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roh -  T.S. Morgenroth

roh (eBook)

eine Geschichte vom Erwachsenwerden
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
204 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-7016-1 (ISBN)
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8,49 inkl. MwSt
(CHF 8,25)
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Hals über Kopf muss die 13jährige Magda mit ihrer erwachsenen Schwester und vier fremden Männern fliehen. Ein Überfall zwingt die kleine Gruppe Überlebender sich in die Berge zu retten. Eine Rückkehr ist ausgeschlossen. Den überhastet Aufgebrochenen bleibt nur der lange Marsch über die unwirtlichen Berge. Allein unter Erwachsenen muss das Mädchen sich behaupten. Seinen Platz finden. Und sich selbst.

1981 als Küstenkind geboren von Beruf Pharmazeut doch von Herzen Naturheilkundler eher Träumer als Autor Minimalist und mehr am Fels als auf dem Boden zu Hause.

2 Vier Männer


Wir saßen gerade über den dampfenden gebratenen Eiern, als die Tür aufflog und plötzlich eine bedrohliche Wand aus vier Männern in unserer Stube stand. Einer von ihnen war so massig und groß, dass er in der niedrigen Hütte nach vorne gebeugt stand, um nicht gegen die Decke zu stoßen. Mit seinen breiten Schultern und dem massiven Oberkörper auf dünnen Beinen erinnerte er mich sofort an einen Stier. Der Kerl neben ihm tippelte von einem Fuß auf den anderen und spielte nervös an den unzähligen Klingen in seinem Gürtel. Ich kannte ihn. Beim letzten Sommerrummel war er Messerwerfer gewesen. Etwas in mir mahnte schneller zu essen, denn Männer waren immer hungrig und der Stärkere aß vor dem Schwächeren. Doch ich stattdessen starrte ich wie gebannt auf die gewaltigen dunklen Umrisse vor dem grellen Tageslicht der offenstehenden Tür. So bedrohlich Stier und Messerwerfer wirkten, so sehr verwirrte mich die Erscheinung eines anderen.

Dieser sah ganz unwirklich aus. Wie gemalt. Wie eine akkurate Zeichnung, ausgeschnitten, und hier mitten in die Wirklichkeit gesetzt. Sein Anzug, weder Leinen noch Leder noch Fell, oder sonst ein mir bekanntes Material, war tiefschwarz und ohne jegliche Knitterfalten. Haut, Haar und Bart waren eben und gleichmäßig. Es gab keine Flecken, keine Narben, keinen Schmutz, keine Stoppeln, kein wirr abstehendes Haar. Alles war durchdacht arrangiert. Ein sauber gestutzter Bart, der Oberlippe und Kinn zierte, die halb langen, schwarzen Haare, nicht fettig, aber doch glänzend, halb streng halb leger nach hinten gekämmt. Als hätte der Zeichner sich besonders viel Mühe gegeben und jedes Detail genau durchdacht. Doch das war nicht alles. Er stand auffallend aufrecht, beinahe steif gerade, einen halben Schritt vor den anderen dreien. Und obwohl er pikfein gekleidet war und nicht über die Maßen körperlich stark wirkte, schien es, als steuere er die gewaltige Kraft der anderen.

Vater sprang sofort auf, strauchelte. »Monsignor Morten!« Dann bog er so gut es ging den Rücken gerade. Eine Geste, die ich bei ihm noch nie gesehen hatte. Es wirkte, als wolle er in ebenso aufrechter Haltung dem anderen gegenüberstehen. »Ihr ehrt mich mit Eurer Anwesenheit. Hier in meinem bescheidenen Heim. Setzt euch doch! Kann ich Euch etwas zu trinken anbieten. Meine Tochter Eliska macht einen guten Kräutertee.« Diese Mischung von zuvorkommend und nervös kannte ich von meinem Vater nicht. Irritiert blickte ich zu Eliska, die ebenso verdutzt dreinschaute.

