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Alle unsere Leben (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2025
581 Seiten
Unionsverlag
978-3-293-31188-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Alle unsere Leben - Christine Dwyer Hickey
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Es ist der Beginn einer vier Jahrzehnte andauernden Suche nach Liebe: 1979, in einem weiten, gnadenlosen London, finden sich zwei irische Außenseiter - Milly, eine junge Ausreißerin, und Pip, ein talentierter junger Boxer. Sie verlieben und verlieren sich ineinander, doch das Leben drängt sie in unterschiedliche Richtungen. Immer wieder kreuzen sich ihre Wege, wandern die Gedanken zum anderen. Vierzig Jahre später klammert sich Milly an das einzige Zuhause, das sie je gekannt hat, während Pip durch die Straßen Londons streift und mit seinen Dämonen kämpft. Zwischen ihnen, vielleicht unüberwindbar, liegt ein ganzes Leben. In einer sich ständig wandelnden Stadt entfaltet sich eine epische Geschichte über Einsamkeit, Sehnsucht, Menschlichkeit und Liebe.

Christine Dwyer Hickey, geboren 1958 in Dublin, ist Autorin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin lehrt sie Kreatives Schreiben. Für ihre Romane war sie u. a. für den Orange Prize und den Prix L'Européen de Littérature nominiert, für Schmales Land wurde sie mit dem Walter Scott Prize und dem Dalkey Literary Award ausgezeichnet.

Pip


2017

März

Als er auf die Straße tritt, stellt er fest, dass der Frühling da ist.

Er hat es schon gesehen in den letzten paar Tagen, durch die verschiedenen Fenster. Auch über die Mauer des langen Gartens ist es in ihn eingedrungen: Knospen, längere Tage und natürlich das Konzert in der Morgendämmerung, das dem ohnehin zu langen Tag eine weitere Stunde hinzufügt.

Heute Morgen, als die Krankenschwester ihm sagte, dass in zwei Tagen der April anfängt, hat er geantwortet: »Ja, das ist wohl so.« Trotzdem ist er nicht darauf gefasst: die warme Luft, das Licht, dieses Gefühl von Erneuerung.

Er erinnert sich noch daran, wie er auf den Schnee gewartet hat. In den Nachrichten hatten sie davor gewarnt, und im Garten herrschte diese eigenartige Stille. Er hatte sich darauf gefreut, den Schnee zu betrachten, aus der Wärme, aus sicherer Entfernung. Ein gelegentlicher Blick von seinem Ringplatz hinaus in den Garten. In das fedrige Durcheinander. Und dann zurück zu seinem Buch, und mit warmen, beweglichen Händen die Seite umgeblättert. Schönheit ohne Schmerz. Das muss im Januar gewesen sein. Letztlich hielt sich der Schnee kaum länger als die eine Nacht, und seither hat er vom Wetter wenig oder nichts mitbekommen, nur ein vager Eindruck von Grau und Regen, gelegentlich durchbrochen von ein paar milchigen Sonnenstrahlen.

»Eine gute Zeit, um nach Hause zu gehen«, hatte die Krankenschwester gesagt. Ein breites Lächeln und kleine, fröhliche Augen. Aus den Philippinen vielleicht, hatte er gedacht. Die anderen aus der Belegschaft nannten sie Tracey, aber er bezweifelte, dass das ihr echter Name war.

»Und wo sind Sie zu Hause?«, hatte er sie gefragt, um ein bisschen Small Talk zu machen, bis Dom kam.

»Oh, weit weg, viele, viele Kilometer.«

»Wie viele?«

»Tausende. Zehntausend.«

»Haben Sie oft Gelegenheit, heimzufahren?«

Darauf antwortete sie nicht, zuckte nur kurz die Achseln. Ihre Hand strich besänftigend über die Decke am Fußende seines Betts. Nach ein paar Sekunden gab sie die Frage zurück: »Und Sie? Wo ist Ihr Zuhause?«

Er hätte ihr gern gesagt, dass er kein Zuhause hatte, keines mehr gehabt hatte – jedenfalls kein richtiges –, seit er zehn gewesen war.

