Glückwunsch zum Geburtstag, Zombie (eBook)
148 Seiten
Wiebers Verlag
978-3-942606-57-8 (ISBN)
Willi Hofmann, Jahrgang 1949, bringt eine einzigartige Kombination aus naturwissenschaftlichem Wissen und literarischer Fantasie in seine Werke ein. Mit einem Hintergrund in Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie, sowie einer langjährigen Tätigkeit als Dozent, verbindet er Fachwissen mit der Fähigkeit, komplexe Themen anschaulich und fesselnd zu erzählen. Als Roman- und Kinderbuchautor hat Hofmann zahlreiche Bücher veröffentlicht, die Themen wie Menschlichkeit, Natur und die Grenzen des wissenschaftlichen Fortschritts beleuchten. Sein Stil ist geprägt von skurrilen Wendungen, tiefgründigen Figuren und einer besonders durchdachten Mischung aus Wissenschaft und Fiktion.
... ODER DOCH?
Binger trat seinen Dienst frohgemut an. Wie freute er sich auf Kochkleidung und die Mütze, das Päckchen Probierlöffel in der Brusttasche. Wie hatte er das alles vermisst. Die Begrüßung lief unterkühlt ab. Kein Wunder, beliebt hatte er sich mit seiner cholerischen Art mit Sicherheit nicht gemacht. Fast frostig wirkte Herr Tann, der sich als Bingers Vertretung vorstellte. Er lächelte verkrampft, als er die Hand reichte, doch Binger spürte sein Misstrauen. Tann teilte ihm als erstes mit, der Chef wolle ihn sprechen.
Binger ging in sein Büro. Der Chef eröffnete ihm, es habe sich einiges geändert. Die Speisekarte sei überholt worden; Tann habe sich bewährt. Wie es weiter gehen solle mit zwei Chefköchen, das wisse der Restaurant-Besitzer noch nicht. Binger solle halt erst mal seine vier Stunden machen, er würde sich was einfallen lassen.
Keine Frage, wie es seinem alten Sternekoch ging, kein Wort der Anteilnahme.
Hoppla. Etwas anders hatte sich Binger den Wiedereinstieg vorgestellt. Tann war nicht sein Typ, das wurde ihm in den vier Stunden klar. Und er kehrte hier den Chefkoch raus. Er gab Binger Anweisungen, kritisierte seine Kochkunst. Er erlaubte sich, seine Suppe abzuschmecken, das durfte doch nicht wahr sein. Vollkommen andere Gewürze standen herum, und die benutzte Tann eifrig.
Binger war froh, als die vier Stunden herum wahren. Das was er an Gelassenheit gelernt hatte in der Kur, das hatte den Praxistest nicht bestanden. Bevor er das Restaurant verließ, ging er zum Zigarettenautomaten und zog sich seine Gauloises. Eine wollte er sich gönnen. Die rauchte er auf dem Nachhauseweg. Verdammt, was sollte er machen? Vielleicht sich doch weiter krankschreiben lassen? Binger glaubte nicht, dass das den Chef gefreut hätte. Nach dem kurzen Gespräch schien es ihm so, als hätte der Tann schon längst ins Herz geschlossen. Binger holte sich eine Flasche trocknen Bordeaux. Am Abend war sie leer, die Packung Gauloises auch.
Nächster Tag: Mit wenig Freude und leichtem Kater zum Dienst aufgerappelt, vorher noch neue Kippen besorgt. Binger versuchte, Tann auszuweichen. Doch der schien ihm auf den Fersen zu kleben, gab ihm sogar Anweisungen. Ihm wurde heiß, und zwar nicht vom Dampf aus den Töpfen. Diskussionen, kurz und knackig ausgetragen, unterschwellig gereizt.
Zwei Probierlöffel fuhren fast gleichzeitig in die Bratensoße, Tanns und Bingers. Es war Bingers letzter aus der Brusttasche.
»Mehr Majoran«, sagte Tann knapp. »Idiot«, dachte Binger, sagte aber nichts. Er ging zum Abzug, den Löffel noch in der Hand, stellte die Lüftung auf Maximal und zündete sich eine Gauloise an.
