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Kriminelles und anderes Unglaubliches -  Jürgen Protz

Kriminelles und anderes Unglaubliches (eBook)

Geschichten und Gedichte
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
304 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-8452-6 (ISBN)
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(CHF 9,25)
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Auch in diesem Buch hat der Autor zahlreiche Geschichten und Gedichte gesammelt, in denen es oft, aber freilich nicht nur, um Kriminelles geht, vornehmlich um unser aller Alltagskriminalität. Dazu kommt manches Unglaubliche, in dem, ob man's nun glaubt oder nicht, sich der Autor selbst als nicht ganz frei von Träumen und Fantasien zeigt, die immer mal bedenklich von den Idealen bürgerlicher Anpassung abweichen. Und da sich der Autor ohne zu zögern selbst als "völlig normal" bezeichnet, könnte sich die Frage stellen, ob kriminelles, rechtswidriges Denken nicht bei uns allen unter der angepassten Oberfläche sein Unwesen treibe. Auf jeden Fall sollte auch diesmal bei allem Schütteln des Kopfes nicht vergessen werden, dass Literatur am besten in Verbindung mit Witz, Freude und Spaß am Lesen verbunden sei.

Aufgewachsen in Niedersachsen und Ostwestfalen hat der Autor die Nachkriegsjahre unserer Republik als Kind und Jugendlicher erlebt. Nach dem Abitur wechselte er nach München zum Studium der Psychologie, wonach es ihn als Diplompsychologe ins Bayrische Allgäu verschlug. Sein Berufsleben verbrachte er als Leiter der Erziehungsberatungsstelle der Stadt Memmingen. Als Vielleser unternahm er bereits im Jugendalter erste schriftstellerische Versuche, eine Leidenschaft, die sich in seiner zweiten Lebenshälfte steigerte und die ihn seit seinem Eintritt in den Ruhestand nicht mehr losließ. Dass eine solche Leidenschaft eben auch Leiden schafft, wird ihm dabei immer wieder nur allzu bewusst. Neben Romanen, zahlreichen Novellen und Geschichten ist es vor allem die Poesie, die seine Arbeit ausmacht. Wobei Poesie für ihn keineswegs von schwermütigem Tiefsinn beherrscht sein darf, sondern bei allem Tiefgang Wortwitz und Geist sprühen sollte. Seit seiner Studienzeit verheiratet mit einer Französin aus Bordeaux freut er sich über seine drei Kinder und vier Enkel, und genießt, was an französischer Kultur und Lebensart sein Leben bereichert hat.

Von der Schreibkunst / Die Geschichte vom glücklichen Kaufmann


Das Haus der Schreibkunst sehe ich als bürgerliches Handelshaus, Buddenbrooks, Sie wissen schon.

Da liegen im Erdgeschoß zu beiden Seiten der breiten Einfahrts- und Verladediele die Büros und Kontors, die Lagerräume, wohl auch ein bequem, aber sachlich eingerichtetes Konferenzzimmer. Hier wird gearbeitet. Hier geht es um Ware, Transport und Geld. Hier zählt die Realität, sonst nichts. Und so sehen die Texte aus, die hier erstellt werden: Exakt sind sie, eindeutig, sachlich und absolut stichhaltig. Blumige Ausschmückungen, bildhafte Fülle oder gar romantische Gefühle sind hier völlig fehl am Platze.

Ganz im Hintergrund der Diele schließt sich vielleicht noch die große Küche des Hauses an. Auch hier spielt Geschriebenes seine kleine, aber nicht unwichtige Rolle, nämlich in Kochrezepten, sowie in den hinterlegten Anweisungen der Hausfrau, etwa den wöchentlichen Speiseplan betreffend. Auch diese Texte zeichnen sich durch knappste Eindeutigkeit aus.

Ein Stockwerk darüber, in der „bel étage“, sieht es anders aus, ganz anders. Hier residiert in bürgerlicher Pracht und Behaglichkeit der Hausherr, Großschriftsteller, Prosaist, wie sich’s versteht, der landesweit und sogar darüber hinaus geachtete Romancier, Schöpfer dickleibiger Jahrhundertwerke.

Stilechtes Mobiliar, damastene Stoffe, Edelhölzer und wertvolle Teppiche schmücken die Salons, das Eß- sowie das Musikzimmer und die privaten Gemächer des Schriftstellerehepaars. Sie bieten Raum für festliche Empfänge, fürstliche Diners, für Musik- und Kunstgenuß; nicht weniger auch für den Rückzug in Muße und Bequemlichkeit.

