Der Katzenmann (eBook)
366 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5219-8 (ISBN)
Gianfranco Tober ist Schauspieler, Filmemacher und Musikproduzent aus Bremen. Bundesweite Bekanntschaft erreichte er mit seinen Dokumentarfilmen "Wahrheit oder Wahnsinn" und "Gangster GmbH" und seine Serienfigur Onkel Fränk. 2021 veröffentlichte er seinen Debütroman "Hopeless City". Seit über 25 Jahren ist er der Drehbuchautor und Regisseur auch in der Hip-Hop-Szene aktiv. Gianfranco engagiert sich für benachteiligte Jugendliche in Bremen und Kalabrien, außerdem ist er in der Talentförderung tätig und hat bereits unzählige Künstler gefördert. Er kämpft seit vielen Jahren gegen Rassismus und die Spaltung der deutschen Gesellschaft. Zuletzt hat er eine Reihe von Kurzfilmen auf diversen Filmfestivals veröffentlicht, mehrere Webserien produziert und einige Rapbattles absolviert. Der vielseitige und überaus umtriebige Künstler präsentiert mit "Der Katzenmann" seinen zweiten Roman der Öffentlichkeit.
Kapitel 1
Der Regen prasselte leise gegen die trüben Fenster des Wohnblocks in Aumund. In einer dieser Ecken von Bremen-Nord, die einst so stolz und geschäftig gewesen waren, als Bremen noch eine reiche Hansestadt war und unzählige große Schiffe in den hiesigen Werften erbaut wurden.
Inzwischen war von ihnen kaum mehr etwas übrig. Das Stadtbild hatte sich verändert. So wie ganz Bremen-Nord, war auch Aumund kaum noch ein Schatten des Lichts alter Tage. Zu dieser Zeit bot es mehr Grau als Grün.
Trotzig schwankte Vegesack im Wandel der Zeit, wie die Boote auf der Weser. Alt-bremische Villen, die Grohner Düne, die Bauten der Arbeiter auf der einen Seite der Straßen und die Reihenhäuser der Angestellten auf der anderen, die alte Fußgängerzone, die sozialen Brennpunkte, die ehrwürdige, alte Hansestadt an ihrem nördlichen Ende. All das konnte mit zwei Worten beschrieben werden: Kaputte Schönheit.
Der Duft von feuchtem Beton mischte sich mit den fernen Klängen eines alten Radios, das eine Stimme aus längst vergangener Tage über den Flur trug. Es war das Radio einer älteren Dame, die auf ihrem Balkon im ersten Stock mürrisch den grauen Himmel inspizierte.
Die Musik drang in eine ansonsten lautlose Wohnung im dritten Obergeschoss. Dort versank ein schlaksiger Mann auf einem durchgesessenen Sofa und starrte ins Nichts. Leere Bierflaschen und Tassen mit kaltem, abgestandenem Kaffee standen in seinem Blickfeld. Das wirre Haar und die tiefen Augenringe verrieten offensichtlich, dass Ben einige schlaflose Nächte hinter sich hatte.
In diesem Moment schaffte er es nicht, sich für irgendetwas aufzuraffen. Er ging nicht mal mehr zur Arbeit. Ursprünglich hatte Ben seinen eigentlichen Job als Buchhalter in einer Marketingagentur geliebt, trotz Mitarbeitenden, die ihm das Leben mehr oder weniger absichtlich schwer machten.
Bereitwillig nahm er Überstunden in Kauf, wodurch ein unverhältnismäßig großer Anteil seiner Zeit blockiert war. So viel, dass sein Privatleben immer mehr darunter gelitten hatte. Seine Freunde luden ihn nach unzähligen vergeblichen Versuchen nicht mehr ein. Selbst seine Freundin sah er jeden Tag weniger und eine merkliche Distanz hatte sich zwischen Ihnen aufgebaut.
Letzte Woche war es dann so weit. Sein schwarzer Kater, Babo, fing den energielosen Ben an der Eingangstür ab. Die goldenen Augen des gewaltigen Tieres wirkten auf ihn vom ersten Blick an traurig. Der langhaarige Vierbeiner schritt ruhig ins Schlafzimmer.
Ben war ihm mit pochendem Herzen und einer leisen Vorahnung gefolgt. Unterwegs stellte er bereits fest, dass einige Dinge fehlten. Zwei Leinwände an der Wand, ein paar Tassen im Regal und die Pantoffeln seiner Freundin waren nicht an ihrem Stammplatz.
