Zu laut, zu wild, zu anders (eBook)
162 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-3636-5 (ISBN)
Nicol Locanell ist Mutter von zwei Söhnen und lebt mit ihrer Familie im Schwarzwald. Als Autorin und engagierte Mutter eines Kindes mit ADHS teilt sie in ihrem Buch ihre Erfahrungen und setzt sich für mehr Verständnis und Sensibilisierung ein, besonders im schulischen Umfeld. "Zu laut, zu wild, zu anders" gibt ehrliche Einblicke in die täglichen Herausforderungen einer ADHS-Diagnose. Nicol stellt dabei eine zentrale Frage: Wo endet die Pubertät, und wo beginnt ADHS? Das Buch möchte Eltern Mut machen und Pädagogen zum Nachdenken anregen. Es zeigt, wie wichtig individuelle Förderung ist und dass ein liebevoller und zugleich realistischer Blick auf das Kind entscheidend sein kann.
Der schwierige Weg
Es gibt Momente im Leben, die einem wie ein harter Schlag ins Gesicht vorkommen. Man denkt, alles laufe gut und dass man mit den Herausforderungen des Lebens zurechtkäme – doch plötzlich passiert etwas, das einem die Augen öffnet. So ein Moment war der, an dem ich den Anruf des Rektors der Schule meines Sohnes erhielt.
Ich heiße Alena, bin stolze Mutter von zwei Söhnen und meine Reise als Mutter eines Kindes mit ADHS ist geprägt von vielen Herausforderungen. Besonders im schulischen System wird es Kindern wie Lino, meinem ältesten Sohn, der von ADHS betroffen ist, oft nicht leicht gemacht. ADHS ist eine der häufigsten Entwicklungsstörungen, die jedoch immer noch nicht genügend Beachtung findet. Die schulische Struktur ist nicht darauf ausgelegt, jedem Kind gerecht zu werden – vor allem nicht denjenigen, die aus der Reihe tanzen.
Lino war in der 10. Klasse, stand kurz vor seinem Realschulabschluss und auch vor der Möglichkeit, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Doch das System, das so viele von uns als selbstverständlich ansehen, war für ihn alles andere als gerecht. Die Abschlussprüfungen standen kurz bevor, und ich hoffte, dass alles gut gehen würde. Doch dann kam der folgenschwere Anruf.
Es war eher ungewöhnlich, einen Anruf zu erhalten, denn normalerweise erfolgte der Kontakt mit der Schule per E-Mail oder im persönlichen Gespräch. Doch der Rektor bat mich, umgehend zurückzurufen. Mein Bauchgefühl sagte mir hier bereits, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte.
Als Lino später nach Hause kam, erzählte er mir, was passiert war. „Ich habe etwas gemacht, was ich nicht hätte tun sollen“, gestand er mit gesenktem Blick. „Es war ein dummer Fehler, aber es kam irgendwie durch den ganzen Stress …“ Folgendes hatte sich zuvor in der Schule abgespielt: Es begann im Klassenzimmer, als Lino noch Knallerbsen aus dem letzten Silvester in seiner Jackentasche hatte – eine Jacke, die er an diesem Tag wieder trug.
Lino erzählte mir später, dass er in die Tasche griff, um einen vermeintlichen Abfall zu entsorgen. Doch statt eines Stückes Papier oder etwas anderem, das er dort vermutete, landeten die Knallerbsen auf dem Boden. Es war ein unabsichtlicher Fehler – er hatte sie nicht bewusst geworfen. Die lauten Knallerbsen, die plötzlich den Raum erfüllten, zogen jedoch sofort die Aufmerksamkeit der Lehrperson auf sich.
Der Lehrer, sichtlich irritiert, ging daraufhin zum Rektor, um den Vorfall zu melden. Als er zurückkam, fragte er laut, wer für die Störung verantwortlich sei. Natürlich – wie zu erwarten in solchen Momenten – sagte niemand etwas. Doch der Lehrer bestand darauf, dass nun die ganze Klasse eine Strafarbeit schreiben müsste.
