Glückspilz Henry (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-264-5 (ISBN)
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie 'Der kleine Fürst' in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Der zur Waise gewordene angehende Fürst Christian von Sternberg ist ein liebenswerter Junge, dessen mustergültige Entwicklung zu einer großen Persönlichkeit niemanden kalt lässt. Viola Maybach blickt auf eine stattliche Anzahl erfolgreicher Serien zurück, exemplarisch seien genannt 'Das Tagebuch der Christina von Rothenfels', 'Rosenweg Nr. 5', 'Das Ärztehaus' und eine feuilletonistische Biografie. 'Der kleine Fürst' ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken.
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Der zur Waise gewordene angehende Fürst Christian von Sternberg ist ein liebenswerter Junge, dessen mustergültige Entwicklung zu einer großen Persönlichkeit niemanden kalt lässt. Viola Maybach blickt auf eine stattliche Anzahl erfolgreicher Serien zurück, exemplarisch seien genannt "Das Tagebuch der Christina von Rothenfels", "Rosenweg Nr. 5", "Das Ärztehaus" und eine feuilletonistische Biografie. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken.
Leon Laurin war an diesem nebligen Morgen besonders früh dran. Er fröstelte. Es war kühl, der Frühling ließ noch immer auf sich warten. Dennoch hatte er das Auto stehen lassen, wie schon öfter in den letzten Wochen, jedenfalls, wenn er genug Zeit hatte. Er brauchte zu Fuß nicht länger als eine halbe Stunde bis zur Kayser-Klinik, und natürlich wusste er, dass ihm ein morgendlicher schneller Gang guttat.
Der größte Teil des Weges lag bereits hinter ihm, als ihm der unsichere Gang eines Mannes auffiel, der vor ihm lief. Der Mann war schon älter und sehr dünn, eher sogar mager. Nun stützte er sich an einer Hauswand ab.
Leon lief schneller. »Brauchen Sie Hilfe?«, fragte er, als er den Mann erreicht hatte.
Dieser hob den Kopf und Leon sah in ein bekanntes Gesicht, das freilich stark gealtert war, seit er es zuletzt gesehen hatte. »Herr Fauser!«, rief er überrascht.
Heinrich Fauser sah ihn an und kniff die Augen zusammen. Seine Lippen verzogen sich zu einem mühsamen Lächeln. »Na, so was«, sagte er, »Herr Dr. Laurin. Ich … ich muss in die Apotheke, mir gehts nicht so gut.« Er wollte noch mehr sagen, sackte aber stattdessen zusammen, während er nach Luft schnappte.
Leon hatte sein Handy bereits in der Hand. Er rief einen Rettungswagen, gab den Ort an, an dem sie sich befanden und sagte: »Ich leite die Kayser-Klinik, wir sind ganz in der Nähe. Ich kenne den alten Herrn, vor Jahren habe ich ihn operiert, er war danach bei uns in Behandlung. Ich möchte, dass Sie ihn zu uns in die Klinik bringen.«
Der Rettungswagen kam schnell. Leon kannte die Leiterin des Teams und informierte sie kurz und knapp über den Patienten. Heinrich Fauser bekam sofort eine Infusion. Innerhalb von fünf Minuten hatten sie die Klinik erreicht.
In der Notaufnahme begrüßte Leon deren Leiter Timo Felsenstein, mit dem er befreundet war, und erklärte ihm in aller Kürze die Situation. Das Rettungsteam verabschiedete sich wieder. Leon und Timo untersuchten den Patienten gemeinsam.
»Er hat Darmkrebs«, sagte Leon leise. »Als wir ihn damals operiert haben, war es schon fast zu spät. Er hatte gewusst, dass er krank war, wollte aber nicht zum Arzt. Sein Enkel hat ihn schließlich überredet.«
»Wann war das?«
Leon musste kurz nachdenken. »Vor drei Jahren«, sagte er. »Zuerst schien alles gut zu gehen, aber dann sind Metastasen festgestellt worden. Ich bin durch die Kollegen, die seine Behandlung übernommen haben, gelegentlich informiert worden. Einige Male sind wir uns auch noch begegnet, aber Herrn Fauser schien das immer unangenehm zu sein. Es ist bestimmt über ein Jahr her, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Möglicherweise kommt er gar nicht mehr her. Er war wohl schon immer sehr eigensinnig. Neulich ist er mir mal wieder in den Sinn gekommen, da hatte ich mir vorgenommen, bei den Kollegen nachzufragen, ob er noch lebt.«
»Das tut er – noch«, erwiderte Timo.
