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Im Schein der Pfütze - Jimmy Brainless

Im Schein der Pfütze (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025
330 Seiten
Müry Salzmann (Verlag)
978-3-99014-276-9 (ISBN)
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21,99 inkl. MwSt
(CHF 21,45)
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Wie ruft man Erinnerungen wach? Der eine beißt in eine Madeleine und schlürft Lindenblütentee, ein anderer steht über eine Pfütze gebeugt und 'glotzt sich die Vergangenheit lebendig'. Weil der Monsun in Taiwan allgegenwärtig ist, mangelt es nicht an Wasserpfützen, in denen sich für Simon - einen Gespaltenen zwischen zwei Welten und unentschlossen, was seine Zukunft betrifft - die Geschichte seiner Familie zu spiegeln scheint, mal wie sie wirklich war, mal wie sie gewesen sein könnte: Nahe Tainan führt Lín Jin-Yì das Regiment als Schul- und Haushaltsvorstand. Seine Sparsamkeit ist legendär, die Duldsamkeit seiner Frau auch. Am Wiener Alsergrund indes spiegelt die Pfütze einen anderen Mann, den geachteten wie gefürchteten Exekutor Anton, der nicht nur seine Schuhe, sondern auch die Vergangenheit zu polieren weiß. Was die beiden verbindet: Sie pflanzen sich leicht zeitversetzt auf zwei verschiedenen Kontinenten fort und werden eines Tages Großväter von Simon. Zuvor müssen sich freilich noch Jin-Yìs Tochter und Antons Sohn kennenlernen... 'Im­ Schein­ der­ Pfütze' ist ein drei Generationen und zwei Kontinente umspannendes Kaleidoskop an Geschichten und Figuren. Packend wie lehrreich, insbesondere was die hierzulande wenig bekannte Geschichte und Kultur Taiwans angeht.

Jimmy Brainless ist Musiker und Autor mit taiwanischen Wurzeln. Mitglied der Band 'Gurkenalarm' und Teil von 'Michaela und Jimmy', welche Kinderlieder und -geschichten schreiben. 2017 und 2019 reiste er mit Elias Hirschl durch Asien, wo sie über 30 Auftritte spielten. Jimmy Brainless tritt auch solo mit eigenem Programm auf und schreibt Texte, die in diversen Literaturmagazinen und Anthologien publiziert wurden. 2023 belegte er beim Wortreich-Kurzgeschichtenwettbewerb den 2. Platz. Im Schein­ der­ Pfütze ist sein Romandebüt; es besteht aus zwei Teilen. Der vorliegende 1. Teil nimmt die Elterngeneration in den Fokus, Teil 2 geht noch weiter im Stammbaum zurück.

Am Anfang der Durchforstungen

Weit, weit oben, wo die Zweige in Spitzen auslaufen, habe ich mich in einer Verästelung unseres Familienstammbaumes eingenistet und versuche Bericht zu erstatten. Mit ­einer Distanz, die mich wie einen Unbeteiligten in Schutz nehmen soll. Da die meisten Verwandten meinem Ergründungsdrang nur wortkarg begegnen, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu raten und zu kombinieren, was mich zu der Person gemacht haben könnte, deren Existenz ich gegenwärtig auszusitzen habe. Weil – genauso wie meine Schwester Lupida – zwischen zwei Kulturen aufgewachsen, fühle ich mich oft deplatziert und nirgends ganz zugehörig. Die Heimat unserer Mutter ist durch zahlreiche Länder von der unseres Vaters getrennt.

Viel früher ist diese Entfernung nur mit dem Schiff und der transsibirischen Eisenbahn zu bewältigen gewesen, heute gibt es Direktflüge ab Wien, um innerhalb eines Tages auf Formosa zu landen.

Was die Sache ehrlich gesagt nicht leichter macht.

Wir Kinder sind dem ständigen Vorwurf der Familien ausgesetzt, jeweils zu kurz an einem Ort zu verweilen. Dem Tauziehen nicht unähnlich – man wäre überrascht, wie oft es dabei zu Amputationen der Gliedmaßen, sogar zu tödlich endenden Seilrissen kommt – zerren uns zwei Familienhälften in entgegengesetzte Richtungen.

Während Lupida schnell die Vorzüge des Westens zu genießen gelernt und sich dem familiären Tauziehen entzogen hat, ist mir ein ständiges Wippen von der einen auf die andere Seite in die Wiege gelegt worden – weder das Hier noch das Dort will mir geeignet fürs Sesshaftwerden erscheinen. Bin ich an dem einen Ort, lockt der andere.

