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Die Gejagte | Der fesselnde Kriminalthriller vor der atmosphärischen Kulisse Irlands (eBook)

Niemand entkommt der Vergangenheit

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025
345 Seiten
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH (Verlag)
978-3-69090-054-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Gejagte | Der fesselnde Kriminalthriller vor der atmosphärischen Kulisse Irlands - Stuart Neville
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Eine eiskalte Jagd durch Belfast – und sie muss um ihr Leben laufen
Die actionreiche Thriller-Reihe um Jack Lennon geht aufregend weiter

Was als Hoffnungsschimmer beginnt, wird für Gayla zum Albtraum: Statt eines sicheren Jobs, gerät sie in einen tödlichen Konflikt mit der litauischen Mafia. Die Männer, die sie nach Belfast gelockt haben, wollen sie zum Schweigen bringen – endgültig. 

Arturas Strazdas hat nie gezögert, sich zu nehmen, was er will. Jetzt ist sein Bruder tot – und er will nur eines: Vergeltung und die die dafür verantwortlich sind müssen sterben.

Detective Inspector Jack Lennon wollte nur ein ruhiges Weihnachtsfest mit seiner Tochter. Doch als die ersten Leichen auftauchen, wird klar: In Belfast tobt ein erbarmungsloser Krieg, und eine Frau rennt um ihr Leben. Lennon muss sie finden, bevor es die Männer tun, die nichts mehr zu verlieren haben.

Erste Leser:innenstimmen
„Die düstere Atmosphäre Belfasts, die skrupellose Mafia und eine Frau, die um ihr Leben kämpft – einfach grandios!“
„Ein meisterhaft geschriebener Thriller mit einem Ermittler mit Ecken und Kanten und einer spannungsgeladenen Handlung.“
„Nicht nur Spannung pur, sondern auch eine eindringlicher Kriminalthriller über Macht, Rache und Überlebenswillen.“
„Realistisch, brutal und im aufregenden Setting von Irland – dieser Polit-Thriller ist nichts für schwache Nerven.“



<p>Stuart Neville, geboren 1972 in Armagh/Nordirland, hat sich in vielen Berufen versucht: Er war B&auml;cker, Musiker, Komponist, Verk&auml;ufer und Hand-Double f&uuml;r einen irischen Schauspieler. Er gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thrillerautoren Nordirlands. Im Aufbau Taschenbuch erschienen von ihm: <i>Die Schatten von Belfast</i>, <i>Blutige Fehde</i>, <i>Racheengel</i>, <i>In ewiger Ruhe</i> und <i>Der vierte Mann.</i></p>

<h2>TEIL 1 GAYLA</h2> <h2>1</h2> <p>Hei&szlig;es Blut auf ihren H&auml;nden. Rot. Das leuchtendste Rot, das Galya je gesehen hatte. Ihr Kopf kippte zur Seite, und pl&ouml;tzlich sah sie nur noch in einen schwarzen Tunnel.</p> <p>Nein, jetzt nur nicht ohnm&auml;chtig werden.</p> <p>Sie keuchte, holte gierig Luft und nahm den kupfernen Geruch wahr, der ihr sofort wie eine Faust auf den Magen schlug. Sie schmeckte Galle im Mund und schluckte.</p> <p>Als sie versuchte, die Glasscherbe herauszuziehen, um deren eines Ende sie als improvisiertes Messer einen Fetzen vom Bettlaken gewickelt hatte, zitterten die Beine des Mannes. Galya schrak zur&uuml;ck. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Sie drehte die Scherbe hin und her und sp&uuml;rte, wie sie tief in seinem Hals an etwas Hartem schabte, dann knackte es. Die Klinge glitt aus dem zweiten Mund, den sie dem Mann unterm Kinn eingeschnitten hatte. Hellrotes Blut blubberte heraus, verteilte sich auf seinem litauischen Fu&szlig;balltrikot und ertr&auml;nkte das leuchtende Gelb.</p> <p>Galya machte einen Schritt zur&uuml;ck. Das Blut auf dem Linoleum lief auf ihre nackten F&uuml;&szlig;e zu. Es leckte schon an ihren Zehen, warme K&uuml;sse des Sterbenden, dessen Augen sich schon tr&uuml;bten. Er rutschte an der Wand zu Boden.</p> <p>Aus ihrem Bauch sprang ein Schrei, doch sie presste die freie Hand auf den Mund und fing ihn noch im Mund ab. Die Hand auf ihren Lippen war schmierig, und dann konnte sie es auch schmecken.</p> <p>Ihr drehte sich der Magen um, zwischen ihren Fingern quoll Erbrochenes hervor. Die Beine sackten ihr weg. Wie ein Zug schoss der Fu&szlig;boden auf sie zu.</p> <p>Der L&auml;nge nach lag sie in der hei&szlig;en Pf&uuml;tze. Sie versuchte herauszukrabbeln, aber das Blut auf ihrer nackten Haut war zu glitschig.