Leon nickte. Heinrich Fauser war vom Tode gezeichnet, sie hatten es beide sofort gesehen.
»Nehmen wir ihn stationär auf? Retten werden wir ihn nicht können.«
»Wir fragen ihn. Gegen seinen Willen bleibt er sowieso nicht hier. Er war auf dem Weg zur Apotheke, hat er mir erzählt, als ihm plötzlich schwindelig geworden ist. Dann war er nicht mehr ansprechbar. Er scheint immer noch allein zu leben.«
»Das klingt traurig.«
»Das ist es wohl auch. Mir kam es damals so vor, als hätte er außer seinem Enkel niemanden, der ihm nahestand.«
»Seine Tochter? Oder sein Sohn? Beziehungsweise die Eltern des Enkels?«
»Ich habe versucht, mehr darüber in Erfahrung zu bringen, es ist mir aber nicht gelungen.«
»Du hättest Schwester Marie darum bitten sollen, dass sie mal mit dem alten Herrn redet.«
»Ja, das wäre gut gewesen. Marie war aber damals krank.«
»Sie war krank? Hat es das wirklich mal gegeben?«
Sie lächelten beide. Marie Laube war schon sehr lange Schwester in der Kayser-Klinik, sie hatte deren Gründer Joachim Kayser, Leons Schwiegervater, noch als jungen Mann gekannt. Die Klinik ohne sie war schlicht nicht vorstellbar. So sahen es nicht nur die Angestellten, sondern auch alle Patientinnen und Patienten, die jemals mit ihr zu tun gehabt hatten. Die Menschen vertrauten Marie, noch bevor sie auch nur ein Wort mit ihr gesprochen hatten. Sie vertrauten ihr ihre Geheimnisse an, und immer fand sie die richtigen Worte. Selbstverständlich war sie außerdem eine hervorragende Pflegerin, die sich bemühte, dem Nachwuchs ihre Kenntnisse weiterzugeben.
»Ja«, sagte Leon, »das hat es tatsächlich mal gegeben, dass Marie krank war. Also, ich rede mit den Kolleginnen und Kollegen, die ihn die letzten Jahre betreut haben, was die für gut und richtig halten.«
»Sie werden das Gleiche sagen wie wir.«
Es stellte sich heraus, dass der Patient schon seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr in der Klinik gewesen war. Die behandelnden Ärzte hatten versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen – es war ihnen nicht gelungen.
Als Heinrich Fauser schließlich die Augen wieder öffnete und ansprechbar war, sagte er: »Bitte, könnten Sie meinen Enkel benachrichtigen? Heinrich Hauschild …«
»Ja, natürlich, Herr Fauser«, sagte Leon. »Wir haben seine Telefonnummer, Sie waren ja weiterhin hier in Behandlung, nach Ihrer OP damals.«
»Ach, in letzter Zeit nicht mehr«, erwiderte Heinrich Fauser. »Es geht mit mir zu Ende, das weiß ich. Ich möchte trotzdem nach Hause … für die letzten Tage.«
Wieder wechselten Leon und Timo einen Blick, dann sagte Leon: »Ich rufe Ihren Enkel selbst an, Herr Fauser.«
Der alte Herr nickte und schloss die Augen, die beiden Ärzte verließen das Behandlungszimmer. »Er wird Schmerzmittel brauchen«, sagte Timo. »Hier bei uns wäre er besser versorgt.«
»Das haben die Onkologen natürlich auch gesagt, aber es nützt nichts, er will nicht, und er wird seinen Willen durchsetzen. Vor einem halben Jahr hat er gesagt, er kommt nicht mehr, weil es sowieso sinnlos ist, und er will keine Chemotherapie mehr. Trotzdem werde ich mit dem Enkel reden und versuchen, ihm klarzumachen, was auf ihn zukommt, wenn Herr Fauser zu Hause stirbt. Das kann länger dauern als ein paar Tage, und es kann ziemlich schlimm werden.«
»Was für ein Mensch ist der Enkel? Mochtest du ihn?«
»Ja, sofort. Er ist ein sympathischer Kerl, und er weiß seinen Opa zu nehmen. Wenn jemand Herrn Fauser überzeugen kann, hierzubleiben, dann er, aber große Hoffnungen mache ich mir nicht, wenn ich ehrlich bin.«
»Er muss ja noch jung sein – und er heißt wirklich Heinrich, wie der Opa?«
»Ja, aber er nennt sich nicht so. Alle nennen ihn Henry, bis auf den Opa. Ich weiß nicht einmal, ob der Opa das weiß.«
»Ach, so ist das! Ich hab mich ein bisschen über den Namen gewundert, der ist ja heute mehr oder weniger ausgestorben. Dann geh mal telefonieren, ich halte hier die Stellung.«
Leon nickte. »Ich mache das von meinem Büro aus, Störungen kann ich bei einem solchen Gespräch nicht gebrauchen.«
»Ich beneide dich nicht um diese Aufgabe«, sagte Timo.