Lupida schimpft deswegen, weil man sich so nichts Anständiges aufbauen kann, ich stimme ihr zu und weiß es trotzdem nicht besser zu machen. Bin mir unsicher, wo ich andocken soll.

Bin mir überhaupt unsicher, was ich mit mir anstellen soll. Meine sogenannten Talente bleiben erbärmlich mittel­mäßig, da ist nichts, was meinen Fokus für längere Zeit ruhig halten könnte. So viele erste Sätze und ins Ohr kriechende Melodien, so viel Halbgares, Angeschnitztes, Tongeformtes, so oft Leinen bekleckert, dann Leine gezogen. So viel die Luft-ist-draußen. So viel von vorne anfangen, dass ich einzig darin gut geworden bin. Ankerlos treibe ich.

Drum: Jedes Mal, wenn der Himmel tränt und das Wasser nicht abrinnt, steh’ ich über Pfützen gebeugt und versuche aus meiner Reflexion schlau zu werden. Mal starre ich in die Wasserlandschaft, die Taifune hinterlassen haben, mal in jene, die die Schneeschmelze gebildet hat, und glotze mir mithilfe meiner Spiegelung die Vergangenheit lebendig. Will endlich wissen, wen ich vor mir habe – suche einen Knotenpunkt.

Verspielt legt mir die Pfütze die ernsten Züge des Großvaters Lín an, und ich sehe ihn als ehrgeizigen und respektierten Direktor einer Volksschule nahe Tainans, der im Streben nach Korrektheit die roten Taschen der Lehrenden und Kleinpolitiker:innen ablehnt. Was für damals außergewöhnlich ist.

Rote Taschen – eine Wortkreation unserer Mutter, die den Begriff hóngbāo einfach wortwörtlich ins Deutsche übersetzt hat – sind auf Formosa die gängige Verpackung für Geldgeschenke. Vor allem zu Mond-Neujahr werden die roten Kuverts von den im Arbeitsleben stehenden Familienmitgliedern verschenkt. Lässt man jemandem am Arbeitsplatz eine rote Tasche zukommen, handelt es sich dabei meist um den Versuch, eine unnachgiebige Person ein wenig nachgiebiger zu machen.

Vielen ist unser Großvater als geachteter Leiter einer Volksschule in Erinnerung, der dafür gesorgt hat, dass auch die Kinder ärmerer Familien die Schule besuchen konnten. Ein ehemaliger Schüler zollt ihm heute noch den größten Respekt, weil er damals seiner Familie, die nach mehreren Ernteverlusten mittellos geworden war, erlaubt hat, auf dem Schulgelände einen Stand für Schreibwaren und Mittagsjausen zu betreiben.

Längst pensionierte Lehrer:innen laden ihn nach wie vor zum Essen ein. Bringen ihm kleine Geschenke und ehren ihn auf eine Weise, die sich unser Großvater von seiner Familie auch erwartet. Ihr deshalb sogar vorwirft, dass sie ihn schlecht behandelt. „Meines Standes unwürdig“, klagt er dann, lässt Unmut aufkeimen, den ich oft genug durch die Pfütze zu spüren bekomme. Gibt seiner Wut auf Dinge, die er in seinem Arbeitsleben nicht durchzusetzen vermag, in cholerischen Ausbrüchen innerhalb seiner Familie ein Ventil.

Man könnte sagen: Unser Großvater, von uns Enkeln „Yéyé“ gerufen, ist ein Wasserkocher, der sich im Laufe­ des Tages immer stärker erhitzt und zuhause einen ­brodelnden Zustand erreicht, um schließlich in seiner nächsten Umgebung unkontrolliert Dampf abzulassen.

Und dazu die Eigenschaft besitzt, Außenstehenden mehr Vertrauen und Freundlichkeit entgegenzubringen als seiner eigenen Familie. Auch im Alter nicht von dieser Eigenschaft ablässt und sein Erspartes nach Vietnam schleppt, um dort liebenswert, aber offensichtlich wie ein Fisch ausgenommen zu werden. Gerade in Vietnam hat er für die ehemalige Pflegerin seiner Mutter ungeheuerlich viel hingeblättert – ihr Leben ist seitdem quasi ’n Urlaub.

Stirbt ihm nicht deswegen die eigene Frau kurz nach ­ihrer Pensionierung weg? Weil er innerhalb der Familie alle zu kurz kommen lässt? Springt ihm nicht deswegen der eigene­ Sohn in den Ozean?

Die Pfütze wirft Bläschen.

Als sich das aufgewühlte Nass wieder beruhigt, blickt mir der andere, anekdotenreich belegte Großvater väterlicherseits entgegen: nie ohne Brille und immer glattrasiert, zu jeder Jahreszeit langärmlig in Hemd und Sakko gezwängt, um dem geachteten wie auch gefürchteten Auftritt eines Exekutors zu entsprechen.