</p> <p>Erneut kam der Schrei hoch, und diesmal konnte sie ihn nicht unterdr&uuml;cken. Obwohl sie wusste, dass er sie umbringen w&uuml;rde, lie&szlig; Galya ihn entfleuchen wie einen verschreckten Vogel, der aus dem K&auml;fig ihrer Brust entkam.</p> <p>Der Heulkrampf presste ihr den letzten Atem aus den Lungen. Sie rang nach Luft, hustete, rang erneut nach Luft, versuchte, klar zu denken.</p> <p>Sie lauschte &uuml;ber das Rauschen in ihren Ohren hinweg.</p> <p>Nichts zu h&ouml;ren au&szlig;er dem erstickten Blubbern aus der Kehle des Mannes. Dann ein Klopfen an der Schlafzimmert&uuml;r. Tr&auml;nen sch&ouml;ssen ihr in die Augen, die Tr&auml;nen eines ver&auml;ngstigten kleinen M&auml;dchens, aber Galya blinzelte sie weg. Sie war kein kleines M&auml;dchen mehr, schon seit dem Tag nicht, als ihr Vater vor &uuml;ber einem Jahrzehnt gestorben war.</p> <p>Denk nach, denk nach, denk nach!</p> <p>Immer noch hielt sie die gl&auml;serne Klinge in den blutverschmierten Fingern. Die Spitze fehlte, der umgewickelte Stoff war durchtr&auml;nkt. Vielleicht konnte sie die Kerle ja auf Abstand halten. Sie w&uuml;rden ihren toten Freund sehen und wissen, dass Galya ihnen dasselbe antun konnte.</p> <p>Noch ein Klopfen, diesmal lauter. Der T&uuml;rgriff klackte.</p> <p>&raquo;Tomas?&laquo;</p> <p>Angst durchfuhr sie. Nein, mit einer Glasscherbe w&uuml;rde sie die M&auml;nner nicht aufhalten k&ouml;nnen. Wieder drohte ein Weinkrampf. Noch einmal stemmte sie sich dagegen.</p> <p>&raquo;Tomas?&laquo; Die Stimme lallte ein paar weitere Worte. Ein wenig Litauisch konnte sie zwar, aber nicht genug, um die betrunkenen Fragen zu verstehen, die von jenseits der T&uuml;r hereindrangen.</p> <p>&raquo;Alles in Ordnung da drinnen?&laquo; Eine andere Stimme, in dem schroffen, n&auml;selnden Englisch, das in diesem fremden, kalten Land gesprochen wurde. &raquo;Hinterlass blo&szlig; keine blauen Flecken auf dem M&auml;dchen.&laquo;</p> <p>Wie viele waren es? Als sie angekommen waren, hatte Galya sich die Stimmen zu merken versucht. Zwei sprachen Litauisch. Einer davon lag jetzt neben ihr auf dem Boden. Der andere sprach Englisch mit so starkem Akzent, dass sie ihn als Iren identifizieren konnte. Einer der beiden Br&uuml;der, vermutete Galya. Die ganze Woche &uuml;ber hatte sie durch die verschlossene T&uuml;r ihre Gespr&auml;che belauscht und herausbekommen, dass der eine Mark hie&szlig; und der andere Sam. Heute Abend war nur einer der beiden da.</p> <p>&raquo;Tomas?&laquo; Eine Faust h&auml;mmerte gegen das Holz. &raquo;Jetzt h&ouml;r schon auf mit dem Schei&szlig; da drinnen. Wenn du nicht sofort kommst und aufmachst, trete ich die T&uuml;r ein.&laquo;</p> <p>Galya kniete sich hin und dr&uuml;ckte sich hoch. Ein kalter Luftzug f&auml;chelte &uuml;ber ihren nassen Bauch und die Oberschenkel. Das einfache graue Sweatshirt und die Jogginghose, die sie ihr gegeben hatten, lagen auf der Frisierkommode. Sie griff danach und wechselte beim &Uuml;berstreifen die Scherbe von einer Hand in die andere. Sie sp&uuml;rte, wie das Blut auf dem Stoff klebte. Es mochte vielleicht Unsinn sein, aber angezogen f&uuml;hlte sie sich irgendwie sicherer.</p> <p>Bei jedem Schlag vibrierte die T&uuml;r. Dahinter fluchte der zweite Litauer.</p> <p>&raquo;Verdammt noch mal&laquo;, rief der Ire.</p> <p>Galya blinzelte, als die T&uuml;r im Rahmen erzitterte und ihr <i>Wumm!</i> im Schlafzimmer widerhallte. Sie verkroch sich in der hintersten Ecke und hielt das gl&auml;serne Messer ausgestreckt. Noch ein <i>Wumm!</i>, das die Gl&uuml;hbirne &uuml;ber ihrem Kopf schwanken lie&szlig;. Galya dr&uuml;ckte sich noch tiefer in den Winkel. Die Scherbe vor ihren Augen zitterte.</p> <p>Sie betete zu ihrer Gro&szlig;mutter, der Frau, die sie und ihren Bruder stets besch&uuml;tzt hatte, seit sie beide Waisen geworden waren. Solange Galya sich erinnern konnte, war die alte Frau immer ihre Mama gewesen. Jetzt lag Mama Hunderte Kilometer weit weg unter der Erde und konnte ihnen keinen Schutz mehr bieten. Obwohl sie an solche Sachen eigentlich nicht glaubte, rief Galya jetzt Mamas dahingeschiedene Seele an. Sie flehte, Mama m&ouml;ge auf ihre Enkelin herabschauen und sich erbarmen. <i>O bitte, Mama, bitte komm und hol mich hier weg, o bi&hellip;</i></p> <p>Die T&uuml;r flog auf, schlug gegen die Wand und prallte wieder zur&uuml;ck. Der Litauer bremste sie beim Eintreten mit der Schulter ab. Der Ire folgte. Als sie den Toten sahen, blieben sie wie angewurzelt stehen.