NOVA 36 (eBook)
156 Seiten
p.machinery (Verlag)
978-3-95765-691-9 (ISBN)
Die Autoren und Grafiker werden im Buch ausführlich vorgestellt, was hier den Rahmen der Möglichkeiten sprengen würde.
Achim Stößer: Skrik
Die langen, tiefen, kalten, dunklen norwegischen Winter zehren an den Knochen, auch wenn sie hier am Oslofjord vergleichsweise mild sind. Die schneebedeckten Wälder reichen bis an den Stadtrand und umschließen Oslo wie eine Gefängnismauer. Es wundert mich nicht, dass das zu depressiver Stimmung führt, Melancholie, wie sie es nennen. 1914, in sechs Jahren von heute an, beginnt der Weltkrieg, doch ich muss gestehen, ich erinnere mich nicht, ob Norwegen daran beteiligt sein wird.
Geboren wurde ich ein halbes Jahrhundert später, fast auf den Tag genau einhundert Jahre nach Edvard, in Alferde bei Hannover, also nahe der norwegischen Grenze. Daher beherrsche ich einigermaßen Riksmål, die auf dem Dänischen basierende norwegische »Reichssprache«, und ein wenig Nynorsk. Und so machte ich mich im Sommer 1988 auf, einen Teil meiner Semesterferien in Åsgårdstrand, einem Badeort an der Westküste des Oslofjords mit ein paar Hundert Einwohnern, zu verbringen, um mich dort ungestört auf meine anstehenden Prüfungen vorzubereiten, gelegentlich bei Strandspaziergängen oder mit einem erfrischenden Bad oder einer Bootstour im Fjord zu entspannen und das eine oder andere Museum zu besuchen. Ich hatte für die Zeit meines Aufenthalts eine kleine Ferienwohnung gemietet, die vom Bergrücken aus einen herrlichen Blick aufs Wasser versprach. Åsgårdstrand selbst, »Oslofjordens perle«, war eine Künstlerkolonie, in der Abrahamsson, Ekenæs, Krohg, Munch und Heyerdahl gearbeitet hatten, und Abrahamssons Sommerhaus war ein kleines Museum, eine Außenstelle des Vestfoldmuseene, vor allem aber war Oslo nur gut eine Fahrstunde entfernt.
Frühmorgens warf ich meine Bücher und Vorlesungsmitschriften, meinen Kulturbeutel, eine Sporttasche mit Kleidung und eine Kühltasche mit Wegzehrung auf den Rücksitz und in den Kofferraum meines alten Ford und brach auf. Da ich ein, vorsichtig formuliert, eher unordentlicher Mensch bin, war das Auto vollgestopft mit allerlei Zeug, neben Nützlichem wie einem Getränkekasten voller Mineralwasser- und Saftflaschen auch eine Thermoscheibenabdeckplane, Eiskratzer, Enteiserspray und Frostschutzmittel, die ich nun im Sommer, abgesehen von der Plane als Sonnenschutz, sicher nicht brauchen würde, doch ich war nicht mehr dazu gekommen, das Auto vor meiner Abfahrt auszuräumen.
Was ich an Geburtstagen am meisten verabscheue, sind die abstrusen Geschenke. Einige meiner Kommilitonen hatten sich ein halbes Jahr zuvor den eher geschmacklosen Spaß erlaubt, mich mit einer Sexpuppe zu überraschen. Ein scheußliches Ding mit aufgedruckten Haaren, fußlosen Beinstümpfen, schwarzen Cartoonwimpern wie Sonnenstrahlen auf einer Kinderzeichnung, absurd weit aufgerissenem Mund, die Arme erhoben, sodass die gleichsam in Fäustlingen steckenden Hände wie bei einem Zeichentrickcowboy, der von Banditen mit dem Colt bedroht wird, neben den Ohren in die Luft ragten. ¡Arriba las manos! Ob es tatsächlich Leute gab, die mit so etwas kopulierten? Das stinkende Plastikding war schon äußerlich einem lebenden Menschen so unähnlich wie ein Entenschwimmring einem echten Wasservogel. Meine Kommilitonen fanden das wohl wesentlich lustiger als ich. Nichtsdestotrotz lag auch dieses Teil nun irgendwo in dem Sammelsurium in meinem Kofferraum verborgen. Alles in allem nicht sehr sinnvoll, gerade für eine längere Fahrt, aber ich sah geflissentlich über die Unordnung hinweg, indem ich sie mir schönzureden versuchte – Ordnung ist das halbe Leben, aber wer will nur halb leben?; wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen; Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos; wer bin ich, dass ich mich der Entropie entgegenstelle? Und so weiter.