Der Mann schüttelte leicht den Kopf, hob knapp eine Hand und sagte: »Jakob. Verzeih dass wir hier so unangekündigt eindringen. Aber die Lage ist ernst und ich muss augenblicklich von dir einfordern, was mir zusteht.« Seine Stimme klang warm und höflich. Sie schuf einen krassen Gegensatz zu der ausgesprochenen Forderung und Bedrohlichkeit des abrupten Eindringens.

»Ich…« Vater schüttelte den Kopf. »Ich habe es nicht. Ich hatte doch um Aufschub gebeten.«

»Schon zum vierten Mal«, sagte der Vierte der Männer. Ein untersetzter, blasshäutiger Brillenträger mit herabfallenden Schultern. Er hätte der Jüngste der Gruppe sein können und hatte doch von allen das lichteste Haar.

»Aber es war doch in Ordnung.« Vater sank resignierend auf die Bank zurück und atmete flach. Eliska eilte zu ihm. Der Monsignor ging einen Schritt auf Vater zu. »Jakob«, er klang rücksichtsvoll und doch eindringlich, »Die Lage hat sich drastisch verändert.« Eliska baute sich auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Was soll das Ganze?«, mischte sie sich ein. Falls sie Angst hatte, wie ich, war es ihr nicht anzumerken.

»Mann, Eliska! Die ganze Stadt brennt!« sagte der Zappelige forsch und zeigte mit der flachen Hand Richtung Fenster. So wie er mit meiner Schwester sprach, war klar, dass auch sie einander kannten. Wie Vater und dieser Monsignor.

Wir alle sahen zu der Rauchwolke, die hinter dem Hügel emporstieg. »Die ganze…?« Eliska schluckte. Ihre Schultern sanken, auch wenn ihre Fäuste fest in den Hüften verankert blieben. »Warum brennt die ganze Stadt?« fragte sie.

»Weil sie angegriffen wurde«, schnarrte der Messerheld, »Kriegt ihr hier denn gar nichts mit?«

»Wer hat sie angegriffen?« fragte Eliska fassungslos.

»Was weiß denn ich!« Der Jüngling krallte die Hände in der Luft, wie Klauen, die etwas zum zerknüllen suchten. »Sie kamen über den Fluss. Mann! Alle wurden abgeschlachtet.« Er sprach schnell und seine Stimme überschlug sich fast. »Das waren sechs Schiffe voller Bewaffneter. Die haben nicht lange gefackelt. Kurzen Prozess. Verstehst du?« Hinter einem verbitterten Blick verbarg er Angst und unerfüllte Wut. Das konnte sogar ich mit meinen läppischen 13 Jahren sehen.

Eliskas Lippen zitterten. »Alle sagst Du«, hauchte sie fassungslos, »Keiner hat überlebt?« Sie sank neben Vater auf die Bank.

»Jetzt hast es!« Seine Stimme klang noch immer eine Spur frotzig. Aber sein ganzes Verhalten beruhigte sich, als er ihre Betroffenheit sah.

»Einige sind in die Berge geflohen«, sagte eine tiefe Stimme. Alle Köpfe drehten sich zum Stier. »Ich habe sie gesehen«, schloss er.

Eliska nickte. »Dann sind sie kaum besser dran«, sagte sie leise, »der Winter kommt.«

»Tja, und genau da liegt der Hase begraben«, sagte nun wieder der Messerwerfer, »Die nehmen sich das ganze Land. Die Stadt ist verloren. Jetzt pennen sie gerade. Aber spätestens morgen sind sie hier. Was glaubst du denn, warum wir uns aufmachen? Wir sind nicht einfach losspaziert. Wir sind froh, dass wir das Sägewerk unbemerkt verlassen konnten. Hier gibt es nichts mehr. Hier gibt es nur noch den To…«