*
Henry Hauschild saß vor seinem Laptop, ohne zu arbeiten. Das einzig Gute an seinem Job war, dass er zwei Tage in der Woche zu Hause arbeiten konnte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte es gern die ganze Woche sein dürfen. Er hasste die Arbeit im Büro, wo immer alle Türen offenstanden und jederzeit jemand vorbeikommen konnte. Genauso gut hätte man in einem Großraumbüro sitzen können. Man hatte nirgends seine Ruhe.
Unter den vielen Kolleginnen und Kollegen gab es genau zwei, die er mochte und mit denen er sich gern austauschte. Eine war Jenny Mahler, eine temperamentvolle Dunkelhaarige, die ihn in den Pausen regelmäßig ›an die frische Luft‹ zerrte und ihm lustige Geschichten erzählte, der andere war Luis Braumühl, der die Arbeit im Büro genauso wenig mochte wie er. Mit allen anderen pflegte er nur die nötigsten Kontakte.
Sie waren Texter in einer großen Werbefirma, und sie waren gut in dem, was sie taten – nur war es nicht das, wovon Henry träumte. Früher hatte er nie so genau gewusst, was er sich eigentlich wünschte, aber seit er für die Werbefirma arbeitete, war ihm zumindest eines klar geworden: Am liebsten hätte er in der Natur gearbeitet. Förster war ihm eine Zeit lang als erstrebenswerter Beruf erschienen oder Ranger in einem Naturpark – obwohl er wusste, dass er dann sehr viel weniger Geld verdient hätte als mit seinem jetzigen Job. Oft wünschte er sich, er wäre auf diese Ideen schon damals, nach dem Abitur gekommen. Dann hätte er Forstwirtschaft studiert und wäre heute vielleicht glücklich mit seinem Beruf.
Seine Begabung als Texter hatte sich jedoch schon in der Schule herausgestellt, und so schien es folgerichtig, ein Germanistikstudium zu beginnen. Es hatte ihn schrecklich gelangweilt, er hatte das Studium nach zwei Semestern abgebrochen und war, eher zufällig, für ein Praktikum in der Werbefirma gelandet, für die er jetzt immer noch arbeitete. Er hatte ein paar griffige Sprüche rausgehauen und war sofort eingestellt worden. Seitdem verdiente er mehr als gut, und da er nicht auf großem Fuß lebte, hatte er schon eine hübsche Summe zusammengespart.
Es war nie seine Absicht gewesen, bis zur Rente Werbetexter zu bleiben, aber er fand den Absprung nicht. Er hatte ja nichts vorzuweisen außer einem abgebrochenen Studium. Dabei war der Gedanke an einen Beruf, den er lieben könnte, ungeheuer verlockend: Morgens aufzustehen und sich auf den Tag und die Tätigkeiten, die er mit sich brachte, zu freuen – das musste das Paradies auf Erden sein. Es gab ja Leute, die behaupteten, sie hätten...
| Erscheint lt. Verlag | 6.5.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Der neue Dr. Laurin |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Arzt • Arztroman • Chefarzt • Doktor • Dr. Daniel • Dr. Norden • Fortsetzungsroman • Klinik • Krankenhaus • Krankenschwester • Landdoktor • Martin Kelter Verlag |
| ISBN-10 | 3-69049-264-5 / 3690492645 |
| ISBN-13 | 978-3-69049-264-5 / 9783690492645 |
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