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Zukunft ungleich Vergangenheit -  Sarah Helnwein

Zukunft ungleich Vergangenheit (eBook)

Kinder ohne Gesichter
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
328 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-6993-6 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
4,49 inkl. MwSt
(CHF 4,35)
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»Ich finde dich«, hauchte ich. »Und ich werde deinen Machenschaften ein Ende setzen.« »Dann lasset die Spiele beginnen«, flüsterte sie und drückte mir einen letzten Kuss auf die Stirn. Ein flüchtiges Aufleuchten, ein ungewisser Upload - und ein schicksalhafter Auftrag eines Hologramms, der ihr Leben auf den Kopf stellt. Julius und Luna, zwei jugendliche Außenseiter, sollen ein verschwundenes Mädchen retten. Doch warum wurden ausgerechnet sie ausgewählt? Als sie ihrem mächtigen Gegenspieler Cerberus begegnen, wird klar, dass mehr auf dem Spiel steht als das Leben des Mädchens. Jeder Schritt bringt Julius und Luna der Wahrheit näher - und denjenigen, die sie um jeden Preis in die Dunkelheit zerren wollen. Der erste Teil der Zukunft ungleich Vergangenheit - Trilogie

Sarah Helnwein wurde 2000 in Österreich geboren. Mit 12 Jahren entdeckte sie ihre Liebe zum Schreiben. Während ihres Studiums veröffentlichte sie ihren Debütroman Zukunft ungleich Vergangenheit - Kinder ohne Gesichter. Ihre Inspirationen findet sie bei Spaziergängen in der Natur oder durch das Reisen. Wenn sie sich nicht gerade Geschichten ausdenkt, arbeitet sie im pädagogischen Bereich. Sie lebt in der Nähe von Wien.

Halluzination?


Jul

Meine Lunge brannte wie Feuer. Jeder Schritt schmerzte. Nicht aufgeben, hämmerte ich mir ein. Nicht aufgeben. Durchhalten.

96 … 97 … 98 …

Das Ende naht.

Schweiß auf Gesicht, Armen und Beinen. Ziehender Schmerz in Beinen, Lunge und Bauch. Scheißverspätung mit dem Bus.

110 … 111 … 112 …

Der Treppenabsatz. Er war zum Greifen nah.

118 … 119 … 120!

4. Stock erreicht. Noch ein kurzer Sprint zur Tür.

Ich mobilisierte meine letzten Kräfte und ignorierte den Schmerz, der durch meinen Körper schoss.

Die Tür. Endlich.

Mein Shirt klebte an meinem Körper. Schweißperlen tropften von meinem Gesicht. Mit feuchten Händen öffnete ich die Tür, schob mich in den Klassenraum und erstarrte.

8:10 Uhr.

Das ist unmöglich!

Die Tür krachte hinter mir ins Schloss.

»Herr Soktik, Sie sind wieder einmal zu spät! Das gibt einen erneuten Eintrag in das Klassenbuch und eine Verwarnung durch Ihren Klassenvorstand. Und dass Sie mir nicht mehr zu spät in meinen Unterricht kommen, Herr Soktik. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, Frau Andrews.«

Ein Kichern aus der letzten Reihe. Max und Lenard klatschten ein und zeigten auf die Uhr. Da machte es klick in meinem Kopf.

Die beiden hatten die Uhr schon wieder vorgestellt, wie letzte Woche auch!

Ich beschloss, fürs Erste auf meinen Platz zu gehen, denn 24 Augenpaare starrten mich bereits an. Mir schoss sofort das Blut ins Gesicht. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals.

Nur nicht hinsehen, schärfte ich mir ein. Wenn du nicht hinsiehst, dann schauen sie auch vielleicht weg.

Mit hängendem Kopf schlurfte ich in die zweite Reihe zu meinem Platz am Fenster. Meine Schultasche fiel auf den Boden. Ich kramte schnell meine Englisch-Sachen aus dem Bankfach und legte sie vor mich auf den Tisch. Bedacht, keine weitere Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Frau Andrews fuhr unberührt mit ihrem Unterricht fort. Zwar war sie die strengste Professorin in der Schule, was das Zuspätkommen betraf. Doch Miss Perfect war nicht so perfekt – ihr Unterricht glich dem eines Hörbuches: Man konnte prima einschlafen. Vor allem, wenn sie zum dritten Mal dasselbe erzählte.