Aber gegenüber einer Frau, die wahrscheinlich alles zurückgelassen hatte – Mann, Kinder, selbst ihren Namen –, um die Familie über Wasser zu halten, wäre das wenig feinfühlig gewesen.

»Mein Zuhause«, sagte er, »ist jetzt erst mal bei meinem Bruder.«

»Ah, schön, und wo?«

»Notting Hill.«

»Oh, also sehr schön!«

»Das Haus ist wirklich schön«, sagte er, »soweit ich mich erinnere.«

Wenig später war die Frau vom Empfang gekommen und hatte Schwester Tracey herausgewinkt. Leise Stimmen im Gang, dann kam die Schwester wieder herein und gab nervös die Nachricht weiter. »Ihr Bruder kann nicht. Tut ihm sehr leid, sagt er.«

»Sagt er oder seine Sekretärin?«

»Oh, das weiß ich nicht«, sagte sie und reichte ihm die Notiz der Empfangsdame.

Noch in der Probe, lieber zu Hause treffen, geht schneller. Um fünf daheim.

»Ihr Bruder ist ein berühmter Trompeter?«, fragte sie. »Schwester Margo hat es mir erzählt.«

»Ich glaube schon.«

»Wollen Sie jetzt ein Taxi?«

Er stand auf, nahm seine Tasche vom Bett und sagte: »Lassen Sie mal, ich komme da schon alleine hin.«

Dann wandte er das Gesicht ab, damit sie nicht sah, wie sich Erleichterung darauf breitmachte.

Drei Krankenschwestern verabschieden ihn. Er steht auf der Straße, schaut zurück und sieht, wie sie ihm vom Foyer aus nachwinken. Ein weißes Lohen vor dunklem Hintergrund. Ein braunes Gesicht, ein schwarzes, ein irisch blasses. Schon spürt er es wieder: wie Fragmente der Zeit wegfallen. Das Leben hier drinnen, das andere Leben, das draußen wartet. Der Einwegspiegel, der sie voneinander trennt. Vor wenigen Augenblicken hat er noch im Foyer gestanden und ist von ihnen betüddelt worden wie ein kleiner Junge, der gleich zur Schule geht. Jetzt steht er hier in diesem gleißenden Licht, fragt sich, wie ein Märztag so warm sein kann, und versucht zu entscheiden, in welche Richtung er gehen soll.

Die irische Krankenschwester hat ihn zur Tür gebracht. Dann ist sie ein paar Minuten auf der Stufe stehen geblieben und hat ihm mit ihrem kernigen ländlichen Akzent Anweisungen erteilt. »Also. Ihr Bruder hat gesagt, er ist bald daheim. Ein paar Häuser weiter in seiner Straße gibt es ein Café, hat er gesagt – da können Sie warten, wenn Sie nicht auf der Straße herumstehen wollen. Essen Sie was, Sie haben Ihr Mittagessen nicht angerührt. Denken Sie dran, Sie sollten es vermeiden, hungrig zu werden. Oder durstig. Ich habe Ihnen eine Flasche Wasser eingepackt.«

»Oder mich zu ärgern«, sagte er, »das haben Sie vergessen.«

»Bitte?«

»Ich soll es vermeiden, mich zu ärgern. Es ist einer meiner Trigger. Hunger, Durst, Ärger.«

»Muss man Sie denn jetzt schon daran erinnern, dass Sie sich nicht ärgern sollen? Nein? Gut. Also, Ihre Tabletten und Rezepte sind hier drin. Sie haben genug für drei Tage – achten Sie darauf, dass Ihnen die Tabletten nicht ausgehen. Und Ihre Entlassungsunterlagen – bitte auf keinen Fall verlieren, da sind all Ihre Telefonnummern drin. Speichern Sie sie gleich ein, wenn Sie ein neues Handy haben – und denken Sie daran, Sie können Ihren AA-Sponsor jederzeit anrufen, Tag und Nacht, zu jeder Uhrzeit. Sollen wir Ihnen jetzt ein Taxi rufen?«

