Mit Fuß und Hand dem Mörder auf der Spur (eBook)
434 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5328-7 (ISBN)
Veronika Wolther wurde im Januar 1962 in Hameln geboren und lebt heute in München. Sie wuchs in Nordhessen auf und ist als Betroffene des Contergan-Skandals mit einer körperlichen Beeinträchtigung auf die Welt gekommen. Doch sie betrachtete dies nie als Hindernis. Ihre Einstellung zum Leben war immer von einer praktischen, positiven Haltung geprägt, und sie stellte ihre Behinderung nie in den Mittelpunkt. Vielmehr prägte sie ihre tief verwurzelte Überzeugung, dass das Leben auch mit den Herausforderungen, die einem begegnen, lebenswert und erfüllend ist. Die Autorin hat drei erwachsene Kinder und eine vielseitige berufliche Laufbahn hinter sich. Sie studierte Theologie in Marburg, Göttingen und München und war nach dem Examen als Pfarrerin tätig. Zudem arbeitete sie viele Jahre als Supervisorin und systemische Familientherapeutin. Veronika Walther hat ihre berufliche Expertise in verschiedenen seelsorgerischen und therapeutischen Kontexten eingebracht und in der Notfallseelsorge sowie Stressbewältigung gewirkt. Neben ihrer beruflichen Laufbahn ist sie leidenschaftliche Gärtnerin. Durch die vielen Umzüge, die sie in ihrem Leben vorgenommen hat, hatte sie stets die Gelegenheit, neue Gemüse- und Nutzgärten anzulegen, eine Aktivität, die für sie einen inneren Frieden und eine besondere Freude mit sich bringt. Die Natur spielt eine große Rolle in ihrem Leben, und sie reiste regelmäßig, um die weiten Landschaften zu entdecken. Besonders das westliche Amerika hat es ihr angetan, bei einer Reise mit ihrem Sohn von Vancouver bis Los Angeles durchquerte sie zahlreiche Nationalparks. Veronika Wolther ist begeisterte Leserin von Fantasyromanen und Krimis, wobei sie sich besonders von Autor:innen wie Elisabeth George inspirieren lässt. Ihre eigene Liebe zu Geschichten lebte sie auch als Mutter aus, indem sie ihren Kindern mit Leidenschaft Kinder- und Jugendbücher vorlas, darunter auch Werke von Walter Moers. In ihren Veröffentlichungen, wie beispielsweise der Mitwirkung am Buch Grenzen in einem weiten Raum, verbindet sie ihre persönlichen Erfahrungen mit tiefgehenden Themen wie Glauben, vor allem an sich selbst, menschlicher Begegnung und psychologischer Auseinandersetzung. Ihre Werke regen dazu an, die eigenen Grenzen zu hinterfragen und die Schönheit und Herausforderungen des Lebens in all ihren Facetten zu verstehen und zu schätzen.
1.
Bryn-henllan
Wales
„Maeggy! Warte mal! Willst du eure Post mitnehmen?“
Maeggan bremste ihr Fahrrad ab, schaute zurück und nickte Mr. Cash zu.
„Danke, das ist nett von dir!“ Er schob seine schwere Posttasche über die Schulter und trat auf Maeggan zu, dabei kramte er fleißig in der Tasche. „Dann muss ich den weiten Weg zu euch nicht machen.“ Mr. Cash zog zwei Briefe aus der Tasche und reichte sie Maeggan. „Es geht mich natürlich rein gar nichts an, aber dieser Brief mit dem faszinierenden Wappen für dich, den ich vor ein paar Wochen vorbeigebracht habe, war einfach nicht zu übersehen. Darf ich fragen, was es damit auf sich hatte?“, fragte er Maeggan.
Maeggan sah erstaunt von der Rechnung und dem Prospekt für Landmaschinen auf.
„Der mit dem dicken Büttenpapier und dem großen Wappen!“
An einen solchen Brief konnte sich Maeggan nicht erinnern, verwirrt schwieg sie. Mr. Cash schien nichts zu bemerken. „Der Brief wirkte so edel. Bist du etwa zu der Hochzeit von Prinz Charles und Lady Diana nach London eingeladen worden?“ Er lächelte versonnen.
Endlich fand Maeggan ihre Sprache wieder. „Sind Sie sicher, dass dieser Brief für mich war?“
„Ja, ganz sicher. Er war an dich und deine Eltern adressiert.“ Mr. Cash beobachtete Maeggan neugierig. „Der Absender war leider etwas verwischt, den konnte ich nicht entziffern“, fügte er enttäuscht hinzu.
Maeggan schob die beiden Briefe in ihre Schultasche und stieg verwirrt wieder auf ihr Rad. Sie hatte einen Brief bekommen?