Tann kam zu ihm, nahm ihm die Zigarette aus der Hand und erklärte entschieden: »Hier nicht!« Er löschte die Glut mit einem Wasserstrahl und warf die Zigarette in den Abfall. Dann kehrte er zu Binger zurück, blickte ihm fest ins Gesicht und sagte vorwurfsvoll:
»Wie kann ein Koch nur rauchen? Verdirbt Geruch und Geschmack!« Er drehte sich um, und Binger hätte ihm am liebsten in den Hintern getreten.
Doch der Komet schlug nochmals ein. VERNICHTUNGS-SCHMERZ, schoss es durch Bingers Kopf. Sein Löffel klimperte auf den Boden, noch bevor er selbst unten ankam. Den Löffel, den gebe ich jetzt ab. Das war der letzte Gedanke des Sternekochs.
Und damit hatte er recht.
* * *
Gleubert hatte Walter nicht nur ein Supergedächtnis geschenkt, nein auch ein Supergefühl. Eines Tages spürte der Professor ein Stocken im Magenmeridian. Er fürchtete, das sei der Anfang des Endes. Wenn seine Phosphatreihen hier hängen blieben, dann würde es nicht mehr lange dauern, und sie würden zerfallen. Die anderen Meridiane würden folgen. Und dann wäre er endgültig tot, lange bevor die fünfzehn Monate um waren. Oder waren sie es bereits? Ein Gefühl für den Zeitablauf, das war Gleubert ihm schuldig geblieben.
Der Chemieprofessor freute sich, dass er zumindest nicht in Panik verfiel. Entspannt richtete er seine Konzentration auf den kranken Meridian und imaginierte, wie die Mikro-Membranen sich stärker bewegten. Wirklich, Zeitgefühl wäre schön gewesen. So wusste Walter nicht, wie lange es dauerte, bis das unbehagliche Gefühl verschwand. Ja, es war durchaus mit einer Art Übelkeit zu vergleichen. Das war nach einer Weile weg, und es hätte ihn stark interessiert, wie lange es gedauert hatte.
Walter wurde sich dadurch bewusst, es wurde ihm immer klarer, dass er Einfluss auf die Mikrozirkulation hatte. Seine Vorstellungskraft war der Schlüssel. Er überlegt sich weitere Konsequenzen, dachte in alle Richtungen. Und plötzlich war sie wieder da, die Übelkeit, doch längst nicht so stark wie zuvor.
Da wusste Walter, dass 24 Stunden um waren. Er reparierte den kleinen Schaden, jedoch nicht vollständig. So würde er am nächsten Tag auch erfahren, wann die Magenpassage ablief. Er hatte seine innere Uhr gefunden.
Doch damit nicht genug. Walter begann zu experimentieren. Er erzeugte ganz bewusst kleine Störungen in allen seinen Meridianen. Diese gewahrte er jeweils nach einem Tag erneut und konnte spüren, welcher Meridian gerade aktiv war. So hatte er eine Uhr, die ihm Zweistunden-Abschnitte bekannt gab. Fast schon soviel, wie eine Kirchenuhr die Umgebung wissen lässt.
Nun konnte der Professor genau angeben, wie lange der nächste Fortschritt dauerte – vier Wochen und drei Tage nämlich.
In dieser Zeit hatte er seine Sensibilität für den Phosphatkreislauf verfeinert. Er konnte genau sagen, an welchem Punkt er sich befand. Er bedauerte nur, dass er sich nie mit Akupunktur befasst hatte. Es hätte die Bestimmung erleichtert. Was er wusste, das hatte er einzig und alleine durch die Gespräche zwischen Gleubert und Schütz aufgeschnappt. Aber immerhin, nun hatte er eine Uhr, die fast minutengenau ging. Was den untoten Professor besonders erfreute war die Tatsache, dass neue Phosphatreihen angelegt wurden. Sein Denken blieb ihm erhalten. Der Beweis: Was er seit seinem Tod überlegt hatte, an all das konnte er sich erinnern.