Im Schlafzimmer eingetroffen, empfing ihn ein halbgeöffneter Kleiderschrank. Die leeren Fächer konnte man nicht falsch interpretieren. Tina hatte ihn verlassen.
Alles was er noch von ihr gefunden hatte, war ein Zettel auf dem Bett:
„Es ist, wie es ist: Ich wünsche dir alles Gute, Ben.“
Diese Worte hatten ihn endgültig gebrochen. Er konnte nicht mehr. Sein Puls raste. Er bekam kaum noch Luft. Nichts hatte er mehr. Mit seiner Familie hatte er keinen Kontakt. Seine Freunde waren weg. Seine Arbeit entzog ihm jegliche Energie und jetzt hatte ihn auch noch seine Freundin verlassen.
Seine Gedanken kreisten um die Hoffnungslosigkeit, um die Einsamkeit und um die Schwere, die ihn gänzlich zu erdrücken und gleichzeitig zu zerreißen schien. Bens Augen brannten und sein Hals wurde eng.
Irgendwann hatte die Panikattacke aufgehört, statt ihr keimte eine dumpfe Taubheit in ihm auf, die er seitdem nicht mehr gänzlich abschütteln konnte. Er as kaum, bewegte sich wenig und pflegte sich nicht mehr. Das Einzige, um das er sich noch kümmerte, waren seine Katzen.
Ein bunter Schatten huschte über die Rückenlehne und sprang auf die Sitzfläche. Der flinke Findi stupste mit seiner Stirn gegen Bens Ellbogen, bis dieser aus seiner Lethargie erwachte und den schnurrenden Kater in die Arme schloss.
Findi klang immer wie ein kaputter Traktor, was sein Herrchen nahezu jedes Mal zum Schmunzeln brachte. Genau wie an diesem Tag. Es half. Ben schöpfte langsam die Kraft, um sich aufzurappeln. Er stand auf und begann träge den Wohnzimmertisch abzuräumen.
Kaum weniger missmutig ging es in den darüber liegenden Wohnräumen zu. Eine junge, zurecht gemachte Frau stand am bodentiefen Fenster und schaute mit einem Glas in der Hand in den verwahrlosten Hof des Blocks.
Das Alles hatte sie sich ganz anders ausgemalt. Ihr ursprüngliches Ziel war es, diesen Block zu kaufen und etwas Schönes daraus zu machen. Sie sah auf die anderen beiden Mehrfamilienhäuser herab. Die rot verklinkerten Wände sahen alles andere als neu aus. Überall fehlten Ecken, sie waren verfärbt und schmutzig. Leider waren das noch die unbedeutendsten Mängel, die ganz weit unten auf der Prioritätenliste standen.
Sie wollte ursprünglich die Heizungen erneuern, die Bäder renovieren und die Fenster austauschen lassen. Mit den Abflüssen gab es auch immer wieder Schwierigkeiten. Und wenn das alles gemacht worden wäre, hätte sie diesen schäbigen Hof auf Vordermann gebracht, der jetzt nur lockere Pflastersteine und vertrocknete Rasenflächen aufwies. Hier sollten sich die Nachbarn gemeinschaftlich die Zeit vertreiben können.
Lisa-Marie hatte eine klare Vorstellung von der Sitzgruppe im Schatten zwei großer Bäume, einem kleinen Beet für Gemüse oder Blumen und einem Platz, an dem man sicher einen Grill oder ein Lagerfeuer platzieren könnte. Der aktuell überwucherte Sandkasten, in dem sie selbst als Kind so viel Zeit verbracht hatte, sollte vergrößert werden und ein Klettergerüst mit Rutsche bekommen.
Das war ihr ursprünglicher Plan. Sie wollte den Block kaufen und ihn für seine Bewohner verbessern und zu einem Vorbild für die Nachbarschaft machen. Sie hatte davon geträumt, dass die umliegenden Wohnanlagen diesem Beispiel folgen und überholt werden würden.
All das, was der Ort ihr einst gegeben hatte, wollte sie ihm wieder zurück geben und dafür sorgen, dass die Zukunft der hier lebenden Menschen besser wird.
Ihr Großvater hatte immer gesagt, dass die hier Wohnenden nette Menschen mit zu viel Pech und zu wenigen Chancen seien. Er war der Letzte, der das Hausmeisterhaus in diesem Block bewohnt hatte. Es bestand aus einem kleinen Büro und einer Vier-Zimmer-Wohnung und stand gleich neben einer der zwei Reihen aus sechs Garagen.