Present Perfect Tense – selber Unterricht und selbe Hausübung. Super. Ob sie schon merkte, dass die Antworten der Schüler dieselben waren? Oder verschmiss sie regelmäßig unsere Hausübungen?

Unauffällig checkte ich die Uhrzeit auf dem Handy. 8:02.

Solche Vollidioten. Ein unnötiger Eintrag wegen diesen Knallköpfen. Ich seufzte und verdrehte die Augen. Dann steckte ich das Handy weg und fokussierte mich auf Miss Andrews.

Die Stunde verging und ich passte mal wieder kaum auf. Nicht dass es mich nicht interessieren würde – Englisch ist neben Deutsch mein allerliebstes Fach –, doch ich wurde abgelenkt. Die Jungs in der vierten Reihe schossen mich wie so oft mit von Speichel getränkten Papierkugeln ab. Immer waren es dieselben vier Leute: Lenard, der Computerfreak; Max, der Prolet der Klasse; Dominik, die Sportskanone, und Jeffry, der Klassenbeste. Dieses Quartett passte nicht zusammen, nicht wahr? Genau. Vor allem konnte ich bis vor einem Jahr Dominik und Lenard noch zu meinen Freunden zählen.

Dachte ich zumindest.

Bis es passierte. Die große Sache, von der jeder erzählte. Alle Schüler unserer Schule wussten davon. Nur ich nicht – der Außenseiter.

Es war die Party des Jahres. Keine Lehrer, nur wir Schüler. Wo wurde das gepostet? Auf Social Media natürlich. Und wer hatte kein internetfähiges Handy zu dem Zeitpunkt? Ich. War echt toll, am nächsten Tag nur Schwärmereien zu hören, und keiner hatte daran gedacht, mir auch Bescheid zu sagen. Nicht einmal Dominik und Lenard. Ich verstehe nicht, warum.

Ich habe keinem etwas getan, sondern bin einfach ich. Ich sehe recht gut aus, habe mein schwarzes Haar zur Seite gekämmt und trage ein bequemes, kariertes Hemd mit passender Hose. Meine Zähne könnten weißer sein und meine Brillenfassung nicht so dick und schwarz. Aber hey, ich habe abgenommen. Ich wiege mittlerweile nur mehr 70 Kilogramm und fühle mich wesentlich wohler.

Nach der Englisch-Stunde folgte eine der besten Zeiten des Tages: Pause. Zwar nur für zehn Minuten, aber immerhin.

Draußen im Hof lief ich sofort zu meinem Lieblingsbaum, einer riesigen Kastanie. Sie war so hoch, dass sie selbst bei hohen Temperaturen Schatten und kühle Luft spendete. Weil ich immer als Erster bei diesem Baum bin, traut sich keiner mehr herzukommen. Mit einem Außenseiter nimmt man auf keinen Fall Kontakt auf. Also kann ich hier friedlich meine Augen schließen, die frische, kühle Luft einatmen und mich entspannen.

Ach, ist das schön!

Zumindest war das bis Freitag so.

Im ersten Moment konnte ich meinen Augen nicht trauen. Ich blinzelte mehrmals, doch das Bild vor mir änderte sich nicht. Wie war das möglich?

Als ich meinen Lieblingsplatz erreichte, fand ich dort jemanden vor. Ein Mädchen saß auf meinem Platz! Ihr rotes Haar trug sie bis zur Hüfte. Auf ihren Kopf saßen Katzenohren-Kopfhörer in lila. Meine Güte! Diese Dinger waren im Moment der allerletzte Schrei. Das Kabel steckte in einem Smartphone, das aus einer Hosentasche ihrer blauen Jeans herausragte. Wobei, wer verwendet heutzutage noch Kabel für das Handy? Muss wohl ein MP3 Player aus dem letzten Jahrhundert sein. Das dazu passende blaue Top sah ich durch die Öffnung einer grauen Jacke. Ihre Augen waren geschlossen.