„Danke!“ rief sie dem Postboten zu und ließ ihn einfach auf der Straße stehen. Sie bog von der Straße ab auf den Feldweg, der zur Farm führte. Ein Brief für sie – und warum hatten ihre Eltern ihr nichts davon erzählt. Oder hatte Mr. Cash da was verwechselt? Maeggan trat kräftig in die Pedale. Sie würde nachfragen.
Zu Hause angekommen, suchte sie ihre Eltern. Ihr Vater war irgendwo auf der Farm unterwegs. Ihre Mutter schlief im Wohnzimmer in ihren Lieblingssessel gekuschelt. Am liebsten hätte Maeggan sie gleich geweckt, aber sie hielt sich zurück. Seitdem ihre Mutter diese schrecklichen Kopfschmerzen hatte, konnte sie kaum schlafen, deshalb hatte sie fast immer schlechte Laune und Depressionen. Alle waren froh, wenn sie endlich Schlaf fand. Leider war ihr Schlaf am Tag jedoch nur sehr leicht, sodass sie nicht selbst nach dem Brief im Haus suchen konnte, ohne sie zu stören, obwohl sie es zu gerne getan hätte.
Seufzend ging Maeggan nach draußen, in den großen Obstgarten und ließ sich in die Hängematte unter den Apfelbäumen sinken. Was konnte das nur für ein Brief sein? Mr. Cash hatte von Büttenpapier und einem herrschaftlichen Wappen gesprochen. Sie kannte aber niemanden, der solch edle Briefe verschicken würde. Es musste ein offizieller Brief sein oder von einem Adligen. Nur fiel ihr beim besten Willen kein Grund ein, warum ihr jemand schreiben sollte. Auch wenn sie diesen Sommer mit der Schule fertig werden würde, hatte sie sich noch nicht an einer Uni beworben, oder sich um eine Ausbildungsstelle bemüht. Adlige kannte sie auch nicht. Da war nur Bob, seine Familie arbeitete als Jagdpächter für den Lord hier. Den Lord hatte sie nie kennengelernt. Kaum jemand im Dorf kannte ihn. Es hieß, er würde lieber in New York leben als in Wales. Außerdem hätte Mr. Cash das Wappen des hiesigen Lords erkannt.
Bob würde ihr auch nicht schreiben und schon gar nicht einen Brief mit Wappen. Ihr bester Freund aus Grundschultagen. Fast jeden Tag hatten sie zusammenverbracht. Hier draußen wohnten sonst keine anderen Kinder. Nur sie und Bob hinter dem Hügel. Aber seitdem Bob ins Internat gegangen war, war sie einsam zurückgeblieben. Zuerst hatte er sie in seinen Ferien öfters besucht, leider war das mit der Zeit immer seltener geworden. Sicher hatte er neue Freunde und dachte überhaupt nicht mehr an sie. Traurig schaute Maeggan in die Zweige über sich.
Zuerst war er ein Spielkamerad für sie gewesen, aber im Laufe der Zeit hatte sie sich in ihn verliebt. Das hatte sie sich schon vor einiger Zeit eingestanden. Je weniger sie ihn gesehen hatte, desto mehr war die Sehnsucht nach ihm in ihr gewachsen. Wie schön wäre es, wenn er jetzt hier wäre. Sie könnten nebeneinander in der Hängematte liegen. Er würde wieder seinen Arm um sie legen, so wie er es oft bei ihren Ausflügen getan hatte. Und sie würde ihm von dem merkwürdigen Brief erzählen. So wie sie sich auch schon früher immer alle ihre Geheimnisse erzählt hatten.
Ein Räuspern riss sie aus ihren Gedanken. Überrascht richtete sie sich auf und sah ausgerechnet Bob durch den Obstgarten auf sich zukommen.
„Bob?!“
„Ja, ich bin es.“ Bob grinste verlegen.
„Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen“, lachte Maeggan bemüht ihre Gefühle im Zaum zu halten.
Bob nickte. „Ja, das letzte Mal war ich Weihnachten zu Hause. Da hab ich dich in der Kirche gesehen.“
„Genau, du hast mit deiner Familie unten gesessen, während Mam und ich oben auf der Empore im Chor gesungen hatten.“
Wieder nickte Bob und betrachtete eingehend seine Schuhe. Nach dem Gottesdienst hatte sich Maeggan rücksichtslos nach unten gedrängt, um Bob endlich wieder zu treffen.
„Leider warst du nach dem Gottesdienst so schnell verschwunden.“
„Du weißt ja, meine Eltern“, murmelte Bob ohne Maeggan anzuschauen.
Maeggan schwang sich aus der Hängematte, dabei musterte sie ihn so unauffällig wie möglich. Er war kein pummeliger Blondschopf mehr, sondern schlank und durchtrainiert. Die Locken waren durch einen Kurzhaarschnitt gebändigt. Er trug ein Gewehr über den breiten Schultern und grinste sie an.
„Hast du Lust mit mir auf die Jagd zu gehen, ich soll für meine Mom einen Sonntagsbraten schießen.“ Lässig nahm Bob das Gewehr von den Schultern und klopfte damit in seine linke Hand.
