Ehre und Ehrfurcht (eBook)
222 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-8794-0 (ISBN)
Martina Naubert wurde 1960 in Kanada geboren, wuchs in Neumarkt i.d.Opf auf und verbrachte dort viele Jahre. Sie lebte mehrere Jahre in Kanada und Frankreich, kehrte zurück in die Oberpfalz und siedelte 2010 nach Italien über, wo sie heute mit ihrer Familie lebt. Während ihrer Ausbildung in Transaktionsanalyse, die ihre Arbeiten nachhaltig beeinflusst, beschäftigte sie sich intensiv mit der eigenen Familiengeschichte. Neben Romanen schreibt sie Märchen für Erwachsene auf Basis der TA.
Fritz
Familie Häring, Neumarkt, Neujahrstag 1918
Wie im Märchen des Aschenputtels verschwand über Nacht binnen weniger Stunden der ganze weiße Zauber. Bereits die Morgendämmerung wurde von einem Grau in Grau mit Wolken und Regen beherrscht, als wäre der hellblaue Frost der Silvesternacht nur eine Illusion gewesen. Die acht Grad, die das Quecksilber anzeigte, fühlten sich jedoch frostiger an, als die trockene Kälte der ersten Stunden des gerade erst angebrochenen Jahres, durch die die Menschen noch nach Hause gegangen waren.
Die Neujahrsmesse war gut besucht. Selbst die, die nicht regelmäßig zur Kirche gingen, waren an diesem Morgen da. Alle Bänke des beträchtlichen Kirchenschiffs der zentralen Stadtpfarrkirche waren voll besetzt. Sogar am Rande stand man dicht gedrängt und hinten am Ausgang konnten neue Kirchgänger kaum noch eintreten, so geschlossen verharrte die Menge. Der Priester verlas die Namen derer aus der Gemeinde, die im vergangenen Jahr gefallen waren. Allerdings nur die katholischen. Andersgläubige wurden nicht erwähnt. Das anschließende Gebet für die Helden war von teilweise heftigem Schluchzen mancher Mutter untermalt, und Maria dachte, dass diese Frauen es gewiss bevorzugt hätten, keinen Helden zum Sohn zu haben. Dafür einen lebendigen. Sie schielte dabei auf ihre eigene Mutter, die andächtig mit gesenktem Kopf in der Bank kniete und halblaut die Gebete mitmurmelte. Sie fragte sich, ob sie Gott dafür dankte, dass sie vier Töchter hatte und ihr dieses Schicksal der Heldenmutter erspart war? Sicherlich war diese Überlegung nicht das, was der Priester mit dieser Messe beabsichtigte zu vermitteln, aber immerhin war es doch ein Gedanke, der zumindest inhaltlich zum Anlass passte.
An diesem Morgen fiel es Maria schwer, bei der Sache zu bleiben. Ständig schweiften ihre Gedanken ab, zurück in die vergangenen Stunden dieser kleinen Feier im Lazarett. Sie hatte sich so leicht gefühlt wie schon sehr lange nicht mehr. Sie glaubte sogar, sich noch nie in ihrem Leben je so amüsiert zu haben, selbst nicht vor dem Krieg, als alles noch einfach gewesen war. Wie sie getanzt und gelacht hatte! Wie fröhlich doch alle gewesen waren! Die Sorgen des Alltags, der Kummer, die Verwundeten, der Hunger und das Elend, alles war so endlos weit weg gewesen in diesem kleinen Nebenraum, der sich wie eine in sich abgeschlossene Welt in ihre Erinnerung eingebettet hatte, wie ein Zufluchtsort, der jederzeit wieder aufgesucht werden konnte. Sie sehnte sich nach dieser Daseinsfreude und stellte sich vor, dass das Leben immer so sein könnte, wenn nur dieser verteufelte Krieg nicht wäre. Warum mussten Männer, vom Raufbold auf dem Schulhof bis hinauf in die Regierung, nur immer kämpfen? Warum konnten sie nicht einfach diese Momente genießen, Augenblicke wie den gestrigen Abend? Den gesamten Gottesdienst hindurch kreiste ihr Innenleben um dieses Sehnen.