Den größten Teil der dreieinhalbstündigen Skagerrak-Überfahrt auf der Fähre hatte ich geschlafen, sodass ich nun ausgeruht war und mich entschloss, bis Åsgårdstrand durchzufahren. Es war früher Abend und würde noch lang nicht dunkel werden.
Ich verließ die Europastraße, um, auch wenn es so länger dauern würde, den Blick von den kleineren Küstenstraßen auf den Meerarm und die eine oder andere Insel zu erhaschen. Mein altes Auto, das ich gebraucht gekauft hatte, war weiß lackiert, ein ausgemustertes Völkerbundfahrzeug mit nur stümperhaft überlackiertem Logo, dem weißen fünfzackigen Stern im blauen umschriebenen Fünfeck, das noch immer gut zu erkennen auf dem Dach und den Türen prangte. Es war nur ein optischer, aber beileibe nicht der einzige Makel des Fahrzeugs. Ich weiß nicht, ob es an einer defekten Ladeanzeige oder den Akkus selbst lag, aber diese waren ohne Vorwarnung leer, das Summen des Motors verstummte und ich musste den Ford ausrollen lassen, bis er am Rand einer verlassenen Landstraße stehen blieb. Natürlich gab es weit und breit keine Telefonzelle, von einer Ladestation gar nicht zu reden.
Fluchend schlug ich auf den Steuerknüppel. Der Anblick des tiefblauen, weiß glitzernden Wassers an der mäandernden Küste hatte mich in seinen Bann gezogen, sodass ich kaum auf den Weg geachtet und daher nicht die leiseste Ahnung hatte, wie weit es noch war bis Åsgårdstrand oder wenigstens, wo etwa ich mich befand. Dank der toten Batterie waren auch die Armaturen grau, nicht einmal den Kilometerstand oder auch nur die Uhrzeit zeigten sie mehr an. Resigniert nahm ich meinen Rucksack vom Beifahrersitz, stieg aus und öffnete den Kofferraum, um eine Flasche Wasser zu holen und mich zu Fuß auf ins nächste Dorf zu machen und dort einen Abschleppwagen zu rufen.
In diesem Augenblick gab es einen Knall wie von einem entfernt platzenden Luftballon, doch ich schien mitten im Zentrum des Knalls zu stehen, es wurde düster, vor mir kippte das Auto nach vorn, vielmehr das Heck – mehr war nicht davon übrig. Der Rest schien sich in Luft aufgelöst zu haben, explodiert, wie ich im ersten Augenblick annahm. Das Wrackteil und auch ich selbst waren mit einem bräunlichen Rußfilm bedeckt.
Doch dann erkannte ich, dass weit mehr geschehen war. Hatte ich im Augenblick zuvor noch die abendliche Sommerwärme gespürt, ließ mich jetzt Kälte am ganzen Leib zittern, dunkle Wolken hingen am Himmel, doch hinter den Wolken schien die Sonne plötzlich im Osten zu stehen. Das Meer hatte eine bedrückende, bleigraue Farbe angenommen, weiße Flecken Schnee sprenkelten die Landschaft und die Äste der zuvor grünen, nun entlaubten Bäume. Ich war fast ringsum umgeben von dichten Büschen, die den Blick zur Straße versperrten. Zahlreiche ihrer Zweige waren messerscharf abgetrennt, als hätte ein Riese mit einem Apfelentkerner ein Loch herausgestanzt, und mitten darin stand ich neben meinem ebenfalls ausgestanzten Autoheck.
