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freiheitsstatue -  Wolfgang Eicher

freiheitsstatue (eBook)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
225 Seiten
duotincta (Verlag)
978-3-946086-21-5 (ISBN)
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9,99 inkl. MwSt
(CHF 9,75)
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Werner und Sophie sind das unmögliche Paar einer Gesellschaft, die es nicht wissen will. Das Leben des Wiener Studenten Werner nimmt eine jähe Wendung als der Künstler Simon in sein Leben tritt: Simon sprengt die bisher geltenden Konventionen und gemeinsam ziehen sie nach New York, um an der Performance 'Freiheitsstatue' zu arbeiten. Der Aufbruch ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten weckt in Werner, was vielleicht schon immer in ihm schlummerte ... Diagnose: manisch-depressiv. Wolfgang Eicher leuchtet die dunklen Ecken im Schatten der Freiheitsstatuen einer Gesellschaft aus, die Depression, Sucht und Suizid zu Tabuthemen erklärt hat. Wie schon in seinem Debüt 'Die Insel' schafft es Wolfgang Eicher zu zeigen, wieviel Schönheit, Poesie und Leichtigkeit das Leben bereithält - trotz allem.

Wolfgang Eicher wurde am 23.Februar 1975 in Vöcklabruck/Oberösterreich geboren. Nach einer Ausbildung zum Landwirt studierte er Raumplanung und Raumordnung auf der TU in Wien. Seit 1991 schreibt er hauptsächlich Romane. Wolfgang Eicher lebt und arbeitet in Wien.

Tod


 

Sophie ist tot. Ich sitze im Zug zu ihrer Beerdigung. Die Welt um mich verschwindet hinter einer grinsenden Grimasse. Ich brauche ein Bier, um es auszuhalten. Ich spüre meinen Arm nicht, obwohl er dick umwickelt ist. Irgendwie ist es schon eigenartig. Sie war schneller. Dann beginne ich wieder zu weinen.

Mir gegenüber sitzt eine alte Frau. Sie strickt. Als sie mich so in Tränen versunken dasitzen sieht, legt sie ihre Beschäftigung zur Seite. „Was ist los?“ Ich überlege kurz, ob oder was meiner Geschichte ich ihr erzählen soll. „Meine Freundin hat sich umgebracht.“ Und ich fühle, ich lüge nicht. Die alte Frau setzt sich neben mich und nimmt mich in ihre Hände, worauf ich nur noch mehr weinen muss.

Sophie! Meine Freundin Sophie! Habe ich sie vergessen in all meinem großartigen Egoismus? Es ist über ein Jahr her, dass ich sie zuletzt gesehen habe, erlebt habe, bewundern durfte, Sophies Haare, ihre Hand, ihr Gesicht, ihre Lippen, die ich nicht ein einziges Mal geküsst habe. Ein Jahr ohne Sophie, ein verlorenes Jahr. Jetzt ist es aus. Ich fahre zu ihr in den Tod.

„Ich fahre zu meiner platonischen Liebe!“ Philipp lacht. Es ist vor einem Jahr und ich sitze gleich jetzt im Zug. Mein Ziel ist Innsbruck. Ich trinke Bier und lese ein Buch. Ganz einfach.

Irgendwann werde ich sie heiraten, denke ich vier Tage später, als ich wieder zurück nach Wien fahre. Sophies Gesicht in strahlender Erinnerung. Wir haben ein Kino besucht, wir haben viel geredet, ein langer Spaziergang, wie immer. Ich habe sogar in ihrem Zimmer geschlafen. Es ist aber nichts passiert. Dabei hätte so viel passieren können damals. Lange lag ich wach, und sie auch. Wir redeten jedoch nur. „Du?“, frage ich einmal. „Ja?“, erwidert Sophie neugierig. „Ach nichts“, meine ich dann, worauf ein langes Schweigen entsteht. Dabei hätte ich sie gerne gefragt, ob sie mich heiraten würde, was natürlich Unsinn war, aber vielleicht wäre alles anders gekommen, wer weiß.

Sophie hatte einen Freund, aber ich bin mir nicht sicher.

Sophie ist aus dem Nachbardorf, das nur wenig größer ist als der Ort, wo ich aufgewachsen bin. Wir lernten uns in der örtlichen Volksschule kennen, wo sie nach einigen Jahren mein bester Freund wurde.

