Rockerpräsident, Bürgermeister und Staatsdiener (eBook)
224 Seiten
NOVUM VERLAG
978-3-7116-0587-0 (ISBN)
1 Rockerpräsident, Bürgermeister und Staatsdiener
Es ist wirklich kein Buch, das in die heutige Zeit passt. Es ist gewalttätig, sexistisch, arrogant, angreifend, maßlos und überheblich, aber auch ehrlich, bedingungslos und loyal!
„Es zählt nur das, was wir in den Erinnerungen
der Menschen und Tiere unserer Zeit hinterlassen.
Nur daran werden wir gemessen,
nur das macht uns und unser Leben aus.“
Für alle, die vor uns gegangen sind, dFzG …
Es war gegen neunzehn Uhr in einem völlig verqualmten Kellerraum in Bienenbüttel, der Keimzelle der Brenner. Ronny, Zottel und ich waren eingeladen bei einem Motorradclub, kurz MC, vorzusprechen. Ich trug eine beige Hose und mir wurde sehr schnell klar, dass die Wahl der Bekleidung nicht die beste war, was Walter mir mehr als eindrücklich erklärte. In der Szene trägt man immer ein freundliches und helles Schwarz.
Wir wurden uns schnell einig, da man sich auch schon flüchtig kannte. Wir waren immer schon zu dritt auf Treffen unterwegs und ein wenig kannten wir die Szene seit Längerem. Wir waren nun Prospects eines MC, der höchsten Kategorie in der Welt von Bikern und Rockern. „Prospect“ heißt „Anwärter“ und wird insofern kenntlich gemacht, als dass er nicht alle Teile des Colours oder auch Farben des betreffenden Clubs auf dem Rücken tragen darf. Die weiteren Aufnäher muss man sich mit der Zeit verdienen und in diesem Club war und ist es wohl bis heute so, dass hundert Prozent für eine Beförderung stimmen müssen. Als Prospect oder auch in der noch darunter liegenden Gruppe der Hangarounds oder gar der Supporter hat man nur Dienste zu erfüllen, aber es wurde nicht ganz so eng gesehen, was nicht überall so ist, wie ich noch schildern werde.
Die Brenner in voller Besetzung in ihrer zweiten Heimat,
dem „Unteren Krug“ zu Ebstorf
Es ging jetzt auf das erste Treffen mit Kutte nach Barum bei Lüneburg. Ein denkwürdiger Abend, wo Toddi bereits nach zwei Stunden auf der Bühne müde war und auf einem Stuhl schlief, Douzer versuchte auf der Tanzfläche, anderen Tänzern vor das Schienbein zu treten, was aber aufgrund seiner bescheidenen Körpergröße nicht zu irgendwelchen Reaktionen führte. Im weiteren Verlauf nahmen Ronny und ich ihn über die Schulter und verbrachten ihn in das Auto. Schmy erklärte mir nachdrücklich, dass Frauen für mich in der Anfangszeit tabu sind – warum auch immer das so sein sollte, hat er mir nie erklärt.
Es folgten noch andere Anekdoten, aber das sind Details, die unter Verschluss sind. Überhaupt war es fast immer so, dass ich nüchtern war und meistens auch gefahren bin. Das bedeutet natürlich auch, dass ich so ziemlich alles Erlaubte und Nicht-so-Erlaubte mitbekam, was auch den ein oder anderen Flirt und mehr betraf. Aber es muss sich hier keine und keiner Sorgen machen, diese Dinge sind nicht Gegenstand dieser Zeilen, sondern das Beschreiben einer außergewöhnlichen Zeit, die die Generation „Z“ vermutlich nicht überlebt hätte. Auch geht es hier darum, aufzuzeigen, dass alle irgendwo Mütter, Väter und Kinder sind, egal ob Biker, Politiker, Clanmitglieder oder einfach nur Bürgerinnen oder Bürger. Ich bin weder ein vollwertiger Politiker noch war ich der Vorzeigebiker, das sieht man auch daran, dass ich versucht habe fünfmal den Bikerfilm „Born to be Wild“ zu schauen, aber es bis heute nicht geschafft habe – der Film ist mir einfach zu langweilig. Genauso verhält es sich bei der Serie „Sons of Anarchy“: Wer tatsächlich damals bei uns dabei war, weiß, wie klischeebehaftet die Serie ist. Ich habe eineinhalb Folgen gesehen, herzhaft gelacht, auch die hätten die Brennplatte und anderes zu unserer Zeit nur eingeschränkt überlebt. Als ich kürzlich einen Beitrag über diese Serie mit einem gähnenden Smiley bedachte, hat ausgerechnet der Schauspieler, der den Sergeant gespielt hat, meinen Smiley gelikt. Ich war begeistert.
So gingen ein paar Monate ins Land und irgendwann wurden wir Vollcolour, das bedeutete, es stand eine Kuttentaufe an. Meine sollte bei den Moskitos MC nahe Hannover stattfinden. Gesagt, getan, ich durfte einen Teil meiner Bekleidung ausziehen und flog von vier Männern geschleudert aus dann ca. zwei Meter Höhe in eine Kuhle von sehr weichem Schlamm, in dem ich vollends unterging und den ich noch Tage später überall wiederfand. Ein befreundeter Biker und seinerzeit Präsident gab mir ein paar Münzen für die Dusche des angrenzenden Schwimmbades, wo ich dankbar duschte. Es brachte aber nicht wirklich etwas.