Maeggan war sprachlos, ausgerechnet zur Jagd wollte Bob sie mitnehmen. Sie war noch nie auf der Jagd gewesen und die Vorstellung ein Tier zu erlegen, war ihr bisher nicht in den Sinn gekommen. Zwar war sie es gewöhnt, dass auf der Farm auch ab und zu ein Schaf oder Hase geschlachtet wurde, doch mit Bob loszuziehen, war schon ein verlockender Gedanke. Allein durfte sie nicht in die Berge hinauf, es gab zu viele Spalten und Abgründe, in die sie stürzen könnte. Sogar ihrem Vater war das schon passiert. Aber mit Bob war sie schon öfter dort gewesen, als Kinder. Sie hatten Cowboy und Indianer gespielt. Jetzt würde es sicher ganz anders sein. Maeggan schielte zu Bob hinüber und spürte ein Kribbeln im Bauch.
„Klar, gerne. Ich habe heute sowieso nichts mehr vor.“ Da fiel ihr ein, dass sie eigentlich nach dem Brief suchen wollte. Aber ein Nachmittag mit Bob allein in den Bergen konnte sie sich wirklich nicht entgehen lassen. Bob würde nicht warten, der Brief schon.
„Ich hol nur meine Jacke und eine Wasserflasche, einen Moment.“ Maeggan lief schon zum Haus hinüber. Als sie durch den Flur rannte, überlegte sie kurz, ob sie ihrer Mutter Bescheid sagen sollte. Sie vergaß es, als sie sich im Flurspiegel bemerkte.
Wohlwollend betrachtete sie sich von oben bis unten. Sie hätte an diesem Morgen vielleicht besser ein anderes T-Shirt angezogen. Es war zwar ihr Lieblingsshirt, leider waren die Farben schon sehr verwaschen. Dafür betonte die Jeans ihre langen Beine, auf die sie sehr stolz war. Auch sonst war sie schlank und wirkte fast wie ein Mannequin, wie ihr Vater oft schmunzelnd sagte. Jetzt, mit ihren 19 Jahren, war sie wirklich erwachsen. Nichts war mehr von dem kleinen unselbstständigen Mädchen von früher übrig. Naja, vielleicht das rotblonde Haar, das sich einfach nicht bändigen ließ. Zum Glück war das gerade modern. Maeggan schüttelte ihre schulterlangen Locken nach hinten. Die Haarspange, die sie sich am Morgen hineingeklemmt hatte, war schon längst wieder verrutscht. Ihre nackten Füße steckten in ausgetretenen, offenen Sandalen. Sie drehte sich einmal um sich selbst, würde sie auch Bob gefallen? War sie für ihn weiterhin die kleine Maeggy von damals, oder sah er in ihr endlich die junge Frau, die sie jetzt war? Bei den wenigen Begegnungen in den letzten Jahren hatte sie versucht nicht mehr nur die vertraute Spielkameradin zu sein, sondern hatte sich immer mehr Gedanken gemacht, wie sie ihn auf sich aufmerksam machen könnte. Maeggan schaute wieder in den Spiegel und diesmal betrachtete sie sich ausführlich. Sie vermied den Blick in den großen Flurspiegel gerne, da er mehr zeigte, als sie von sich sehen wollte. Ihr war der kleine Badspiegel lieber, der eigentlich nur das Gesicht zeigte, so fühlte sie sich wie alle anderen Menschen auch. Ganz normal. Im großen Flurspiegel konnte sie nicht ihre besonderen Arme, wie ihre Eltern das nannten, übersehen. Über diesen Anblick stolperte sie fast genauso wie es anderen Menschen erging, die ihr zum ersten Mal begegneten.
Besonders? Ja, nur eben viel zu kurz, um so einfache Dinge wie sich An- und Ausziehen zu können. Der...
| Erscheint lt. Verlag | 29.4.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Britische Krimis mit düsterem Familiengeheimis • Chancengleichheit • Cosy Krimis Wales mit starker weiblicher Hauptrolle • Cosy Mystery Herrenhaus • Cosy Mystery mit unerwarteten Wendungen • Cozy Crime England • Einmaligkeit der weiblichen Hauptperson • Ermittlerin mit Behinderung • Familiäre Schatten • Familientragödie • Geheimnisse altes Herrenhaus in England • Körperliche Behinderung • Landhaus-Krimi Small Town Secrets • Mord im alten Herrenhaus • Regionalkrimi Großbritannien • Romane zu Behinderung, Chancengleichheit und Inklusion • Starke weibliche Ermittlerin mit Behinderung • Völlig unerwartete Wendungen • Wales Krimi Frauen • woman detective starke Frauen Krimi |
| ISBN-10 | 3-8192-5328-9 / 3819253289 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5328-7 / 9783819253287 |
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