Vielleicht hätte mich das ängstigen müssen, doch ich fühlte mich wie betäubt. Das Ganze befand sich jenseits jeglicher Realität. Wie in Trance zerrte ich eine Trainings- und eine Cordhose, zwei Hemden und einen Pullover sowie zwei Paar Socken aus der Kleidertasche, um alles in Schichten übereinander anzuziehen. Das rußige T-Shirt und die kurze Hose warf ich in den Kofferraum. Die Abdeckplane im Fußraum der Beifahrerseite hätte ich jetzt gut zum Schutz gegen die Kälte gebrauchen können, aber sie war mit diesem Teil des Wagens verschwunden. Ich rieb den Ruß von einer Wasserflasche, steckte sie in den Rucksack, schlüpfte in die Träger und kämpfte mich durchs Gestrüpp. Die asphaltierte Küstenstraße hatte sich in einen schmutzigen Feldweg verwandelt, in dessen Schlaglöchern gefrorene Pfützen schimmerten. Ich marschierte los, in Fahrtrichtung, da ich mich nicht erinnern konnte, auf dem Weg hinter mir in letzter Zeit ein Dorf oder auch nur einen Bauernhof oder ein anderes Anzeichen von etwas, das als Zivilisation durchgehen konnte, bemerkt zu haben.
Ich lief auf der Grasnarbe zwischen den Radspuren mit all den Eispfützen, doch die Kälte des Bodens kroch bald trotz der Socken durch die Turnschuhe in meine Füße. Unterschiedliche Bäume säumten den Weg, durch deren nacktes Geäst ich den Hang hinunter auf das trübselige Meer sehen konnte. Dann entdeckte ich am Strand vier Spaziergänger. Auf die Entfernung wirkte es, als trügen die beiden Männer dunkle Anzüge und Zylinderhüte, die Frauen bodenlange Kleider, als kämen sie von einem Kostümfest oder wären Schauspieler in einem Historienfilm. Ich rief hinunter und fragte nach dem nächsten Dorf, und zu meiner Erleichterung wiesen sie in die Richtung, in die ich gegangen war.
Vielleicht eine Viertelstunde später kamen tatsächlich ein paar Häuschen in Sicht. Meine Füße fühlten sich mit jedem Schritt an, als würden sie mit angespitzten Schraubenziehern durchbohrt, und meine Finger und meine Ohren machten den Eindruck, als müssten sie jeden Augenblick abbrechen wie ein Eiszapfen von der Dachrinne. Wie hatte es mitten im Sommer auf einen Schlag so eiskalt werden können? Ein Vulkanausbruch? Ein Kometeneinschlag? Ein Atomkrieg?
An den Stegen am Strand lag nur eine Handvoll kleiner Boote, die wenigen Häuser wirkten wie aus dem letzten Jahrhundert, und als ich einige Menschen entdeckte, wähnte ich mich in einem Museumsdorf. Ein paar Spaziergänger waren wie die am Strand in Anzüge mit steifem Kragen und Zylindern gekleidet, doch auch die anderen trugen antiquierte Kostüme. Ich ging zu zwei Männern, die dabei waren, mit einer enormen Säge von Hand einen aufgebockten Baumstamm zu zerlegen, und fragte sie nach einem Abschleppwagen. Sie verstanden offenbar kein Wort von dem, was ich sagte. Für so schlecht hatte ich mein Norwegisch bislang nicht gehalten. Ich versuchte, mit Händen und Füßen, Riksmål und Nynorsk klarzumachen, was ich wollte, doch sie wiesen nur verständnislos auf einen vorbeiholpernden Karren, vor den zwei Kühe gespannt waren.
Ich fragte, wie das Dorf heiße....
| Erscheint lt. Verlag | 23.5.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Behrend • Einsatz • Energieatmen • Firestarter • HermannOberth • JoachimFrank • Monument • Obsidian • RainerSchorm • Science-fiction • Sternenfront • Stößer • Titanum |
| ISBN-10 | 3-95765-691-5 / 3957656915 |
| ISBN-13 | 978-3-95765-691-9 / 9783957656919 |
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