Jerry Cotton 3548 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7517-8119-0 (ISBN)
Als Jacky Parchman tot und mit rasiertem Kopf auf einer Baustelle an der Twelfth Avenue in Höhe von Pier 88 am Hudson River aufgefunden wurde, gingen die Behörden davon aus, dass der 'Friseur' wieder zugeschlagen hatte. Dieser Serienkiller, der seine Opfer kahl rasiert zurückließ, hatte in den vergangenen sieben Jahren acht junge Frauen vergewaltigt und anschließend ermordet, bisher allerdings ausschließlich in ländlichen Regionen in Illinois, Tennessee, Ohio und Virginia. Hatte der Mörder sein geografisches Muster geändert? Das war nicht die einzige Frage, die wir vom FBI beantworten mussten, bevor der Killer erneut zuschlug!
In den Höhlen
lauert der Tod
Als Polina den nächsten Quarter in die Slot Machine steckte, klingelte ihr Handy.
»Jacky, was gibt's?«
»Ich hab ihn gesehen.« Ein heiseres Flüstern.
»Was? Wen hast du gesehen? Sprich lauter, ich verstehe dich nicht!«
»Ihn! Ich hab ihn gesehen! Gerade eben, vor zwei Minuten!«
Eine plötzliche Kälte legte sich auf Polinas Herz.
»Das ist unmöglich«, flüsterte sie.
»Wenn ich es sage! Er war es! Ich schwöre!«
Polinas Hand zitterte. Sie suchte Halt an einem Hocker.
»Wo bist du?«, hauchte sie. Die Verbindung brach ab. »Jacky! Verdammt noch mal! Wo steckst du!«
Auf einmal bekam sie keine Luft mehr. Sie fasste sich an die Kehle. Taumelnd wankte sie zur Tür.
Pflaume, Pflaume, Pflaume.
Jackpot.
Rasselnd rauschten die Münzen in die Rinne.
Regen schlug ihr ins Gesicht wie die Pranke eines rasenden Löwen. Panisch kramte sie in ihrer chinesischen Bauchtasche nach dem Asthmaspray.
Presste den Inhalator zwischen die Lippen. Pumpte das Kortison in die Bronchien. Wieder und immer wieder. Zersetzte die eisernen Hände, die sich um ihre Kehle krallten. Ihr die Luft raubten. Höhnisches Gelächter dröhnte in ihren Ohren.
Langsam, ganz langsam löste sich der Krampf. Die Bronchien öffneten sich wie feuchte Rosenblüten im beginnenden Frühling. Der Puls des Lebens fand zurück in seinen Takt.
Polina schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch. Sie erlebte diese tiefe Erleichterung jedes Mal neu. Tod und Auferstehung. Wie das zögernde Auftauchen aus einem Eissee. Wie der Flügelschlag eines jungen Adlers, der sich zum ersten Mal in die Lüfte schwang.
Eine neue Chance.
Vielleicht die letzte.
Ein älterer Mann mit Baskenmütze und Regenschirm, der einen mürrischen Terrier hinter sich her zerrte, rempelte sie an.
»Schlampe!«, zischte er ihr zu.
Was folgte, ging im Prasseln des Regens unter. Erst jetzt registrierte Polina, dass sie Pudding in den Beinen hatte. Einen Moment überlegte sie, ob sie zurück ins Barcade gehen und sich mit einem doppelten Jamaikagrog runterholen sollte.
Dann fiel ihr wieder ein, was Jacqueline ihr am Telefon gesagt hatte, und sie rannte los Richtung Metrostation.
Im Barcade an der Hunts Point Ave hatte sie früher oft nach der Schule mit ihren Freundinnen abgehangen. Sie veranstalteten regelrechte Turniere an den Spielautomaten. Oft ging dabei innerhalb weniger Stunden das gesamte Taschengeld drauf.