Der wichtigste und bedeutendste aller Räume aber ist die Bibliothek, die dem Hausherrn zugleich als Arbeitszimmer dient. Hier, umgeben von zahllosen Büchern, teils teuer gebunden und wohlgeordnet in bleiverglasten Bücherschränken aufgereiht, teils achtlos gestapelt zu Haufen oft zerfledderter Broschüren, hier also, am ausladenden und aus edelsten Hölzern geschreinerten Schreibtische entstehen die Werke des Hausherrn, dem als Prosaschriftsteller nicht nur die Krone der Schreibkunst gebührt, sondern eben dank dieser Werke auch der gediegene Wohlstand, der ihn umgibt.

Im obersten Stockwerk endlich, bereits unter der Dachschräge des Giebels und entsprechend verwinkelt, befinden sich nächst der Stiege die bei aller Schlichtheit dennoch mit sichtbarem Anspruch ausgestatteten Kinderzimmer, dann, deutlich enger und karger hinsichtlich ihrer Wohnlichkeit, die Kammern der Bediensteten und des Hausgesindes, und hinter diesen endlich, in einem Kämmerchen, das eher schon als Verschlag oder gar als Kabuff zu bezeichnen wäre, nämlich zwischen groben, spinnverwebten Dachbalken und wackeligen, eigentlich längst ausrangierten Möbelresten, haust der Poet. Hier, mit freilich schönem Ausblick über das Dächergewirr der Altstadt, fristet der Reimeschmied sein nach der Ansicht des Hausherrn (sowie auch nach eigener Ansicht) unverantwortliches, wenn nicht gar indiskutables Dasein.

Während nämlich der Hausherr und Prosaist in strengem Ringen Zeile um Zeile seiner umfangreichen Werke gemäß der Forderung des großen Nietzsche wie eine Bildsäule bearbeitet, tändelt der Poet dort oben unterm Dachjuchee in den Tag hinein, schäkert und scherzt zwei- wenn nicht gar eindeutig mit dem Gesinde, treibt allerlei Possen mit den Kindern, erzählt ihnen Märchen und Schauergeschichten, und wartet ansonsten auf Einfälle. Wenn ihm – was höchstens alle paar Tage geschieht – ein solcher die Hirnzellen heizt, setzt er ihn flugs auf wahllos erreichbarem Zettel in Reim und Rhythmus und – fertig ist das Gedicht.

Mit Schriftstellerei, gar mit der Erschaffung eines Werkes, so der Prosaist, hat das nichts zu tun. Er hält es bestenfalls für talentierte Gelegenheitskunst, für Kunstgewerbe mithin und besser gesagt. Obwohl: Gewerbe? Wann jemals hätte der Poet sich durch nichts anderes als seine Reimerei ein dergestalt repräsentatives und behagliches Auskommen erarbeiten können, wie es dem Prosaisten und Romancier auf der Höhe seines Schaffens gemäß ist?

Der Poet selbst, diese unverantwortliche, eigentlich lächerliche und allenfalls geduldete Existenz, sieht’s im Grunde ganz genauso.

Deshalb juckt es ihn auch in den Fingern, sich immer wieder mal in der Prosa zu versuchen. Deshalb schleicht er gelegentlich, wenn die Herrschaften zu Theater, Konzert oder Galaempfang außer Hause sind, die Kinder bereits zu Bette, und das Gesinde noch unten in der Küche hantiert, heimlich und leise hinunter in die „bel étage“, durchstreift bewundernd und nicht ohne Neid die ganze herrschaftliche Pracht und setzt sich schließlich in der Bibliothek an den Schreibtisch des Hausherrn. Freilich besetzt er nur gerade eben die vorderste Kante des Stuhles, aus dem sicheren Empfinden, daß es ihm nicht zusteht, hier in aller Breite Platz zu nehmen (obwohl, da er auch von Statur nur ein Hänfling ist, wär’s eigentlich nicht so schlimm!). Ängstlich bemüht, nur ja keine Unordnung anzurichten, aber zugleich mit allerhöchstem Genuß, nimmt er einen der weichen Büttenpapierbögen, die säuberlich gestapelt den literarischen Eingaben des Hausherrn bereitliegen, wählt einen der wohlgespitzten Bleistifte aus dem Halter – und schreibt!