Lisa-Marie dachte an ihren Großvater, ihre Erinnerungen und die ganzen Pläne, die sie erst dazu motiviert hatten, ihre Karriere anzutreten.
Sie war zu dieser Zeit eine der bekanntesten Persönlichkeiten Deutschlands. Sie begann als Influencerin, doch ehe man sich versah, war sie in aller Munde und bekam Rollen in internationalen Produktionen. Sie war in unzähligen TV-Shows zu Gast. Dubai, Miami, Tokyo, Sidney, Los Angeles waren für andere Urlaubsziele. Für Lisa-Marie waren es Orte, an denen sie arbeitete und eine Menge Geld verdiente. Dieses Geld investierte sie in Kleidung, Restaurants, Partys und in den Kauf diesen Blocks, in welchem sie sich zwei Wohnungen zu einem Luxusapartment umbauen und entsprechend einrichten lies.
Lisa-Marie trank einen Schluck viel zu teuren Wassers und wandte sich ihrer Behausung zu. Die riesige Wohnküche war perfekt. Offen, hell, mit viel Tageslicht und mit viel zu wenig Persönlichkeit. Was brachte ihr diese tolle Wohnung, wenn sie sich kalt und unpersönlich anfühlte? Lisa-Marie selbst empfand hier jedenfalls kein Gefühl von Heimat.
Das, was man mit ihrer Person in Verbindung bringen konnte, waren die Auszeichnungen auf einer Kommode. Unter anderem ein goldenes Mikrofon, ein Preis für die „Influencerin des Jahres“ und ein paar eingerahmte Fotos, die sie mit bekannten Persönlichkeiten Deutschlands zeigten.
Sie schritt heran und betrachtete ihr eigenes Gesicht genauer. Damals glaubte sie, glücklich zu sein, doch das Lächeln, dass sie hier wieder erkannte, wirkte falsch. Die Frau in diesen Abbildungen legte Wert auf Luxus, auf Schein und auf Statussymbole.
Erst als ihr Manager nachgefragt hatte, wann sie sich denn nun ihren Traum erfüllen wollen würde, erinnerte sie sich wieder an diesen Block. Sie hatten ihn schlicht vergessen.
Vielleicht hatte sie aus Scham darüber, das ihr Wichtigste aus den Augen verloren zu haben, den Kauf des Blocks so überstürzte. Wohlmöglich hätte sie dann bemerkt, wie intensiv sie dazu gedrängt worden war.
Wie eine Stimme im Hinterkopf hatte ihr Manager, Brian, ihr in den Ohren gelegen, jetzt den Schritt machen zu müssen. Weil es seien könne, dass sie sonst zu spät sei.
Lisa-Marie hatte ihn nicht in Frage gestellt. Sie hatte ihm blind vertraut und sich mehr darauf konzentriert, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie sich nicht verloren habe.
Aber das hatte sie. Inzwischen war sie sich dessen bewusst.
Ein leises Ping ließ Lisa-Marie hochschrecken. Sie ging zur Kücheninsel und beugte sich leicht über ihr darauf liegendes Smartphone. Es war nur eine weitere der Nachrichten, die sie heute...
| Erscheint lt. Verlag | 7.4.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Bücher über die Pandemie • Buch über geheime Organisationen • Cozy Mystery Bremen • Deutsche Thriller mit ungewöhnlichen Protagonisten • Found Family Corona • Geheimorganisation Krimi • Gesellschaftskritischer Roman • Gesellschaftskritischer Verschwörungsthriller • Gesellschaftsroman mit Spannungselementen • Gibt es spannende Romane über Influencer? • Humorvolle Gesellschaftsromane • Katzenroman mit Spannungselementen • Krimi mit weiblichen Ermittlern • Liebesgeschichte mit unerwarteten Wendungen • Regionalkrimi Bremen • Roman über Pandemie und Gesellschaft • Schatten der Vergangenheit • Sozialkritischer Roman Großstadt • Spannende Romane für Erwachsene • Spannungsliteratur für Katzenliebhaber • Tatort Deutschland • Thriller mit ungewöhnlichem Ermittlerteam • Tierkrimi mit Katzen • Unkonventionelle Liebesgeschichte mit Spannung • Witzige Romane mit Tiefgang |
| ISBN-10 | 3-8192-5219-3 / 3819252193 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5219-8 / 9783819252198 |
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