Der kleine Buddha und der Sinn des Lebens (eBook)
128 Seiten
Verlag Herder GmbH
978-3-451-83945-0 (ISBN)
Claus Mikosch wurde Mitte der siebziger Jahre in Mönchengladbach geboren. Nach dem Abitur ist er mit großer Leidenschaft durch die Welt gereist, bevor er über Indien und England in Andalusien gelandet ist. Heute pendelt er als Autor und Filmemacher zwischen Deutschland und Spanien. Mit seinen Büchern über den sympathischen kleinen Buddha ist ihm ein außergewöhnlicher Erfolg gelungen. Inzwischen sind sechs Bücher in der beliebten Reihe erschienen, das letzte im September 2023: 'Der kleine Buddha und die Sehnsucht nach Frieden'. Mehr Infos: www.clausmikosch.com
Claus Mikosch wurde Mitte der siebziger Jahre in Mönchengladbach geboren. Nach dem Abitur ist er mit großer Leidenschaft durch die Welt gereist, bevor er über Indien und England in Andalusien gelandet ist. Heute pendelt er als Autor und Filmemacher zwischen Deutschland und Spanien. Mit seinen Büchern über den sympathischen kleinen Buddha ist ihm ein außergewöhnlicher Erfolg gelungen. Inzwischen sind sechs Bücher in der beliebten Reihe erschienen, das letzte im September 2023: "Der kleine Buddha und die Sehnsucht nach Frieden". Mehr Infos: www.clausmikosch.com
Der schnelle Wanderer
Ein letzter Blick zurück zum alten Bodhi-Baum, dann hatte seine Reise endgültig begonnen. Der kleine Buddha freute sich auf das, was vor ihm lag. Aber er war auch ein bisschen nervös, denn er wusste ja nicht, was ihn erwartete. Das Unbekannte konnte Angst machen, aber es gehörte für ihn zu jeder Reise dazu. Mehr noch: Es war ein nicht wegzudenkender Teil des Lebens. Denn wie seltsam wäre jeder Tag, wenn jeder Schritt eines Weges bereits beim Losgehen bekannt sein würde.
Schon bald erreichte der kleine Buddha die ihm wohlbekannte Kreuzung, nicht weit von seinem Zuhause entfernt. Über die Jahre hatte er jede Richtung ausprobiert, war in den Norden, in den Süden und gen Osten gegangen. Er blieb mitten auf der Kreuzung stehen, so wie er es fast jedes Mal tat, wenn er hier vorbeikam und kein klares Ziel hatte. Langsam ließ er seinen Blick umherwandern und dachte nach. Im Osten lag die große Stadt, dort wollte er dieses Mal aber nicht hin. Im Norden befand sich das majestätische Gebirge, im Süden der weite Ozean – beides Orte, die er schon vor langer Zeit in sein Herz geschlossen hatte und die ihn nun mit sanfter und einladender Stimme riefen. Die Frage war also: Berge oder Meer?
Der kleine Buddha schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Beide Möglichkeiten fühlten sich gut an und somit hatte er das Glück, dass er eigentlich keine schlechte Wahl treffen konnte. Doch ob eine Wahl gut oder schlecht war, würde sich ohnehin erst später zeigen. Der scheinbar einfachste Weg konnte zu einem Albtraum werden, genauso wie ein holpriger Pfad ins Paradies führen konnte. Daher war es wohl am besten, sich nicht allzu lange mit der Entscheidung aufzuhalten. Egal, was er wählen würde, das Leben würde ihn so oder so überraschen.
Er nahm einen weiteren tiefen Atemzug und glaubte, einen salzigen Windhauch aus südlicher Richtung wahrzunehmen. Ob es eine Einbildung war? Gleichmütig zuckte er mit den Schultern. Es war ein kleiner Stubser, der ausreichte, um eine Entscheidung zu treffen: Der kleine Buddha öffnete die Augen und begab sich auf den Weg in Richtung Meer.