</p> <p>Der Litauer bekreuzigte sich.</p> <p>Der Ire sagte: &raquo;Ach du Schei&szlig;e.&laquo;</p> <p>Galya dr&uuml;ckte sich noch weiter in die Ecke und machte sich so klein wie m&ouml;glich, als w&uuml;rde niemand sie sehen, solange sie dort hockte.</p> <p>Der Litauer fluchte kopfsch&uuml;ttelnd, seine Augen wurden feucht. Mit seiner gro&szlig;en Pranke wischte er sich &uuml;ber den Mund.</p> <p>&raquo;Mein Gott, Darius, ist er tot?&laquo;, fragte der Ire.</p> <p>&raquo;Sieht aus ja&laquo;, sagte Darius.</p> <p>&raquo;Was machen wir jetzt?&laquo;</p> <p>Darius sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Wei&szlig; nicht.&laquo;</p> <p>&raquo;Schei&szlig;e&laquo;, sagte Sam. Das musste Sam sein, Galya war sich sicher.</p> <p>&raquo;Wir alle tot&laquo;, sagte Darius.</p> <p>&raquo;Was?&laquo;</p> <p>&raquo;Arturas&laquo;, sagte der Litauer. &raquo;Er t&ouml;ten uns beide. Deinen Bruder auch.&laquo;</p> <p>Sam begehrte auf. &raquo;Aber wir haben doch gar nichts &hellip;&laquo;</p> <p>&raquo;Egal. Wir alle tot.&laquo; Er deutete mit seinem wulstigen Finger in die Ecke. &raquo;Wegen ihr.&laquo;</p> <p>Sam drehte sich um und sah Galya an. Sie hob ihre gl&auml;serne Klinge und durchschnitt damit vor sich die Luft.</p> <p>&raquo;Warum du das tun?&laquo;, fragte Darius, das Gesicht eingesunken vor lauter Verzweiflung.</p> <p>Sie fauchte, und die Scherbe sauste vor seinen Augen vorbei.</p> <p>&raquo;Spar dir die Worte&laquo;, sagte Sam. &raquo;Die spricht kein Englisch.&laquo;</p> <p>Galya verstand jedes Wort. Angesichts der Verstellung musste sie beinahe ein Kichern unterdr&uuml;cken. Sie sp&uuml;rte ihren Geist flattern wie eine Fahne im Wind, die sich jeden Moment losrei&szlig;en konnte. Einen Moment lang war sie versucht, einfach loszulassen und sich vom Wahnsinn davontragen zu lassen, aber so leicht aufzugeben, dazu hatte Mama sie nicht erzogen. Galya fletschte die Z&auml;hne und drohte erneut mit der Scherbe.</p> <p>&raquo;Was sollen wir jetzt machen?&laquo;, fragte Sam.</p> <p>&raquo;Ihm loswerden&laquo;, erkl&auml;rte der Litauer.</p> <p>Sam riss die Augen auf. &raquo;Wie, ihn einfach irgendwo abladen?&laquo;</p> <p>&raquo;Wir sagen Arturas, dein Bruder kommen her, nehmen sie mit und kommen nicht zur&uuml;ck. Wenn Arturas fragen, wohin, wir sagen, wissen nichts.&laquo;</p> <p>&raquo;Glaubt der uns das denn?&laquo;</p> <p>Der Litauer zuckte die Achseln. &raquo;Wir sagen Wahrheit, wir tot. Arturas nicht glauben, wir auch tot. Wo ist Unterschied?&laquo;</p> <p>Sam nickte in Richtung Zimmerecke. &raquo;Und was ist mit der da?&laquo;</p> <p>&raquo;Was du denken?&laquo;, fragte der Litauer.</p> <p>Sam blinzelte verwirrt und starrte Darius an. &raquo;Los.&laquo;</p> <p>Der Litauer trat beiseite. &raquo;Nimm ihr weg <i>Stiklas.&laquo;</i></p> <p>&raquo;Was soll ich ihr wegnehmen?&laquo;, fragte Sam.</p> <p><i>&raquo;Stiklas, Stiklas.&laquo;.</i> Der Litauer suchte nach dem richtigen Wort. &raquo;Glas. Nimm ihr weg.&laquo;</p> <p>Sam n&auml;herte sich mit erhobenen H&auml;nden. &raquo;Nur ruhig Blut, Sch&auml;tzchen.&laquo;</p> <p>Galya stach auf ihn ein und erwischte ihn fast am Unterarm.</p> <p>&raquo;Schei&szlig;e!&laquo; Sam fuhr zur&uuml;ck.</p> <p>Darius stie&szlig; ihn wieder vor. &raquo;Nimm ihr weg.&laquo;</p> <p>&raquo;Ach, leck mich. Nimm es ihr doch selbst weg.&laquo;</p> <p>Fluchend rempelte der Litauer den anderen zur Seite. Galya fuchtelte mit der Scherbe vor ihm hin und her, doch er packte mit einer schnellen Bewegung ihr Handgelenk, verdrehte es unsanft, und die Scherbe fiel zu Boden. Wie eine Schlange legte sich sein dicker Arm um ihren Hals, und bei ihrem letzten Atemzug roch sie Leder und billiges Aftershave. Dann versank alles in der Finsternis.</p> <p>Sie tr&auml;umte von Mamas rauen H&auml;nden, von warmem Brot und einer Zeit, als sie von Belfast nur gewusst hatte, dass es eine j&auml;mmerliche Stadt war, die manchmal im Radio erw&auml;hnt wurde.</p> <h2>2</h2> <p>Schreie weckten Detective Chief Inspector Jack Lennon auf. Er fuhr auf dem Sofa hoch. Wie lange war er eingenickt? Nicht sehr lange. Im Fernsehen lief immer noch derselbe Film.