Was dabei herauskommt, ist freilich nicht mehr als eine kurze Geschichte, nicht einmal eine richtige Kurzgeschichte, als welche sie etwa den Ansprüchen unserer germanistisch gebildeten Deutschlehrer genügen könnte, nein, nur eben eine ganz kurze Geschichte. Genau genommen, gar keine Geschichte, sondern ein Märchen, ein therapeutisches Märchen, wenn man so will.

Und dieses Märchen will ich Ihnen nun erzählen.

Die Geschichte vom glücklichen Kaufmann


Es war einmal ein Kaufmann, der hatte viel Glück. Nicht, dass er viel Geld hatte, nein, das nicht. Aber er hatte eine Frau, die war lieb und klug und hübsch und er hatte ein paar Kinder, die klein und lieb und nett waren.

Doch er besaß noch mehr: Er hatte gute Augen, die vieles sahen, was andere Leute nicht so ohne weiteres sehen konnten, und Ohren, die ihm mehr Klänge erschlossen, als es den meisten von uns möglich war, und mit seinen Tastsinnen verhielt es sich nicht anders. Diese Sinne waren ein wichtiger Teil seines Glücks, denn damit wurden seine Tage reich an Erlebnissen. Und was noch besser war: von diesem Reichtum konnte er freigiebig jedem abgeben, der nur etwas davon haben wollte.

Wenn seine Freunde mit ihm beieinander saßen, dann sahen und hörten und schmeckten sie bald genau so viel wie er, und sie waren glücklich. Und deshalb saßen sie auch so gerne mit ihm zusammen.

Freilich hielt so ein Glück immer nur kurz; nur just den Augenblick, wenn die Sonne durch die Zweige blitzte, oder wenn Wasser durch die Regenrinne gurgelte, oder wenn die Bratendüfte aus der Küche sich mit dem Wachsgeruch der Kerzen auf der Tafel vermischten. Kurz also war das Glück, das er besaß und austeilte. Aber sei mal ehrlich: wer kann schon andauernd glücklich sein? Das hielte doch keiner aus!

So ein kleines bisschen Glück jedoch, alle Tage etwas, das braucht man schon. Und das hatte er und gab gerne davon ab.

Aber er wusste es nicht.

Nur von dem Glück wusste er, das seine Frau und seine Kinder ihm schenkten. Und weil er glaubte, außer diesem Glück kein anderes zu haben, jedenfalls nichts von dem, was landläufig so das Glück geheißen wird, wie Geld und Macht und andere Wichtigkeiten, so achtete er ängstlich darauf, dass ihm sein kleines Glück erhalten bliebe. Seine Frau sollte hübsch und lieb und klug bleiben, und seine Kinder klein und lieb und nett. Und weil sie so waren, wie er sie sah, lebte er für lange Zeit sehr glücklich.

Doch die Zeit besteht aus Veränderung, und mit der Zeit wandelte sich, was er für sein Glück hielt. Zunächst langsam und unmerklich, dann aber rascher und rascher. Seine Frau – wie er selbst übrigens auch – wurde älter, womit sie nicht mehr ganz so hübsch war, und seine Kinder wurden größer und wollten ihrer eigenen Wege gehen, womit sie nicht mehr ganz so nett waren.

Zu Anfang, solange die Veränderungen noch gering waren, sah unser Kaufmann sie wohl und fühlte sich sogar gerührt ihretwegen. Dann aber, je mehr seine Lieben sich wandelten, desto stärker lehnte er sich dagegen auf. Das half aber nichts, denn solche Veränderungen geschehen von ganz allein und ohne all unser Dazutun, ob uns dies nun gefällt oder nicht.

Unserem Kaufmann gefiel dies ganz und gar nicht, und so begann er, seine Augen und Ohren und alle seine Sinne davor zu verschließen. Er wollte nichts wissen von dem Anderswerden mit der Zeit, nichts davon sehen, nichts hören, nichts spüren. Damit aber verschloß er sich die zweite, die so wichtige Quelle seines Glücks, diejenige, welche ihm allezeit so selbstverständlich gewesen war, dass er gar nichts von ihr wusste. Sein Erleben, seine Bilder, sein Hören, Riechen, Tasten, alles was er...

Erscheint lt. Verlag 1.4.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Lyrik / Dramatik Lyrik / Gedichte
ISBN-10 3-8192-8452-4 / 3819284524
ISBN-13 978-3-8192-8452-6 / 9783819284526
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