Nach der Messe, als die Familie Häring sich vor der Kirche sammelte, weil Vater Häring – wie immer – auf der anderen Seite des Kirchenschiffs bei den Männern gesessen hatte und man auf ihn wartete, um gemeinsam nach Hause zu gehen, entdeckte sie ihre Freundin aus dem Lazarett, die gerade aus der nicht weit entfernten, schräg gegenüberliegenden Synagoge trat. Sie winkte ihr zu.
„Da ist Hilda!“, warf sie ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern zu und schickte sich an, die Straße zu überqueren, „ich will ihr ein friedliches, neues Jahr wünschen!“
Sie war schneller auf der anderen Straßenseite als ihre Mutter sie möglicherweise hätte aufhalten können. Hilda kam ihr entgegengeeilt, hakte sich sofort bei ihr unter, und bevor Maria überhaupt einen Gruß formulieren konnte, flüsterte sie: „Emanuel wurde ausgemustert! Der Herr Doktor hat bestätigt, dass er kampfuntauglich ist. Jetzt können wir schon bald heiraten!“
Sie schaute sich dabei prüfend nach hinten um, ob sie auch wirklich niemand hörte. Auch die jüdische Glaubensgemeinde kannte selbsternannte Hüter von Ordnung und Sitte mit großen Ohren. Die beiden jungen Frauen standen zu nahe bei der Synagoge, wo sich ebenfalls gerade die Gläubigen auf die Straße ergossen, dort in Grüppchen stehenblieben und sich unterhielten. Zwar feierte die jüdische Gemeinde das Neujahrsfest traditionell an einem anderen Tag im Herbst10, trotzdem war das reguläre Morgengebet Shacharit an diesem Neujahrstag der Christen immer auch ein Anlass, in der Synagoge zu erscheinen. Der Kirchgang der Nachbarn animierte. Außerdem bot das zufällige Aufeinandertreffen nach dem Gottesdienst auf der Straße eine willkommene Gelegenheit zu einem Plausch fern des Alltags. Beim Spaziergang durch die Stadt, auf dem Weg zum Mittagessen, traf man dann auch auf Bekannte anderer Konfessionen, wo das Ritual fortgesetzt wurde. So war auch die jüdische Gemeinde an diesem Morgen zahlreich vertreten.
Hilda zog Maria ein Stück weiter: „Noch ist es nicht offiziell, aber Emanuel wird heute Abend mit seinen Eltern und Rabbi Baruch sprechen. Ich möchte dich aber schon jetzt zu unserer Hochzeitsfeier einladen.“
„Ach! Endlich mal eine gute Neuigkeit!“, warf Maria ihre Arme in die Luft, als könnte sie ihrer Freude ohne dieser Bewegung nicht Ausdruck verleihen. Hilda war ein Quell an guter Lebenskraft. Ungeachtet der Schwere der Zeit vermochte die Freundin Lebensfreude zu versprühen und an ihre Mitmenschen abzugeben. Allein sich in ihrer Nähe aufzuhalten genügte, um sich selbst gleich besser zu fühlen. Vielleicht hatte ihr der liebe Gott versehentlich zwei Leben mitgegeben? Nur so war diese Großzügigkeit zu erklären.
