Waldwechsel unter der Alm (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-293-5 (ISBN)
Gina betrat das Amtszimmer von Bürgermeister Fritz Fellbacher.
Fellbacher, der in Akten vertieft war, hob nicht den Kopf:
»Gina, was gibt es?«, fragte er.
»Schauen Sie mal aus dem Fenster. Was machen die Bollers da?«
Jetzt hatte Gina Fellbachers ganze Aufmerksamkeit.
Er stand auf und ging zum Fenster.
»Seltsam, da kann ich mir auch keinen Reim darauf machen. Vielleicht eine verrückte Marketingidee von Veronika. Sie hat immer ungewöhnliche Einfälle. Sieht ganz lustig aus, die Leinen zwischen den Bäumen auf dem Marktplatz mit den angeklammerten Stofffetzen.«
»Das sind keine Stofffetzen, das sind Halstücher, wie man sie auch früher als Schnupftabakstaschentücher verwendete.«
»Richtig, jetzt sehe ich es auch«, murmelte Bürgermeister Fellbacher.
Er rieb sich das Kinn, verschränkte die Arme und schaute weiter aus dem Fenster.
Inzwischen versammelten sich immer mehr Waldkogeler auf dem Marktplatz.
Bürgermeister Fellbacher überlegte, ob er nachsehen sollte. Aber er war ein bisserl im Stress. Musste die Akten noch studieren. Am Nachmittag hat er eine Zusammenkunft mit dem Landrat in Kirchwalden. Darauf musste er sich vorbereiten.
Fellbacher griff zum Telefon und rief im Pfarrhaus an. Er hoffte, dass sein Freund etwas über die Hintergründe wüsste.
Helene Träutlein nahm das Gespräch an. Sie bedauerte, dass Pfarrer Zandler nicht da war.
»Er macht Hausbesuche«, sagte sie. »Ist aber in einer Stunde wieder zurück. Das heißt, er will zurück sein. Ob er pünktlich ist, weiß man bei ihm nie«, lachte sie.
»Helene, weißt du, was es mit den aufgehängten Schnupftabaktüchern auf sich hat?«, fragte Fellbacher.
»Genaues weiß ich nicht. Es hat irgendetwas mit dem Hüttenabend auf der Berghütte zu tun. Ich will später noch bei der Familie Boller einkaufen. Dabei werde ich mich erkundigen. Jetzt kann ich nicht rüber gehen. Wenn der Herr Pfarrer unterwegs ist, verlasse ich nicht das Pfarrhaus, höchstens im absoluten Notfall. Es ist unpersönlich, wenn jemand anruft und der Anrufbeantworter anspringt. So eine Vorrichtung ist zwar schön und gut. Aber in einem Pfarrhaus soll jemand Tag und Nacht erreichbar sein«, betonte die Haushälterin mit Nachdruck in der Stimme.
Bürgermeister Fellbacher bedankte sich. Er sagte, sie würde alles richtig machen und legte auf.
»Gina, Zandler ist unterwegs. Träutlein weiß nix Genaues. Es soll etwas mit dem Hüttenfest auf der Berghütte zu tun haben.«
Gina zuckte mit den Schultern.
»Soll rüber gehen und fragen?«
»Nein, das mache ich selbst. Soviel Zeit muss drin sein«, sagte Fellbacher.
Er schlüpfte ein seinen Lodenjanker und eilte aus dem Raum.
Gina beobachtete ihn vom Fenster aus.
Er ging zu Franz Boller, der auf einer Trittleiter stand und mit Wäscheklammern weiter Halstücher aufhängte.
»Grüß Gott, Franz«, sagte Fellbacher.
»Oh Fritz, grüß Gott!«, erwiderte er.