Lino, der nicht wollte, dass die gesamte Klasse für seine Unachtsamkeit „bluten“ sollte, traf also eine folgenschwere Entscheidung. Er meldete sich und gab zu, dass er derjenige gewesen war, der die Knallerbsen fallen ließ.
Diese Ehrlichkeit führte dazu, dass Lino zum Rektor geschickt wurde, um die Situation zu klären. Es war ein Moment, der ihm klar machte, wie tief er jetzt drinsteckte.
Ich wusste, dass der Vorfall an sich nicht so schlimm war, aber ich verstand auch, dass Lino in diesem Moment nicht nur wegen seiner unüberlegten Handlung in Schwierigkeiten war, sondern auch, weil er als jemand, der aus der Norm herausfällt, schnell in ein Raster gesteckt wird. Ein Kind, das sich in der schulischen Struktur schwer zurechtfindet, hat keinen einfachen Weg vor sich.
Die derzeitige Schulstruktur ist oft nicht optimal auf die Bedürfnisse von Kindern wie Lino zugeschnitten – Kinder, die auf ihre eigene Art denken, handeln und sich ausdrücken. Das bestehende System findet nicht immer die passende Antwort auf die vielfältigen Anforderungen aller Kinder. Gerade in solchen Momenten wird mir bewusst, wie wichtig es ist, als Gesellschaft Lösungen zu entwickeln, die alle Kinder in den Blick nehmen. Jedes Kind hat das Recht, sich zu entfalten und seinen Platz zu finden, auch wenn der Weg dorthin manchmal herausfordernd ist.
Lino, der kurz vor seinem Abschluss und einer möglichen Ausbildung stand, war an diesem Tag mehr als nur ein Kind, das einen Fehler gemacht hatte. Er war ein Beispiel dafür, wie das System Kinder, die aus der Reihe tanzen, oft nicht ausreichend unterstützt und versteht.
Natürlich war mir bewusst, dass es für jeden, auch für mich selbst, schwer war, diese Schilderung Linos zu glauben. Linos Vorgeschichte, die in den 44 Klassenbucheinträgen seines 10. Schuljahres dokumentiert war, war nicht gerade beruhigend. Und dazu kam noch eine frühere Verwarnung, auf die ich damals nicht reagiert hatte. Ich wusste, dass die Lehrer und der Rektor bereits in Gesprächen mit den Eltern standen und wollte mich nicht unnötig einmischen. Doch dass dieses Ereignis mit den Knallerbsen nun noch schwerwiegender wäre, war klar. Und ich wusste, dass wir mit der Situation ernsthaft umgehen mussten, wenn wir eine Lösung finden wollten.
Der Rektor und ich hatten für den nächsten Tag eine Besprechung einberufen, zu der auch Lino eingeladen war sowie sein Klassenlehrer und der Lehrer, der von dem Vorfall betroffen war. Der Raum war erfüllt von einer angespannteren Atmosphäre. Es war offensichtlich, dass keiner der Lehrer bereit war, Lino zu glauben – und ich konnte es ihnen nicht wirklich verdenken. Schließlich schien es unglaublich, dass dieser Vorfall wirklich so passiert war, wie Lino es erklärte.
Doch letztlich ging es nicht nur um diesen Vorfall mit den Knallerbsen, sondern auch um das größere Gesamtbild, das sich mir immer mehr aufdrängte. Die 44 Klassenbucheinträge, die mir vorgelegt wurden, waren ein Beweis für das, was Lino in der Schule durchmachte. Ich durfte nicht alle Einträge einsehen, aber ein paar, die ich las, schockierten mich. Dinge wie „macht komische Geräusche“, „steht ständig auf“ oder „kann nicht ruhig sitzen, stört die Klasse“ standen dort – immer wieder dieselben Beschreibungen.
Ja, einige der Einträge, die mir vorgelegt wurden, wie „keine Hausaufgaben gemacht“ oder „zu spät gekommen“ waren natürlich korrekt – und auch das Rauchen auf der Toilette oder ähnliche Vergehen konnte ich nicht entschuldigen. Doch dann gab es eben die anderen Einträge, die auf Linos innere Unruhe hinwiesen – das ständige Aufstehen, das Geräuschmachen, das Zappeln. Diese Eigenschaften, die nicht nur Lino betrafen, sondern viele Jugendliche in seinem Alter mit ADHS, wurden oft nicht als Symptome wahrgenommen, sondern als störendes Verhalten.