</p> <p>Beim n&auml;chsten Schrei war er auf den Beinen. Ungef&auml;hr eine Woche war es her, seit Ellen das letzte Mal kreischend aus dem Schlaf hochgefahren war, in dem ihre Alptr&auml;ume hausten.</p> <p>Seine Tochter hatte mehr Leid erfahren, als je irgendein Mensch erleben sollte. Nach wie vor wunderte Lennon sich, dass sie &uuml;berhaupt noch funktionierte, dass sie die innere Kraft zum Weiterleben besa&szlig;. Vielleicht hatte sie diese starrk&ouml;pfige Ader ja von ihrer Mutter geerbt, die neben ihr gestorben war. Er hatte Marie McKennas Leichnam den Flammen &uuml;berlassen, als er die bewusstlose Ellen aus dem Haus in der N&auml;he von Drogheda getragen hatte. Ellen sprach nie dar&uuml;ber, was dort passiert war. Vielleicht erinnerte sie sich nicht mehr, vielleicht wollte sie auch einfach nicht sagen, was geschehen war. Wie auch immer, f&uuml;r Lennon machte es die Sache leichter. Er war sich nicht sicher, ob er es ertragen h&auml;tte, solche Dinge aus ihrem Mund zu h&ouml;ren.</p> <p>Lennon war jetzt hellwach. Er ging zu ihrem Schlafzimmer, &ouml;ffnete die T&uuml;r und schaltete das Licht ein. Ellen lag unter ihrer verkn&auml;ulten Bettdecke und starrte ohne Anzeichen des Erkennens zu ihm hoch. Erneut schrie sie auf.</p> <p>Lennon kniete sich neben das Bett und legte ihr eine Hand auf die kleine Wange. Er hatte gelernt, das Kind nicht in die Arme zu nehmen, wenn es aufwachte, verfolgt von seinen n&auml;chtlichen Schrecken. Der Schrecken war dann zu gro&szlig;.</p> <p>&raquo;Ich bin es&laquo;, fl&uuml;sterte er. &raquo;Daddy ist ja da. Alles in Ordnung.&laquo;</p> <p>Ellen blinzelte ihn an, und ihr Gesicht entspannte sich. Er hatte fast vergessen, wie alt sie aussah, wenn sie aus ihren Albtr&auml;umen erwachte, ein siebenj&auml;hriges M&auml;dchen, in dessen Augen sich Jahrhunderte von Schmerz spiegelten.</p> <p>&raquo;Du hast nur getr&auml;umt&laquo;, beruhigte Lennon sie. &raquo;Du bist in Sicherheit.&laquo;</p> <p>Ihre Finger wanderten zum Hals und streichelten die Haut, als schmerze sie.</p> <p>&raquo;Wovon hast du getr&auml;umt?&laquo;, fragte er.</p> <p>Seine Tochter runzelte die Stirn, vergrub den Kopf im Kissen und zog die Bettdecke so hoch, dass er nur noch ihren Scheitel sehen konnte.</p> <p>&raquo;Du kannst es mir ruhig erz&auml;hlen&laquo;, sagte Lennon. &raquo;Vielleicht geht es dir dann besser.&laquo;</p> <p>Sie lugte hinaus. &raquo;Ich war ganz kalt und nass, und dann hab ich keine Luft mehr gekriegt. Ich bin erstickt.&laquo;</p> <p>&raquo;So, wie wenn man ertrinkt?&laquo;</p> <p>&raquo;Mmmm. Als h&auml;tte ich was um den Hals. Dann war da so eine alte Frau. Sie wollte mit mir reden, aber ich bin weggelaufen.&laquo;</p> <p>&raquo;Hat sie dir Angst gemacht?&laquo;</p> <p>&raquo;Mmmm.&laquo;</p> <p>&raquo;Warum bist du denn dann weggelaufen?&laquo;</p> <p>&raquo;Wei&szlig; nicht&laquo;, sagte Ellen.</p> <p>&raquo;Glaubst du, du kannst wieder einschlafen?&laquo;</p> <p>&raquo;Wei&szlig; nicht.&laquo;</p> <p>&raquo;Kannst du es versuchen?&laquo;</p> <p>&raquo;Okay.&laquo;</p> <p>Lennon streichelte ihr &uuml;bers Haar. &raquo;Braves M&auml;dchen&laquo;, sagte er.</p> <p>Leise sah er zu, wie ihr die Augenlider zufielen und ihr Atem sich beruhigte. Beim Klingeln des Telefons wurde sie einen Moment lang unruhig. Er hielt die Luft an, bis sie wieder still dalag, atmete erst wieder, als es schien, dass das Telefon sie nicht geweckt hatte, und ging hinaus, um den Anruf entgegenzunehmen.</p> <p>&raquo;Bernie McKenna hier&laquo;, meldete sich die Anruferin mit schroffer Stimme.</p> <p>In den vergangenen Monaten hatten sie &ouml;fter am Telefon und pers&ouml;nlich miteinander gesprochen, als er z&auml;hlen konnte, trotzdem meldete sie sich immer noch mit dieser steifen F&ouml;rmlichkeit.</p> <p>&raquo;Wie geht es Ihnen?&laquo;, fragte Lennon. Sein einziges Interesse an ihrem Wohlbefinden war, absch&auml;tzen zu k&ouml;nnen, wie das Gespr&auml;ch sich entwickeln w&uuml;rde. Nur selten verliefen ihre Telefonate problemlos.</p> <p>&raquo;Mir geht es gut&laquo;, antwortete sie. Nach Lennons Verfassung erkundigte sie sich nicht. &raquo;Was ist mit Ellen?&laquo;, fragte sie stattdessen.