Wenn sie jetzt daran dachte, kam es ihr vor, als wäre das in einem anderen Leben passiert. Als wäre die Polina Cole von damals ein Mensch, den sie höchstens flüchtig kannte, der im Übrigen aber nichts mit der Polina Cole von heute gemein hatte.
Damals wohnte sie mit Tom und ihren Eltern in Hunts Point in einem sechsstöckigen Mietshaus am Gilbert Place. Zwischen einem 99-Cent-Store und einem R&L Wines & Liquors. Keine angenehme Wohngegend, ganz im Gegenteil.
Aufgelassene Industriebrachen und leer stehende Lagerhäuser prägten schon damals das Erscheinungsbild von Hunts Point. Und sobald die Dämmerung hereinbrach, schlichen die Obdachlosen und die Cracksüchtigen wie Gespenster durch die menschenleeren Straßenzüge.
Für Polina war es trotzdem das Paradies. Hier erlebte sie ihre erste Liebe. Gordian saß im Biokurs neben ihr, schrieb Tagebuch und spielte Trompete im Schulorchester. Das reichte ihr damals, um in ihm einen einzigartigen, zu Großem bestimmten Menschen zu sehen.
Vier Wochen später hatte sie dann allerdings auch gewusst, dass er Angst vor Spinnen und eine unappetitliche Neigung zu latentem Mundgeruch hatte und außerdem heimlich die Wäschekataloge seiner Mutter studierte.
Während sie die Treppe zur Metrostation Hunts Point Avenue hinunter hastete, drückte sie immer wieder die Wiederholungstaste.
»Komm schon, Jacky, geh dran!«, murmelte sie und schüttelte sich dabei das Wasser aus den Haaren.
Ihre Freundin hatte das Handy ausgeschaltet. Warum hatte sie ihr nicht wenigstens gesagt, wo sie war? Polina überlegte fieberhaft. Heute war Montag. Montagabend war Jacky beim Yoga.
Aber wo, zum Teufel, war die verdammte Yogaschule?
South Bronx, das wusste sie. Hatte Jacky nicht mal die Morris Ave erwähnt? Sie wollte gerade Maryam anrufen und scrollte schon durch ihre Kontakte, da fiel ihr ein, dass Maryam ebenfalls in der Yogagruppe war. Und wenn sie gerade Yoga machte, hatte sie ihr Handy ausgeschaltet.
Vielleicht war Jacky heute gar nicht zum Yoga gegangen. Sie hatte so aufgeregt geklungen, so gehetzt.
Die Linie 6 fuhr ein, die Türen öffneten sich. Polina stieg ein und kauerte sich auf einen Einzelsitz am Fenster.
Die Bahn fuhr an. Polina starrte auf die Tunnelwände, die immer schneller vorbeiflogen. Manche waren mit Graffiti beschmiert. Bei diesem Tempo flossen die Formen ineinander und rissen die Bilder in bunte Fetzen.
»Ich hab ihn gesehen!«
Jackys Stimme kroch wie ein Wurm durch ihren Kopf. War das überhaupt möglich? Sie kannte ihn doch gar nicht. Oder war das Ganze nur ein Missverständnis? Hatte sie jemand ganz anderen gemeint? Und nur sie, Polina Cole, hatte gleich an ihn gedacht.
Den Mann, der ihre Zwillingsschwester getötet und ihr eigenes Leben in eine einzige Hölle verwandelt hatte.
Plötzlich kreischten die Bremsen, und nach wenigen Yards blieb die Bahn stehen.
Polina fuhr zusammen, sofort begann ihr Puls zu rasen. Sie zwang sich, gleichmäßig zu atmen, was ihr alles andere als leichtfiel. Gleichzeitig begann das Zittern. Es stieg von unten nach oben. So fest sie konnte, presste sie die Kiefer aufeinander, damit man das Klappern ihrer Zähne nicht hörte.
Dann ging das Licht aus.
Einige Fahrgäste stöhnten genervt auf.