Jugendliche mit ADHS stehen besonders in der Pubertät vor der enormen Herausforderung, sich in den strukturierten Rahmen von Schule und sozialen Normen einzufügen. Die ständige Unruhe, die Impulsivität und das Bedürfnis, sich ständig zu bewegen oder Dinge zu tun, sind oftmals nur schwer zu kontrollieren. Betroffene können sich nur schwer auf eine Aufgabe konzentrieren und sind oft in Gedanken verloren, was sie leicht ablenkt und in der Schule als störend wahrgenommen wird. Dieses Zappeln, das ständige Aufstehen, das Sprechen in unpassenden Momenten – all das sind Symptome von ADHS, die für Außenstehende meist schwer zu verstehen und nachzuvollziehen sind – insbesondere in einem System, das keine spezifischen Anpassungen für diese Kinder vorsieht.
Die Realität ist, dass das Schulsystem nicht für alle Kinder gleichermaßen gut funktioniert – insbesondere für Kinder wie Lino, die sich täglich mit Anforderungen und Regeln auseinandersetzen, die nicht immer auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmt sind. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass ihr Verhalten nicht aus Absicht oder mangelnder Kooperationsbereitschaft entsteht, sondern aufgrund ihrer einzigartigen Art, die Welt wahrzunehmen und zu verarbeiten. Nach wie vor besteht die Herausforderung, dass nicht alle Lehrkräfte diese Unterschiede erkennen oder darauf angemessen eingehen können.
Es war mir klar, dass Lino mit einem System kämpfte, das einfach nicht für ihn gemacht war. In der Pubertät, das wusste ich, verschärfen sich viele der Symptome von ADHS. Studien belegen, dass hormonelle Veränderungen während dieser Zeit besonders Jugendliche mit ADHS betreffen. Sie erleben oft eine Verschärfung ihrer Impulsivität und der Unaufmerksamkeit – zwei Merkmale, die nicht nur das Leben der Jugendlichen selbst erschweren, sondern sich auch negativ auf ihre schulischen Leistungen und das soziale Miteinander auswirken.
Dr. William Pelham, ein führender Forscher auf dem Gebiet, erklärt, dass Teenager mit ADHS in dieser Lebensphase oft stärker mit ihren Emotionen und ihrer Impulsivität kämpfen. Die Unruhe wird größer, und das Gehirn hat mehr Schwierigkeiten, sich zu fokussieren – auch wenn es sich um eine Aufgabe handelt, die für andere Kinder problemlos machbar wäre. Lino, wie viele andere in seiner Situation, verstand oft nicht, warum ihm eine scheinbar einfache Aufgabe so schwerfiel, während seine Mitschüler...
| Erscheint lt. Verlag | 16.5.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie | |
| Schlagworte | ADHS • ADHS Familie Erfahrungsbuch • ADHS Kind begleiten lernen • ADHS Ratgeber Familie • ADHS verstehen im Familienkontext • Alltag mit einem hyperaktiven Kind • Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom bei Kindern • Eltern mit ADHS Kinder • Elternratgeber ADHS verstehen • Emotionen regulieren • Erfahrungsbericht ADHS Kind Mutter • Familie verstehen und stärken • Hyperaktive Kinder verstehen • Jugendliche ADHS • Leben mit ADHS Kind Ratgeber • Neurodivergenz im Familienleben • Neurodivergenz in der Gesellschaft • Ritalin Erfahrungen von Eltern • Schulische Inklusion bei ADHS • Schulkinder ADHS • Schulsystem und ADHS • Tipps für Schulalltag mit ADHS • Umgang mit ADHS in der Schule • Unterstützung für Familien mit Diagnose • Wie funktioniert Ritalin bei Kindern |
| ISBN-10 | 3-8192-3636-8 / 3819236368 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-3636-5 / 9783819236365 |
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