Ein Mann, dem Krawattenlosigkeit bloßer Nacktheit gleichkommt, der mit dem selbstangelegten Zügel sein Selbstbewusstsein strammzieht. Oder darin die staatliche Leine sieht, in deren Auftrag er, je nach Gemütszustand und Sympathie den Beteiligten gegenüber, entgegenkommend oder gesetzestreu verpfändet.

Ein Mann, der sich rückwirkend für den Krieg begeistert, sich gerne an die kindliche Gaudi erinnert, in den zerbombten Gassen Wiens Granatensplitter zu sammeln und beim Ertönen der Sirenen möglichst gemächlich in die Bunker zu flüchten, um nicht allzu viel vom Trubel zu verpassen.

Ein Mann, der mit bewundernswerter Geduld eine Uhrmacherlehre abschließt. Ein Mann, der hinauf in den Norden will, sich dabei aber die Zähne ausbeißt. Um was zum Kauen zu haben, wären für ihn Kronen essenziell, nur findet er in Schweden niemanden, der einen ausgebildeten Uhrmacher gebrauchen könnte. Schließlich lässt er sich vom Wiener Exekutionsgericht mit Essensmarken und flexiblen Arbeitszeiten ins Beamtentum locken.

Ein Mann, der die Vergangenheit so zu polieren weiß, dass seine zweite Frau die von ihm beschriebene Kriegszeit und Nachkriegsidylle in Frage stellt. Ein Mann, der in seinen Übertreibungen nicht kohärent ist.

Ein Mann, der in seiner Kindheit die Sehkraft eines Auges verloren hat und dessen Sicht auf die Dinge vielleicht deswegen von blinden Flecken durchzogen ist.

Ein Mann, der sich trotz seiner asthmakranken Frau, der Mutter seiner Kinder, nicht hat abgewöhnen können, im Wohnzimmer mit einem glimmenden Stängel den nächsten anzuzünden.

Ein Mann, der immer schon zu Wiederholungen geneigt und diese schlussendlich perfektioniert hat.

An Alzheimer erkrankt ist.

Was die Großväter verbindet: Beide pflanzen sich in jungen Jahren nur leicht zeitversetzt auf zwei unterschiedlichen Kontinenten mit ihren Frauen fort und ritzen vergnügt ihre Namen in die Stammbaumrinde. Setzen je drei Kinder in die Welt, wovon jeweils das Sandwichkind, beidseitig ein Sohn, dem Vater die größten Schwierigkeiten und Sorgen bereitet. Vielleicht, weil dem Vater am ähnlichsten. Vielleicht gerade deswegen nicht.

Zwei Söhne und eine Tochter können sie jeweils als ihre Sprösslinge bezeichnen, nur die Reihenfolge verhält sich spiegelverkehrt: Entschlüpft in Wien das Mädchen als erstes, so bildet unsere Mutter in Tainan das Schlusslicht.

Ein wenig noch setzen sich die Parallelen fort: Beide Großväter bringen ihre Frauen in vergleichsweise jungen Jahren unter dem Vorwand einer Krebserkrankung ins Grab und teilen sich das Alibi des hartarbeitenden Mannes, der die Familie zu versorgen hat. Der sich deswegen herausnehmen kann, launisch zu sein, rücksichtslos, wenn er verdrossen ist. Der innerhalb der eigenen vier Wände psychische Gewaltakte inszeniert und voraussetzt, dass alle widerstandslos mitspielen. Nach außen hin soll aber alles unverfänglich aussehen, denn von der Gesellschaft wird souffliert, wie man als Familie zu agieren hat. Man hält sich streng an dieses Skript. Bis jemand aus der Rolle fällt und stirbt.

Der eine Großvater heiratet wieder, der andere treibt es inoffiziell, so munkelt man, auf Formosa. Oder in Vietnam. In wilderen Spekulationen werden ihm sogar uneheliche Kinder nachgesagt. Die wollen allerdings auch bei näherer Betrachtung der Pfütze nicht in...

Erscheint lt. Verlag 19.5.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Erinnerungskunst • Familiengeheimnisse • Generationenroman • Historischer Asien-Roman • Identitätssuche • Interkulturelle Familiensaga • Jimmy Brainless • Kulturkontrast Wien-Taiwan • Migrationsgeschichte • Multiperspektivisches Erzählen • Österreich • postkoloniale Literatur • Taiwan • Taiwan-Literatur • Weltliteratur
ISBN-10 3-99014-276-3 / 3990142763
ISBN-13 978-3-99014-276-9 / 9783990142769
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