»Franz, was soll das bedeuten? Habt ihr ein Jubiläum? Sehr origineller Schmuck.«
»Nein, das war Veronikas Idee. So wollte heute früh zu dir und dich informieren. Aber es war im Laden so viel zu tun. Im Augenblick ist es ruhiger. Deshalb hänge ich schnell den Rest auf. Hätten wir eine Genehmigung gebraucht?«
»Schmarren, doch nicht in Waldkogel«, antwortete Fellbacher. »Gefällt mir, sieht lustig und fröhlich, sieht richtig heiter aus.«
»Das sagen alle. Wir mussten schon Halstücher beim Großhandel in Kirchwalden nachbestellen. Sie wurden mit Eilboten geschickt.«
»Franz, schön, dass ihr Umsatz macht. Aber die Bedeutung dahinter ist mir immer noch nicht verständlich.«
»Drinnen auf der Ladentheke liegen Zettel«, sagte Franz.
Fellbacher ging eiligst davon.
Veronika war hinten im Laden und bediente. Er nahm sich zwei Zettel und eilte zurück ins Rathaus.
»Gina, hier, lesen!«
»Oh, das ist ja eine ganze Abhandlung«, seufzte sie. »Da brauche ich einen Kaffee. Wollen Sie auch einen?«
»Gern, ich komme mit in die Teeküche«, antwortete Bürgermeister Fellbacher.
Augenblicke später saßen sie an dem kleinen Küchentisch, tranken Kaffee und lasen die beiden eng beschriebenen Seiten.
»Herr Bürgermeister, was halten Sie davon?«, fragte Gina.
Fellbacher schmunzelte.
»Viel«, sagte er.
Er nippte an seinem Kaffee.
»Die Tradition der Verschnürung der Dirndlschürze ist Tradition. Zwar habe ich meine Zweifel, ob sie noch sehr bekannt ist und auch praktiziert wird. Gut, dass hier auf dem Zettel darauf aufmerksam gemacht wird. Die Idee, dass sich ledige Burschen, die auf der Suche nach einem Madl sind, kennzeichnen, ist eine sehr gute Idee. Gina, ich denke, wir sollten das an die ganz große Glocke hängen, Presse und so.«
Gina nickte.
Sie verstand ihren Chef und wusste gleichzeitig, dass Arbeit auf sie zukommen würde.
Bürgermeister Fellbacher überlegte einen Augenblick.
»Also, du rufst auf dem Landratsamt an und sagst meinen Termin mit dem Landrat ab.«
»Mit welcher Begründung?«, fragte Gina sofort.
Fellbacher zuckte mit den Schultern.
»Gina, lass dir bitte eine gute Ausrede einfallen. Die Sache mit den Halstüchern ist wichtiger. Waldkogel wird eine neue Tradition begründen. Du trommelst die Presse aus der ganzen Gegend zusammen. Ich gebe heute Abend eine Pressekonferenz. Bestelle bei Tonis Eltern eine rustikale Brotzeit und ein Fass Bier sowie alkoholfreie Getränke. Du weißt schon, wie ich es meine.«
Gina nickte.
Bürgermeister Fellbacher rieb sich die Hände.
»Das gibt eine gute Reklame für Waldkogel. Am Tage des Hüttenfestes kommen bestimmt auch viele Auswärtige. Ich werde mir die Parkplatzsituation durch den Kopf gehen lassen. Wenn der Parkplatz auf der Wiese hinter der Almhütte, der Kuhalm voll ist, kann es gut sein, dass Autos entlang des Milchpfades abgestellt werden. Dann wird es eng, wenn ein breiteres landwirtschaftliches Nutzfahrzeug durchwill.«
Gina nickt erneut.
»Gina, rufe für den späten Nachmittag den Gemeinderat zusammen. Wir müssen einen Beschluss fassen. Wir sperren den Milchpfad. Er ist nur für Anlieger befahrbar. Außerdem könnten wir die Hauptstraße für einige Stunden sperren. Nur die Busse können passieren. Gleich hinter Kirchwalden ist das große Gelände, auf dem die landwirtschaftlichen Messen abgehalten werden. Dort ist es möglich, zu parken, und es gibt eine Firma, die Pendelbusse anbietet. Aber erst einen Schritt nach dem anderen. Wichtig ist die Absage beim Landrat und dass du viele Pressevertreter erreichen tust.«
»Ich will mich ja nicht einmischen, aber vielleicht wäre es nützlich, den Landrat einzubeziehen«, regte Gina an.