Eliska sprang auf. »Sei still!« befahl sie scharf. »Geh hoch und pack, was du hast!« Erst da begriff ich, dass sie mich ansah. Der zweite Satz hatte mir gegolten. »Mach schon!« kommandierte sie und klatschte einmal in die Hände. Ich schoss in die Höhe. »Mann, Eliska!« knurrte der Messerwerfer, »Du hast vielleicht Nerven. Schnarr‘ mich noch einmal so an und…«

»Ricardo!« unterbrach ihn der Monsignor, »Das bringt doch alles nichts. Eliska! Richtig? Dein Vater schuldet mir viel Geld. Bisher hatte das Zeit. Ich habe es nicht darauf angelegt ihm Druck zu machen. Ich brauchte es nicht. Aber von gestern auf heute hat sich alles auf den Kopf gestellt. Ich will leben. Und dafür brauche ich jetzt, was er mir schuldet. Wir haben einen langen Weg vor uns.« Sein Blick glitt zum Fenster und er betrachtete die Rauchwolke. Mir wurde klar, dass er noch viel mehr gesehen hatte als das, was wir von diesem Fenster aus sahen. Er hatte auch die verwüsteten Straßen gesehen. Die brennenden Häuser. Die Menschen. »Unter diesen Umständen ist ungewiss, ob wir je wiederkommen werden. Und bei allem Respekt, Jakob, wer weiß, ob wir uns dann noch wiedersehen werden.«

»Du stehst da ja immer noch«, herrschte Eliska mich an, »hoch mit dir, hab ich gesagt!« Ich stieg die Leiter hoch. Niemand sprach, bis ich oben war. »Vor allem warme Sachen«, rief Eliska mir nach.

»Wie viel schuldet mein Vater Euch?« hörte ich sie dann gedämpft. Der Monsignor sprach ebenso leise, doch ihn konnte ich nicht verstehen. Ich schnappte meinen warmen Leinenoverall und suchte nach meinem Mantel. Seit dem Frühjahr hatte ich ihn nicht mehr getragen, aber Eliska hatte es befohlen. Also suchte ich auch Fäustlinge und Schal. Immer wieder versuchte ich Gesprächsfetzen aufzuschnappen, doch ich hörte nur noch wenig Zusammenhängendes.

»Ich zahle für ihn!« Eliskas Stimme.

»Eliska! Nein!« Das war mein Vater.

»Wie stellst du dir das vor?« fragte der Monsignor, »Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier irgendwo so viele Münzen rumliegen.«

»Ich arbeite das ab, egal wie.«

»Eliska! Nein!«

»Mädchen. Ich glaube, du hast eine falsche Vorstellung. Unterwegs wird kaum Wäsche gewaschen und Feuer und Essen machen können wir allein. Wir brauchen keine warmen Freuden. Wir sind auf der Flucht. Wir brauchen Geld, um Zimmer und Essen bezahlen zu können.«

»Ich verstehe gar nichts falsch. Du glaubst, du findest in den Bergen jemanden, der dir Obdach und Essen gibt. Findest du nicht. Das ist kein zügiger Landspaziergang mit Gasthäusern am Wegrand. Der Winter steht bevor und die Berge sind rau. Ich weiß das. Ich habe vier Jahre dort oben gewohnt. Du willst über den Pass. Glaub mir. Du brauchst mich. Nimm uns mit und du wirst es nicht bereuen.«

»Einen Tattergreis und ein Kind?« vernahm ich die verhöhnende Stimme des Messerstechers.

»Ricardo, halt einfach den Mund!«

Doch Eliska antwortete. »Meine Schwester ist robuster als sie aussieht und mein Vater zäh wie…«

»Ich bleibe.«

»Vater, nein!«

»Eliska. Nimm die Tiere! Nimm dir Essen! Nimm dir Peika, wenn sie will, aber flieh. Ich kann das nicht...

Erscheint lt. Verlag 15.4.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-8192-7016-7 / 3819270167
ISBN-13 978-3-8192-7016-1 / 9783819270161
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