</p> <p>&raquo;Was soll mit ihr sein?&laquo; Kaum hatte er gesprochen, bedauerte er die Feindseligkeit, die sich in seine Stimme geschlichen hatte.</p> <p>&raquo;Zu diesem Ton besteht kein Anlass&laquo;, sagte Bernie. Sie stie&szlig; die W&ouml;rter hervor, als h&auml;tte sie dabei die Lippen zusammengepresst. &raquo;Sie ist meine Gro&szlig;nichte. Ich habe jedes Recht, mich nach ihr zu erkundigen. Ein gr&ouml;&szlig;eres als Sie.&laquo;</p> <p>&raquo;Sechs Jahre lang wollten Sie sie doch nicht einmal kennenlernen&laquo;, erwiderte Lennon. Im n&auml;chsten Moment zuckte er zusammen.</p> <p>&raquo;Sie doch auch nicht&laquo;, erkl&auml;rte sie.</p> <p>Lennon unterdr&uuml;ckte seine Wut. &raquo;Jedenfalls, es geht ihr gut. Sie ist im Bett.&laquo;</p> <p>&raquo;Hat sie immer noch diese Tr&auml;ume?&laquo;</p> <p>&raquo;Manchmal.&laquo;</p> <p>Bernie schluckte h&ouml;rbar. &raquo;Als ich die arme Kreatur das letzte Mal sah, sah sie aus wie ein Gespenst.&laquo;</p> <p>&raquo;In manchen N&auml;chten ist es besser als in anderen&laquo;, sagte Lennon.</p> <p>&raquo;Haben Sie Dr. Moran wegen ihr angerufen?&laquo;</p> <p>&raquo;Mein Hausarzt hat sie auf die Warteliste f&uuml;r die Kinderpsych&hellip;&laquo;</p> <p>&raquo;Aber da wartet sie doch Monate. Dr. Moran kann sie sich sofort anschauen.&laquo;</p> <p>Lennon konnte sich den Rest des Gespr&auml;chs jetzt schon vorstellen. Er schloss die Augen. &raquo;Ich kann mir keine Privatbehandlung leisten&laquo;, sagte er.</p> <p><i>&raquo;Ich</i> aber&laquo;, erwiderte Bernie. &raquo;Michael hat uns gut versorgt. Ich kann f&uuml;r alles aufkommen, was sie braucht.&laquo;</p> <p>Lennon hatte Ger&uuml;chte &uuml;ber den betr&auml;chtlichen Nachlass geh&ouml;rt, den Michael McKennas Sippe geerbt hatte, als man ihm im letzten Jahr das Hirn weggepustet hatte. Er bezweifelte nicht, dass Bernie es sich leisten konnte, ein paar Schekel abzugeben, aber schon allein die Vorstellung machte ihn rasend.</p> <p>&raquo;Ich will Michael McKennas Geld nicht&laquo;, erkl&auml;rte er.</p> <p>&raquo;Und was ist gegen das Geld meines Bruders einzuwenden?&laquo;</p> <p>&raquo;Ich wei&szlig;, woher es stammt.&laquo;</p> <p>Ein paar Sekunden lang h&ouml;rte er sie schwer atmen, dann sagte sie: &raquo;So was muss ich mir von Ihresgleichen nicht bieten lassen.&laquo;</p> <p>&raquo;Dann lassen Sie es eben bleiben. H&ouml;ren Sie, ich habe noch zu tun, wenn Sie also &hellip;&laquo;</p> <p>&raquo;Immer mit der Ruhe&laquo;, unterbrach Bernie ihn. &raquo;Ich hatte noch nicht mal Gelegenheit, die Frage zu stellen, deretwegen ich &uuml;berhaupt angerufen habe.&laquo;</p> <p>Er seufzte laut genug, dass sie es h&ouml;ren konnte. &raquo;Na sch&ouml;n. Was?&laquo;</p> <p>&raquo;Weihnachten.&laquo;</p> <p>&raquo;Das hatten wir schon besprochen. Ellen verbringt den Tag mit&hellip;&laquo;</p> <p>&raquo;Aber ihre Gro&szlig;mutter will sie sehen. Die arme Frau ist durch die H&ouml;lle gegangen. Ellen ist alles, was sie jetzt noch von ihrer eigenen Tochter hat. Was hat es denn f&uuml;r einen Sinn, dass das Kind den Tag ganz allein in Ihrer Wohnung verbringen soll?&laquo;</p> <p>&raquo;Sie wird nicht allein sein. Sie wird mit mir zusammen sein.&laquo;</p> <p>&raquo;Sie sollte bei ihrer Familie sein&laquo;, erkl&auml;rte Bernie. &raquo;Ihre Gro&szlig;mutter, ihre Cousinen, alle von unserer Seite werden da sein. G&ouml;nnen Sie ihr doch einen sch&ouml;nen Tag. Nur weil Sie ungl&uuml;cklich sind, m&uuml;ssen Sie das Kind ja nicht auch ungl&uuml;cklich machen.&laquo;</p> <p>&raquo;Ich bringe sie zu ihrer Gro&szlig;mutter. <i>Meiner</i> Mutter. Und den Rest des Tages verbringt sie mit mir. Wir essen mit Susan, einer Nachbarin, zu Abend, mit ihr und ihrem kleinen M&auml;dchen Lucy. Die beiden sind die besten Freundinnen. Sie wird hier gl&uuml;cklich sein.&laquo;</p> <p>&raquo;Sie bringen sie zu Ihrer Mutter? Also, was soll das denn? Ihre Mutter ist ja nicht mal mehr genug bei Sinnen, um ihre eigenen Kinder zu erkennen, wenn sie vor ihr stehen, geschweige denn &hellip;&laquo;</p> <p>&raquo;Das reicht&laquo;, unterbrach Lennon, dem sich die Kehle zuschn&uuml;rte. &raquo;Ich muss los.