturz in die Tiefe hindeuten, als ob ich nicht gefallen wäre, sondern mich behutsam hingelegt hätte. Ich richte mich auf, öffne die Augen. Alles ist schwarz, kein Licht, nichts. Ich glaube, immer noch geblendet zu sein, blinzle ein paarmal, reibe mir die Augen, hoffe, dass die Sehkraft bald zurückkommt. Zuerst geschieht nichts, doch dann scheint es mir, dass ich schwache Umrisse ausmachen kann, ohne zu erkennen, wovon sie hervorgerufen werden. Langsam dämmert es mir – ich bin nicht geblendet, nein, in welchen Abgrund ich auch gefallen sein mag, Sonnenstrahlen ist der Weg hierhin verwehrt.

Ich taste den Boden ab, er ist seltsam weich und hart gleichzeitig, fühlt sich an wie Steckmoos. Da meine Hände nichts weiter ertasten, spitze ich die Ohren und lausche. Stille. Einen Moment verharre ich unbewegt, lausche weiter. Dann beginne ich mich auf allen Vieren fortzubewegen, mit den Händen meinen Weg ertastend. Es ist merkwürdig, der Boden ist komplett flach, keine Unebenheiten. Nur da, wo ich herkomme, kann ich die runden Abdrücke meiner Knie und Handballen ausmachen.

Plötzlich stockt mir der Atem, ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Da ist etwas im Dunkeln verborgen. Ich bin überzeugt, etwas gehört zu haben. Doch jetzt, da ich angestrengt und mit angehaltenem Atem lausche, herrscht wieder absolute Stille. Da mir nichts anderes übrigbleibt, krieche ich mühevoll weiter. Und da höre ich es wieder, ein langsames, ruhiges Atmen. Was da atmet, scheint weit weg und trotzdem unmittelbar bei mir zu sein.

Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Das Ausbleiben eines Aufpralls hat in mir wohl eine Erleichterung ausgelöst, die jetzt langsam wieder schwindet. Ich stemme mich hoch und bewege mich vorsichtig. Die Arme vor mir ausgestreckt irre ich schlurfend wie ein Untoter durch die Dunkelheit, suche die Richtung weg von dem unheimlichen Atemgeräusch. Doch es gelingt mir nicht. Das Atemrauschen scheint, egal wohin ich mich bewege, lauter zu werden. Also versuche ich einfach einen Weg hinaus aus dem Abgrund zu finden, zurück in den Wald, der mir inzwischen freundlich und einladend vorkommt – wovon bin ich dort überhaupt weggerannt?

Mit der Zeit lässt meine Vorsicht nach, ich gehe schneller. Erkennen kann ich immer noch nichts, abgesehen von unscharfen Umrissen in der Ferne. Ein paar Mal habe ich den Eindruck, in der Düsternis blitze etwas Weisses auf. Zu kurz, um es bewusst wahrzunehmen, doch ich bin mir sicher, da lauert irgendetwas. Zum regelmässigen Atemgeräusch, das – so dünkt es mich – schneller geworden ist und nun eher einem Zischen gleicht, gesellen sich gelegentlich ein Fauchen und ein Knirschen. Ich irre weiter, orientierungslos. Mit jedem Schritt wächst die Angst vor dem, was in der Dunkelheit lauert.

Zuerst ist da nur ein leises Wispern, ich kann es fast nicht wahrnehmen, halte inne und lausche.

«Du kannst nichts… du bist falsch… du bist nichts als eine Last… du hast es nicht verdient, dort oben zu sein…»

Ich setze mich wieder in Bewegung, dann beginne ich zu rennen. Das Wispern wird stetig lauter, bis es sich in eine feste, von Autorität geschwängerte Stimme gewandelt hat, die mich erdrückt. Der Boden unter meinen Füssen beginnt nachzugeben, ich sinke ein, jeder Schritt ist ein Kampf, bis ich die Füsse gar nicht mehr aus dem Boden bringe, als wäre ich in einem Sumpf steckengeblieben.

Ich kämpfe, versuche die Füsse aus dem matschigen Boden herauszureissen. Kalter Schweiss läuft mir über die Stirn. Aus der Stimme ist inzwischen ein Krächzen geworden, welches den zischenden Atem in den Hintergrund gedrängt hat. Trotzdem merke ich, wie sich die Atemzüge verändert haben, sie sind kürzer, ruckartiger und oberflächlicher geworden.

