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Tage auf dem Land (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
272 Seiten
Hanser Berlin (Verlag)
978-3-446-28503-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Tage auf dem Land -  Jane Gardam
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Ein weiser und zugleich irrwitzig komischer Roman der Bestseller-Autorin Jane Gardam über Glück und Grausamkeit des Erwachsenwerdens
Man kann spannender aufwachsen als Marigold Green. Das Jungeninternat in Yorkshire, dem ihr Vater vorsteht, ist alles, was sie mit siebzehn von der Welt gesehen hat, richtige Freunde hat sie keine, und die Kommunikation mit ihrem Vater beschränkt sich auf schweigsame abendliche Schachpartien. Grell sind hier nur ihre leuchtend orangeroten Locken, ihre übersteigerte Fantasie und ihr vollkommen unangepasstes Auftreten. Da kehrt aus dem Nichts ihre einzige Kindheitsfreundin Grace zurück, von der sie jahrelang nichts gehört hat, umwerfend schön, nonchalant und rätselhaft, und plötzlich ist nichts mehr, wie es war ... Mit ihrem ganz besonderen Humor erzählt Jane Gardam von den Grausamkeiten der Adoleszenz und der verblüffenden Allgegenwart des Eros in der bigotten nachviktorianischen Gesellschaft.

Jane Gardam, geboren 1928 in North Yorkshire, wurde für ihr viel bewundertes schriftstellerisches Werk mehrfach ausgezeichnet. Neben der Bestseller­Trilogie um Old Filth erschienen zuletzt »Robinsons Tochter« (2020), »Mädchen auf den Felsen« (2022) und »Gute Ratschläge« (2024). Jane Gardam starb 2025 in Oxfordshire.

Kapitel 1


Meine Mutter starb bei meiner Geburt, was mir etwas Prinzessinnenhaftes und irgendwie Romanhaftes gibt. Von Anfang an haben die Leute gesagt, ich sei altmodisch. In Yorkshire bedeutet altmodisch, von gestern, aber nicht zwangsläufig aus der Mode zu sein, wobei ich glaube, dass ich wahrscheinlich beides bin. Denn es ist ziemlich aus der Mode, auch wenn ich kommenden Februar achtzehn werde, eine Mutter gehabt zu haben, die starb, als man geboren wurde, und es ist altmodisch, das Unglück zu haben, ich zu sein und wie ich auszusehen.

Ich trat in dieses kalte Haus in dieser kalten Schule in diesem kalten Küstenort, wo man wegen der Höhe der Hügel dahinter nicht mal richtig Fernsehen empfängt — ich trat in dieses endlose Meer aus Jungen und Lehrern an der Schule meines Vaters (St Wilfrid’s) als weitsichtiges, froschartiges Urgetüm mit orangen Haaren, ein quadratisches und ernstes Baby, eine klobige, in die Gegend blinzelnde Zweijährige mit wackliger Pupille (das war noch vor der Brille, mit der das linke Auge korrigiert wurde), eine finstere Zehnjährige, die im Kreuzgang der Schule herumlungerte (»Na, Bilgie, wo ist dein Besen?«), und eine seltsame, dickliche, hoffnungslose Pubertierende, ohne Freunde und mit einem Hang zu langen Streifzügen am Meer.

Mein Vater — ein Housemaster — wird von den Jungen Bill genannt. Mein Name ist Marigold, aber weil mein Vater sehr denkwürdig und exzentrisch ist und sehr lange vor meiner Geburt schon an der Schule war — hieß ich bei allen immer nur Bills gelungene Tochter. Verkürzt zu Bilge. Was haben wir gelacht! Bilge Green.

