Das Schicksal der besseren Schwester (eBook)
208 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-8775-9 (ISBN)
Martina Naubert wurde 1960 in Kanada geboren, wuchs in Neumarkt i.d.Opf auf und verbrachte dort viele Jahre. Sie lebte mehrere Jahre in Kanada und Frankreich, kehrte zurück in die Oberpfalz und siedelte 2010 nach Italien über, wo sie heute mit ihrer Familie lebt. Während ihrer Ausbildung in Transaktionsanalyse, die ihre Arbeiten nachhaltig beeinflusst, beschäftigte sie sich intensiv mit der eigenen Familiengeschichte. Neben Romanen schreibt sie Märchen für Erwachsene auf Basis der TA.
Heimlichkeiten
Ida und ihre Schwester Martha in Lausanne, 1916
Ein Foto aus glücklichen Tagen: Ida Heym (links), Martha Heym (rechts), leibliche Mutter Frieda Heym, geb. Brand, Fribourg, Schweiz, 1909;
„Ich muss dir ein Geheimnis anvertrauen!“
Martha streckte sich der Länge nach in der Sonne aus. Sie räkelte sich wie eine Katze auf einem weichen Fell. Endlich ein wenig Sommerwetter! Es war die reinste Wohltat für die Glieder.
Das Jahr 1916 war nicht nur wegen der großen Kriegsschlachten und des Todes des Österreichischen Kaisers Franz Josef außergewöhnlich, sondern auch aufgrund der klimatischen Bedingungen.
Es hatte beträchtlich und häufig geregnet, unbefestigte Straßen hatten sich längst in Schlammpfade verwandelt, gepflasterte waren deswegen ebenfalls völlig verdreckt, so dass man kaum noch trockenen Fußes irgendwo hingehen konnte. Die Situation an den Kriegsfronten konnten sich die Angehörigen zu Hause entsprechend ausmalen.1
Martha atmete noch heftig von der körperlichen Anstrengung. Sie waren quer durch den See gekrault, bis hin zur hölzernen Badeplattform, die wie das Blatt einer Seerose in einigem Abstand zum Ufer im Gewässer verankert ruhte. Normalerweise schwammen hauptsächlich junge Männer dorthin, aber die waren jetzt, hier in der neutralen Schweiz, umgeben von sich bekriegenden Ländern, mit Grenzsicherung beschäftigt. Auch ihr um ein Jahr älterer Bruder Achilles hatte sich zu diesem Dienst gemeldet. Als in der Schweiz geborene Staatsbürger waren die beiden Schwestern oft bei ihrer Tante in Lausanne, selbst wenn sie jetzt in Deutschland lebten, wo Vater Heym im beschaulichen Neumarkt in der Oberpfalz eine gutgehende Brauerei führte.
Frauen wagten sich jedenfalls kaum hinaus auf das Wasser bis an diese Stelle. Doch Martha und Ida waren schon immer gute Sportlerinnen gewesen. Für sie war es eine Kleinigkeit, diese Entfernung im kühlen Nass zurückzulegen. Allerdings achteten sie stets darauf, dass auch wirklich niemand sonst dort war. Das gehörte sich nicht.
Ida rollte auf den Bauch und hob neugierig den Kopf.
„Nun mach es doch nicht so spannend!“, drängte sie, als Martha nach ihrer so geheimnisvollen Ankündigung noch immer schwieg.
Die Jüngere wendete sich ebenfalls um, rutschte näher an ihre Schwester heran, als riskiere sie, dass fremde Ohren mithören konnten, was bei der Entfernung zum Ufer unmöglich war. Sie stützte den Kopf in die Hand. Ihre hellen Haare, die selbst in nassem Zustand noch golden schimmerten, hingen ihr wirr um den Kopf. Sie lächelte Ida an. Ihre Augen leuchteten geradezu. Dann sprach sie, als verkünde sie eines der zehn Gebote in völlig neuer Fassung.
„Ich habe mich verlobt!“
Ida fühlte, wie ihr Herz für einen Moment einen Schlag auszusetzen schien. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken und das lag nicht an einem Windhauch, der die Nässe auf ihrer Haut vielleicht gekühlt hätte. Sie hatte gewusst, dass Martha einen jungen Mann namens Heinrich getroffen hatte. Heimlich. Seit ihrem Kennenlernen im Lazarett, wo Martha und Ida seit Kriegsbeginn arbeiteten. Während Ida nur hin und wieder ehrenamtlich in der Küche des Lazaretts aushalf und somit nur wenig Verbindung zum Alltag in der Krankenstation hatte, fand sich Martha als angehende Operationsschwester tagtäglich mit den harten Anforderungen konfrontiert, die die Verwundeten und Kranken an das medizinische Personal stellten. Eines Tages war auch Heinrich in diesem Umfeld aufgetaucht. Der Krieg kommandierte jede helfende Hand dorthin, wo man sie brauchte und so war auch der Medizinstudent Heinrich von seiner Heimatstadt Augsburg in das kleine Lazarett in Neumarkt geschickt worden.
Martha hatte ihrer Schwester ihre Gefühle früh gestanden und ihr nächtelang von ihrem Heinrich vorgeschwärmt. Sie sinnierte oft darüber, wie paradox das Schicksal doch war, dass ein so schrecklicher Krieg eine so schöne Begegnung herbeiführen konnte. Beinahe hätte sich auch Ida in dieses von der Schwester heraufbeschworene perfekte Wunschbild eines Mannes verliebt, so sehr hatte sie stets seine Vorzüge gepriesen.