Es war auch der Tag, wo ich Trez Bien – heute hat er einen anderen Namen – von den Wanderratten MC kennenlernte. Er hielt mich anfangs für eine Art juristischen Beistand der Brenner, was wir aber bei ein, zwei Bier wieder relativieren konnten. Nunmehr kennen wir uns über fünfundzwanzig Jahre, sind einige Male zusammen Ski gefahren, haben aber immer hart gefeiert und prima geredet. Als er von dem Buch hörte, kommentierte er das mit fragenden Smileys. Überzeugt sieht sicher anders aus.
Nachdem Henning und Arne sich auf dem Treffen der Moskitos ihre übliche brüderliche Rauferei geliefert hatten, gingen wir in die Zelte und schliefen. Beim Hellwerden staunten wir nicht schlecht, als die gesamte Straße voller bewaffneter Polizei stand. Maschinenpistolen und anderes wurde zur Schau gestellt. Irgendwer hatte am letzten Abend versucht, irgendeinem anderen ein Messer in den Hals zu stechen, war aber nunmehr auf der Flucht. Wir wurden alle befragt, wir hatten tatsächlich nichts gesehen. Da der Gesuchte lange, schwarze Haare hatte, musste Arne natürlich zur Gegenüberstellung, wurde aber dann, wie wir anderen auch, nach Hause entlassen.
Der Betroffene hat überlebt, der Schuldige, kein Biker oder Rocker, wurde gefunden und bestraft, die Schlagzeile „Mordversuch auf Rockertreffen“ war ja klar.
Ähnlich wie bei einem Treffen in der Nähe von Gifhorn. Dort waren wir auch zum Treffen und dort wurde eine Frau mehr als bedrängt. Wir suchten und wir fanden den Täter, riefen natürlich die Polizei, die einen dann mehrfach aus Versehen gestürzten Täter, aus dem familiären Umfeld der Frau stammend, lächelnd übernahm. Den Rettungswagen hatten sie vorsichtshalber gleich mitgebracht, halt Erfahrungswerte mit uns.
Die Presse berichtete wieder mal nur von einem ekelhaften Vorfall auf einem Bikertreffen. Es war einfach zum Kotzen, alle fanden uns schlecht und kriminell, wechselten die Straßenseite und fanden uns asozial. In der Zeit, wo ich in der Szene unterwegs war, habe ich tatsächlich nie gehört oder erfahren, dass irgendeiner dieser Männer seine Frau oder seine Kinder geschlagen hat; und wie oft das sonst so in der Bevölkerung passiert, muss ich keinem erklären, im Dienst ist das Tagesgeschäft.
Bezeichnend war auch mein Eintritt in die Politik. Ich wurde seinerzeit gewählt, war Präsident eines „Rockerclubs“ und nun auch ein Ratsherr.
Um mich mit der zivilisierten Gesellschaft, ohne meinen Intellekt zu überfordern, in Kontakt zu bringen, rief mein Fraktionsvorsitzender bei einer großen Volkspartei an und versuchte eine Verbindungsperson zu organisieren. Es kam eine junge, hochschwangere Frau. Ich wusste von nichts und wir sollten gemeinsam zu einem Interview fahren. Sie stieg in meinen Wagen, einen schwarzen Volvo V 70, mit schwarzen Scheiben, Scheinwerfern, Blinkern und Felgen, in Ebstorf auch der Leichenwagen genannt. Einzig das „MC Brenner 83“ auf der Heckscheibe war weiß und wir fuhren los. Wie sie mir kürzlich erzählte – sie ist meine Handballspartenleiterin im TuS Ebstorf –, riefen umgehend diverse besorgte Bürger und Bürgerinnen bei ihrem Mann an, berichteten in blumigen Farben, was ich wohl alles mit ihr anstellen würde. Unfassbar.
Genau wie einige Kinder. Ich war gerade in unserer Wohnung beim Bügeln – mein Sohn und ich wohnten dort alleine – und ich hörte, wie sie draußen auf der Straße spielten. Beim Spielen kamen sie wohl etwas näher an meinen Leichenwagen und der eine rief panisch: „Fass den nicht an! Das Auto gehört dem Rockerchef aus Vinstedt. Der macht dich tot!“ Ich weiß bis heute nicht, warum Menschen ihren Kindern so einen Scheiß erzählen und sicher auch selber glauben.
Damals sagten wir zu solchen Leuten: „Los, ab mit deinen weißen Socken aufs Sofa, schau ‚Wetten, dass …?‘ und geh sterben.“
Frühstück wie sich das gehört
Ja, von vorne waren sie alle nett und freundlich zu uns, aber hinter dem Rücken ging das ab, Gerüchte über Gerüchte und viele brüsteten sich auch damit, uns oder mich zu kennen. Stimmte fast nie. Eine ähnliche Geschichte begab sich in der Uelzer Kneipenszene, wo ich mich mit einem sogenannten Clanmitglied und seiner Sicherheit getroffen habe. Die Sicherheit war nicht für ihn, sondern für die Außenwelt, er war sehr leicht reizbar.
Wir hatten uns durch dienstliche Notwendigkeiten – er wollte Ratenzahlung für seine Kostenrechnung beantragen, die ich milde lächelnd ablehnte – kennen und schätzen gelernt, da sein Sohn auch auf die Schule meines Sohnes ging. Die Security des Lokals kam zu uns an den Tisch und erzählte, dass die eben geschilderte Person, die natürlich direkt vor mir saß, bald kommt. Er würde diese kennen, und wenn etwas wäre, sollte ich was...
| Erscheint lt. Verlag | 14.5.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Biografie • Geschichte • Heiko Senking |
| ISBN-10 | 3-7116-0587-7 / 3711605877 |
| ISBN-13 | 978-3-7116-0587-0 / 9783711605870 |
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