„Ich komme gerne!“, lächelte Maria über ihre eigenen Gedanken und tätschelte Hilda die Handfläche. „Du wirst bestimmt ein ganz wunderschönes Kleid haben! Deine zukünftigen Schwiegereltern sind doch mit dem Haas-Geschäft befreundet. Die können dir gewiss Spitzen besorgen. Mei, a so a guade Nachricht!11“
Gemeinsam liefen sie die Hallertorstraße entlang in Richtung der mittelalterlichen Stadtmauer, wo, trotz des Namens, kein Tor mehr war, so, wie in der entgegengesetzten Klostergasse, die nicht den Begriff im Namen trug, jedoch ein altes Stadttor aufwies. Die beiden jungen Frauen träumten sich auf ihrem Weg alle Feinheiten dieser Hochzeit zusammen. Als sie dort ankamen, wo die Straße einen weiten Durchgang in der Mauer verursacht hatte, so dass man sie kaum noch wahrnahm, wenn man nicht wusste, dass dort einmal die mittelalterliche Befestigung gewesen war, blieb Hilda auf einmal stehen. Sie guckte mit übertrieben zusammengezogenen Augen zu einem Spaziergänger, als spähte sie in eine unglaubliche Entfernung und müsste sich sehr anstrengen, zu erkennen, was sich da näherte. Dabei war der Flaneur, der aus der anderen Richtung die kahle Baumallee entlanggeschlendert kam, schon sehr nahe.
„Schau mal, wer da kommt!“ Hilda frohlockte nahezu in ihrer guten Laune und zwinkerte Maria zu. Sie schien sich an diesem Morgen über alles und jeden zu freuen. „Da ist ja dein Tänzer von gestern!“
„Was redest du denn da!“, widersprach ihre Begleiterin, „ich habe doch mit vielen getanzt!“ Gleichzeitig musste Maria sich ungeachtet ihrer Worte eingestehen, dass Hilda etwas ausgesprochen hatte, das ihr bis zu diesem Augenblick gar nicht aufgefallen war. Doch nun erinnerte sie sich, dass der Schulterdurchschuß beim Partnerwechsel in der Tat auffallend häufig wieder vor ihr aufgetaucht war. Wenn sie es recht bedachte, hatte er sich einmal sogar nur um sich selbst gedreht und gleich wieder ihre Hand ergriffen. Sie hatte es im Taumel des Spaßes einfach hingenommen, doch nun wurde es ihr durchaus bewusst.
„Schwester Maria und Schwester Hilda!“, winkte der Spaziergänger schon von weitem und kam schnurstracks auf sie zu.
„Brav, dass Sie ein wenig frische Luft schnappen!“, lobte ihn Hilda, erhob aber sofort den scheltenden Zeigefinger vor seiner Nase. „Sie sollten aber nicht so viel rauchen! Das hemmt die Genesung.“
Der junge Mann drückte folgsam die halb verglühte Zigarette aus.
„Darf ich Sie ein Stück begleiten?“, steckte er den Stummel wieder in die Brusttasche seiner Jacke. Seine Sprache wirkte ein wenig gestelzt; er erweckte den Eindruck eines Schauspielers aus einem Stummfilm, der durch knapp gehaltene Untertitel kommunizierte. „Ich freue mich über ihre Gesellschaft. Sie gibt mir einen guten Anlass. Das Wetter macht wenig Lust. So bewege ich mich noch ein wenig. Ich darf doch?“
Spazierweg entlang des alten Stadtgrabens, auf dem Fritz den beiden Hilfsschwestern Maria und Hilda entgegenkam; 1918;
Zwar nickten die Mädchen, Maria etwas williger als Hilda, die dies ohne Begeisterung in der Miene tat, denn sie wären gerne ihren Träumereien nachgegangen, die man nun, mit einem Mann an der Seite, nicht weiterspinnen konnte.
„Es war ein wunderschöner Abend gestern, nicht wahr?“, redete der Soldat gleich mit dem ersten gemeinsamen Schritt und bot damit immerhin ein anderes, beinahe ebenso schönes Gesprächsthema an.
So tauschten sie sich zunehmend lebhaft über die vergangene...
| Erscheint lt. Verlag | 28.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-7693-8794-5 / 3769387945 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-8794-0 / 9783769387940 |
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