Ich musste zugeben, sie sah echt gut aus. Aber ich stellte mir eine entscheidende Frage: Wie konnte sie vor mir, einem schnellen Läufer – wenn nicht sogar dem schnellsten – bei meinem Lieblingsplatz sein?

Ich stand nun direkt vor ihr, stützte meine Hände an meinen Hüften ab und blickte sie zornig an. Sie saß nun, dank mir, völlig im Schatten, doch es kümmerte sie nicht. Es schien so, als schliefe sie. Ihr Brustkorb hob und senkte sich langsam.

Meine Zornesfalten glätteten sich allmählich, bis sie verschwunden waren. Ich sah nur mehr das niedliche Mädchen vor mir. Nein, das süße Mädchen.

Menschen kamen in den Hof. Laute, leise, hohe und tiefe Stimmen drangen an meine Ohren, doch mein ganzer Fokus galt dem Mädchen, welches sich bewegte. Es wachte auf!

O Mist, was mache ich jetzt?

Klares Denken war in diesem Zustand unmöglich. Mein Verstand hatte keine Möglichkeit, eine rationale Entscheidung zu treffen.

Meine Augen weiteten sich, als sie sich streckte und gähnte. Zwischen ihren Fingerspitzen und meinem Brustkorb befanden sich nur wenige schützende Zentimeter. Zum Glück! Oder war es doch Pech?

Sie blinzelte und schmunzelte.

Ich wollte mich bewegen, nicht zu nahe bei ihr stehen, nicht so gruselig wirken, doch mein Körper ließ mich im Stich. Ich war wie erstarrt.

Danke für nichts, Körper!

Das Mädchen öffnete die Lider. Nun sah ich die wasserblauen Augen. Sie blickte sich um. Als es die Umgebung erkundet hatte, hielt es inne und fixierte mich.

Für einige Augenblicke stand die Welt still. Das Rascheln der Blätter, die Stimmen der Schüler, all das waren leise Hintergrundgeräusche. Nichts schien diesen Moment stören zu wollen.

Ich fühlte mich wie in einem Traum. In Träumen war ja bekanntlich alles möglich. Als Held gegen Bösewichte kämpfen, durch das All ohne Schutzanzug fliegen, sich in ein Tier verwandeln. Ich träumte oft davon, dass meine Sozialphobie gar nicht existierte. Ich spreche in meinen Träumen mit vielen Leuten. Wir quatschten stundenlang über alle möglichen Themen: Wer hat diesen Tratsch gehört, was habt ihr am Wochenende gemacht … Ich habe in meiner Traumwelt so viel Spaß, dass ich mich dann auf den kommenden Schultag freue.

Doch wenn ich nach meiner Anreise mit dem Bus nur einen Fuß in das Schulgebäude setze, fällt die ganze Last wie ein Felsbrocken auf meine Schultern. Danach fühle ich mich wieder klein, hilflos und schwach.

Noch immer starrten wir uns an. War der Abstand zwischen uns geringer geworden? Ihr warmer Atem kitzelte auf meiner Haut. Ich bekam eine Gänsehaut. Mein Gesicht musste mittlerweile so rot wie eine Tomate sein.

Noch nie war ich einem Mädchen so nahe gewesen. Ich schwebte im siebten Himmel. Vor meinem geistigen Auge sah ich uns auf einem Hügel tanzen, sie in einem weißen Kleid. Der Wind blies ihr durchs Haar und gab den Blick auf ihr Gesicht frei. Die vollen Lippen, die glänzenden Augen, die mit Sommersprossen gesprenkelten Wangen … Mein Herz schlug wie wild. Ihr Lachen erfüllte die Luft. Sie drehte sich zu mir um und rannte auf mich zu. Im nächsten Moment war ihr Gesicht ganz nahe an meinem. Wir kamen uns immer näher, bis unsere Nasen sich fast berührten. Ich schloss die Augen und atmete den fruchtigen Duft ihres Haares ein. Ein Lächeln umspielte meine Lippen.

»Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?«

Eine Stimme riss mich aus meinem Tagtraum heraus. Sie klang so nah...

Erscheint lt. Verlag 31.3.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror
ISBN-10 3-8192-6993-2 / 3819269932
ISBN-13 978-3-8192-6993-6 / 9783819269936
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