&laquo;</p> <p>&raquo;Aber was ist mit Weih&hellip;&laquo;</p> <p>Er legte auf, unterdr&uuml;ckte das Verlangen, das Telefon gegen die Wand zu werfen, und legte es stattdessen zur&uuml;ck auf den Couchtisch. Wie oft w&uuml;rde er sich dar&uuml;ber noch mit Bernie McKenna streiten m&uuml;ssen? Seit dem Tag, als Marie gestorben war, schlich ihre Familie um ihn herum und wartete darauf, dass er einen Fehler machte, damit sie seine Tochter f&uuml;r sich beanspruchen konnten.</p> <p>Zugegeben, in ihren ersten sechs Lebensjahren war er der Kleinen kein Vater gewesen, aber die anderen waren ihr ebenso wenig eine Familie gewesen. Maries Sippschaft hatte sie ausgegrenzt, als sie sich mit ihm eingelassen hatte, einem Cop. Und das lange bevor die Republikaner endlich ihre &uuml;ber Jahrzehnte hinweg g&uuml;ltige Haltung &auml;nderten und die Rechtm&auml;&szlig;igkeit des Polizeidienstes an-erkannten. Bis dahin war jeder junge Katholik, der zur Polizei ging, umgehend zum Ziel von Mordanschl&auml;gen geworden, und jeder, der mit ihm Umgang pflegte, war aus ihrer Gemeinschaft verbannt worden. Genau das war Marie widerfahren, und er hatte ihr dieses Opfer damit vergolten, dass er sie verlassen hatte, als sie schwanger wurde. Die j&uuml;ngsten Streitigkeiten erinnerten ihn nur wieder daran, dass sie allesamt Ellen im Stich gelassen hatten, und jedes Mal suchte er einen Grund, sich den anderen moralisch &uuml;berlegen f&uuml;hlen zu k&ouml;nnen. Doch es gab keinen. Sein eigener Verrat war der Allerschlimmste gewesen, und das w&uuml;rde Bernie McKenna ihm immer vorhalten. Nach jedem Anruf kochte er vor Wut und konnte sie nur mit schierer Willenskraft ersticken.</p> <p>Noch bevor er sich wieder vollends beruhigt hatte, klingelte das Telefon erneut. Unwillig griff er danach und fluchte, ehe er auf die Sprechtaste dr&uuml;ckte. &raquo;Herrgott noch mal, Sie wecken sie noch auf. Ich will dar&uuml;ber nicht mehr reden, also zum letzten Mal, Sie k&ouml;nnen&hellip;&laquo;</p> <p>&raquo;Jack?&laquo;</p> <p>&raquo;&hellip; sich Ihr Weihnachten in den &hellip;&laquo;</p> <p>&raquo;Jack?&laquo;</p> <p>Lennon hielt inne. &raquo;Wer ist da?&laquo;</p> <p>&raquo;Chief Inspector Uprichard.&laquo;</p> <p>Lennon setzte sich auf die Couch und legte die freie Hand &uuml;ber die Augen. &raquo;Nein&laquo;, sagte er.</p> <p>&raquo;Ich brauche Sie hier, Jack&laquo;, verk&uuml;ndete Uprichard.</p> <p>&raquo;Nein&laquo;, wiederholte Lennon. &raquo;Nicht noch einmal. Das hatte ich Ihnen doch schon gesagt, oder? Wir hatten uns darauf geeinigt. &Uuml;ber Weihnachten &uuml;bernehme ich keine Nachtschicht. Ich kann nicht.&laquo;</p> <p>&raquo;DI Shilliday ist krank geworden&laquo;, sagte Uprichard. &raquo;Und sonst habe ich keinen, der f&uuml;r ihn &uuml;bernehmen kann.&laquo;</p> <p>&raquo;Nein&laquo;, beharrte Lennon.</p> <p>&raquo;Es wird eine ruhige Nacht. Da drau&szlig;en ist nichts los. Sie k&ouml;nnen in Ihrem B&uuml;ro schlafen. Ich haben eben nur keinen anderen, so ist es nun mal.&laquo;</p> <p>&raquo;Nein&laquo;, wiederholte Lennon noch einmal, aber ohne rechte &Uuml;berzeugung.</p> <p>&raquo;Strenggenommen ist es gar keine Bitte Jack&laquo;, sagte Uprichard, dessen Stimme jetzt entschiedener wurde. &raquo;Zwingen Sie mich nicht, es Ihnen zu befehlen.&laquo;</p> <p>&raquo;Schei&szlig;e&laquo;, fluchte Lennon.</p> <p>&raquo;Also, das ist nun wirklich nicht n&ouml;tig.&laquo;</p> <p>&raquo;Ist es doch, verdammt&laquo;, erwiderte Lennon im Aufstehen. &raquo;Das ist das vierte Mal in einem Monat.&laquo;</p> <p>Beinahe h&auml;tte er gesagt, dass er wusste, was dahintersteckte. Dass n&auml;mlich DCI Dan Hewitt vom Geheimdienst C3 die F&auml;den zog, um ihm das Leben schwerzumachen. Aber er riss sich am Riemen.</p> <p>&raquo;Tut mir leid&laquo;, sagte Uprichard. &raquo;So ist es nun mal. In einer Stunde will ich Sie hier haben.&laquo;</p> <p>Susan &ouml;ffnete in einem enganliegenden Morgenmantel die T&uuml;r. In den zehn Minuten, seit Lennon sie angerufen hatte, hatte sie ihr Haar in Ordnung gebracht und so viel Make-up aufgelegt, wie &uuml;berhaupt m&ouml;glich war. Entweder das, oder sie ging immer mit Lipgloss ins Bett.</p> <p>Ellen quengelte schniefend in Lennons Armen, ihre nackten F&uuml;&szlig;e traten ihn strampelnd.</p> <p>&raquo;Du bist ein Goldst&uuml;ck&laquo;, sagte er zu Susan. &raquo;Ich kann dir gar nicht genug danken.