Und Polina befand sich plötzlich wieder unter dem finsteren Grabhügel am Serpent Mound, Ohio. Sie roch den feuchten, schweren Lehmboden, sah die magischen und irgendwie bedrohlich wirkenden Ornamente, die in die Wände getrieben waren.
Und hörte die markerschütternden Schreie ihrer Zwillingsschwester, die unter dem angrenzenden Grabhügel brutal vergewaltigt wurde.
Es war das Letzte, das sie von Mandy hörte.
Plötzlich flackerte die Deckenbeleuchtung, das Licht ging wieder an.
Polina sah das Blut an ihrer linken Hand. Sie hatte sich mit dem rechten Daumennagel den Handballen aufgeritzt. Unauffällig zog sie ein Taschentuch aus der Tasche und wickelte es um die Wunde.
Ein Ruck ging durch den Waggon, die Bahn setzte sich in Bewegung und nahm langsam wieder Fahrt auf.
Immer noch am ganzen Körper zitternd, griff Polina nach ihrem Handy. Sie musste es mit beiden Händen halten. Sie drückte die Wiederholungstaste.
»Geh dran, Jacky! Verdammt noch mal, geh endlich dran!«
Die Automatenstimme blieb ungerührt bei ihrer Aussage. »The person you are calling is temporarily not available.«
Sie tippte Yogaschulen in die Suchmaschine. Es gab mehr als tausend. Als sie Morris Avenue dazusetzte, landete sie einen Treffer.
An der Station 138th Street und Third Avenue stieg sie um und fuhr weiter zur Grand Concourse. Als sie die Stufen aus dem Metroschacht nach oben nahm, regnete es immer noch.
Jackys Yogaschule lag zwei Blocks entfernt in einer ehemaligen Produktionshalle, die vor einigen Jahren kernsaniert und in schicke Lofts parzelliert worden war.
Der junge Mann, den sie im Treppenhaus nach dem Anfängerkurs fragte, trug weite weiße Leinenklamotten und hatte seine langen Haare zu einem coolen Dutt geflochten. Er musterte Polina mit einer Mischung aus Mitleid und Ekel. Sie war mittlerweile völlig durchnässt und stand im Nu in einer Pfütze Regenwasser.
»Zweiter Stock, erste Tür links.«
Sie hastete die Treppen hoch, rutschte aus und fiel der Länge nach auf die glatten Marmorfliesen. Sofort rappelte sie sich auf und wandte sich hinter der Glastür nach links.
Mit einem Ruck riss sie die Tür auf.
Zwölf junge Frauen saßen mit geschlossenen Augen im Lotussitz auf ihren Yogamatten, eingehüllt in einen sanften Klangteppich von Good-Vibe-Musik. Keine einzige von ihnen zuckte auch nur mit der Wimper.
Polina erkannte Maryam. Jacqueline war nicht dabei.
Leise schloss sie die Tür. Auf der anderen Seite des Flurs entdeckte sie eine Toilette. Sie nahm sich eine Handvoll Papierhandtücher aus dem Spender und trocknete notdürftig ihre Haare.
Dann stützte sie sich mit beiden Händen auf das Waschbecken und starrte mit großen Augen auf ihr Spiegelbild.
»Wer bist du?«, murmelte sie verloren. »Bist du Polina? Bist du Mandy? Wer bist du? Sag es mir!«
Phil und ich saßen an einem kleinen quadratischen Tisch im hinteren Teil des Restaurants Woo Chon, wobei Restaurant eine ausgesprochen ambitionierte Bezeichnung für diese heruntergekommene koreanische Imbissbude war, deren Form an ein chinesisches Essstäbchen erinnerte.
Vor meinem Partner stand ein Teller mit zylinderförmigen Reisküchlein, die lustlos in einer scharfen Soße schwammen. Ich hatte mich für gekochte Glasnudeln entschieden, unter die verschiedene...
| Erscheint lt. Verlag | 14.6.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7517-8119-6 / 3751781196 |
| ISBN-13 | 978-3-7517-8119-0 / 9783751781190 |
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