Da höre ich wieder das Fauchen und das Knirschen. Dort blitzt in der Ferne das Weisse auf, diesmal lange genug, dass ich es erkennen kann. Es ist gezackt wie das Gebiss eines Hais. Verzweifelt versuche ich meine Füsse zu befreien, ziehe und zerre dran, doch nichts passiert. Währenddessen wird das Krächzen unerträglich, das Fauchen kommt näher, wieder die Zähne, sie sind näher, sie sind riesig, was ist das nur für ein Ungeheuer?

Es hat keinen Sinn, ich kriege die Füsse nicht frei. Ich bin erschöpft, kann nicht mehr kämpfen, WILL nicht mehr kämpfen. Also setze ich mich hin, schlinge die Arme um die Knie und lege meinen Kopf darauf und warte, dass alles vorbei ist.

Doch plötzlich ist alles ruhig, nur noch das wieder ruhig gewordene Atemrauschen. Und da sehe ich ein Leuchten, es ist noch weit in der Ferne, scheint mir aber warm wie der glimmende Schein einer Laterne. Das Licht irrt in stetiger Bewegung in der Ferne umher. Links, rechts, dann wieder geradeaus. Auch wenn sein Weg zufällig und ungerichtet erscheint, bin ich überzeugt, dass sich das Licht doch eindeutig und viel zielstrebiger, als die Bewegung vermuten lässt, auf mich zubewegt.

Ohne dass ich es bemerkt habe, hat der Boden meine Beine freigegeben. Zögerlich bewege ich mich auf das Licht zu. Der Schein gibt mir Hoffnung. Der Glaube, dass ich einen Weg hier herausfinde, kehrt zurück. Dann höre ich ein leises Flüstern: «Du kannst das. Du bist gut. Du bist stark. Du bist besonders.»

Angetrieben von den motivierenden Worten beschleunige ich meinen Schritt, eile dem fernen Leuchten entgegen. Wie schon zuvor wird die Stimme lauter, bestimmter. Doch dieses Mal ist sie freundlich, umgibt mich mit Wärme wie eine leichte Sommerbrise. Das Leuchten kommt schnell näher, bewegt sich aber immer noch von links nach rechts und nun erkenne ich auch, dass es regelmässig rauf und runter wippt. Erst kurz bevor wir aufeinandertreffen, erkenne ich die Quelle des Leuchtens – es verschlägt mir kurz den Atem und ich bleibe wie angewurzelt stehen.

Ein buntes Chamäleon trottet auf mich zu. Aus seiner Stirn ragt ein langer, gebogener Fortsatz, der in einem Leuchtorgan endet, wie bei diesen unheimlichen Tiefseefischen. In sicherer Distanz zu mir hält es an, legt den Kopf schief und blickt mich neugierig an. Ich mustere das Chamäleon, weiss nicht recht, was ich von ihm halten soll. Eigentlich sollte ich wohl Unbehagen über die seltsame Erscheinung empfinden, doch mein Gefühl sagt etwas anderes. Von dem kleinen Geschöpf geht eine Liebenswürdigkeit aus, die ich so noch nie erlebt habe. Ich könnte ihm, auch wenn ich wollte, kein Misstrauen entgegenbringen.

Als das Chamäleon auch nach einer Weile keine Anzeichen dafür zeigt, sich weiter auf mich zuzubewegen, setze ich mich hin, in der Hoffnung, weniger bedrohlich zu wirken. Es legt seinen Kopf auf die andere Seite und macht dann einen vorsichtigen Schritt auf mich zu. Erst jetzt merke ich, dass die Stimme von vorhin verstummt ist. Stille ist eingekehrt, nur das inzwischen wieder ganz ruhige Rauschen des Atems ist noch zu hören. Eine Weile verharren wir so und mustern uns gegenseitig. Das Licht im Dunkeln tut mir gut. Ich fühle mich erleichtert und warte geduldig, bis das Chamäleon den nächsten Schritt macht. Doch stattdessen beginnt es plötzlich zu sprechen: «Du kannst das. Du bist gut. Du bist stark. Du bist besonders.»

Es ist dieselbe Stimme, und wie zuvor hüllt sie mich mit Wärme ein. An diesem Punkt verwundert mich nichts mehr. Warum sollte ein Chamäleon mit einem Leuchtorgan nicht auch sprechen können? Sowieso kommt mir...

Erscheint lt. Verlag 26.5.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Bindungsängste • Depression • Instabilität • Philosophisches • Psychologisches • Schweizer Autor • Selbstreflexion • Stress • surreal • Trauma
ISBN-10 3-7693-7027-9 / 3769370279
ISBN-13 978-3-7693-7027-0 / 9783769370270
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