Den ganzen Nachmittag spazierte er an Feldern und Wiesen vorbei. Er war schon oft durch diese leicht hügelige Gegend gewandert und kannte sich gut aus. Gleichzeitig lag aber auch etwas Neues in der Luft, als würde er diesen Teil der Welt das erste Mal betreten. Es wäre einfach gewesen, die recht eintönige Landschaft zu ignorieren und nur an sein Ziel zu denken. Doch der kleine Buddha wusste, dass er denselben Weg nie zweimal gehen konnte, da sich immer etwas veränderte. Aufmerksam beobachtete er seine Umgebung und fand überall kleine Kostbarkeiten: einen blauen Schmetterling, den er noch nie gesehen hatte, einen krummen Baumstamm, der eine Geschichte zu erzählen schien, und einen besonders schönen Stein, den er aufhob und eine Weile durch die Hände gleiten ließ. Er lächelte zufrieden: Jede Reise war einzigartig!
Es gab aber auch Zeiten, in denen der kleine Buddha keine Lust verspürte, den Ort zu wechseln. Manchmal saß er tagelang fast regungslos unter seinem Bodhi-Baum und konnte sich überhaupt nicht vorstellen, irgendwann wieder irgendwohin aufzubrechen. Es reichte doch, dachte er dann, wenn sich sein Geist bewegte – warum also nicht einfach bequem sitzen bleiben? Doch wenn er erst einmal den ersten Schritt gemacht hatte, so wie an diesem Tag, dann fühlte er, dass es einfach herrlich war, wieder unterwegs zu sein.
Während er durch ein kleines Waldstück spazierte, führten ihn seine Gedanken zu dem Grund seiner Reise: die Frage nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht, so dachte er, konnte jeder Mensch den Sinn frei wählen, so wie das Ziel einer Reise frei gewählt werden konnte. Er überlegte, wie es wohl bei seinem eigenen Leben war: Welchen Sinn würde er ihm geben wollen?
Er liebte es, zu beobachten – konnte das Beobachten also der Grund seines Daseins sein? Oder ging es darum, anderen zu helfen? Oder vielleicht auch einfach: glücklich zu sein.
Der kleine Buddha hatte noch keine klare Antwort und ging nachdenklich weiter. Nach einer Weile fragte er sich, ob wohl alle Menschen den Luxus hatten, sich über den Lebenssinn Gedanken machen zu können? Wenn jemand in Armut lebte und jeden Moment dafür aufbringen musste, für sich selbst und für die Familie Essen aufzutreiben, dann blieb kaum Zeit für gemütliches Grübeln. Konnte die Sinnfrage also nur gestellt werden, wenn ein gewisser Wohlstand herrschte?
Er blieb ruckartig stehen und blickte hinunter zu seinen alten Sandalen – nein, viel Wohlstand sah er nicht.
Der Weg führte wieder aus dem Wald heraus und der Pfad wurde etwas breiter. Die Frage nach dem Sinn des Lebens konnten sich in der Tat alle stellen, dachte er. Egal, ob arm oder reich. Aber war es überhaupt notwendig, sie zu stellen? Der kleine Buddha war sich nicht sicher. Es war bestimmt nicht schlimm, wenn man nicht über den Sinn des Lebens nachdenken wollte. Aber das Gefühl, dass das Leben Sinn ergab, das brauchte es auf jeden Fall.
Seine Gedanken kreisten weiter um das Thema herum. Ob es jemanden gab, der für die Allgemeinheit entscheiden durfte, was sinnvoll war und was nicht? Was, wenn der Sinn des einen das Leben des anderen zerstörte? Denn ein schrecklicher Tyrann dachte wahrscheinlich auch, dass es sinnvoll war, was er tat. Oder konnte es sein, dass ein Tyrann nur schrecklich war, weil er keinen erfüllenden Lebenssinn gefunden hatte?
Während der kleine Buddha nachdachte und die späte Nachmittagssonne auf seinem Gesicht genoss, hörte er auf einmal Schritte hinter sich. Er drehte sich um und sah einen großen, schlanken Mann auf sich zukommen.
„Sei gegrüßt!“, sagte der Mann im Vorbeigehen. Er war mittleren Alters und hatte auffällig lange Beine, die ihn geschwind über den Weg trugen.