Es dauerte fast vier Monate, da hatte Walter eine neue Eigenschaft entwickelt. Er wurde sensibel für seine Umgebung. Er spürte die Stoffe um ihn herum. Da war die Zellulose der Papierkleidung, in die man ihn zur Bestattung gesteckt hatte. Da waren die Wolle seiner Socken, das Leder seiner Schuhe und das Holz auf dem er lag. Er konnte sogar verschiedene Farbstoffe in seiner Umgebung unterscheiden.
Konnte ihm diese Eigenschaft etwas nutzen?
Sie konnte. Walter trainierte seine Mikromembranen und Mikrovilli, das sind die kleinen Vorsprünge seiner zerfallenden Zellen. Fast ein halbes Jahr dauerte es, aber dann konnte er winzige Kanäle in seine Umgebung bauen, in die Zellulose, die Wolle und das Leder hinein. Gleichzeitig konnte er das Material zersetzen und mit den Mikrovilli die energiereichen Bestandteile zu sich bugsieren. Das klappte, ja es klappte.
* * *
Pilze sind eine wundervolle Art Lebewesen. Neben Tieren und Pflanzen bilden sie in der Biologie ein ganz eigenes Reich. Es gibt darunter winzig kleine, einzellige Exemplare, beispielsweise die Hefepilze, die nur ein Hundertstel Millimeter groß werden. Und es gibt Hallimasche, die 600 Tonnen wiegen. Unvorstellbar, aber wahr. Der Riesenpilz lebt in Oregon in den USA und erstreckt sich über eine Ausdehnung von rund 1200 Fußballfeldern. Der Koloss ist mindestens 2400 Jahre alt. Er nagt Bäume an und hat im Jahr 2000 zu einem regelrechten Waldsterben im Malheur National Forest geführt. Dadurch wurde man erst auf ihn aufmerksam.
Bei Pilzen ist das, was aus der Erde herausschaut, nur der kleine, sichtbare Teil – der Fruchtkörper. Die Riesenmasse besteht aus Millionen von Fäden, die sich durch den Boden, durch Holz und anderes organisches Material schlängeln. Sie können sich zu Bündeln zusammenfinden und bilden auch den Fruchtkörper. Der sieht nur mit bloßem Auge so aus, als wäre er ein eigenes Organ. In Wirklichkeit besteht er aus verklebten und verfilzten Hyphen. Die Gesamtheit aller Hyphen ist das Myzel. Die Myzelien vermehren sich einerseits durch Abspaltung und Wachstum in die Umgebung, andererseits durch die Bildung der Fruchtkörper, in denen sie Sporen reifen lassen. Die Hyphen sind oft feiner als Pflanzenwurzeln, sie können sich in viel engere Bodenspalten schlängeln. Die meisten Pflanzen leben in Symbiose mit Pilzen. Deren Hyphen schlängeln sich um die Wurzeln und geben ihnen Nahrung ab, die sie von dort holen können, wohin die Wurzelfasern niemals gelangen könnten. Die Pflanzen hingegen versorgen den Pilz mit Kohlehydraten, die sie mit Photosynthese erzeugt haben.
* * *
Die fünfzehn Monate waren mit Sicherheit um, und Walter konnte immer noch denken und empfinden. Er beglückwünschte sich zu seiner neuen Geburt.
Doch hatte er sich nicht zu früh gefreut? Die weicheren Begleitstoffe waren aufgebraucht, das letzte bisschen Zellulose, Stoff und Leder. War das der Grund, weshalb in früheren Kulturen den Toten reichlich Lebensmittel als Grabbeigabe überlassen wurden? Wussten die längst das, was er hier gerade entdeckte?
Der Professor musste all seine Kraft zusammennehmen, um das Holz des Sarges zu verdauen. Doch es gelang ihm, er wurde...
| Erscheint lt. Verlag | 22.4.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Ewiges Leben • Horror • Untot • Wiedergänger • Zombie |
| ISBN-10 | 3-942606-57-7 / 3942606577 |
| ISBN-13 | 978-3-942606-57-8 / 9783942606578 |
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