Ich gebe gern zu, dass mir der Name Marigold sehr gut gefällt. Marigold Daisy Green ist mein echter Taufname, und ich finde ihn wunderschön. Daisy war der Name meiner Mutter und kommt auch bei Chaucer vor. Daisy, day’s-eye, Auge des Tages (Die Legende der guten Frauen, Prolog l.44), wie mir mein lieber Uncle Edmund Hastings-Benson hin und wieder ins Gedächtnis ruft (er unterrichtet sowohl Englisch als auch Mathe). Es erscheint mir überaus bitter, dass jemand mit einem so wohlklingenden Namen wie Marigold Daisy Green mit Bilge geschlagen ist, egal wie angemessen es sein mag. »Am Ende«, hat mal jemand gesagt, »ist fast alles angemessen«, und tatsächlich haben die Jungen über die Jahre ein eigenartiges Gespür dafür entwickelt, mit ihren Spitznamen den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Spitz-Name. Ein Spitzenname: Bilge.

Bilge Green.

Mein Vater und ich leben allein in seinem House, abgesehen von ungefähr vierzig Jungen, die jenseits der grünen Tür rechts und links des Flurs mit Paula Rigg, der Hausmutter, auf der Anderen Seite wohnen. Unsere Seite — Vaters und meine Seite — nennt sich die Private Seite, und wir teilen sie nur mit ein bis zwei Katzen und Mrs Dings, die vorbeikommt und den Haushalt macht. Mrs Dings wechselt von Zeit zu Zeit, und die Katzen variieren, wie das so üblich ist bei Katzen, und die Jungs kommen und ziehen vorbei und ziehen davon wie Wellen im Meer, aber Vater und ich und Paula sind Konstanten. Seit ich mich erinnern kann, ist Paula die Hausmutter auf der Anderen Seite.

Ich gehe auf die örtliche Gesamtschule. Während der Schulzeit esse ich nie zu Hause mit meinem Vater, da er mit den Jungen frühstückt und ich am Küchentisch schnell einen Happen runterspüle, bevor ich die Promenade entlang zur Schule gehe, dort zu Mittag esse und mein Abendbrot auf einem Tablett aufs Zimmer gebracht bekomme, zubereitet von Mrs Dings, wenn sie dran denkt, oder, wenn ich Glück habe, von Paula, während mein Vater im Speisesaal mit den Jungen zu Abend isst. Aber selbst wenn Vater und ich nicht zusammen essen und ich tagsüber kaum im House bin und er an den meisten Abenden noch Silentium und Nachhilfe hat, verbringen wir den Rest der Zeit größtenteils zusammen und meistens komplett schweigend.

Denn wenn ich Bilge die Schreckliche bin, altmodisch und verschroben, ist mein Vater zweifellos William der Schweigsame. Wenn er nicht gerade unterrichtet, spricht er eigentlich nicht. Selbst im Unterricht, so sagt man, muss er nie laut werden. Er staunt über die neuen Lehrer mit den Strickpullovern und verwegenen Haarschnitten, die im Unterricht rauchen und sich kaum bei den Schülern durchsetzen können. Darüber kann er nur den Kopf schütteln. Er ist überhaupt unheimlich still. Er läuft so leise durchs Haus, dass man nie weiß, in welchem Raum er gerade ist. Man kommt in sein Arbeitszimmer, und er steht einfach nur da, schaut vielleicht nach unten auf das Schachbrett oder rauf zu Botticellis Frühlingskopf über dem Kamin, oder er hat eine Katze auf dem Schoß und sieht hinaus in den Garten. Er raschelt nicht, hustet nicht, summt nicht vor sich hin. Er zieht niemals die Nase hoch (zum Glück), und niemals, niemals würde er laut rufen oder irgendwas verlangen. Wenn Paula reinkommt und ihm eine Tasse Tee hinstellt, sieht er zu ihr hoch und lächelt, als sei das sein innigster Wunsch gewesen: Darum bitten würde er aber nie. Er trägt seine Sanftmut überall mit hin — im House und außerhalb des House. Er hat nicht die geringste Ahnung, dass ich hässlich bin, und wir sind sehr glücklich zusammen.