„Hallo“, erwiderte der kleine Buddha, doch der Mann war schon weitergegangen. Also lief er ihm hinterher und grüßte erneut, als er ihn eingeholt hatte.
„Hallo!“
Der Mann lächelte freundlich, ohne sein Tempo zu verringern.
„Warum gehst du so schnell?“, fragte der kleine Buddha. „Hast du es eilig?“
„Eilig? Nein, überhaupt nicht. Ich gehe immer so.“
Der kleine Buddha musste sich anstrengen, um mit ihm Schritt halten zu können.
„Und wohin gehst du?“, hechelte er einen halben Meter hinter ihm.
„Ich bin ein Wanderer. Ich habe kein Ziel.“
„Wie wunderbar!“, sagte der kleine Buddha begeistert. Er selbst wusste zwar, wo er hinwollte, aber wie dem Mann ging es ihm mehr um das Reisen als um das Ziel.
„Und du?“, fragte der Wanderer.
„Ich gehe zum Meer.“
„Herrlich! Da war ich schon oft, ein wirklich großartiger Ort. Leider ist es etwas mühselig, im Sand vorwärtszukommen.“
Der kleine Buddha fand es auch ohne Sand mühselig, so schnell zu gehen. Er war etwas weiter zurückgefallen, kämpfte sich aber mit einigen beherzten Schritten wieder zu ihm heran.
„Bist du schon lange unterwegs?“, wollte er wissen.
„Ja, seit über zehn Jahren.“
„Seit über zehn Jahren?“
„Ganz genau sind es zehn Jahre, acht Monate und … sechsundzwanzig Tage.“
„Und die ganze Zeit wanderst du?“, staunte der kleine Buddha. „Ohne Pause?“
Der Wanderer nickte.
„Und was war der Grund, warum du damals losgegangen bist?“
„Ich hatte eine Arbeit, bei der ich jeden Tag am selben Ort die gleiche Tätigkeit ausüben musste“, begann der Wanderer zu erzählen. „Ich habe mich gefangen gefühlt und mich nach Freiheit gesehnt. Als es immer schlimmer wurde, habe ich irgendwann mein ganzes Erspartes genommen und bin weg. Ich wollte die Welt entdecken!“
Der kleine Buddha bewunderte den Mut und die Entschlossenheit, die nötig gewesen waren, damit der Mann sein Leben hatte ändern können. Und außerdem freute er sich, direkt zu Beginn seiner Reise einen Gleichgesinnten getroffen zu haben. Denn auch der kleine Buddha wollte stets die Welt und das Leben entdecken.
Inzwischen hatte er sich so gut es ging an den schnellen Rhythmus des Mannes angepasst. Gemeinsam gingen sie nebeneinander den Pfad entlang, Schritt für Schritt durch die Gegenwart.
„Seitdem ich unterwegs bin“, sagte der Wanderer nach einer Weile, „verfolge ich zwei Grundregeln. Es klappt nicht immer, aber ich versuche, mich an beide zu halten.“
Er räusperte sich, während ihn der kleine Buddha gespannt und erwartungsvoll ansah.
„Die erste Regel lautet: Keinen Plan haben! Ich stehe auf und gehe los. Das ist alles.“
„Und die zweite Regel?“
„Nicht jammern!“
Sie lachten. Der kleine Buddha mochte die zweite Regel fast noch lieber als die erste. Aber obwohl sich beide Regeln unglaublich einfach anhörten, wusste er, dass es schwierig sein konnte, sie in die Tat umzusetzen. Es konnte große Angst machen, jegliche Pläne loszulassen und nur dem Moment zu vertrauen. Und vor allem das Jammerverbot war eine Herausforderung. Es gab im Leben so viele Möglichkeiten,...
| Erscheint lt. Verlag | 13.10.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| Sonstiges ► Geschenkbücher | |
| Schlagworte | Achtsamkeit • Buddhismus • Freude • Gelassenheit • Glück • Halt suchen • Herz-Spiritualität • Lebenssinn • Spiritualität • Spirituelle Lebensgestaltung • Weisheiten |
| ISBN-10 | 3-451-83945-8 / 3451839458 |
| ISBN-13 | 978-3-451-83945-0 / 9783451839450 |
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