Die alte Frau drückt mich noch immer. Es tut gut. Der Schaffner kommt. Seine Frage nach der Fahrkarte geht unter in meinem Heulen. Er geht wieder. „Erzähl von ihr!“, meint die gute Frau, und ich beginne zu erzählen. Sophies langes, weiches Haar, das ich nie durch meine Hände gleiten lassen durfte, ihr schöner Körper, den ich nie berührt habe, ihre Augen, die so sehr Begeisterung ausstrahlen konnten an den schönen und verrückten Dingen dieser Erde, ihr Elternhaus, das sich so sehr unterschied von dem meinigen, unsere endlosen Spaziergänge, die oft weit hinein in die Nacht gereicht hatten, worauf zwei Elternpaare in maßlose Sorgen ausbrachen. Wir aber kannten den Weg, egal wohin wir uns verirrten. Sophie war die Klassenbeste, also Außenseiterin. Warum gerade mir das egal war, kann ich jetzt nicht sagen. Vielleicht aber auch hat sie zu mir gefunden. Jedenfalls fanden wir uns. So oft ich konnte und durfte, ging ich die damals beinahe unüberwindbare Strecke von zwei Kilometern in das Nachbardorf, um Sophie zu besuchen. Ich war acht, und Sophies Vater musste mich oft zurückbringen, da es einmal mehr zu spät geworden war. Zuhause gab es dann Ärger.

Langsam beruhige ich mich. Was ich da habe, fragt die Frau und deutet auf meine Bandagen. „Ein Unfall“, lüge ich. Irgendwie schäme ich mich jetzt dafür und wage deshalb nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Wir sind schon in Linz.

Unser erster gemeinsamer Theaterbesuch. Sophie in einem netten roten Kleidchen, ich mit Sakko und Krawatte. Die Lehrerin hatte uns Plätze nebeneinander gegeben. Wir wurden von den Mitschülern gehänselt. Mir war das egal, sie wurde rot. Dann öffnete sich der Vorhang, und ich konnte fühlen, wie sie die Vorstellung genoss.

Eigentlich hatte Sophie nicht viel Glück in ihrem Leben. Sie wollte zum Theater. Das hat sie nie geschafft. Zuerst versuchte sie es als Schauspielerin, aber sie war scheinbar nicht hübsch genug, was ich nicht verstehen konnte. Für mich war Sophie immer die schönste Frau auf dieser Welt. Vielleicht aber fehlte es ihr wirklich an Talent, wie es hieß. Ich aber glaubte, sie hatte zu wenige Beziehungen. Dabei war Sophies Vater Künstler, oder aber auch nicht. Genau wusste das keiner. Wovon lebte die Familie? Meine Eltern diskutierten oft darüber und ich musste den Raum verlassen, weil ich es nicht mehr aushalten konnte. Sicher war, Sophies Vater malte. Aber was war sein Beruf? Einmal hieß es, er arbeite als freier Journalist, dann wieder sollte er Hilfsarbeiter sein, jedoch nichts Vernünftiges, Erstrebenswertes, so höre ich noch jetzt die Stimme meines erfolgreichen Vaters. Da half es nichts, dass Sophies Mutter ihren Beruf als Kindergärtnerin nie aufgegeben hatte, auch wenn einige Eltern gelegentlich protestierten, denn es hieß, sie habe Liebhaber.

Wir nähern uns meinem Geburtsort und dem Heimatort meiner Familie. Ich erkenne Berge, wo hinauf ich mit Sophie wandern wollte. Es ist nichts daraus geworden. Jetzt kann man es nicht mehr nachholen, denn sie ist tot. Wie unglaublich endgültig das ist! Mein zerstörtes Gesicht im Schoß einer sympathischen Frau, deren Hier-Sein von Sophie persönlich gesteuert ist, da bin ich sicher. Leider muss sie in Salzburg raus. Ich beginne erneut zu weinen. Sie streichelt mich sanft. Wie soll es weitergehen? Wie soll ich die restlichen endlosen Kilometer schaffen bis zum Ziel, dem offenen Grab, ohne die vom Himmel herabgesandte Frau, die mir so unermüdlich Taschentücher reicht? Mein Ankommen in der Familie, wo einst mein größtes Glück geborgen lag, wie soll das gehen? Ich kann mir nichts vorstellen. Die Kilometer rasen dahin. Salzburg in Kürze. Warum aber hat sich Sophie umgebracht? Ich weiß es. Ich weiß es nicht.