„Jedoch“, fuhr Martha schon fort, bevor Ida überhaupt eine Reaktion auf diese Neuigkeit zeigen konnte, ob nachdenklich oder nur erfreut, darüber war sie sich noch gar nicht im Klaren, denn es gab Gründe genug, dieser Entwicklung mit Sorge gegenüber zu stehen. „Wenn da nur nicht diese Sache wäre!“
Ja, die Sache. Ida wusste sofort, was ihre Schwester meinte. Heinrich war das, was man gemeinhin eine gute Partie nannte. Er war angehender Arzt, wohlerzogen, sprach fließend Französisch, wie es sich für einen Spross aus gutem Hause gehörte, und war dazu sogar recht ansehnlich. Groß, blond, mit schlauem, ein wenig schelmischem Blick in den braunen Augen, der einen regen Geist hinter der Stirn versprach. Und er war sportlich. Am Schönsten waren an ihm jedoch seine langen Finger, die einem Klavier die wundervollsten Melodien entlocken konnten. Ida hatte ihn selbst nie spielen hören, aber sie war mit einer lebhaften Fantasie gesegnet und in der Lage, sich die Melodien so gut vorstellen zu können, dass sie sie beinahe als Hintergrunduntermalung zu Marthas Schilderungen zu hören glaubte. Was konnte sie ihrer Schwester mehr an Glück wünschen? Wenn da nur nicht diese Sache wäre.
Badende um 1920
Die Bademode wurde als gewagt betrachtet, erlaubte Frauen jedoch endlich sportliches Schwimmen
Ida hatte die abendlichen Stunden mit ihrer Schwester, die Erzählungen über Spaziergänge, über harmlose Liebkosungen und Berührungen der Hände wie die Erzählung von Märchen genossen. Sie hörte gerne, was Martha ihr über ihre Gespräche mit Heinrich berichtete. Tiefgehende Gedanken, philosophischer Austausch und Erörterungen von Glaubensfragen. Sogar Dinge der Medizin hatte Heinrich ihr erklärt und in Martha damit den Wunsch geweckt, ebenfalls dieses Fach zu studieren. Deshalb hatte Martha sich als Operationsschwester im örtlichen Lazarett, zu Hause in Deutschland, ausbilden lassen, das seit einiger Zeit hauptsächlich mit Kriegsverwundeten überfrachtet wurde. Ida nahm an diesem Glück ihrer Schwester und auch ein wenig am Unglück der Welt durch diese Geschichten teil. Es war, als wäre sie wie ein Schatten in deren Arbeit im Notlazarett, doch viel mehr bei den versteckten Spaziergängen dabei, als nähme sie an dem Gedankenaustausch teil, als wäre sie ein Splitter dieser Liebe. Martha hatte sie mitgenommen. Die Sache, ja die, die hatten sie beide, die Erzählerin und die Lauscherin der Träumerei, einfach beiseitegeschoben. Und so lange sie nur Träumereien nachgehangen waren, war das nicht weiter tragisch gewesen. Doch eine Verlobung war etwas ganz Reelles und damit durfte diese Sache nun nicht länger ignoriert werden.
„Weiß Papa denn schon davon?“ Wenn die Töchter über familiäre Angelegenheiten redeten, benannten sie ihren Vater stets mit dem französischen Titel, so, wie sie es von ihrer Tante gelernt hatten, dem respektvollen, langgezogenen „Papaaa“. Persönlich dagegen sprachen sie ihn, wie es sich geziemte, mit „Vater“ und in der Höflichkeitsform an.
Martha setzte sich auf und schlang die Arme um ihre angewinkelten Knie: „Nein. Noch nicht. Aber nach unseren Ferien werde ich es ihm sagen.“
Ida richtete sich ebenfalls auf und nahm unwillkürlich dieselbe Haltung ein. Sie folgte Marthas Blickrichtung über das glitzernde Wasser hinüber zum Ufer, von wo sie gekommen waren, wo sich einige Mütter mit Kindern und ein paar ältere Männer in getrennten Badezonen tummelten. Im Hintergrund lärmte die Stadt und trug das Geräusch über das Wasser bis zu ihnen. Die Stille der blauschimmernden Berge lag in ihrem Rücken, auf der anderen Seite des Genfer Sees.
„Er wird Heinrich mögen.“ In Marthas Stimme schwang ein Hauch von Zweifel mit. Es klang, als wollte sie vor allem sich selbst mit diesen Worten überzeugen. Sie schien es nicht einmal hier, mitten auf dem See, in dieser intimen Situation, alleine mit ihrer Vertrauten, umgeben von sanfter Natur, zu wagen, laut auszusprechen, was dieses Glück so sehr bedrohte.
Also musste es Ida tun. Vorsichtig. Denn Martha war, was das betraf, bisher verhältnismäßig geschont davongekommen. Sie ahnte nicht einmal, worauf sie zusteuerte.
„Das schon“, gab Ida zu bedenken, „aber wird das genügen?“
Heinrich war überzeugter Katholik und die Tatsache, dass ihr Vater ein mindestens ebenso, wenn nicht noch überzeugterer Protestant war, bescherte eine einigermaßen delikate Situation. Im Grunde war Ida tief in ihrem Inneren davon überzeugt, dass dies ihrem Vater zwar eine große Betrübnis sein, er dem Wunsch seiner Lieblingstochter aber letztendlich nachgeben würde. Er hatte Martha noch nie etwas verwehren können. Mit ihrem intelligenten Charme hatte sie ihn immer um den Finger wickeln können. Die wahre Gefahr in dieser Angelegenheit war seine Frau, wie immer in allen Dingen, die Ida und Martha betrafen. Ihre Stiefmutter ließ nichts...
| Erscheint lt. Verlag | 18.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-7693-8775-9 / 3769387759 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-8775-9 / 9783769387759 |
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