&laquo;</p> <p>Susan schenkte ihm ein fl&uuml;chtiges L&auml;cheln, das gleichzeitig warmherzig und traurig war. &raquo;Ist schon in Ordnung. Ich war noch nicht eingeschlafen.&laquo; Lennon wusste, wenn er belogen wurde, aber trotzdem war er froh dar&uuml;ber. &raquo;Bevor du morgen fr&uuml;h aufstehst, bin ich schon wieder da.&laquo;</p> <p>Susan streckte die Arme nach Ellen aus. &raquo;Komm her, Schatz, ich nehme dich.&laquo;</p> <p>Ellen rieb sich wimmernd die Augen.</p> <p>Susan k&uuml;sste sie aufs Haar. &raquo;Du kannst bei Lucy im Bett schlafen, in Ordnung?&laquo;</p> <p>Ellen vergrub ihren Kopf unter Susans Kinn. Schon viele Male war sie im Schlaf hierher verfrachtet worden.</p> <p>Lennon ber&uuml;hrte Susans Unterarm. &raquo;Danke&laquo;, sagte er.</p> <p>Sie l&auml;chelte noch einmal. &raquo;Wenn du wieder da bist, komm doch einfach zum Fr&uuml;hst&uuml;ck vorbei.&laquo;</p> <p>&raquo;Die Nachbarn k&ouml;nnten reden&laquo;, sagte Lennon.</p> <p>&raquo;Dann lass sie doch.&laquo;</p> <h2>3</h2> <p>Die in Plastik gewickelte Leiche rollte gegen Galya, als der Wagen ruckartig zum Stehen kam. Vom Blutgeruch musste sie in den Lappen w&uuml;rgen, den man ihr in den Mund gestopft hatte. Mit den Schultern dr&uuml;ckte sie sich an der R&uuml;ckwand des Kofferraums ab und schob mit den Knien die Leiche weg. Sie hatten ihr mit irgendeinem d&uuml;nnen Elektrodraht die Handgelenke gefesselt, aber schon jetzt lockerte er sich auf ihrer vom Blut glitschigen Haut. Sie h&auml;tte ihn leicht abstreifen k&ouml;nnen, beschloss aber, ihn vorerst dran zu lassen, bis sie ihre H&auml;nde auch wirklich gebrauchen konnte.</p> <p>Sie merkte, wie der Wagen schaukelte, als die M&auml;nner ausstiegen, dann h&ouml;rte sie die T&uuml;ren zuschlagen. In den letzten Minuten war die Fahrt langsam gewesen, mit scharfen Kurven und pl&ouml;tzlichen Stopps, bis der Wagen dann mit einem letzten schlingernden Ruck auf holprigem Untergrund zum Stehen gekommen war. Angestrengt versuchte Galya, Laute zu erhaschen. Von irgendwoher drang Verkehrsl&auml;rm, aber noch n&auml;her war das sanfte Pl&auml;tschern von Wasser.</p> <p>In dem Moment, als sie mit vom Motorenl&auml;rm dr&ouml;hnenden Kopf in der D&uuml;sternis aufgewacht war, war ihr klar gewesen, dass man sie umbringen wollte. Ohne Zweifel. Das Ger&auml;usch des gurgelnden Wassers war nur eine Best&auml;tigung. Darin w&uuml;rden sie den Toten versenken und sie hinterherwerfen. Vielleicht w&uuml;rden die M&auml;nner sie vorher t&ouml;ten, vielleicht w&uuml;rde man sie auch einfach ers&auml;ufen. Auf jeden Fall w&uuml;rde sie bald im Wasser liegen.</p> <p>Von drau&szlig;en waren jetzt Stimmen zu h&ouml;ren, die des Iren schrill und panisch, die des Litauers tief und w&uuml;tend. Beim N&auml;herkommen warfen sie sich gegenseitig Vorw&uuml;rfe und Fl&uuml;che an den Kopf. Ein Schl&uuml;ssel kratzte auf Metall, das Schloss drehte sich, und kalte Luft str&ouml;mte herein.</p> <p>Zwischen Darius und Sam bildete sich eine Nebelwolke, als ihr Atem sich vermischte. Der Litauer packte die Leiche seines Landsmanns, zerrte sie &auml;chzend aus dem Wagen und lie&szlig; sie mit einem nassen Klatschen auf die Erde fallen.</p> <p>Galya wehrte sich nicht, als Sam sie packte. Als er sie auf die F&uuml;&szlig;e stellte, schien die eiskalte Erde ihr in die Sohlen zu bei&szlig;en. Die Heftigkeit der Schauer, die sie durchfuhren, sch&uuml;ttelte sie, und er umklammerte ihre Arme noch fester.</p> <p>Der Wagen, ein alter BMW, stand nur ein paar Schritte von einer Wasserfl&auml;che entfernt, abgestellt auf einem Streifen Brachland, der von der leeren Stra&szlig;e durch einen niedrigen Bordstein abgetrennt wurde. Ringsum standen regungslos und still Lagerh&auml;user und Kr&auml;ne in der kalten Nacht. Tr&auml;ge Wellen pl&auml;tscherten gegen den Uferdamm. Auf der anderen Kanalseite sah man weitere Lagerh&auml;user und dahinter die Lichter der Stadt. Galya versuchte, den Kopf zu wenden, um mehr von ihrer Umgebung zu erkennen, aber Sam verdrehte ihr den Arm.</p> <p>&raquo;Lass das&laquo;, sagte er mehr zu sich selbst als zu ihr.</p> <p>Darius b&uuml;ckte sich und packte die Fu&szlig;gelenke seines toten Freundes. Er zog, kam aber nicht einmal einen Meter weit, weil sich die Folie im Ger&ouml;ll verfing. Fluchend lie&szlig; er die Beine wieder los.