Nachdem es beim Theater nicht geklappt hat, begann Sophie zu schreiben. Dabei gab es ein großes Problem. Sophies Drang nach Perfektion. Sie war immer unzufrieden mit dem, was sie schrieb. Leider habe ich nie etwas lesen dürfen außer den vielen Briefen, und das waren immer unglaublich wohltuende Sterne am tiefschwarzen Himmel des alltäglichen Grauens. Dabei hat sie, so sagt man, mehr als ein Buch geschrieben.

Es schneit. Wie die Flocken gegen die Scheibe ankämpfen, dabei machtlos. Herinnen ist es warm, dennoch ist mir kalt. Die nette Frau, Begleiterin und einsames Licht auf meinem Weg durch die Finsternis der Gegenwart, muss gehen. Salzburg Hauptbahnhof. Natürlich gibt es auch hier eine Erinnerung an Sophie. Sie wünscht mir alles erdenklich Gute. Ich ihr auch. Ab nun bin ich wieder allein mit dem Wahnsinn meiner Gedanken. Bis Innsbruck ist es noch weit, dabei eine bekannte Strecke. Ich habe sie oft besucht.

Meine Trennung von Sophie. Ihre Familie zog weg. Das kann ich heute gut verstehen. Sie hatten sich in dem Kaff nie wohlgefühlt. Warum ausgerechnet Innsbruck, das doch recht schwierig zu erreichen war, weiß ich nicht. Vielleicht ein Job für den Vater, oder ein besserer für die Mutter. Jedenfalls war sie weg, Sophie, für immer. Da half es nicht, dass ich versprach, oft zu schreiben, und wenn immer es mir möglich war, sie zu besuchen. Ich war zu Tode unglücklich. Dabei hatten wir einige Wochen vor der Hiobsbotschaft unseren Platz gefunden. Mitten im Wald gab es ein Tal mit einem kleinen Fluss. Die Ufer des Wassers sind gegen jede Vernunft der Bauingenieure ohne Befestigung und verändern sich deshalb ständig. Bei jedem Besuch war der Lauf der Strömung ein klein wenig verändert, und über die Jahre hinweg ein vollkommen anderer. Inseln entstanden und verschwanden wieder, ganze Bäume wurden unterspült, kippten irgendwann ins Wasser, bildeten eine natürliche Brücke, über die ich mich freute, ehe sie verfaulte, denn niemand kümmerte sich um jenen Flecken Erde, was mich am meisten faszinierte. Ein einsames Haus stand da unbewohnt und weit entfernt von jeder Straße. Nur vereinzelt verirrten sich hierhin Pärchen wie wir damals, um die Schönheit der unberührten Natur zu genießen. Dort wollten wir unser Imperium gegen die Welt der Erwachsenen aufbauen, Sophie und ich. Der Name: Irrland. Ein irres Land in einer irren Welt. Wir bewunderten die hoch über uns kreisenden Bussarde, gaben ihnen fantasievolle Namen und stöberten einige Graureiher auf, die wir beim Fischen beobachteten. Wir bauten aus Lehm Staudämme, träumten von Bibern und Fischottern und wateten durch das kühle Nass. Sophie war Meisterin im Fangen von Fischen mit bloßer Hand. Einmal mehr überraschte uns die Dunkelheit, und zuhause war die Welt der Erwachsenen schlimm.

Nur wenige Tage später erlebe ich am selben Ort eine weinende Sophie. Ich frage: „Was ist los?“ Sie sagt: „Papa hat das Haus verkauft, wir gehen nach Innsbruck.“

Das Haus von Sophie. Es unterschied sich so sehr von unserem. Noch Jahre später schlich ich um die Villa meiner frühen Träume. Dort hatte ich Klimt kennengelernt, und auch Renoir. Das ganze Innenleben von Sophies Geburtshaus war vollgestopft mit schönen Bildern. Auch Meister, von denen ich später in der Schule nie auch nur ein Wort gehört hatte, gab es da zu bewundern, und oft gefielen mir die unbekannten...

Erscheint lt. Verlag 11.11.2017
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Depression • duotincta • Freiheitsstatue • Frötsch • Gegenwartsliteratur • Literatur • Melancholie • New York • Roman • Wolfgang Eicher
ISBN-10 3-946086-21-7 / 3946086217
ISBN-13 978-3-946086-21-5 / 9783946086215
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