»Nein, ich möchte wirklich gern zu Fuß gehen. Dann kann ich mir auch unterwegs gleich ein Handy kaufen.«

»Na gut, aber nehmen Sie sich ein Taxi, wenn Sie müde werden. Auf die nächsten paar Wochen kommt es an. Gehen Sie einen Tag nach dem anderen an, und Sie werden sehen, dann ist der April im Nu vorbei.«

»Der grausamste Monat.«

»Warum sagen Sie das? Es ist doch ein schöner Monat. Freuen Sie sich daran. Seien Sie einfach vorsichtig. Haben Sie eine Sonnenbrille? Nein? Dann machen Sie das als Allererstes, kaufen Sie sich eine Sonnenbrille.«

»Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht mal sicher, ob die wirklich hilft.«

»Besorgen Sie sich trotzdem eine«, sagte sie.

Die irische Schwester mochte ihn nicht, und sie hatte deshalb ein schlechtes Gewissen, das merkte er. Dieser ratlose, schuldbewusste Gesichtsausdruck, als versuchte sie dahinterzukommen: Warum mag ich ihn nicht?

Er hätte es ihr sagen können: Es ist Ihre überlieferte Erinnerung, meine Gute, ganz einfach – all die nutzlosen Säufer, mit denen Ihre Vorfahrinnen sich herumschlagen mussten.

Er hätte ihr auch sagen können, dass er noch nie eine bessere Krankenschwester gehabt hat als sie, und auch keine, die so gründlich war.

Sie nickte ihm zu. »Na dann, viel Glück. Und das ist jetzt nicht persönlich gemeint, aber ich hoffe, wir sehen uns nie wieder. Also: Erster Punkt auf Ihrer Liste?«

»Ein großes Guinness und dann ein Whiskey?«

Sie legte den Kopf schief, schaute ihn an.

»Eine Sonnenbrille besorgen«, sagte er.

Ein Klaps auf den Arm, dann ein erhobener Zeigefinger. »Und ab jetzt benehmen Sie sich, ja?«

Er hat gelächelt, während sie wieder hineinging, und gedacht: Gott, ich liebe die irischen Frauen.

Er wechselt auf die schattige Straßenseite, und im Geiste geht er rasch die Londoner Parks durch, wie immer, wenn er sich orientieren muss. Von Park zu Park, Zaun zu Zaun, dazwischen ein Gewirr aus vielen Kilometern Asphalt. Er weiß, dass er im Bereich NW1 ist. Der Regent’s Park liegt rechter Hand hinter ihm, Hyde also linker Hand vor ihm. Green und St James’s linker Hand hinter ihm.

Etwas bewegt sich über die Dächer. Grau, seltsame Form, etwas schwerfällig. Ein Reiher. Er bleibt stehen, um dessen kurzen, uneleganten Flug über die Schornsteinkappen zu verfolgen. Kommt wohl vom Regent’s Park, vermutet er, so wie er, unterwegs Richtung Südwesten.

Er fragt sich, wie viel Uhr es jetzt ist, und dreht schon das Handgelenk, um nachzuschauen, da erinnert er sich: Dort sitzt keine Armbanduhr. Der Abdruck der Uhr ist längst verschwunden, die Härchen, die sie flach gedrückt hat, haben sich aufgerichtet. Du hast sie verloren. Oder verpfändet. Oder verschenkt. Vielleicht hast du sie dir sogar stehlen lassen. Wie oft musst du das noch gesagt kriegen? Du blöder Hund, die Uhr von deinem Vater ist dahin.

Vor ihm steigt eine junge Frau aus einem Auto, verriegelt die Tür, ein Piepen, und läuft dann in seine Richtung. Er könnte sie ja nach der Uhrzeit fragen –...

Erscheint lt. Verlag 21.8.2025
Übersetzer Kathrin Razum
Sprache deutsch
Original-Titel Our London Lives
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Boxen • England • Großstadt • Irland • Liebe • London • Nordirland • Pub
ISBN-10 3-293-31188-1 / 3293311881
ISBN-13 978-3-293-31188-6 / 9783293311886
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