</p> <p>&raquo;Helfen&laquo;, sagte er.</p> <p>&raquo;Was?&laquo;, fragte Sam.</p> <p>&raquo;Helfen&laquo;, wiederholte der Litauer. &raquo;Tomas werfen in Wasser. &laquo;</p> <p>&raquo;Ich halte schon die hier fest&laquo;, sagte Sam und packte Galyas Arm noch fester.</p> <p>&raquo;Wo soll hin?&laquo;, fragte Darius, breitete die Arme aus und deutete auf das weite Areal mit nichts als Wasser und flachen Geb&auml;uden. Dann zeigte er auf die Leiche am Boden. &raquo;Du helfen.&laquo;</p> <p>Eine feuchte Hitze blieb auf Galyas Arm zur&uuml;ck, als Sam sie loslie&szlig;. Er schob sie r&uuml;ckw&auml;rts gegen den Wagen.</p> <p>&raquo;Du r&uuml;hrst dich nicht&laquo;, befahl er.</p> <p>Dann ging er hin&uuml;ber zur Leiche, hockte sich hin und packte sie bei den Schultern.</p> <p>Darius rief: &raquo; <i>Vienas, du, trys, hup!&laquo;</i></p> <p>Keuchend hievten die M&auml;nner die Leiche ein paar Zentimeter vom Boden hoch. Schnaufend und grunzend schlurften sie zum Wasserrand. Eine blutbefleckte Hand rutschte aus der Folie und strich mit den Fingerspitzen &uuml;ber das lockere Ger&ouml;ll.</p> <p>&raquo;O Gott&laquo;, entfuhr es Sam.</p> <p>Pl&ouml;tzlich wummerte wie aus dem Nichts ein verzerrter Disco Beat los. Entsetzt schrie Sam auf und lie&szlig; die Schultern des Toten los.</p> <p>Galya machte einen Schritt vom Wagen weg.</p> <p>Darius legte die F&uuml;&szlig;e ab und richtete sich auf. Irgendetwas an der Leiche vibrierte. Er b&uuml;ckte sich wieder und riss ein Loch in die gl&auml;nzende Folie. Drinnen tastete seine Hand einen Moment lang herum, dann kam sie wieder zum Vorschein, ein Handy zwischen den wulstigen Fingern. Fassungslos schaute er aufs Display, dessen Licht ihn noch blasser aussehen lie&szlig;, als er ohnehin war. Er warf Sam einen Blick zu.</p> <p>&raquo;Ist Arturas&laquo;, sagte er.</p> <p>Sam schluckte so heftig, dass Galya es in seiner Kehle glucksen h&ouml;rte.</p> <p>&raquo;Gehst du dran?&laquo;, fragte er.</p> <p>Darius starrte ihn finster an. &raquo;Du dummer Mann. Ich drangehen und sagen, Bruder nicht k&ouml;nnen? Sagen, er gehen in Wasser, ja?&laquo; Sam fuhr zur&uuml;ck, als h&auml;tte die Beleidigung ihn mitten auf die Brust getroffen. &raquo;Woher soll ich denn das wissen, verdammt? Er ist dein Boss, nicht meiner.&laquo;</p> <p>&raquo;Arturas Boss von jedem&laquo;, sagte der Litauer.</p> <p>Sam machte einen Schritt vor. &raquo;Er ist dein Boss, nicht meiner.&laquo;</p> <p>Darius hielt ihm das Telefon hin, aus dem immer noch die blecherne Musik schepperte. Sein feistes Gesicht schwoll vor Wut noch mehr an. &raquo;Okay, du sagen, er nicht dein Boss, du ihm sagen jetzt.&laquo;</p> <p>&raquo;Leck mich&laquo;, sagte Sam.</p> <p>Galya verdrehte ihre Handgelenke und sp&uuml;rte, wie der Elektrodraht beim Herunterfallen hinten ihre Beine streifte.</p> <p>Darius trat &uuml;ber die Leiche hinweg und stand Sam jetzt direkt gegen&uuml;ber.</p> <p>&raquo;Du glauben, du starker Mann?&laquo;, fragte er, immer noch das aufleuchtende und dudelnde Telefon in der Hand.</p> <p>Zwei Meter trennten Galya jetzt schon vom Wagen. Mit den Zehenspitzen schob sie den Draht weg, behielt die H&auml;nde aber auf dem R&uuml;cken. Sie dr&uuml;ckte mit der Zunge gegen den Lappen in ihrem Mund, schob ihn heraus und lie&szlig; ihn zu Boden fallen. Sie beruhigte ihre Atmung.</p> <p>Sam trat auf die andere Seite der Leiche. &raquo;H&ouml;r mal, das ist jetzt nicht der Moment, dass wir uns in die Haare kriegen, oder? Wir m&uuml;ssen die Sache hier regeln, bevor jemand vorbeikommt und uns fragt, was wir hier mitten in der Nacht treiben.&laquo;</p> <p>Darius lie&szlig; sich nicht beruhigen. &raquo;Du besser aufpassen dein Maul, sonst du auch in Wasser.&laquo;</p> <p>Sam hob die H&auml;nde.</p> <p>Darius schlug sie weg.</p> <p>Galya rannte los.</p>

Erscheint lt. Verlag 5.6.2025
Reihe/Serie Ein Jack Lennon Thriller
Übersetzer Armin Gontermann
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte Ermittler • Irland • Polizei • Serienmörder • Spannung • Thriller
ISBN-10 3-69090-054-9 / 3690900549
ISBN-13 978-3-69090-054-6 / 9783690900546
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