Zuerst erschienen auf der Stirn des Bürgermeisters tiefe Falten. Die Idee gefiel ihm nicht. Der Landrat war zwar ein Parteikollege und fast ein Freund, aber er wusste, dass dieser keine Chance ausließ, sich selbst in Szene zu setzen.
»Der Bazi könnte uns die Idee… streitig machen«, sagte Fellbacher.
Er hatte die Wortwahl mit Bedacht gewählt.
»Herr Fellbacher, spucken Sie das Wort schon aus, das ihnen auf der Zunge liegt. Sie wollten sagen, stehlen oder noch genauer ausgedrückt … klauen. Ist es so?«
Fritz Fellbacher grinste.
»Gina, du sprichst mal wieder eine deutliche Sprache.«
»Warum nicht? Wir sind alleine. Sie sagen doch immer, es ist besser, Ross und Reiter zu nennen«, erklärte Gina selbstbewusst.
»Na ja«, brummte Fellbacher. »Auf der anderen Seite kann es nix schaden, wenn wir ihm ein bisserl PR angedeihen lassen Laden Sie ihn ein, abends zu kommen, wenn die Presse hier ist. Aber nennen Sie ihm einen späteren Zeitpunkt. Dann haben wir einen Vorteil. Du hast dich eben in der Urzeit geirrt, Gina.«
Gina lachte laut.
»So, so, ich habe mich geirrt. Nun gut, damit kann ich leben. Packen wir es an.«
Gina holte sich ihren Notizblock.
Während sie den Kaffee austranken, machten sie einen genauen Plan. Sie notierte alles.
»Und nicht vergessen, Toni anzurufen. Er soll zur Pressekonferenz kommen.«
»Geht in Ordnung!«
Sie tranken ihren Kaffee aus.
Bürgermeister Fellbacher genehmigte sich zur Stärkung einen Obstler.
Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und machte sich Notizen, die er am Abend den Pressevertretern vortragen wollte. Er legte dabei Wert darauf, den Bogen von den alten Traditionen zu neuen Sitten zu schlagen. Er wollte betonen, dass jede Zeit ihre Tradition hervorbringen würde. Und das Halstuchfest, wie er es nannte, sei so eine neue Sitte.
Währenddessen saß Gina mit glühenden Wangen an ihrem Schreibtisch im Vorzimmer und arbeitete alle Punkte auf ihrer Liste ab. Damit sie in Anbetracht der kurzen Zeit nicht gestört würde, hatten sie und Bürgermeister Fellbacher beschlossen, die Öffnungszeiten an diesem Tag abzusagen. Gina hatte ein Schild an der Rathaustür angebracht. Außerdem schaltete Gina den Anrufbeantworter ein.
Es wurde ein sehr arbeitsreicher Tag. Aber Gina war auch mit Feuereifer dabei. Ihr Herz schlug für Waldkogel, seit die Italienerin eingeheiratet hatte und zur gleichen Zeit Bürgermeister Fellbacher rechte Hand geworden war. Waldkogel war Gina zur Heimat geworden.
Die außergewöhnliche schnell anberaumte Sitzung brachte Bürgermeister Fellbacher die volle Unterstützung. Tonis Eltern Xaver und Meta Baumberger tischten eine herzhafte Brotzeit auf. Xaver brachte ein Bierfass und schlug es an. Er bot sich an zu bleiben und Bier auszuschenken.
Fellbacher hatte im Trachtenladen Boller einen...
| Erscheint lt. Verlag | 20.5.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Toni der Hüttenwirt |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Alpen • Bauer • Bäuerin • Bauernhof • Berghütte • Bergpfarrer • Bergroman • Familiengeschichte • Familienroman • Familiensaga • Heimat • Landarzt • Landdoktor • Landleben • Martin Kelter Verlag • Sonnenwinkel • Waldkogel |
| ISBN-10 | 3-69049-293-9 / 3690492939 |
| ISBN-13 | 978-3-69049-293-5 / 9783690492935 |
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