Die Greens gelten natürlich als skurril, und Vaters Schweigsamkeit und meine Hässlichkeit und der Mangel an sogenanntem Sozialleben werden oft thematisiert. In den Ferien genießt mein Vater die leere Schule, weshalb wir so gut wie nie verreist sind. An meiner Schule habe ich keine Freunde gefunden, ich habe immer allein gesessen und bin allein nach Hause gegangen. In Sport bin ich eine Niete, und ich bin in keinen Schulklub eingetreten. All die anderen Mädchen, die in Straßen oder Anwesen in der Gegend wohnen, schienen mir immer von vornherein in festen Grüppchen und Cliquen zu sein, und wegen meiner Augen habe ich von Anfang an in der ersten Reihe sitzen müssen, direkt vor dem Lehrerpult, kein beliebtes Terrain. Jahrelang bin ich in den Pausen drinnen geblieben — das dürfen wir: Es zählt als freie Meinungsäußerung —, denn ich wusste ewig nicht, wie ich draußen auf dem Schulhof die Zeit rumbringen sollte. Später, als ich lesen konnte, war es einfacher, aber es ist selten warm genug an diesem Küstenabschnitt von Yorkshire, um längere Zeit im Freien zu lesen.

Es gab mal ein Mädchen, mit dem ich mich gut verstanden habe — die Tochter des Direktors von Vaters Schule. Sie war eine Zeit lang hier, als ich noch sehr klein war — ein lustiges Mädchen. Aber sie kam dann auf ein Internat, und der Direktor hat ein Haus in Frankreich und eine Mutter in Wiltshire. In den Ferien verlassen sie den Norden, so schnell sie können. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen.

Ich will Ihnen schildern, wie es zwischen mir und Vater abläuft.

Ich komme von der Schule nach Hause.

»Hallo, Vater.«

»Ah.«

Ich lege meine Schulsachen ab und streune eine Weile durch sein Arbeitszimmer. Ich lande neben dem Kaminhocker, auf dem das Schachbrett liegt. Ich stehe da und betrachte die Figuren. Nach einer Weile bewege ich eine Figur, und die Zeit vergeht. Draußen ziehen lärmend ein paar Jungen vorbei. Mein Vater sitzt da und arbeitet oder liest. Oder er sitzt einfach nur da.

»Ich hab einen Läufer bewegt.«

»Du hast einen Läufer bewegt?«

Die Zeit vergeht.

Mein Vater kommt rüber und schaut sich das Brett von der anderen Seite an. Er sagt: »Ah.«

Wir stehen da.

Dann setzt er sich hin und starrt weiter auf das Brett. Dann setze ich mich hin und starre weiter auf das Brett. Schließlich sagt er: »Du hast also einen Läufer bewegt?«

Dann, zack, bewegt er einen Bauern, und wir sitzen da.

Nach einer Weile sage ich: »Ach verdammt.«

»Ha.«

»Das war’s dann.«

»Hm.«

»Oder? Es ist Schach, oder? Es ist — «

»Na ja — «

»Es ist matt.«

»Nein. Nein. Denk nach, Marigold

Wieder herrscht Schweigen. Irgendwann folgt das wilde Gebimmel zum Silentium oder die Essensglocke, oder ein Junge kommt mit einer Prüfungsarbeit vorbei, oder der alte Hastings-Benson steckt sein riesiges rotes Gesicht durch die Tür, und weg ist er,...

Erscheint lt. Verlag 22.7.2025
Übersetzer Monika Baark
Verlagsort München
Sprache deutsch
Original-Titel Bilgewater
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Adoleszenz • Britischer Humor • Cambridge • Coming-of-age • Hochbegabung • Internat • Oxford • Party • Pubertät • Vater-Tochter-Beziehung
ISBN-10 3-446-28503-2 / 3446285032
ISBN-13 978-3-446-28503-3 / 9783446285033
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